Der Exilschriftsteller Ulrich Becher

8. Juli 2025
von Marc Wurich

Ein Kooperationsprojekt des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 und des Schweizerischen Literaturarchivs ermöglicht neue Zugänge zu Leben und Werk des Schriftstellers Ulrich Becher.

Der Schriftsteller Ulrich Becher zählt zu den „sprachmächtigsten und humorbegabtesten Autoren der deutschsprachigen Exilliteratur“.1 Vor allem sein autobiografisch inspirierter Roman „Murmeljagd“ (1969) zeigt dies in besonderem Maße. In ihm thematisiert Becher die eigene Flucht- und Exilerfahrung. Auch in anderen Werken setzte sich der Autor mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Neben Prosa schrieb Becher Lyrik und Dramen. „Die Erfahrung des Exils und die kritische Auseinandersetzung mit den Katastrophen und Kriegen des 20. Jahrhunderts als einer Epoche der Enthumanisierung bilden ein, wenn nicht das Kernthema von Ulrich Bechers Schaffen.“2

1933 floh er aus NS-Deutschland nach Wien. Mit seiner Ehefrau Dana Roda emigrierte er 1938 in die Schweiz. Es folgten weitere Exilstationen in Brasilien (1941–1944) und New York (1944–1948). Drei Jahre nach Kriegsende kehrte Ulrich Becher nach Europa zurück. Ab 1954 lebte er in Basel, wo er am 15. April 1990 im Alter von 80 Jahren starb.

Der Nachlass Ulrich Bechers im Deutschen Exilarchiv. Foto: Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek

Durch die Neuauflagen von „Murmeljagd“ und den „New Yorker Novellen“ (beide 2020) erlebt Bechers Werk seit einigen Jahren wieder eine größere Aufmerksamkeit von Forschung und Öffentlichkeit. Sein Nachlass liegt heute verteilt im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 in Frankfurt am Main und im Schweizerischen Literaturarchiv der Universität Bern. Seit 2019 kooperieren beide Institutionen mit dem Ziel, Ulrich Becher als bedeutenden Schriftsteller der Exilzeit wieder bekannter zu machen.

„In den Beständen beider Archive befinden sich Korrespondenzen, Lebensdokumente, Manuskripte seiner Gedichte, Romane und Theaterstücke, Bilddokumente sowie Zeichnungen Ulrich Bechers. Inhaltlich sind beide Teilnachlässe bis in die einzelnen Korrespondenzen und Fassungen der Manuskripte hinein miteinander verwoben.“3

Das binationale Kooperationsprojekt führt die verstreuten Teilnachlässe nun virtuell wieder zusammen. Die Projektverantwortlichen Dr. Sylvia Asmus (Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek) und Dr. Moritz Wagner (Schweizerisches Literaturarchiv der Universität Bern) erläutern im Eröffnungsbeitrag für einen von ihnen herausgegebenen TEXT+KRITIK-Band zu Ulrich Becher die bisherigen Schritte ihrer Zusammenarbeit:

Screenshot der Projektwebseite „Ulrich Becher digital“ (Prototyp), auf der die verstreuten Teilnachlässe virtuell zusammengeführt werden. Quelle: Data Science Lab, Universität Bern

„Im Rahmen von ‚Ulrich Becher digital‘ haben beide Archive die jeweiligen Teilnachlässe in den Jahren 2019 bis 2021 koordiniert feinerschlossen und 40 ausgewählte Exponate aus den beiden Beständen in einer gemeinsam kuratierten Sonderausstellung im virtuellen Museum ‚Künste im Exil‘ zusammengeführt. Anschließend wurden beide Teilnachlässe 2022 bis 2025 integral digitalisiert. Parallel dazu entstand in Zusammenarbeit mit dem Data Science Lab der Universität Bern ein Prototyp für die virtuelle Zusammenführung des Gesamtnachlasses. […] ‚Ulrich Becher digital‘ stellt also durch die gemeinsame Präsentation der Teilnachlässe ursprüngliche Zusammenhänge wieder her, verbindet die verstreuten Teile virtuell zu einem Ganzen, rekonstruiert sozusagen den Nachlass von Ulrich Becher.“4

Die nun erschienene Publikation ist ein weiterer wichtiger Teil dieser Zusammenarbeit. Sie versammelt zahlreiche Expert*innen, die sich in ihren Beiträgen unterschiedlichen Aspekten des Werks Ulrich Bechers sowie seiner Geschichte und Rezeption widmen (s. Inhaltsverzeichnis). Heft Nr. 247 der TEXT+KRITIK-Reihe schließt somit eine Lücke der Literatur- und Exilforschung.

