Die „Leaky Pipeline“ in DNB-Hochschulschriften

12. Oktober 2026
von Eva Brimmers und Philipp Schoengraf

Im Rahmen des HERMES-Forschungsstudienprogramms unterstützt die DNB Forschungsprojekte auf Basis ihrer Daten und Bestände, die mit Methoden des Text- und Data-Minings bearbeitet werden. Die Förderung richtet sich dabei vor allem an junge technikaffine Forschende aller Fachgebiete, die sich bereits mit Methoden und Instrumenten der Digital Humanities beschäftigt und praktische Erfahrungen auf dem Gebiet gesammelt haben. Im folgenden Blogbeitrag stellen Eva Brimmers und Philipp Schoengraf ihre Studie vor:

Je höher die Stufe einer wissenschaftlichen Laufbahn, desto seltener sind Frauen vertreten. Für dieses Muster hat sich das Bild der „Leaky Pipeline“ eingebürgert, einer Leitung, aus der auf jeder Stufe ein Teil der Frauen verloren geht. Im Jahr 2024 entfielen laut amtlicher Statistik 46,2 % der abgeschlossenen Promotionen auf Frauen, aber nur 36,3 % der Habilitationen. Wie sich dieser Übergang langfristig entwickelt hat, lässt sich mit der amtlichen Statistik jedoch kaum nachzeichnen, denn gesamtdeutsche Reihen liegen erst seit 1992 beziehungsweise 1993 vor, und Arbeiten aus der DDR fehlen ganz. Unsere Studie fragt deshalb, wie sich der Frauenanteil an Dissertationen und Habilitationen zwischen 1980 und 2024 entwickelt hat, wie er sich zwischen Fächergruppen sowie zwischen west- und ostdeutschen Einrichtungen unterscheidet und wie groß der Verlust zwischen beiden Qualifikationsstufen ist. Zugleich prüfen wir, ob sich ein bibliografischer Bestand überhaupt für eine solche Auswertung eignet.

Grundlage ist der Hochschulschriftenbestand der Deutschen Nationalbibliothek, den diese über ihre Open-Data-Dienste im Format MARC21-XML bereitstellt. Der verwendete Abzug vom März 2026 umfasst gut 1,66 Millionen Titeldatensätze. Weil die Bestände aus Leipzig und Frankfurt am Main nach der Wiedervereinigung zusammengeführt wurden, enthält er auch die Arbeiten ostdeutscher Einrichtungen vor 1990. Ein Geschlechtsmerkmal gibt es allerdings nicht, und die sachliche Erschließung folgte im Untersuchungszeitraum drei verschiedenen Schemata.

Die Aufbereitung erfolgte vollständig in Python mit pandas. Zunächst haben wir den oft frei formulierten Hochschulschriftenvermerk in Art der Arbeit, Einrichtung, Ort und Jahr zerlegt. Dissertationen B der DDR, die dort die Habilitation ersetzten, werden als Habilitationen gezählt, und Mehrfachnachweise gedruckter und digitaler Ausgaben wurden über Titel und Person bereinigt. Das Geschlecht wurde vorrangig aus der Gemeinsamen Normdatei bestimmt, faktisch aber überwiegend aus dem Vornamen. Über eine dreistufige Kaskade aus DDC und älteren Sachgruppen wurden die Arbeiten den Fächergruppen der amtlichen Statistik zugeordnet, über den Hochschulort den Regionen West und Ost. Das Analysekorpus umfasst 981.471 Dissertationen und 35.819 Habilitationen. Den Verlust zwischen den Stufen messen wir als Verhältnis der Frauenanteile von Habilitationen und Dissertationen, wobei ein Wert von eins Parität bedeuten würde.

Der Frauenanteil an den Dissertationen stieg von 22,8 % im Jahr 1980 auf 46,2 % im Jahr 2024, stagniert jedoch seit etwa 2010. Bei den Habilitationen lag er bis 1990 bei rund 10 % und erreichte zuletzt 37,6 %. Das Verhältnis beider Anteile verbesserte sich von 0,42 auf 0,80, Parität wird aber in keiner Fächergruppe erreicht. Den größten Verlust verzeichnet die Humanmedizin, obwohl dort besonders viele Frauen promovieren. Ostdeutsche Einrichtungen wiesen in den 1980er-Jahren deutlich höhere Frauenanteile auf, und zwar auch innerhalb der einzelnen Fächergruppen. Bei den Habilitationen besteht dieser Vorsprung bis heute fort.

Aufschlussreich ist auch der Abgleich mit der amtlichen Statistik. Die Frauenanteile stimmen gut überein, die Fallzahlen dagegen nicht, denn von den Habilitationen ist nur etwa die Hälfte im Bestand enthalten. Der Hochschulschriftenbestand eignet sich damit gut für die Untersuchung der Entwicklung von Anteilen, für Fallzahlen jedoch nur eingeschränkt. Als nächste Schritte bieten sich feinere Auswertungen auf Ebene der Bundesländer und einzelner Hochschulen sowie eine Validierung der Geschlechtszuordnung anhand einer Stichprobe an.

Eva Brimmers & Philipp Schoengraf

Eva Brimmers und Philipp Schoengraf arbeiten als Datenanalysten und wurden von Juli bis September 2026 über das HERMES-Forschungsstudienprogramm gefördert.

HERMES – Humanities Education in Research, Methods, and Data wird gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt aus Mitteln der Europäischen Union.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:HERMES, bearbeitet von Friedrich Quaasdorf

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