Strategie 2035: Demokratie – Outreach – KI

3. März 2026
von Stephanie Jacobs

Deutsches Buch- und Schriftmuseum fixiert seine strategischen Fokusthemen

Ein Blick in die Zukunft?

Museen sind Orte der Wissensvermittlung und der Forschung, der Teilhabe, des Austauschs und der Inspiration. Ihre Kernkompetenz besteht darin, das in den Depots lagernde Kulturerbe in aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Kontexte einzuspeisen, um den öffentlichen Bildungsauftrag zu erfüllen und Demokratie und Meinungsaustausch zu fördern. Dass dabei auch aktuelle Werkzeuge wie etwa Anwendungen der Künstlichen Intelligenz sowohl zum Einsatz kommen als auch selbst als Themen der Mediengeschichte betrachtet werden, versteht sich von selbst.

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum (DBSM) der Deutschen Nationalbibliothek leitet seinen gesellschaftlichen Auftrag im Sinne einer demokratiepolitischen Bildungsarbeit aus seiner mediengeschichtlichen Sammlung, aus der wissenschaftlichen Kompetenz für die Geschichte des Wissens und aus den entsprechenden Vermittlungsinstrumentarien und Bildungsformaten ab. Die museale Zielsetzung bedarf dabei – neben einer steten Aufgabenkritik – einer laufenden strategischen Anpassung an die sich ändernden Rahmenbedingungen in Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur sowie an die personelle und budgetäre Ausstattung. Daher haben wir im Folgenden Bausteine und Perspektiven für die nächsten zehn Jahre skizziert, die sich an den Leitplanken des Strategischen Kompass‘ der DNB ausrichten.

Aufgrund der Bedeutung des Themas haben wir unsere Strategie mit dem Institut für Museumsforschung (IfM), Berlin diskutiert. Wir sind dankbar, von Frau Prof. Dr. Patricia Rahemipour und Frau Dr. Kathrin Grotz, Direktion des IfM, fachliche Rückendeckung – und Lob… – für die innovativen Bausteine und weitreichenden Schritte unserer Strategie erhalten zu haben (zum Ergebnis der Beratung s.u.).

In einer Glasfassade spiegelt sich ein großes Steingebäude, ein Sonnenuntergang und Bäume.
Foto: DNB/Fanni Fröhlich

Grundlage

Das DBSM erzählt die Mediengeschichte – von der Erfindung der Schrift vor ca. 5.000 Jahren bis zu den Fragen nach der Zukunft der Medien – nicht nur als Kultur-, Gesellschafts- und Technikgeschichte, sondern vor allem als eine Geschichte von Demokratie und Meinungsfreiheit. Dabei investieren wir in diesem Kontext in den nächsten Jahren einerseits noch stärker in den Ausbau unserer wissenschaftlichen Netzwerke. Andererseits entwickeln wir unsere Angebote rund um Medienkompetenz und Leseförderung – gegen Desinformation und Fake News, für demokratische Teilhabe – kooperativ weiter. Dabei niemanden zu vergessen oder zu übersehen – dafür werden wir in Zukunft noch stärker partizipative und inklusive Formate in unserer Bildungsarbeit verankern. Ein spezifischer Vermittlungsauftrag ergibt sich für uns auch aus dem Umstand, dass wir eines der wenigen vom Bund getragenen Museen in den ostdeutschen Bundesländern mit deren spezifischen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen sind.

Outreach

Die kulturelle und wissenschaftliche Vermittlung stellt im Kontext des musealen Aufgabenscopes ein Querschnittsthema dar, das alle anderen Aufgaben – Sammeln, Erschließen, Erforschen, Ausstellen und Präsentieren – inspiriert und begründet. Vier Fokusthemen nehmen wir dabei in den nächsten zehn Jahren besonders in den Blick – an ihnen wird das DBSM den Erfolg seiner Arbeit bis 2035 messen: dbsm_dialog, dbsm_ki, dbsm_unterwegs und dbsm_basis. Dabei steht die Umsetzung der Ziele unter den herausfordernden Vorzeichen derzeit erheblich eingeschränkter Mittel: Mit weniger Ressourcen mehr Menschen zu erreichen – das ist unser Ziel, das nur durch noch stärkere Investitionen in Kooperationen, in die Akquise von Förder- und Drittmitteln und vor allem in ein vertrauensvolles und stärkendes Miteinander – intern und extern – zu erreichen ist. Aus dieser Fokussierung auf vier thematische Cluster ergeben sich bis 2035 zwölf Fokusthemen und deren Umsetzungsschritte:

1.      dbsm_dialog – oder: Debatte statt Attacke

Um zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht zu werden, setzt das DBSM in seiner Vermittlungsarbeit vor allem auf dialogische, partizipative und inklusive Formate für breite Zielgruppen. Die zentralen Themen: Medienkompetenz, Demokratiebildung und Leseförderung. Ihr Ziel: Fragen stellen, ins Gespräch kommen, Raum zur Aushandlung gegensätzlicher Positionen schaffen.

