Was soll aus dem Kind nur werden?

8. September 2026
von Stefanie Wolter zusammen mit Maja Hetmank, Yvonne Jahns, Elke Kolbe und Theresa Langguth

Ein kurzer Blick auf Berufsbilder vor hundert Jahren

Foto mit 4 Ratgebern zur Berufswahl um 1915
Abb. 1: Auswahl von Ratgebern zur Berufswahl um 1915
Fotocollage: Maja Hetmank, DNB

Die Frage, was nach der Schule kommen soll, treibt zu gegebener Zeit wohl alle Eltern und Jugendlichen um. Ein Blick in die historischen Bestände der Deutschen Nationalbibliothek verrät, dass dies vor hundert Jahren nicht anders war. Schon damals versuchten gedruckte Ratgeber die Berufswahl zu erleichtern. Sie informierten über nachgefragte Berufe, Verdienstmöglichkeiten und Ausbildungsvoraussetzungen, warnten vor falschen Erwartungen und schlugen zum Teil auch Alternativen vor. Die Entscheidung konnten sie den Betroffenen natürlich nicht abnehmen. Doch für uns Heutige bieten sie – höchst unbeabsichtigt – einen interessanten Einblick in den Arbeitsmarkt von damals.

An die Eltern.
Macht Euch die Bedeutung der Berufswahl klar!
Der Beruf soll Eurem Kinde nicht bloß das tägliche Brot, sondern auch die innere Befriedigung geben, ohne die ein Lebensglück nicht denkbar ist. Er soll die Gesundheit nicht vorzeitig zugrunde richten und im Alter eine gewisse Behaglichkeit ermöglichen

Ratgeber für die Berufswahl der Volksschüler von K. Fischer und J. Heimann, 1914

Einige der damals beschriebenen Berufe existieren mehr oder minder weiter, andere gibt es allenfalls in stark abgewandelter Form, manche gar nicht mehr. Für diesen Blogbeitrag wurde eine komplett subjektive Auswahl aus Sachbüchern der 1910er und 1920er Jahre getroffen und für Sie zusammengestellt: Vorgestellt wurden (und werden nun auch hier) Schaufensterdekorateurin, Blumenmacherin, Feilenhauer, Kunststopferin, Stenotypistin, Wagner, Telefonistin (im Original noch mit ph geschrieben) und Ziseleur.

Schaufensterdekorateurin

»Früher begnügte sich der Ladeninhaber entweder damit, einige Proben seiner Waren auszulegen, um die Gattung seiner Vorräte anzudeuten, oder er hing und stellte eine große Menge von Gegenständen in seine Schaufenster, um möglichst alles zu zeigen. Die Dinge wurden, besonders bei der zweiten Art, ziemlich wahllos nebeneinander gehäuft, das einzelne sollte den Käufer anlocken, die Gesamtwirkung zog man kaum in Betracht. Wir wissen, daß sich hier eine große Umwälzung vollzogen hat.«

Und darum gehörte die Schaufensterausstatterin schon 1915 zu den hundert von Käthe Schrey empfohlenen Berufen »für Frauen und Mädchen des deutschen Mittelstandes«, zumindest, wenn sie »gute Augen und auch sonst einen gesunden Körper« mitbrachten, »denn vieles Stehen und Bücken ist unvermeidlich«.

Ähnlich äußerte sich 13 Jahre später auch »Das moderne Buch der weiblichen Berufe. Niemand solle sich einbilden, »daß der Beruf eines Schaufensterdekorateurs ein leichter sei. Es erfordert viel strenge, ernste Arbeit, viel Kopfzerbrechen, viel vergebliches Probieren und unendliche Lauferei, bis alles zusammengetragen ist, was zusammen gehört, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Eine im Warenhaus Wertheim beschäftigte sehr bekannte Kunstgewerblerin, der ein ganzer Stab von Mitarbeitern beigeordnet war, sagte einmal: ›Wer lernen will, was arbeiten heißt, braucht nur Schaufensterdekorateur zu werden.‹ Wer sich aber nicht vor der Arbeit fürchtet, wer Geschmack und praktische Begabung sein Eigen nennt und vor allen Dingen Liebe zur Sache hat, der darf getrost hoffen, als Schaufenster-Dekorateur, oder –Dekorateurin sich eine Lebensstellung zu schaffen.«

Unterricht erteilten die Kunstgewerbeschulen in den Großstädten, entweder in halb- bis ganzjährigen Tageskursen oder für bereits Berufstätige, die sich fortbilden wollten, abends nach der Arbeit.

