Leben, Bibliotheken und das Paradies
Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.
Jorge Luis Borges
Schriftsteller und Bibliothekar
Zwei Welten zwischen Fremdheit und Annäherung
Wer käme schon auf die Idee, das Paradies in einem Atemzug mit einer Bibliothek zu nennen? Jorge Luis Borges schon. Allein der Vorstellungsversuch lässt vermuten, dass er damit den Anspruch erhebt, der Beziehung des Menschen zum Paradies eine neue Dimension abzugewinnen. Mit diesem ebenso abenteuerlich wie eindeutig formulierten Ansinnen wird auch der Gedanke verständlich, der Borges bewegte, eine Idee zu thematisieren, die manche Menschen mit einem Wunsch verbinden. Aber dann setzt man das Paradies mit einer Bibliothek gleich und hat im besten Fall eine Paradies-Bibliothek!? Naja, klingt zugegeben befremdlich… Vermutlich würde kein Mensch wissen, was gemeint ist und beides voneinander trennen. Immerhin funktioniert das Paradies nicht ohne den Sündenfall und jeder, der schon einmal in einer Bibliothek war, ist vielleicht unangenehm berührt, wenn menschliche Schwäche teuflischen Verlockungen erliegt. Damit wird nur aufgezeigt, dass Bibliotheken ein Vorbild für das Paradies sein können und in ihrer Machart ganz besonders sind. Doch paradiesische Zustände werden dadurch nicht generiert. Wenn schon paradiesisch, dann müssen die Engel warten, bis der Himmel ein Einsehen hat. Vielleicht baut Gott auch eine Bibliothek zwischen den Wolken und bestimmt die Literatur zum achten Sakrament? Dann wissen wir wieder, dass wir nichts wissen, aber das ist reine Spekulation. Dafür ist Borges mit seiner Vorstellung nicht mehr allein und so gedeiht die Hoffnung, dass sich das Paradies in eine Bibliothek verwandelt.
Mit der Klassik durch Geschichte und Gegenwart

(Foto: DNB, Jan Schäfer).
Kommen wir einmal davon ab und nähern wir uns dem Thema Bibliotheken mit einem Zitat von Friedrich Hölderlin. Denn wenn es schon stimmt, dass Leben und Kunst der Menschheit von Hölderlin mit dem Ausspruch „Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben. Siehst du das Eine recht, siehst du das Andere auch…“, eine richtungsweisende Zäsur erfuhren, dann hat Dichterkollege Schiller auch eine Aktie dran. Mit seiner Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen ergreift er Partei für das Paradies, indem er den Menschen über das bürgerliche Zeitalter hinaus für das Schöne im Sinne der Schöpfung bildet. Möglich, dass es ihm dabei auch um eine religiöse Deutung der Materie ging, doch in erster Linie wohl um Vermittlung. Unweit hergeholt für zwei Genies, um eine imaginäre Brücke zum Paradies zu bauen, aber für Borges vielleicht Teil der Idee, die ihn zu seiner ambitionierten Äußerung brachte. Ja, der Geniegedanke ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Dabei zählte der klassisch verklausulierte, sinnstiftende und gutgemeinte Ratschlag Hölderlins zum Standard im sogenannten Poesie-Album, wie man es im vordigitalen Zeitalter noch kannte. Doch in diesem Dickicht der Gleichnisse und allegorischen Präzedenzfälle ist guter Rat teuer. Also besser etwas Zurückhaltung zugunsten des gesunden Menschenverstandes.
Eine Offenbarung der besonderen Art

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Die meist verdrängte oder übergangene Spiritualität einer Bibliothek ist nicht gleichzusetzen mit der eines Gotteshauses. Es ist aber nicht ungewöhnlich, zwischen Büchern und anderem Archivgut spirituelle Empfindungen zu teilen. Die Umschreibung oder der Begriff “Heilige Hallen“ findet häufig auch Verwendung, möchte man die Stimmung in einer Bibliothek wiedergeben. Mit der Bedingtheit, dass so eins zum anderen kommt, aber nicht zwangsläufig zusammengehört, hat es eine Besonderheit. Die Baustellen des Himmels kennen viele Hotspots und so scheint es nicht ungewöhnlich, möglicherweise auch in Bibliotheksgebäuden solche zu haben, um dem Paradies ein Stück näher zu kommen. Bestimmt haben schon viele dieses Gefühl geteilt, ohne sich missverstanden zu fühlen. Man darf ja über weltliche und geistliche Berührungspunkte spekulieren und ganz legitim darüber befinden, ob eine Kirche und eine Bibliothek nicht mehr miteinander gemein haben, als man grobgeschätzt annehmen würde. Der Heilige Geist weht ja auch, wo er will, doch alles in allem dürfte Borges nicht an einen Aufbruch ins Übersinnliche gedacht haben, als er seine Verlautbarung definierte. Vielleicht tat er das, um Wärme und Wohlgefühl wiederzugeben und um ein Stück weit zum Ausdruck zu bringen, wie das Irdische und das Himmlische miteinander verschmelzen. Dieser Teil seines Denkens sorgt dann schon für Unruhe bei allen, die ihre Ansichten zementiert haben. Doch die Gedanken sind frei und verdanken ihre Existenzberechtigung der Freiheit des Denkens, was irgendwie paradiesisch klingt. Fazit: Bücherwelten und Glaubenswelten existieren gleichberechtigt.
Der eine Lanze für das Schöne bricht
Nun hat mal einer gesagt: „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“ Immerhin ist es ja so, im Paradies etwas zu haben, das mit Schönheit auf eine Stufe gestellt wird. Vielleicht war das der Auslöser, der Schriftsteller Franz Kafka zu jenem eingangs zitierten Sinnspruch inspirierte. Um den Bogen zu spannen, der eine Brücke zwischen dem Diesseits und Jenseits baut, braucht es dann Einrichtungen, die das vermögen. Zum Beispiel Bibliotheken. Am himmlischen Segen ist alles gelegen oder so… Ob Borges das auch so sah, steht zu vermuten, obwohl die reine Vorstellung im Vordergrund steht. Denn ein Katalogschrank ist ein Katalogschrank und ein Datensatz ist ein Datensatz. Das muss man wissen, um mit dem Ordnungsprinzip einer Sammlung etwas anfangen zu können. Nur menschengemachte Funktionalität ist es, die einer Bibliothek die Existenzgrundlage sichert, wenn die Arbeit beginnt. Wohin also mit dem Paradies, das seinen Anspruch angemeldet hat und nicht plötzlich ausgegrenzt werden kann? Verliert es an der Stelle seine Bedeutsamkeit? Natürlich nicht! Das Paradies war ja schon da und hat als Teil der Genesis jedem irdischen Zettelkasten etwas voraus. Es hat die Zeit überdauert, mit der Zeit gespielt, die irdische Zeitrechnung als ungültig bloßgestellt bis die Bibliotheken kamen. Die haben das Gleichgewicht wiederhergestellt. Seither behauptet sich der Mensch und hat eine Antwort auf die Ewigkeit.
Das Ende der Ungewissheit

