Über Marie Weiss und ein Praktikum im Exilarchiv
Im Zuge meines Bibliotheksreferendariats an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel hatte ich die Möglichkeit, im Spätsommer 2025 ein vierwöchiges Praktikum im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek zu absolvieren. Um die Arbeit des Exilarchivs möglichst in ihrer Breite zu erfassen, war es mein Wunsch, während des Praktikums möglichst alle Aufgabenfelder des Bereiches kennenzulernen.
Zu Beginn meiner Hospitation erhielt ich eine Einführung in den Bestand und die Katalogisierung von Nachlässen. Eindrucksvoll war es, den Bestand nicht nur im Katalog einzusehen, sondern die Dimensionen in Archivschachteln vor Augen geführt zu bekommen. Nicht unerwähnt bleiben darf der Gewinn, einzelne Nachlässe vorgestellt zu bekommen und auch selbst nach Wunsch Nachlässe einsehen zu können – dank der Digitalisierung ist ein Einblick in die Bestände auch ohne einen Besuch in Frankfurt möglich: So sind unter anderem Portraitfotografien aus dem Nachlass des Fotografen Eric Schaal im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek einsehbar und einige Zeichnungen der Künstlerin Eva Herrmann sind im virtuellen Museum „Künste im Exil“ ausgestellt.
Weitere Stationen waren die Einführung in die Benutzung und die Begleitung von Workshops und Führungen für Schulklassen. Die Begleitung der pädagogischen Angebote hat es mir ermöglicht, die Perspektive zu wechseln – vom Erleben der Museumsbesucherin hin zu einem Fokus auf der Konzeption und den Zielgruppen der Veranstaltungen. Ausgehend von diesem Standpunkt war es interessant zu beobachten und zu reflektieren, wie die Ausstellungen aufgebaut und gestaltet sind und wie eine Verzahnung der Ausstellungsinhalte mit den pädagogischen Angeboten möglich ist.


Der Blick hinter die Kulissen der Veranstaltungsorganisation und -durchführung beinhaltete für mich auch die Begleitung von zwei Abendveranstaltungen: Dr. Eva Weissweiler stellte ihre Biographie über Lisa Fittko vor und an „einem Abend für Lili Körber“ wurde die Buchpremiere des Romans „Abschied von Gestern“ mit einer Lesung von Anna Thalbach gefeiert. Die beiden Veranstaltungen verdeutlichten, wie die Arbeit des Exilarchivs dazu beitragen kann, Aufmerksamkeit auf die Nachlassgeberinnen und Nachlassgeber zu lenken und Wiederentdeckungen zu ermöglichen.


In diesem Sinne habe ich eine Kerntätigkeit meines Praktikums, die Erschließung des Teilnachlasses von Marie Weiss, einer heute weitestgehend unbekannten austroamerikanischen Schriftstellerin, als eine sinnstiftende Aufgabe erlebt. Der Teilnachlass umfasst Weiss‘ literarisches Werk, das neben Erzählungen vor allem aus Lyrik besteht.
Begleitend zur Erschließungstätigkeit habe ich Informationen über Marie Weiss zusammentragen – inhaltlich haben sich Erschließung und Recherche gut miteinander verbunden, da Marie Weiss‘ Lyrik stark autobiographisch gefärbt ist:
Marie Weiss (geb. 22.10.1884 in Paris; gest. 09.12.1969 in Seattle) stammte aus Paris und war als Kind mit ihren Eltern nach Wien gekommen, wo sie in bürgerlichen, jüdisch-assimilierten Verhältnissen aufwuchs. Sie heiratete Franz Rudolf Weiss, einen Wiener Ingenieur, der bis 1938 Direktor der Universale-Baugesellschaft gewesen war.1 1908 kam die gemeinsame Tochter Marianne zur Welt, die den polnischen Kaufmann Arthur Lourié heiratete.2
1935 erschien Marie Weiss‘ erster Gedichtband Gedichte. Die Zeit des Exils verarbeitete Marie Weiss im unveröffentlichten Gedichtzyklus Entwurzelt, der vermutlich zwischen 1938 und 1952, zwischen dem Beginn des Exils und der erstmaligen Rückkehr nach Wien, entstanden ist. Die Unterteilung des Gedichtzyklus synchronisierte Weiss mit ihrer eigenen Biographie: „Umsturz“, „In England“, „In Amerika“, „Rückkehr“.

© Deutsches Exilarchiv 1933-1945

Nach der Annexion Österreichs wurde Weiss‘ Schwiegersohn, Arthur Lourié, verhaftet und im Konzentrationslager Dachau interniert.3 Ihre Tochter Marianne floh mit ihren beiden Kindern vierundzwanzig Stunden nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten nach England, wo sie durch die Hilfe ihres Arbeitgebers Visa für ihren Mann und ihre Eltern erhielt.4 Im Juli 1938 gelang es Marie Weiss, ihrem Mann und ihrem Schwiegersohn, nach England auszureisen; die Familie wohnte im Londoner Stadtteil Bromley Hill.5
In die USA gelangte Marie Weiss gemeinsam mit ihrem Ehemann im April 1940 – die Eheleute ließen sich in Seattle nieder und konnten dank der Unterstützung von Verwandten schnell in finanziell gesicherten Verhältnissen leben. 1945 erhielten sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach Wien kehrte Marie Weiss erstmals 1952 zurück, „während dieser Zeit erlebte Marie Weiss den Höhepunkt ihrer Anerkennung als Dichterin“6: In Wien wurde eine Lesung vom Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in der Österreichischen Nationalbibliothek veranstaltet. Außerdem las Marie-Luise Cavallar von Grabensprung in der Radiosendung „Dichterstunde“ am 27.05.1952 aus Marie Weiss‘ Gedichten. Die vorangegangenen autobiographischen Informationen lassen sich nun auch in einem Wikipedia-Artikel nachlesen – bleibt zu hoffen, dass auch ihr Werk im Exilarchiv wiederentdeckt wird.
Um zum Anfang meines Berichts zurückzukehren und damit auch zu den Erwartungen an das Praktikum im DEA: Im Rückblick kann ich mit Überzeugung sagen, dass während meines Praktikums ich die Arbeit des Exilarchivs in all ihren vielfältigen Facetten kennengelernt habe. Daneben war es die Auseinandersetzung mit dem Teilnachlass Marie Weiss‘, die mir eine spannende Arbeitszeit ermöglicht hat. Damit war das Praktikum eine gute Ergänzung zu meinem Bibliotheksreferendariat und bot mir als Bibliotheksreferendarin die Möglichkeit, einen intensiven Einblick in die Arbeit dieses Archives zu erhalten.
- Vgl. Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien, München 2000, S. 682f., hier S. 682. ↩︎
- Vgl. ebd. ↩︎
- Richard Krieger: … Exile: Marie Weiss. Zum Nachklang des Exils in England und Amerika in ihrer Dichtung. In: Mit der Ziehharmonika. Zeitschrift der Theodor Kramer Gesellschaft 2 (1991), S. 17–19, hier S. 17. ↩︎
- Vgl. ebd. ↩︎
- Vgl. ebd. ↩︎
- Vgl. ebd., S. 19 ↩︎