Blumenmacherin

Abbildung in Sepia mit dem Titelblatt der Zeitschrift "Künstliche Blumen"
Abb. 4: Titelblatt der Zeitschrift »Künstliche Blumen«, Jg. 1914, Heft 5. https://d-nb.info/018891136

Heute käme wohl niemand mehr auf die Idee, kreativen, geschickten Schulabgängerinnen, in der Sprache der Zeit »Mädchen mit feinem Geschmack und künstlerischer Veranlagung«, den Beruf der Blumenmacherin vorzuschlagen. In einem Ratgeber von 1915 dagegen liest man folgende Empfehlung:

Schwarzweiß-Abbildung eines künstlichen Blumenstrausses mit Anleitung zu seiner Herstellung
Abb. 5: Anleitung zur Herstellung künstlicher Blumen aus Stoff und Papier. Wien, Leipzig 1890, S. 74. https://d-nb.info/578029138

Die Blumenindustrie ist, wo sie als Teilarbeit betrieben wird, der Fabrikarbeit zuzurechnen, erforderlich ist dann nur leichte, trockne Hand und gesundes Auge. Lehrmädchen werden am liebsten mit 14 Jahren genommen. Lehrzeit ungefähr ¼ Jahr; dann Akkordlohn…

»Blümeln« nannte man die seltene Handwerkskunst des Herstellens von künstlichen Blumen auch. Aus Metall, Papier oder Seidenstoffen wurden die naturgetreuen immerwährenden Blüten kunstvoll hergestellt: entworfen, gestanzt, geprägt, genäht, gebunden…
Ob zur Verzierung von Kleidern, Hüten, Frisuren oder zur Dekoration von Wohnzimmern, Kirchenräumen, Feierlichkeiten – noch vor hundert Jahren waren einige tausend Frauen in diesem Metier beschäftigt, vor allem in Berlin und im Raum Sebnitz. Dort hat sich die Tradition bis heute erhalten und wird von den letzten ausgebildeten Blumenmacherinnen an Freizeit-Kreative weitergegeben.

Der Wandel der Mode war allerdings nicht aufzuhalten, bereits 1924 zeichnete sich ein Rückgang der Nachfrage ab:

Der Bubikopf, der im Auslande noch viel häufiger anzutreffen ist als bei uns, verbietet das Tragen großer Hüte. Die kleinen Phantasieformen verzichten aber zumeist auf Blumenschmuck und Aufputz. Das ehemalige Hauptabsatzgebiet Amerika nimmt kaum noch etwas auf…

Eingerahmte Anzeige mit Text einer Blumenfachschule
Abb. 6: Anzeige der Blumenfachschule in Sebnitz, In: Künstliche Blumen für Mode und Dekoration, Jg. 1914, Heft 3, https://d-nb.info/018891136

Feilenhauer

Kling, Klang! So geht der Hammer Schlag.
Das Eisen sprüht den ganzen Tag.
Die starke Faust, der starke Arm
Wird von den festen Schlägen warm…

so dichtete Otto Müller anlässlich eines Innungsjubiläums.

Auch die Blütezeit der Feilenhauerei, also des handwerklichen Herstellens von Feilen und Raspeln, war vor hundert Jahren bereits fast vorüber. Der Bedarf an Feilen stieg infolge der Industrialisierung stark an und konnte nur noch durch Feilhaumaschinen gedeckt werden.