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Das der Mensch seine Göttlichkeit verlor, als er von der verbotenen Frucht, dem Paradiesapfel probierte, steht geschrieben. Hölderlins Hyperion aber wird mit den Worten zitiert: „Der Mensch ist aber ein Gott, sobald er Mensch ist. Und ist er ein Gott, so ist er schön.“ Da ist er also wieder, der Bezug zur ewigen Schönheit. Nebenan, im Paradies, hat Borges die Bibliothek verortet, um den kongenialen Charakter beider hervorzuheben mit der Schöpfung im Mittelpunkt. Dabei sind Sammelgrundsätze grundsätzlich gesetzlich verankert. Irdisch gemachte und von Menschen erdachte Regularien für das Sammeln innerhalb von Bibliotheken außerhalb der himmlischen Zuständigkeit. Ein Gesetzesspruch wirkt manchmal Wunder, aber er vermag das Miteinander von Himmel und Erde nicht anzutasten. Das sieht die Schulweisheit anders. Und doch wird sie an anderer Stelle in ihre Schranken verwiesen. Könnte daran liegen, dass man Götterlieblinge auch auf der Erde treffen kann und damit ist jetzt nicht der Papst gemeint. Der lange Arm des Paradieses hat seine Finger eben überall im Spiel. Hätte unsere Schöpfung nichts hervorgebracht, was ist es dann, das unseren Glauben nährt und am Leben hält? Vermutlich die Bibliotheken! Sie sind wichtig, überlebenswichtig. Ihnen fällt die Aufgabe zu, Menschen zu bilden, sie überhaupt erst lebensfähig zu machen, um Überleben zu können. Es ist der Anspruch und humanistischer Gedanke zugleich, der das Recht des Menschen auf Bildung untermauert. Das ist die Botschaft an das Paradies. Kein Widerspruch, sondern ein Glaubenssatz, wie Borges es möglicherweise auch sah. Da, so möchte man meinen, haben die Dinge des Lebens einen, ihren Mittelpunkt. Lebe(n) im Gleichgewicht…
Für immer vereint

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Die Vergangenheit gilt als verklärt, die Zukunft als noch nicht eingelöst. Doch dass das Leben einen Weg findet, wissen wir spätestens seit “Jurassic Park“. Klar, die Evolutionsbiologen wussten das schon viel früher, aber auch noch nicht lange. Es gibt sie ja erst seit kurzem. Bibliotheken schon deutlich länger. Nun noch nicht seit biblischer Zeit wie das Paradies, aber immerhin. Die Bibliothek von Alexandria, ein Meisterwerk der Antike, gegründet von Ptolemaios, einem Militär im Rang eines Generals unter Stadtgründer Alexander dem Großen, wird gemeinhin als die Erste angesehen. Als zentrale Sammelstelle des Altertums vereinte sie das Wissen der frühen Kulturen und machte es abrufbar. Für Gelehrte und Bibliothekare jener Zeit und sicher auch für Bildungsbürger sowie zeitlose Geistreisende symbolisiert diese Einrichtung das Paradies. Nach heutigen Maßstäben veraltet ohne alt zu sein, brannte sie nieder. Kostbare, unschätzbar wertvolle Schriften gingen unwiederbringlich verloren. Mit dem damit verbundenen Verlust alttheologischer Zeugnisse über die Schöpfungsgeschichte rückte das Paradies in weite Ferne. Seit seiner Wiederkehr haben Intellektuelle wie Borges den Faden aufgenommen und zurückverfolgt. Wie sonst wäre er auf die Idee gekommen, den Dualismus zwischen Bibliotheken und dem Paradies für einen Vergleich zu nutzen? Vielleicht steckt eine nicht näher definierte Sehnsucht dahinter oder Hoffnung fernab jeglicher Gefahr, dass die Welt in Frieden existieren möge. Wer vermag das schon zu sagen geschweige denn zu wissen, wenn der Mensch ständig zündelt und oft kurz davor ist, die ganze Welt in Brand zu stecken. So ist das nun mal, leider. Wie gut, dass der professionelle, zeitgenössische Brandschutz innerhalb von Bibliotheken zumindest eine kleine Rückversicherung ist, um mit dem Paradies in Kontakt zu bleiben.







Das erinnert mich an eine Abwandlung eines Zitats von Beatrice Warde das endet mit „Friend, you stand on sacred ground, this is a library“. 🙂
Siehe z.B. hier.