TEXT+KRITIK
Begründet von Heinz Ludwig Arnold
Herausgegeben von Meike Feßmann, Axel Ruckaberle, Michael Scheffel und Peer Trilcke
Leitung der Redaktion: Claudia Stockinger und Steffen Martus

Sylvia Asmus / Moritz Wagner (Hg.)
Heft 247: Ulrich Becher

Inhaltsverzeichnis

Sylvia Asmus / Moritz Wagner
Ulrich Becher digital. Zur virtuellen Zusammenführung eines geteilten Exilnachlasses

Ulrich Becher
Heimkehr in die alte Welt

Josephina Bierl
Ulrich Bechers Frühwerk. „Die Eroberer. Geschichten aus Europa“

Marlen Eckl
Ulrich Becher. Die literarischen Werke aus dem brasilianischen Exil

Martin Roda Becher
Weitab vom Schuss. Anmerkungen zu „Spiele der Zeit“ und „Samba“ im Besonderen

Martin Vejvar
„Freundschaft, deren Kürze und jähes Ende mich heute noch als ein Grauenhaftes drangsaliert“. Ulrich Becher und Ödön von Horváth

Oliver Binder
Vom Herrn Neidinger zum „Bockerer“. Ergänzungen, Kontexte, Korrekturen

Magnus Wieland
der Wahn/der Wään. Dada-Parodie und Exil-Schizophrenie in Ulrich Bechers New Yorker Novelle „Nachtigall will zum Vater fliegen“

Michael Töteberg
Verlagsinterna. Eine literarische Karriere, gespiegelt in Korrespondenzen, Aktennotizen und Lektoratsgutachten

Ulrich Weber
„Viertens wirste für später gebraucht“. Ulrich Becher und die Rettung des Expressionismus

Eva Menasse
Lebendige Spiegel. Tierdarstellungen bei Ulrich Becher

Martin Roda Becher / Moritz Wagner
Zwischen ‚Geisterbahn‘ und ‚Zauberwald‘. Ulrich Becher im Exil.
Ein Gespräch

Chronik
Auswahlbibliografie
Notizen

  1. Pressetext des Verlags zur Publikation TEXT+KRITIK, Heft 247: Ulrich Becher. URL: https://www.etk-muenchen.de/search/Details.aspx?ISBN=9783689300753 [03.07.2025] ↩︎
  2. Künste im Exil, [Beitrag] Ulrich Becher. URL: https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/ulrich-becher.html [03.07.2025] ↩︎
  3. Data Science Lab der Universität Bern, Projektwebseite (Prototyp): Ulrich Becher digital: Über das Projekt. ↩︎
  4. Sylvia Asmus/Moritz Wagner: „Ulrich Becher digital. Zur virtuellen Zusammenführung eines geteilten Exilnachlasses“. In: TEXT+KRITIK, Heft 247: Ulrich Becher, hrsg. v. Sylvia Asmus und Moritz Wagner. 2025, S. 310, hier S. 9. ↩︎
*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Esther Pfirther (1974)

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden erst veröffentlicht, nachdem sie von uns geprüft wurden.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Über uns

Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek Deutschlands.

Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

Ob Bücher, Zeitschriften, CDs, Schallplatten, Karten oder Online-Publikationen – wir sammeln ohne Wertung, im Original und lückenlos.

Mehr auf dnb.de

Schlagwörter

Blog-Newsletter

In regelmäßigen Abständen erhalten Sie von uns ausgewählte Beiträge per E-Mail.

Mit dem Bestellen unseres Blog-Newsletters erkennen Sie unsere Datenschutzerklärung an.

  • ISSN 2751-3238