Dennoch gab es junge Männer, die diesen körperlich fordernden Beruf erlernten. Die Feilen bzw. Raspeln wurden aus gehärtetem Stahl geschmiedet und anschließend mit Hammer und Meißel behauen. Die Werkzeuge des Feilenhauers konnten mehrere Kilogramm wiegen und wurden oft auch selbst geschmiedet. Die Arbeit erforderte also gleichermaßen Kraft wie Geschicklichkeit, um mit fortwährenden Hieben die markanten Kerben auf die Feilenoberfläche zu schlagen, wie der Fotograf Willy Römer eindrucksvoll dokumentiert hat (s. Abb 7 und 8.).

Heute erfreuen sich Werkzeugmechaniker*innen an der Abwechslung von Präzision und High-Tech-Maschine, die die Schmiedebank abgelöst hat.

Kunststopferin

Nicht nur aus altem Neues zu schaffen, sondern vornehmlich das Alte, wenn es noch brauchbar ist, zu erhalten, gehört heute zum Sparsamkeitsgesetz vieler. Oft ist es nur ein kleiner Riß, sind es vereinzelte, dünne Stellen im Gewebe, auch die gefürchteten Mottenlöcher, die den ganzen Stoff in seiner Brauchbarkeit beeinträchtigen. Da tritt die Kunst des Ausbesserns durch Kunststopferei heran …

Schwarzweiß-Anleitung für Stopfstiche mit 3 verschiedenen Mustern
Abb. 9: Stopfstiche. Aus: Steimann, Antonie: Die tüchtige Hausfrau. Bd. 1. München 1922, S. 578. https://d-nb.info/1063391784

Mit warmen Worten warb Frida Baumgarten (»Verdienstmöglichkeiten der Frau« von 1928) für den Beruf der Kunststopferin, die als Fachfrau für Gewebeausbesserung für die lange Nutzbarkeit von Textilien sorgte:

»Die Kunst der Stopferin besteht darin, die Stelle so unsichtbar wie möglich auszubessern. Diese Fertigkeit wird dadurch erreicht, daß die zerissene Stelle genau dem Muster des Stoffes entsprechend in gleichmäßiger Richtung auch gleichlaufend mit denselben Gewebefäden gestopft wird.«

Um die Ausbesserung möglichst unsichtbar auszuführen, gab es verschiedenste Stopfstiche, die viele Frauen zwar auch selbst im Handarbeitsunterricht gelernt hatten, in der Praxis aber doch lieber Profis überließen.

Gestopft wurde so manches. Dazu Florentine Gebhardt, Gewerbelehrerin im Ruhestand (im »modernen Buch der weiblichen Berufe« von 1928):

»… die Arbeit des kunstvollen Stopfens erstreckt sich nicht nur auf alles Gestrickte oder in Strickart Gewebte. Vielmehr muß die Stopferin auch verstehen, alle Wäschegewebe (Leinen, Jaquard, Damast, Gebildweberei) derartig tadellos mit der Stopfnadel nachzuahmen, daß die ausgebesserte Stelle in nichts sich von dem übrigen unterscheidet. Ihr Gebiet ist auch die Tüllstopferei (Gardinen!) und vor allem die Teppichstopferei.

Sowohl in großen einschlägigen Geschäften und Fabriken findet sie als Angestellte oder durch Heimaufträge gut bezahlte Beschäftigung, wie durch Privatkundschaft im Hause, in eigener ›Ausbesserungsanstalt‹. Ihre Ausbildung für dies Spezialfach findet sie in Halbjahrskursen an großen Gewerbe-, Fortbildungs-, Fachschulen oder als Lehrling in entsprechender Werkstatt. Sie muß etwas von Weberei verstehen, um richtig die Gewerbe nachahmen zu können, gute Augen und Formsinn haben.«

Stenotypistin

Stenotypistin war in den 1920er Jahren der Wunschberuf vieler Mädchen. Entsprechend schwierig gestaltete sich die Suche nach einer Lehrstelle.

