Der magische Realist
Daniel Kehlmann zum 50. Geburtstag und der „Vermessung der Welt“ zum 20. Jubiläum
Daniel Kehlmann ist einer von Deutschlands bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellern, und Die Vermessung der Welt begeisterte im Jahr 2005 nicht nur die deutsche, sondern auch die internationale Literaturszene. Ein Bestseller, made in Germany! Und so erfolgreich, dass er inzwischen als Bühnenfassung, als Hörspiel, als Ausstellung aus dem Jahr 2011 in Graz und natürlich als Drehbuchbearbeitung zu der Verfilmung von Regisseur Detlev Buck im Jahr 2012 adaptiert wurde.

Cover mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt-Verlages, Hamburg
Gauß und Humboldt – eine furios fiktive Geschichte
Am 13. Januar 2025 feierte Daniel Kehlmann seinen 50. Geburtstag. Der Autor schaut jugendlich aus dem Buchumschlag hervor – den aktuellen Fotos sieht man sein halbes Jahrhundert Lebensjahre nicht an. Sein berühmter Roman führt uns mehr als 200 Jahre in die Zeit der industriellen Revolution zurück und wirkte dabei bereits zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung bezaubernd zeitlos. Die Vermessung der Welt verwebte für ihre Leser*innen episodenhafte Geschichten über die Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.
Schlägt man das Buch 20 Jahre nach dem ersten Lesen auf, scheint kaum Zeit vergangen, man begrüßt die Figuren auf den Buchseiten wie alte Bekannte und findet sich schnell wieder zurecht auf dem vertrauten Terrain. Das ist erstaunlich und erfreulich, denn viele Geschichten, in Buchform oder verfilmt, halten den Gefühlen, die sie einst weckten, nach so langer Zeit nicht stand.
„Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte. Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett.“
So beginnt die Geschichte um den Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden Alexander von Humboldt und den Mathematiker, Astronom und Geodäten Carl Friedrich Gauß. In dieser fiktiven und selektiven Doppelbiografie erleben wir zwei gelehrte Geister und Zeitgenossen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, so nah, als hätten sie dem Schriftsteller über die Schulter geschaut und ihm ins Ohr geflüstert. Manchmal etwas zu nah, möchte man meinen – denn auch wenn Kehlmann seine Charaktere auf realen historischen Vorbildern gründet, nutzt er Verfremdungen und Fiktionen, um eine eigene Geschichte zu erzählen. Dieses Stilmittel wird als „gebrochener Realismus“ bezeichnet – die vermeintlichen historischen „Fehler“ sind also vielmehr bewusstes Stilmittel. Das bietet Kehlmann auch die Freiheit, Dialoge humorvoll zu verfeinern. Sein intelligenter Wortwitz lugt immer wieder aus den Serifen des Schriftsatzes hervor und sorgt dafür, dass man sich über das dynamische und schräge Duo, so wie es Kehlmann ausschmückt, herrlich amüsieren kann: Humboldt als getriebener, neurotischer Reisender und Gauß als der weltfremde, häusliche Stubengelehrte.
Der „echte“ Alexander von Humboldt war dagegen weniger ein humorloser Forscher, der in Uniform den Urwald durchstreifte (er reiste als Privatier nach Südamerika und nicht als preußischer Beamter). Er war eher „Kosmopolit“, im Denken über die Natur und das Klima seiner Zeit voraus. Die Vielschichtigkeit des realen Vorbilds gegenüber der Romanfigur gilt auch für Humboldts Freund und treuen Begleiter Aimé Bonpland, einen bedeutenden französischen Botaniker. Im Roman dient er – entgegen der historischen Vorbild – in der Rolle des Müßiggängers und Schürzenjägers als Gegenpol zu dem rationalen, geradezu asexuellen Humboldt. Bonplands Name findet sich übrigens in der Deutschen Nationalbibliothek auch an ungewöhnlicher Stelle: als Namensgeber für eine App zur Magazinkartierung. Humboldts literarischer Gegenpart Gauß sollte in der Realität ebenso wenig auf einen kauzigen Mathematiker reduziert werden. Von ihm sind zahlreiche Briefe erhalten geblieben, die einen komplexen Menschen zeigen, der Fremden gegenüber abweisend sein konnte, sich jedoch in seinem näheren Umfeld sehr einfühlsam und gesellig zeigte. Davon zeugen auch langjährige Freundschaften – etwa zu Friedrich Wilhelm Bessel, der später in der Kartographie ebenso häufig wie Gauß Erwähnung finden sollte.
Vermessung und Vermessenheit
Die Vermessung bildet sowohl im Buch als auch in der Realität ein verbindendes Element von Humboldt und Gauß. Immer wieder schafft es Kehlmann, diese faszinierende Thematik anzutippen: wie war es möglich ohne Flugzeug, ohne Satellitenbilder einen „Blick von oben“ auf die Erde zu Papier zu bringen, der dabei auch noch exakte Raumbezüge abbilden kann? Grundlage waren auf der einen Seite moderne Instrumente, mit denen sich Humboldt vor seiner Reise eingedeckt hatte. Im Buch auf Seite 37 erfahren wir, was Kehlmann seinem Humboldt mit auf die Reise gibt: Zwei Barometer, ein Hypsometer, einen Theodolit, Spiegelsextant, Inklinatorium, Haarhygrometer, Eudiometer, eine Leydener Flasche, ein Cyanometer und zwei Chronographen.
