AG SDD – Buch des Monats September 2026
Brand, Johann Christian, Zeichnungen nach dem gemeinen Volke besonders Der Kaufruf in Wien. Etudes prises dans le bas peuple et principalement Les Cris de Vienne. 1775. Nach dem Leben gezeichnet von C. Brand Professor der bildenden Künste, [Wien 1775–1776].
Erworben von der Niedersächsischen Staats- und Universalbibliothek Göttingen
Signatur: DD 2025 D 9

Straßenhändler, die ihre Waren ausrufen, sind seit der Antike bekannt; entsprechend existiert der teils eigenen Melodien folgende eigentliche Kaufruf als Motiv in der Literatur, besonders der Dichtung, spätestens seit dem Mittelalter. In bildliche Darstellungen hält er später Einzug: Aus China kennt Karen F. Beall (Kaufrufe und Straßenhändler, 1975, S. 12–14) zwar etwa Zeichnungen seit dem 13., aus Frankreich seit dem 15. Jahrhundert, doch als grafische und besonders druckgrafische Gattung (sogar als plastische: etwa aus Porzellan) findet der sogenannte Kaufruf erst im 18. Jahrhundert zu größerer Beliebtheit und zugleich seinen Höhepunkt. Gegenstand sind Darstellungen des Straßenhandels und vergleichbarer Berufe, mitunter begleitet – daher die Bezeichnung – von ihren typischen Ausrufen.
In Österreich tritt die Kaufrufgrafik erst während besagter Hochphase auf: Wien fehlen zuvor schlicht die Kupferstecher. Bei dem vorliegenden Bildband handelt es sich um die Erstausgabe des ersten in diese Mode fallenden Wiener Werkes. Die Vorlagen wurden ausgeführt von Johann Christian Brand (1722–1795) und teils in Kupferstich, teils in Radierung umgesetzt von ihm selbst sowie anderen bedeutenden Stechern, darunter auch Familienmitglieder. Als Motive dienen so unterschiedliche Professionen wie Bürsten-, Bändel-, Hasenbalg-, Vogel-, Tinten-, Mausefallen‑ und Blasebalg-, Perspektiv-, Kupferstich- und allerlei Lebensmittelverkäuferinnen und ‑verkäufer, doch ebenso etwa Tagwerker, Nachtwächter, Stubenmädchen, Kleinpostbote, Wäscherin.

Interessant ist die Aufmerksamkeit auf nationale bzw. ethnisch-religiöse Hintergründe: Da sind ein mutmaßlich „wälsche[r]“ Wursthändler, ein „Griechischer Kaufmann“, eine „Kroatinn mit Zwiebel[n]“, ein „Trödeljud“, ein „Kroat mit Leinwand“, ein „Schlawack mit Rohrdecken“. Die Bildunterschrift liefert, neben Angabe von Zeichner und jeweiligem Kupferstecher, entweder den tatsächlichen Ausruf oder – häufiger – die bloße Berufsbezeichnung, beide Varianten jedoch sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch (Ausnahme aus gegebenem Anlass etwa: „Salami italiani!“, auffällig auch: „Mausefallen! Blasebälge! / La mort aux rats!“). Der Brand’sche Kaufruf erweckte schon im 19. Jahrhundert immer wieder Faszination an der noch nicht allzu fernen Vergangenheit und zeitigte auch in Frankreich, Italien und Deutschland „eine Fülle von Kopien“ (Hubert Kaut, Kaufrufe aus Wien, 1970, S. 36). Er ist nur in wenigen deutschen Bibliotheken vollständig überliefert.
Der Boom der Gattung Kaufruf im 18. Jahrhundert entspringt dem wachsenden Interesse am Reisen und an anderen Kulturen, bietet aber umgekehrt, wie es im Wiener Diarium vom 22. April 1775 zu Brands Werk heißt, auch Gelegenheit zur Selbstdarstellung im Sinne „charakteristische[r] Nationalabbildungen“ (nach Kaut, Kaufrufe aus Wien, S. 30). Dies gilt auch für die ganz kunsthistorische Perspektive: „Der große Verdienst Brands als Zeichner der Vorlagen bestand darin, daß er einen vom französischen Vorbild [Edme Bouchardons Cris de Paris] unabhängigen, eigenen Stil entwickelte, der allein vom lebenden Vorbild auf den Straßen Wiens angeregt worden war“ (Kaut, Kaufrufe aus Wien, S. 30). Stärker noch heißt es in einer anderen zeitgenössischen Besprechung: Der Künstler, „einer unsrer größten Landschafter“, „zeigt sich hier den Kennern, als der scharffsichtigste Beobachter der rohen Natur“; der Kenner werde „seine Größe auch dann nicht verkennen, wenn er sich, durch eine Wahl aus der gemeinen Natur, von ihr herabzulassen scheint“ (Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste 18/1, 1775, VII. Vermischte Nachrichten, S. 147–149). Hubert Kaut (Kaufrufe aus Wien, S. 30) urteilt hingegen, Brand habe die „raue Wirklichkeit“ seiner Figuren zum „glücklichen, zufriedenen und unkomplizierten Naturmenschen“ nach Rokoko-Ideal idealisiert.
Text: Leon Grünberg (SUB Göttingen)
AG Sammlung Deutscher Drucke
In der Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke (AG SDD) kooperieren sechs Bibliotheken, um eine umfassende Sammlung der gedruckten Werke des deutschen Sprach- und Kulturraums vom Beginn des Buchdrucks bis in die Gegenwart aufzubauen, zu erschließen, der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und für künftige Generationen zu bewahren.
Dadurch entsteht eine verteilte Nationalbibliothek, in der die beteiligten Bibliotheken für einzelne Zeitsegmente verantwortlich sind.
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