Text "Die zehn Gebote für Stenotypistinnen"
Abb. 10: Aus: Pariser Tageblatt (Bd. 4, 17.05.1936, Nr. 887: 6), https://d-nb.info/1040009441

»In den jugendlichen Gemütern verbindet sich mit diesem Berufwunsch nur allzu häufig eine Vorstellung, die sich dann bei der Ausübung des Berufes als falsch erweist. Gewöhnlich nehmen die jungen Mädchen an, Bürotätigkeit sei interessant, nicht allzu anstrengend und gehöre schon mehr zu den ›höheren‹ Berufen«, resümierte die Berufsberaterin Margrit Klüssendorf 1928 in einem Beitrag zum »modernen Buch der weiblichen Berufe«.

Doch nicht nur die Naivität der Auszubildenden wurde darin kritisiert:

»Der heutige Großbetrieb hat die rentabelsten Arbeitsmethoden und die rationellste Arbeitsteilung eingeführt: die Spezialisierung bestimmter Kräfte auf bestimmte Arbeiten schränkt den Umfang der Ausbildung stark ein. Das Bürolehrmädchen wird in der Hauptsache als Maschinenschreiberin ausgebildet. Es lernt, Stenogramme aufzunehmen und in die Maschine zu übertragen. Dazu kommen leichte Kartothek- und Schreibarbeiten und Laufgänge. Selten bietet sich eine Möglichkeit zur Erlernung der Buchhaltung und Korrespondenz. Der männliche kaufmännische Lehrling erfährt in der Ausbildung, was eine gewisse Vielseitigkeit und Selbstständigkeit betrifft, eine Bevorzugung insofern, als er häufig in alle Zweige des Geschäfts eingeführt wird, und nach und nach in allen Abteilungen arbeiten darf. Es gibt allerdings eine Mehrzahl von Firmen, die auch die Lehrlinge ungebührlich viel zu unkaufmännischen Hilfsdiensten aller Art heranziehen.«

Angehende Kaufleute für Büromanagement werden mitunter noch heute zur Zusatz-Ausbildung als Stenotypisten gesucht, wenn sie neben der Freude am Umgang mit Computern, eine hohe Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie sorgfältige Arbeitsweise mitbringen …

Wagner, Stellmacher, Radmacher

Der in ganz Deutschland häufige Nachname »Wagner« geht auf den verbreiteten Beruf des Wagenbauers zurück. Nach jahrhundertealter Tradition machte der Wagenbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Anwendung von Maschinen große Fortschritte. Eine Ausbildung zum Wagner – oder auch spezialisiert zum Radmacher oder Stellmacher, die jeweils einzelne Wagenteile (Räder, Gestelle, Aufbauten) herstellten und reparierten –, war vor allem für junge Männer mit Kraft und Handfertigkeit interessant.

»Das Rad ist nicht schwierig herzustellen, aber es erfordert fachmännische Praxis und Kenntnis des Materials«, hieß es um 1920 und bezog sich damit auf das Holz, über das man in den Berufsschulen oft gemeinsam mit Tischlern und Zimmerleuten alles lernte. Bohren, Stemmen, Hobeln, Zapfen und viele andere Arbeiten zählten zum Pensum der angehenden Wagner.

Der junge Mann … muss und soll vor allem eine gute geometrische Vorbildung besitzen, sowie das Flächen- und Kubikrechnen beherrschen. Leider werden diese Fächer von den meisten Schülern nur ganz nebensächlich behandelt

seufzte Hugo Fiedler gleich auf der ersten Seite seines Buches »Der Stellmacher« von 1923.

Die Formenlehre wurde auch nach Feierabend eingefordert. So schrieb Paul Marquardt 1927 in einem praktischen Ratgeber für Stellmacherlehrlinge:

»In den letzten Jahren wenden sich viele junge Leute in ihrer freie Zeit einem Sport zu. So sehr es auch zu begrüßen ist, daß der Mann der Werkstatt nach des Tages Arbeit Erholung sucht, so wird hierin leider häufig des Guten zuviel getan und statt der Erholung tritt Ermüdung ein. Bei der großen Vielgestaltigkeit der Formen unserer Erzeugnisse möge jeder ernsthaft strebende Wagen- und Karrosseriebauer diese freie Zeit benützen, um ›sehen‹ zu lernen. Einmal soll er das Auge an schönen Linien und Proportionen üben, wohltuende Formen erkennen und vergleichen; den Geist aber soll er kritisch einstellen und sich mühen, das Schöne mit dem Zweckmäßigen zu vereinigen«.