Umsetzungsschritte:

  • kooperativer Aufbau eines neuen Sets innovativer Vermittlungsformate incl. Evaluation (z.B. Ausbau der Formate Wissensfestival und Gaming-Formate; mehr inklusive Angebote); Ausbau bereits erfolgreich eingeführter Formate (World Café; Fishbowl; Actionbound, Museumsbingo, Escape Room, VR).
  • gezielter Ausbau der Investition in Lehre und Forschung (u. a. Durchführung von Seminaren, Vorlesungen, Kolloquien; Intensivierung gutachterlicher Tätigkeit/Betreuung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten; Ausbau Studium Universale)
  • gezielter Ausbau von Kooperationen, mit dem Ziel einer noch stärkeren Fokussierung der Vermittlungsarbeit auf marginalisierte Bevölkerungsgruppen; Intensivierung der Zusammenarbeit mit Förderschulen und Multiplikatoren aus dem Bildungssektor
  • DBSM als Initiator und Dienstleister bei Citizen science Projekten und Bürgerpartizipation
  • Auf- und Ausbau kooperativer Veranstaltungsreihen
  • Kontinuierliche Investition in die Ausbildung, auch international, mit dem Ziel, den Austausch mit jungen Erwachsenen, auch als kritischen Resonanzraum, zu intensivieren

2.      dbsm_ki

Digitale Prozesse werden – vor allem zur Effizienzsteigerung, aber auch mit dem Ziel einer Verlagerung des Personaleinsatzes – bis 2035 in allen musealen Aufgabenbereichen verankert sein, denn die Potenziale von digitalem Prozessmanagement, Automatisierung und KI konsequent zu nutzen, ist die Voraussetzung, mehr Personalressource in den DBSM-Fokusthemen Vermittlung, Wissenschaftsmanagement und in der Qualitätssicherung einsetzen zu können. Bis 2035 hat das DBSM ein Standardset von KI-Werkzeugen für alle Aufgabenfelder, insbesondere auch für die Bildungsarbeit etabliert und evaluiert. Entsprechende Kompetenzen sind dauerhaft verankert.

Umsetzungsschritte:

  • Ausbau KI gesteuerter Besucherinteraktion & Vermittlung (Ausstellungsguides, AR/VR-gestützte Führungen, personalisierte Lernpfade, mehrsprachige Chatbot-Assistenten u.a.)
  • KI-Anwendungen für Forschungsunterstützung (z.B. automatische Erkennung von Handschriften, Typographie, Comicstile, Wasserzeichen; Wortanalyse; LLM etc.)
  • KI als Thema in Medien- und Geisteswissenschaften sowie außerschulischer Bildung (Aufbau von Bildungsmodulen zu KI für Uni, Schulen; Standardset an Diskursformaten zu KI)
  • (Halb-)automatische und KI-generierte Erschließungstools kommen in allen Sammlungen zum Einsatz.
  • Prozessdigitalisierung (digitale Abbildung aller musealen Prozesse; Einsatz von Low-Code-Technologien; Process Mining zur Identifizierung von Optimierungspotenzialen)
  • flächendeckende Etablierung von KI-Tools, z.B. für museales Anforderungsmanagement, Bestandsdokumentation, Erschließungsprozessen u. a.

3.      dbsm_unterwegs – oder: Museum on the road

Neben der Arbeit vor Ort wird die „aufsuchende Bildungsarbeit“ immer wichtiger. Ihr Ziel: die Demokratisierung des Zugangs zum Wissen als gesellschaftliche Daseinsberechtigung von Kulturerbeeinrichtungen. Indem wir unsere Themen und Fragestellungen rund um das Kulturerbe noch stärker „in die Welt“ tragen, bauen wir Zugangsschwellen ab.

Umsetzungsschritte:

  • Ausbau der aufsuchenden Bildungsarbeit durch Standardisierung von Vermittlungsformaten (z. B. Lesefestivals, „BookTalkWalks“, MS Wissenschaft des BMBF, Geocaches, Ausbau von Teilhabeangeboten für benachteiligte Gruppen u.a.)
  • Netzwerk mit lokalen wissenschaftlichen, Bildungs- und GLAM-Einrichtungen, auch zu den Themen Demokratie, Meinungsfreiheit, Rechtsstaat ausbauen (z. B. Forum Recht, Landesamt für Schule und Bildung, Studium Universale, Kinder-Uni, Stiftung Orte deutscher Demokratiegeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung)
  • Aufbau eines Standbeins/Aktionsraums des DBSM am Frankfurter Standort der DNB (ständige, modular konzipierte und partizipative Pop up-Ausstellung, flankiert von Vermittlungsmodulen, Geocaches, Veranstaltungsreihen u.a.)
  • Kooperation mit dem Goethe-Institut zur Umsetzung einer mehrsprachigen Pop up-Reiseversion „Wissen schafft Demokratie“, um die Arbeit des DBSM und die Bedeutung der Mediengeschichte für die Demokratie international noch sichtbarer zu machen

4.      dbsm_basis

Die preisgekrönte Dauerausstellung zu 5.000 Jahren Mediengeschichte ist die lokale Basis für die Vermittlungsarbeit des DBSM. In ihrer thematisch und räumlich offenen Anlage bietet die Ausstellung sowohl außerschulische Ankerpunkte für den fächerübergreifenden Lehrplan aller Schularten als auch Anschlusskommunikation zu fast allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Mit dem Ziel, Interaktion und Partizipation zu optimieren, wird die Ausstellung neben laufenden Optimierungen – je nach finanzieller Ausstattung – gestalterisch und thematisch einem Relaunch unterzogen. Ziel muss dabei die weitere Steigerung von Besucherzahlen sein.

