AG SDD – Buch des Monats Oktober 2026
Das Neueste der Conditoreikunst, in getreuen, meist illuminirten Tafel- und Laden-Confekturen, Aufsätzen in Tragant etc., Torten , Verzierungen u. s. w., sammt erläuternder Beschreibung, um schön und sicher arbeiten zu können. Mit einem Anhange erprobter Recepte von Geheimnissen, Kunstgriffen und nützlichen Vorschriften mancher Art, gezeichnet und beschrieben von Georg Christian Neunhöfer, praktischer Conditor. ─ Heilbronn: C. Drechsler`sche Buchhandlung, Bd. 2, 1848.
Erworben von der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Signatur: Wq 754 Bd. 2
Online unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30:4-365437
Dass dies kein gewöhnliches Backbuch aus dem 19. Jahrhundert ist, erschließt sich jedem, der sich seinem Inhalt über das Register nähert, dessen Einträge sich lesen, als hätte man hier ein Lehrbuch für werdende bildende Künstler vor sich. „Dunkelblaue Schminkfarbe“, „gelbe Schminkfarbe“, „hellgrüne Schminkfarbe“, orangengelbe … rothe …. „violette … weiße Schminkfarbe“ liest man da, ja es gibt auch einen eigenen Registereintrag zu „Malerfarben“. Und dann verweist der längliche Titelzusatz auf „erprobte Recepte von Geheimnissen“, die vom Autor beschrieben würden und seine Koch- bzw. Backkunst wieder in die Nähe von Alchemie und magischen Gebräuchen rückt. Die ganzseitigen Lithografien bezaubern in der Tat.

Nicht mehr als „[d]ie Conditorei auf der höchsten Stufe ihrer Vollkommenheit“ wird zudem recht unbescheiden versprochen – doch blättert man durch dieses schmale Bändchen, so kann man seinem Verfasser, dem aus Franken stammenden Konditor und Multitalent Georg Christian Neunhöfer, recht geben, war dieser zugleich doch ein hochbegabter Zeichner, Kolorist und Gebäcknamenerfinder: „Kronoskuchen“, „Satyrhörner“, „Denk an mich“, „Sehnsucht Törtchen“ … man mag gar nicht mehr damit aufhören, die Benamsungen seiner Kreationen (er spricht von „Compositionen“) aufzuzählen.
Das überaus seltene Werk, erschienen 1848 in Heilbronn, ist noch in der Bibliothek des Conditorei-Museums in Kitzingen zu finden, dessen Begründer, Walter Poganietz seine Blog-Reihe „Glanzlichter“ mit Neunhöfers Werk eröffnete. Poganietz schreibt:
„Die „altkolorierten“ eindrucksvollen Bilder geben uns eine ausgezeichnete visuelle Vorstellung von der Konditorkunst des 19. Jahrhunderts, die noch ganz geprägt war von den glanzvollen Zeiten an den Höfen der Fürsten und in den hochherrschaftlichen Küchen des Adels.“ (https://conditorei-museum.de/index.php/623/)
Mittels der reichlichen Verwendung von Tragant (einem zäh-harzigen Pflanzensaft) und Zucker schuf Neunhöfer darüber hinaus noch kunstvoll-phantasiereiche Präsentationsaufsätze für seine Back-Kompositionen (etwa die „Orientalische Windmühle“ oder der „Vogelschlag“), die die biedermeierliche Festtafel schmücken sollten.
Den gemeinen Freizeitkonditor dürften die Rezeptvorschläge hoffnungslos überfordern, doch wenigstens die „Satyrhörner“, einem Mandelgebäck mit einer Glasur aus Orangenblütenwasser, scheinen „nachbackbar“: „Sechszehn Loth geschälte und getrocknete süße Mandeln werden mit Eiweiß fein dick gerieben, zweiunddreißig Loth gestoßenen Zucker und acht Loth Mehl darunter genommen. Zum Rothbraunfärben wird etwas Sandelholz, Zimmt ein Loth und eine abgeriebene Citrone darunter gemacht, Alles zusammengedrückt, mit Zucker bestäubt und ausgewellt, dann mit einem gezackten Ausstecher nach der Zeichnung ausgestochen, auf Papier gesetzt und langsam bei mäßiger Hitze gebacken. Sobald sie gebacken sind, nimmt man feinen Staubzucker, macht mit Orangenblüthenwasser eine dünne Glasur an und bestreicht mittels eines Haarpinsels die Satyrhörner damit.“ (Tafel 1, S. 1f.)
Die Zutaten in heutigen Maßen:
- 250 g geschälte, getrocknete und fein geriebene Mandeln (16 Loth)
- Eiweiß (nach Bedarf)
- 500 g feiner Zucker oder Puderzucker (32 Loth)
- 125 g Mehl (8 Loth)
- 15 g Zimt (1 Loth)
- Abgeriebene Schale von 1 Zitrone
- Etwas rotes Sandelholzpulver (zum Einfärben)
- Zucker zum Bestäuben
- Puderzucker (für die Glasur)
- Orangenblütenwasser (ebenfalls für die Glasur)
AG Sammlung Deutscher Drucke
In der Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke (AG SDD) kooperieren sechs Bibliotheken, um eine umfassende Sammlung der gedruckten Werke des deutschen Sprach- und Kulturraums vom Beginn des Buchdrucks bis in die Gegenwart aufzubauen, zu erschließen, der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und für künftige Generationen zu bewahren.
Dadurch entsteht eine verteilte Nationalbibliothek, in der die beteiligten Bibliotheken für einzelne Zeitsegmente verantwortlich sind.
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