Nicht selten vererbte sich der Beruf vom Vater auf den Sohn (einschließlich der Werkzeuge). Neben Wagen und Rädern wurden auch andere hölzerne Geräte wie Leitern oder Pflüge gebaut und instandgesetzt. Durch die zunehmende Motorisierung differenzierte sich der Beruf zunehmend und es gab auch Waggon- und Karosseriebauer. Es entwickelten sich Fachschulen für Techniker oder Ingenieure. Noch heute gehören Ausbildungsberufe rund um Kraftfahrzeuge zu den beliebtesten bei Jungen und immer mehr Mädchen.

Telefonistin

Mit dem Siegeszug des Telefons brauchte die Post zunehmend Personal für die Vermittlung von Gesprächen. Frauen galten – nach anfänglicher Ablehnung – als besonders geeignet: »Einmal, weil durch die höhere Stimmlage des weiblichen Organs die Schallwellen leichter verständlich sind, und sodann, weil der Teilnehmer freundlich wird, wenn ihm aus dem Telephon eine Frauenstimme entgegentönt.« (Letzteres mögen die »Fräulein vom Amt« durchaus bestritten haben, wenn wieder einmal jemand seinen Unmut über eine gestörte Verbindung an ihnen ausgelassen hatte.)

Die zweite Auflage von Amalie von Schalscha-Ehrenfelds Ratgeber »Frauen-Erwerbsberufe« (1914) beschreibt die Arbeit der Telefonistin stichwortartig:

»Eigenschaften: Geduld, liebenswürdiges Wesen, feste Gesundheit, gutes Organ, gute Nerven.

Ansprüche: Gute Kenntnisse im Rechnen, Aufsatz, Geographie. Ausbildungszeit für den Fernsprechbetrieb allein zwei Monate, in kleineren Städten, wo auch der Telegraphendienst dazu kommt, ½ Jahr.

Vorteile: Pensionsberechtigung wie bei denselben männlichen Beamten, jährlich vierzehn Tage Urlaub.

Nachteile: Oft jahrelanges Warten auf dauernde Anstellung, anstrengender Dienst, mechanische Arbeit. (Dienst nicht ohne Gefahr.)«

Das bezog sich wohl darauf, dass es immer wieder zu unvorhersehbaren Stromstößen kam, über deren Gefährlichkeit in der zeitgenössischen Literatur allerdings gestritten wurde (schließlich ging es um Entschädigungszahlungen und Versorgungsansprüche gegenüber der Post).

»Meldungen bei der Post- oder Oberpostdirektion. Lebenslauf, Zeugnisse und polizeiliches Sittenattest sind einzureichen. In Betracht kommen nur Mädchen und Witwen. Bei Verheiratung wird das Dienstverhältnis gelöst.«

Schwarzweiß-Bild eines Saales mit Telefonistinnen an Tischen
Abb. 15: Telefonistinnen. Aus: Feyerabend, Ernst: 50 Jahre Fernsprecher in Deutschland 1877-1927. Berlin 1927, S. 43. https://d-nb.info/580855910

Infolge zunehmender Telefonie wurden in den kommenden Jahrzehnten automatische Wählverfahren eingeführt, die das manuelle Stecken der Kabel durch Telefonistinnen nach und nach ersetzten.

Ziseleur

Ziseleure, heute Metallbildner*innen, Fachrichtung Ziseliertechnik, gehörten schon 1921 zu den wenig bekannten Handwerksberufen:

Schwarzweiß-Bild eines Mannes im Arbeitskittel beim Ziselieren
Abb. 16: Ziseleur bei der Arbeit. Aus: Janke, Erich: Was soll unser Junge werden? Ein Wegweiser zu 100 Berufen. Minden 1928. https://d-nb.info/578229889

»Es gibt viele durchaus zu den Gebildeten zählende Menschen, denen dieser Beruf bisher vollkommen unbekannt war, und das, obwohl er einer der ältesten ist und obwohl wir seinen Erzeugnissen überall im Leben begegnen«, konstatierte Johannes Gröwel in seiner Berufsbeschreibung »Der Graveur und Ziseleur« (Band 75 der Reihe »Am Scheidewege – Berufsbilder«).

