Buchmuseum mit Regierungsdelegation in Südkorea
„Mediengeschichte des Protests“ in Seoul
Auf Einladung der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland und Staatsministerin, Elisabeth Kaiser, konnte die Unterzeichnende zwischen dem 6. und 12. Juni nach Seoul reisen, um als Mitglied der Deutsch-koreanischen Regierungskonsultationen das Thema „Mediengeschichte des Protests“ in die Diskussionen der Regierungsvertreter beider Seiten einbringen zu können. Das bilaterale Regierungstreffen, das alternierend in Deutschland und Korea stattfindet (zu den Konsultationen 2025 in Berlin s. Kultur als Medium des Widerstands – blog.dnb.de ), fand 2026 zum 15. Mal statt und widmet sich neben den bilateralen Beziehungen beider Staaten vor allem der Frage, ob und inwieweit die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte der deutsch-deutschen Wiedervereinigung als „Blaupause“ für die Überwindung der koreanischen Teilung verstanden und ausgewertet werden können.
Warum nun konkret wurde das Deutsche Buch- und Schriftmuseum (DBSM) von der Bundesregierung angefragt, die deutsch-koreanischen Konsultationen zu begleiten? Hintergrund ist der Umstand, dass das DBSM unter der Überschrift „Mediengeschichte des Protestes“ seit einigen Jahren seine Beschäftigung mit kulturellen Praktiken der Mediengeschichte im Kampf um Demokratie und Meinungsfreiheit bündelt. Ob die Protestplakate iranischer Frauen, Freejazz in der DDR oder die kämpferische und höchst aktuelle Rede von Thomas Mann „Das deutsche Buch“ von 1925 – um nur drei Beispiele zu nennen: Dem Museum geht es darum, mediengeschichtliche Zeugnisse und deren Potenziale für die Demokratie zu erforschen und mit ganz unterschiedlichen Formaten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Themenspektrum
Die zweitägigen Konsultationen in Seoul widmeten sich so unterschiedlichen Themen wie der aktuellen geopolitischen Situation auf der koreanischen Halbinsel, den Auswirkungen des innerkoreanischen Austauschs auf das Friedensbewusstsein, den wirtschaftlichen Entwicklungen in den östlichen Bundesländern seit 1990 und die Aufarbeitung der Treuhandgesellschaft sowie die Frage nach der Rolle von Kunst und Kultur bei internationalen Konflikten, das europäische Integrationsmodell und die Resilienz von Demokratien in einer Zeit weltweit erstarkenden Autoritarismus‘. Beteiligt waren auf deutscher Seite neben dem DBSM die Stiftung Wissenschaft und Politik, das Bundesarchiv, die Universitäten von Cambridge, München und Groningen und die beiden Stiftungen zur Aufarbeitung des SED-Unrechts, Berlin und der Friedlichen Revolution, Leipzig sowie die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur und die Kurator*innen des diesjährigen deutschen Pavillons der Biennale Venedig.
Museumsarbeit trägt manchmal überraschende Früchte
Dass die Erwerbung des Archivs einer Freejazz-Initiative aus der DDR der 1970er Jahre, das das DBSM vor zwei Jahren im Rahmen seiner Fokussierung auf das Thema „Meinungsfreiheit und Demokratie“ übernehmen konnten, in einer Einladung zu internationalen Regierungskonsultationen mündet, ist sicherlich dem Zufall geschuldet, dass es im Kontext der Übergabe des Archivs gelungen ist, das Thema „Mediengeschichte des Protestes“ auf politischer Ebene zu verankern. Manchmal sind wir selbst überrascht, welche Kreise das ziehen kann: Die Übernahme des Archivbestands haben wir Dank der Unterstützung durch die Bundeszentrale für politische Bildung und die Stiftung Ort der deutschen Demokratiegeschichte mit einem Jazzfestival gefeiert, für dessen Schirmherrschaft wir den Bundespräsidenten und Jazz-Fan Frank Walter Steinmeier mit einem Grußwort gewinnen konnten. Dass das Thema nun auch in einem gespaltenen Land wie Korea medienhistorische Brücken bauen kann und aus dem kleinen Bestand einer mutigen Freejazz-Initiative der DDR plötzlich ein Netzwerk aus internationalen politischen Akteuren wird…: In solchen Momenten geht die Museumsarbeit auf: ein neuer Bestand kommt ins Haus, kann dank Drittmittelakquise mit einem Festival der Öffentlichkeit vorgestellt werden, regt die Wissenschaft zu einem Kooperationsseminar an, und fließt schließlich in politische Arbeit an der Demokratie ein. Und auch in Zukunft wird das DSM im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Mediengeschichte des Protestes“ subversiven Medien, die gegen autokratische Regime protestieren, eine Stimme geben.




Buddhistische Kultur und KI
Neben den zweitägigen Regierungskonsultationen bot die Reise einerseits die Gelegenheit für einen vertieften Einblick in die reiche buddhistische Kultur in Südkorea und einen Besuch im beeindruckend modernen Nationalmuseum in Seoul. Zum anderen konnte die Delegation sich durch mehrere Firmenbesuche vom beeindruckenden Stand von Automatisierung, KI und Digitalisierung in Südkorea überzeugen. Und die umwerfende Gastfreundschaft sowohl der Koreaner als auch der deutschen Botschaft in Seoul kennenlerne!


Stephanie Jacobs
ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.








