Zwischen den Regalen – Francesca Weil
In Zwischen den Regalen kommen Nutzende der Deutschen Nationalbibliothek zu Wort. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen und aus unterschiedlichen Bereichen. Sie nutzen die Lesesäle in Leipzig und Frankfurt als Recherche, Arbeits- oder Lernort. Hier geben sie Einblicke in ihre Arbeit, stellen Projekte vor und erzählen ihre Geschichte. Heute: Francesca Weil
Guten Tag Frau Dr. Weil, bevor wir so richtig in das Interview einsteigen, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.
Mein Name ist Dr. Francesca Weil. Ich bin Historikerin. Ich habe viele Jahre an der Universität Leipzig gearbeitet und bin dann ans Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden gewechselt. Dort bin ich jetzt seit fast 23 Jahren beschäftigt und habe zu den unterschiedlichsten Themen gearbeitet. Die Forschungsfelder sind: DDR-Geschichte, NS-Geschichte vor allem zu Sachsen, Transformationsgeschichte und nicht zuletzt Frauen- und Genderforschung.

Foto: DNB/Konstatin Freybe
Was führt Sie an die Deutsche Nationalbibliothek?
Das ist eine lange Geschichte. Ich war schon in den 1980er-Jahren hier in der DNB. Ich habe hier meine Dissertation geschrieben zur Frauenpolitik in Polen. Dann war ich viele Jahre nicht hier und habe mehr im Homeoffice gearbeitet. Schließlich habe ich entdeckt, dass Homeoffice nichts für mich ist und bin wieder an die DNB zurückgekehrt. Bedingt durch die Corona-Pandemie musste ich nicht mehr so häufig an mein Institut in Dresden fahren, sodass ich mehr in der DNB arbeiten konnte.