Dabei waren Ziseleure nicht nur im Kunstgewerbe, sondern durchaus auch in der Industrie tätig:

»Es wird deutlich, daß die Graveure und Ziseleure ein wichtiges Glied in der Kette der Produktion bilden, wenn man überlegt, daß sie die Lieferanten der Walzen, Platten, Stanzen und Formen sind, die heute unerläßliche Hilfsmittel jeder Massenfabrikation darstellen. Um einige Industriezweige aufzuzählen, die allerdings meist mittelbar die Arbeit des Graveurs und Ziseleurs benötigen, nenne ich: die Maschinenfabrikation, die Eisen- und Hüttenwerke, die Fabriken zur Herstellung von Papier, Bleistiften, Gummi, Wachs, Seife, Schokolade, Bonbons und ähnlichen Massenartikeln. Sodann die Schriftgießereien und Druckereien, die Preßglasindustrie und die Pappenfabrikation, die Stoffdruckerei und vor allem das große Gebiet der Metallwarenfabrikation.«

Ziselieren bedeutet das Verformen von Metall mit Hämmern und Punzen verschiedener Größe, Gravieren das Einritzen von Mustern, Verzierungen usw. ins Metall. Während Gravieren also spanabhebend erfolgt, wird das Motiv beim Ziselieren spanlos in die Oberfläche eingedrückt, so dass ein Relief mit weicheren Kanten entsteht.

Schwarzweiß-Abbildung von Lehrstücken des Ziselierens
Abb. 17: Ziseleur-Lehrstücke. Aus: Widmer, Hermann: Das Buch der kunstgewerblichen und künstlerischen Berufe. Berlin 1919, Tafel 2, https://d-nb.info/578339471

Innerhalb des Ziseleurhandwerks gab es nochmals spezialisierte Berufsgruppen, wie Paul Werth (»Das Berliner Metallhandwerk«) 1928 erläuterte. Er zählte:

»Treibziseleure (kunstgewerbliche Treibarbeiten), Modellziseleure (Retuschieren von Gußmodellen), Figurenziseleure (Retuschieren von Figurengußstücken), Formenziseleure (Retuschieren gegossener Formen, z. B. Metallformen für Spritz- und Sturzguß, für Zelluloid, für Preßglas u. ä.) … Wie sich bei der Durchsicht der aufgezählten Zweige des Handwerks ergibt, kann man innerhalb des Gesamtgebietes zwei große Gruppierungen herausschälen. Eine der Gruppen wirkt veredelnd und arbeitet für das Kunstgewerbe, die andere Gruppe stellt Werkzeuge oder maschinelle Teile her und arbeitet für die übrige Industrie.«

Voraussetzungen für die vierjährige Lehre waren »in erster Linie ruhige Hand und Sauberkeit, feines Tastgefühl, gutes Augenmaß und Sinn für Formschönheit, peinliche Genauigkeit, gute Beobachtungsgabe« und natürlich »zeichnerisches Talent«.

Und auch das war kurz nach dem ersten Weltkrieg nicht unwichtig:

Fuß- oder beinbeschädigte Leute, die verständig und einsichtig (intelligent) sind, gute Geschmacks- und Zeichenbildung besitzen, können sehr wohl als Gold- und Silberschmiede, Fasser, Graveure und Ziseleure angelernt werden und entsprechend Geld verdienen«

so Fritz Almstedt in »Lohnende Beschäftigungen für Kriegsbeschädigte aus dem Metallgewerbe«, 1916

Auch heute noch werden Metallbildner*innen in der Ziseliertechnik ausgebildet, um Schmuck, Leuchten, Beschläge usw. herzustellen.