Umsetzungsschritte:

  • digitale Erweiterung für multilinguale und barrierearme Zugänge; Implementierung KI-generierter Inhalte und Chatfunktionen (s. o.)
  • stärkere Nutzung der Ausstellungsflächen für interaktive Formate sowie dritter Ort / Treffpunkt für Externe
  • Einbau interaktiver Angebote für alle Sinne mit dem Ziel, die Mediengeschichte multisensoriell erfahrbar zu machen („Sinnesglocken“, Kulturtechnik live, Mitmachstationen verstetigen)
  • Themenspuren als Angebote einer alternativen Erzählung ausbauen (z. B. Fake News / Manipulation, „Kinderspur“, Demokratie, Herkunftsbiographien von Medien)
  • Umbau der Module 9 und 10 zugunsten eines partizipativen Forums mit dem Ziel, unter Beteiligung der Öffentlichkeit den Outreach der Ausstellung zu optimieren

Das ist ein strammes Programm, wir freuen uns auf die Umsetzung – und auf die ein oder andere Überraschung, die uns im Prozess neue Wege eröffnen wird. Denn das ist das Nützliche an der skizzierten strategischen Ausrichtung: In allen vier Punkten bleibt der Plan offen für aktuelle gesellschaftliche, technische und wissenschaftliche Entwicklungen.

Wir bauen bei der Umsetzung der Strategie einerseits auf die gut geölten und – wo immer nützlich und machbar – durch KI-Instrumente optimierten Prozesse rund um die traditionellen musealen Kerngeschäfte Erwerbung, Erschließung, Vermittlung und Forschung. Andererseits setzen wir auf unsere stabilen Netzwerke und die guten wie lustvollen Kooperationen, die wir in den vergangenen Jahren intern und extern – und vor allem Dank unserer Partnerinstitutionen aus Gesellschaft, Wissenschaft, Bildung und Kultur – aufbauen konnten.

Ob die Personalressourcen und Sachmittel für die ehrgeizigen Ziele zur Verfügung stehen werden – das hoffen wir, und werden auf der Folie von Ergebnissen unserer Arbeit und einer kontinuierlichen Aufgabenkritik alles dafür tun, für eine entsprechende Unterstützung unserer Stakeholder zu werben. Denn die gesellschaftliche Verantwortung von Gedächtniseinrichtungen kostet. Aber Investition in Kultur wird sich gerade auch angesichts gesellschaftlicher Polarisierungen mithilfe unserer Ausrichtung an aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen mittel- und langfristig auszahlen – gerade auch in den östlichen Bundesländern, in denen das DBSM als eine der wenigen durch den Bund finanzierten Museen eine Sonderstellung zukommt.


Strategische Beratung durch das Institut für Museumsforschung

Aufgrund der Bedeutung des Themas für die Zukunft des Museums haben wir das Strategiepapier dem Institut für Museumsforschung vorgestellt und eine gemeinsame Begehung vor Ort durchgeführt. Das Ergebnis des Austauschs hat der strategischen Ausrichtung Rückenwind gegeben: Frau Prof. Dr. Rahemipour, Direktorin des Instituts für Museumsforschung fasst die fachliche Einschätzung wie folgt zusammen:

„Das Strategiepapier des Deutschen Buch- und Schriftmuseums enthält ein sehr ausgewogenes und inspirierendes Konzept zur Zukunft des Museums. Die in dem Papier skizzieren Vorhaben und strategischen Zielsetzungen zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen der Museumslandschaft sowie mit der gesellschaftlichen Verantwortung des Museums und seiner Rolle innerhalb der Deutschen Nationalbibliothek. Auch denkt das Papier die zukünftige Ausrichtung strategisch weiter. Dabei spielt wie besprochen auch die Rolle des Hauses im Konzert der lokalen Stakeholder und der Leipziger Stadtgesellschaft eine wichtige Rolle. Die diesbezüglichen Überlegungen sind auf der Zielgerade. Dabei ist vor allem auch der zukunftsweisende Schritt hervorzuheben, Ausstellungen als Kostentreiber der Museumsarbeit anders zu denken und beispielsweise den Wechselausstellungsraum sowie das großzügige Museumsfoyer thematisch neu zu denken.“


Stephanie Jacobs

ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:©SMWA, Tim Hard Media

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  • ISSN 2751-3238