AG SDD – Buch des Monats Juli 2026

1. Juli 2026
von AG Sammlung Deutscher Drucke

Tundalus im Höllenfeuer: Ein Ritter zwischen Verdammnis und Erlösung

Im Rahmen der Sammlung Deutscher Drucke und ihrer Zuständigkeit für das Zeitsegment 14501600 (darüber hinaus: Notendrucke bis 1800) hat die Bayerische Staatsbibliothek München unlängst einen überaus seltenen, bisher nur bibliographisch nachgewiesenen Druck erworben:

Tundalus Ritter. Gedruckt tzo Coellen vp dem Eygelstein by myr Henrich van Nuyß. Jn dem jair vns heren. M. CCCCC. vnd xiiij. (Köln: Heinrich von Neuß)

Im Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek
Signatur: Res/P.o.lat. 1692 v

Der Text beschreibt in einer niederdeutschen Prosafassung die Visio Tnugdali, die Vision einer Reise des irischen Ritters Tundalus durch Paradies und Verdammnis. Die Erzählung war von einem Wandermönch namens Marcus im 12. Jh. in Regensburg niedergeschrieben worden und fand rasche Verbreitung.

Die vorliegende Ausgabe aus dem Jahr 1514 (VD16 T 2267) folgte einer gleichfalls niederdeutschen Edition desselben Druckers, die unter dem abweichenden Titel DJT ys die Hystorie van deme Strengen Rytter Tundalus bereits 1509 erschienen war (VD16 T 2266). Im Jahre 1516 brachte der in Köln ansässige Heinrich von Neuß zudem eine weitere deutsche Ausgabe unter dem Titel Tundalus Ritter heraus (VD16 T 2264).

Titelholzschnitt der Tundalus-Erzählung der Kölner Ausgabe von 1514. Dargestellt ist der Ritter Tundalus mit einer Standarte. Neuerwerbung der Bayerischen Staatsbibliothek München.

[Abb. 1] Tundalus Ritter, Köln, 1514: Titelholzschnitt mit Darstellung des Ritters. Neuerwerbung der BSB München, Abb. BSB München.

Der neu erworbene Druck der BSB hat einen Umfang von [20] Blatt und enthält einen qualitätvollen Titelholzschnitt, der den Ritter Tundalus hoch zu Ross mit wehender Standarte zeigt. Den Abschluss des Werkes flankieren weitere etwa viertelseitige Holzschnitte, die Stationen der Jenseitsreise des Ritters illustrieren: Abgebildet ist zum einen die Erlösung armer Sünder durch Engel aus dem Fegefeuer, zum anderen das Leid der Verdammten in der Hölle, die von teuflischen Dämonen gequält werden. Ergänzt werden diese Szenen durch eine etwas kleiner gehaltene Darstellung der Geburt Jesu in der Krippe sowie ein Bildnis des Heiligen Marcus mit seinem symbolischen Attribut, dem Löwen, als Verweis auf den Verfasser. Zwischen den Abbildungen erläutert ein begleitender Text den Leserinnen und Lesern den Inhalt der geschilderten Vision:

Tundalus ei[n] rytter rvail geboren got hait in darzo visserkoren. Dat he soulde sien die groisse pin, die in d[er] hellen un[d] vegefuyr syn.

Schlussblatt der Tundalus-Erzählung der Kölner Ausgabe von 1514. Die obere Bildhälfte zeigt Szenen aus Fegefeuer und Hölle, die untere die Geburt Christi sowie den Hl. Marcus. Neuerwerbung der Bayerischen Staatsbibliothek München.

[Abb. 2] Tundalus Ritter, Köln, 1514: Schlussblatt mit Abbildungen des Fegefeuers und der Hölle (oben) bzw. Geburt Christi und Hl. Marcus (unten). Neuerwerbung der BSB München, Abb. BSB München.

Die besagte Ausgabe, vormals bei Borchling-Claussen in der Niederdeutschen Bibliographie beschrieben (BC 557 A), bereichert die Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek und ist bereits im VD 16, dem Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts, nachgewiesen.

Text: Dr. Matthias Reif

AG Sammlung Deutscher Drucke

In der Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke (AG SDD) kooperieren sechs Bibliotheken, um eine umfassende Sammlung der gedruckten Werke des deutschen Sprach- und Kulturraums vom Beginn des Buchdrucks bis in die Gegenwart aufzubauen, zu erschließen, der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und für künftige Generationen zu bewahren.

Dadurch entsteht eine verteilte Nationalbibliothek, in der die beteiligten Bibliotheken für einzelne Zeitsegmente verantwortlich sind.

Webseite AG SDD


*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Bayerische Staatsbibliothek München

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  • ISSN 2751-3238