Soweit der kurze Blick zurück, in die Zeit vor etwa 100 Jahren, die – das zeigen die vorgestellten Berufe eindrücklich – ebenfalls von zahlreichen Umbrüchen und Veränderungen durch wechselnde Moden, Krisen sowie technischen Veränderungen geprägt war. Derzeit machen sich viele Menschen Gedanken darüber, ob ihr Beruf Digitalisierung und KI zum Opfer fallen könnte. Doch der Wandel ist ebenso wenig eine neue Erscheinung wie eine gewisse Ratlosigkeit bei einer anstehenden Berufswahl. Sicher wird es bald neue Berufsbilder geben, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können und andere werden der Vergangenheit angehören. Wie werden Menschen in 100 Jahren auf unsere (Arbeits-)Welt zurückschauen? Hoffentlich wie wir heute mit Staunen, gelegentlich wissendem Lächeln und viel Respekt vor der Leistung früherer Generationen!

Stefanie Wolter

Stefanie Wolter ist Fachreferentin für Sozialwissenschaften an der Deutschen Nationalbibliothek


Literatur / Quellen:  

Almstedt, Fritz: Lohnende Beschäftigungen für Kriegsbeschädigte aus dem Metallgewerbe. Ein Handbuch zur Berufsberatung für Verletzte und Arbeitgeber. Leipzig 1916.

Baumgarten, Frida: Verdienstmöglichkeiten der Frau. Minden 1928.

Bremer, Magdalene: Die Schaufenster-Dekorateurin. In: Janke, Erich (Hg.): Das moderne Buch der weiblichen Berufe. Ein praktischer Ratgeber. Minden 1928, S. 120 f.

Fiedler, Hugo: Der Stellmacher. Ein Handbuch aus der Praxis für die Praxis umfassend: Die Hölzer des Stellmachers, die Werkzeuge … Leipzig 1923.

Frick, Achim / Spicker, Ralf: Das Handwerk der Feilenhauerei. Die Werkstatt Hamm in Esslingen am Neckar. Beuren 2023.

Gebhardt, Florentine: Die Kunststopferin und die Pelznäherin. In: Jancke, Erich (Hg.): Das moderne Buch der weiblichen Berufe. Minden 1928, S. 152 f.

Gröwel, Johannes: Der Graveur und Ziseleur (= Am Scheidewege Bd. 75). Berlin 1921.

Janke, Erich (Hg.): Was soll unser Junge werden? Ein Wegweiser zu 100 Berufen. Minden 1928.

Klüssendorf, Margrit: Die Stenotypistin. In: Jancke, Erich (Hg.): Das moderne Buch der weiblichen Berufe. Minden 1928, S. 130 f.

Marquardt, Paul: Der Stellmacher-Lehrling. Leipzig 1927.

Schaefer, Aloys: 70 Jahre Schlosser-, Schmiede-, Klempner-, Büchsenmacher-, Kupferschmiede-, Gelbgießer, Feilenhauer- und Messerschmiede-Innung in Heiligenstadt. Heiligenstadt 1926.

Schalscha-Ehrenfeld, Amalie von: Frauen-Erwerbsberufe. Ratgeber bei der Berufswahl für katholische Mädchen, welche aus der Volksschule abgehen, sowie für ältere Beruf- und Stellung-Suchende. Berlin, 2. Aufl. 1914, S. 40 f.

Schober, Manfred: Die Sebnitzer Kunstblume. Dresden 1994.

Schrey, Käthe: 100 Berufe für Frauen und Mädchen des deutschen Mittelstandes. Leipzig 1915.

Stephan, Fritz: Ratgeber für weibliche Stellesuchende. Mit 39 Mustern von Bewerbungsschreiben. Leipzig 1913.

Werner, Thomas: Das Fräulein vom Amt. In: Glaser, Hermann/ders.: Die Post in ihrer Zeit. Eine Kulturgeschichte menschlicher Kommunikation. Heidelberg 1990, S. 331.

Werth, Paul: Das Berliner Metallhandwerk. Eine Untersuchung über die Gewerbe der Metallgiesser, Metalldrücker, Metallschleifer und Galvaniseure, Graveure und Ziseleure, Gürtler, Kupferschmiede, Klempner. Berlin 1928.


*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Maja Hetmank, DNB

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  • ISSN 2751-3238