Es hat natürlich auch inhaltliche Gründe. Ich habe hier meine Bücher geschrieben, auch mein letztes Buch zur sächsischen Kriegsgesellschaft, weil ich hier einfach die ganze Literatur zur Verfügung hatte. Das war mir wichtig. Gegenwärtig ist der Anne-Frank-Shoah-Lesesaal für mich eigentlich mein Archiv. Ich sitze an einem Projekt, das ich mit einem Buch und einer interaktiven Karte beenden möchte. Und zwar geht es darin um Emanzipation, Migration, Traditionen. Das Beispiel: geflüchtete jüdische Künstlerinnen und Akademikerinnen. Es betrifft den Zeitraum 1933 bis 1945. Bis jetzt habe ich allerdings nur mit dem Handapparat im Anne-Frank-Lesesaal gearbeitet. Was ich mir als nächstes vorgenommen habe, ist, dass ich mir das Deutsche Exilarchiv genauer ansehe, um online mit dessen Beständen zu arbeiten.
Sie waren, wenn ich mich richtig erinnere, schon im Dezember 2025 bei uns im Haus, um anlässlich eines Projekts ein Video zu drehen. Handelt es sich dabei um das Projekt, dass Sie eben beschrieben haben?
Nein, das ist ein anderes Projekt. Von 2022 bis 2025 habe ich ein Digitalisierungsprojekt geleitet, das in einem Verbundprojekt (DIKUSA, Vernetzung digitaler Kulturdaten in Sachsen, Anm. K.F.) zwischen dem KompetenzwerkD der Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und weiteren geisteswissenschaftlichen Instituten in Sachsen entstanden ist. Wir haben dafür eine Datenbank ausgewertet oder besser gesagt: eine Datenbank erstellt. Wir haben dafür ein Portal des Leo Baeck Instituts in New York genutzt. Dort haben wir uns auf Audio-Interviews mit geflüchteten jüdischen Frauen, mit geflüchteten jüdischen Mädchen konzentriert. Sie sind also sehr jung gewesen, als sie Nazi-Deutschland verlassen haben. Zu diesen 157 Mädchen beziehungsweise zu diesen Frauen haben wir eine Datenbank erstellt. Darin haben wir neben biografischen Daten auch Dinge erfasst, wie Emotionen während der Flucht. Für acht dieser Frauen haben wir eine Homepage entwickeln lassen, die sowohl die erfassten Lebensdaten zeigt, als auch eine interaktive Karte bietet, auf der man die Fluchtrouten sehen kann. Auf den Routen haben wir unterschiedliche Marker im Herkunftsland, während der Flucht selbst und auch im Ankunftsland angebracht, die Angaben zu den Personen enthalten, die in Hinblick auf historische Ereignisse kontextualisiert werden. Wir wollten auf diese Weise verstehen, wie in diesen Biografien die Flucht auf Emanzipation wirkte.
Und der Abschluss des Projekts bot den Anlass für den Videodreh?
Genau. Das Video wurde auf der Abschlussveranstaltung am 15./16. Dezember 2025 in der Akademie der Wissenschaften vorgestellt und ist mittlerweile online.
Spielte die Deutsche Nationalbibliothek beziehungsweise das Deutsche Exilarchiv eine prominente Rolle, z.B. bei Recherchen auch in diesem Projekt oder weshalb haben Sie uns als Drehort ausgewählt?
Das ging darüber hinaus. Der Videodreh fand hauptsächlich im „Anne-Frank-Lesesaal“ statt, in dem ich meine Recherchen für das DIKUSA-Teilprojekt gar nicht so sehr durchführte. Das DIKUSA-Teilprojekt hat damit zu tun, dass wir das Leben geflüchteter jüdischer Frauen erforschten. Darüber hinaus schätze ich die Nationalbibliothek als Ort sehr. Es ist immerhin Deutschlands größter Bücherspeicher. Außerdem habe ich dadurch eine persönliche Beziehung zur Nationalbibliothek, weil ich sehr viel Zeit in meinem Leben hier verbracht habe. Was mich auch bewogen hat, diesen Ort für den Dreh vorzuschlagen, ist, dass die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig ein sehr schöner Ort für mich ist. Hier wird Geschichte auch architektonisch abgebildet. Angefangen vom Hauptlesesaal, hin zum Bauhaus-Lesesaal in der Weimarer Zeit, der DDR Lesesaal.
Ich habe auch bereits an zwei Führungen durch das Haus teilgenommen. Das war jedes Mal eine Zeitreise für mich. Im Keller lagern die Karteikästen, mit genau den Karteikarten, die ich damals für die Recherche meiner Dissertation genutzt habe. Damals in den 1980ern gab es ja noch keinen OPAC. Erinnerung weckte auch der ehemalige „Giftlesesaal“, ein Raum in einer Rotunde unterm Dach, in dem man westdeutsche Literatur einsehen konnte, wenn man eine entsprechende Bescheinigung vorweisen konnte. Da ich zur Frauenpolitik in Polen promoviert habe, musste ich dort oben natürlich viel westdeutsche Literatur über die Ereignisse in Polen lesen, vor allem über die Solidarność-Zeit. Was ich während der Führung witzig fand, ist, dass dieser Raum in der Rotunde nun unter anderem für sportliche Gesundheitsangebote an Mitarbeitende genutzt wird. Erst war dieser Raum also so giftig und nun dient er der Heilung.
Von meiner Arbeit abgesehen nutze ich die DNB auch gerne privat. Ein Leben ohne Bücher kann ich mir einfach nicht vorstellen. Wenn ich also nicht für meine Forschung recherchiere, beschäftige ich mich gerne mit Belletristik. Im Laufe der Zeit ergab sich so auch ein reger Austausch mit Mitarbeiter*innen der DNB. Gespräche mit den Kollegen Paul Uhde und Thomas Kunst schätze ich besonders.

Nun bleibt mir im Grunde nur noch eine Frage, die ich an Sie explizit als Wissenschaftlerin richte: Gibt es Ihrerseits Erwartungen oder wünschen Sie sich eine bestimmte Form der Unterstützung für Ihr wissenschaftliches Arbeiten von der Deutschen Nationalbibliothek? Z.B. seitens des Deutschen Exilarchivs, wenn man auf Ihr gegenwärtiges Projekt schaut, aber gerne auch darüber hinaus.
Ich fühle mich hier gut aufgehoben. Wenn man Fragen hat, wird man an der Büchervergabe von den Bibliotheksassisten*innen gut beraten. Wenn ich Fragen darüber hinaus habe, wird mir eine entsprechende Mitarbeitende vermittelt, das finde ich schon sehr gut. Im Hinblick auf das Exilarchiv, da möchte ich mir gerne Hilfe holen, um die Bestände digital in der DNB einsehen zu können und würde gerne einen Hinweis bekommen, an wen ich mich deswegen wenden kann. Aber grundsätzlich sind die Beratung und die Unterstützung, die man hier im Haus erfährt, sehr gut.