So dienten beispielsweise die beiden Uhren der exakten Positionsbestimmung des Längengrades. Sie werden auf die Exakte Zeit des verwendeten Null- bzw. Referenzmeridians eingestellt – heute der Meridian von Greenwich. Die zweite Uhr diente in erster Linie der Redundanz. Die Ortszeit bestimmte man durch den örtlichen Höchststand der Sonne. Da die Erde sich in einer bestimmten Zeit um die eigene Achse dreht und in einem festen Verhältnis zum Längenunterschied steht, erlaubt die Zeitdifferenz zwischen beiden Werten die Positionsbestimmung.
Um für eine exakte Position auch noch die geographische Breite bestimmen zu können, nutzte Humboldt einen Sextanten. Durch Anpeilen der Gestirne am Himmel und Ablesen des Winkels am Gerät lässt sich feststellen, wie weit nördlich oder südlich man sich vom Äquator bewegt.
Da der Sextant zur Messung von Winkeln dient, lässt sich mit ihm z.B. auch näherungsweise die Höhe eines Objektes (am Beispiel eines Berges) ermitteln. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man die Entfernung zwischen dem angepeilten Punkt und seiner eigenen Position kennt. Der Rest ist reine Mathematik, indem man durch die gemessenen und bekannten Winkel bzw. Dreiecksseiten die übrigen Seiten berechnet. Die exaktere Höhe (für damalige Verhältnisse) wurde dann idealerweise vor Ort bestimmt. Mehrfach misst Humboldt den örtlichen Luftdruck, mit dessen Hilfe man mittels entsprechender Formeln die lokale Höhe errechnen kann. Der Luftdruck wirkt sich aber noch in einem anderen Effekt aus, der eindrucksvoll auf Seite 176 geschildert wird.
Bei der Besteigung des Chimborrazo kocht Humboldt einen Topf mit Wasser und bestimmt die Siedepunkt. Auf Meereshöhe liegt dieser bei 100 °C – je höher man kommt, desto niedriger ist die Temperatur, bei dem Wasser zu sieden beginnt. Was theoretisch heute mittels Satellitentechnik weit präziser bestimmt werden kann, musste damals mit solchen riskanten Expeditionen ermittelt werden, um die „terra incognita“ stetig kleiner werden zu lassen.

Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0 | Leibniz-Institut für Länderkunde e.V.
Der Theodolit als Teil von Humboldts Ausrüstung bildet neben der bereits beschriebenen „Trigonometrie“ (der Berechnung der Seiten eines Dreiecks, wenn man eine Seite und mindestens zwei Winkel kennt) ein verbindendes Element unserer beiden Protagonisten. Carl Friedrich Gauß scheint seine Rolle als Vermesser oder „Geodät“ im Roman nur widerwillig und des Geldes wegen auszuüben. Im Kapitel „der Garten“ will Gauß für die Triangulation des Königreichs Hannover eine Schneise in einen Wald und in einen Schuppen reißen. Der Grund, so erfahren wir, sei die benötigte freie Sichtachse, um den gegenüberliegenden Knotenpunkt einer Messstrecke anpeilen zu können. Auch hier wurden von einer mittels Messkette, Invardraht o.ä. exakt vermessenen Grundlinie (im Falle von Sachsen zum Beispiel die sogenannte „Großenhainer Grundlinie“) wieder über Winkel die übrigen Seiten/Entfernungen des „Dreiecks“ berechnet. Von den Eckpunkten konnte man neue Messknoten bilden und weitere Dreiecke ausmessen. Oder um es philosophischer zu formulieren „Wo nur Moos, Steine und Graskuppen gewesen waren, spannte sich jetzt ein Netz aus Geraden, Winkeln und Zahlen“ (S. 268).
Damit man nicht, wie im Falle von Gauß, überall Schneisen und Breschen in die Landschaft schlagen muss(te), nutzte man häufig auch hohe Gebäude wie Kirchtürme oder spezielle Messtürme aus Holz, sogenannte „Signaltürme“. Wie im Roman, revolutionierte auch der echte Gauß die Vermessung durch die Erfindung des „Heliotrops“, eines Spiegelsystems, das Sonnenlicht über große Distanzen als präzises Zielzeichen (Signal) reflektierte. Es ist nur eine von vielen Innovationen des modernen Vermessungswesens, die wir Gauß verdanken. Den Erfolg seiner bahnbrechendsten Entwicklung sollte Gauß dabei gar nicht mehr erleben: Um das Problem der Erdkrümmung bei der Erfassung geographischer Positionen in Karten zumindest für kleinere Gebiete zu lösen, konstruierte Gauß ausgehend von bestimmten Mittelmeridianen ein winkeltreues Koordinatensystem, das es ermöglicht, Positionen auf der Erdoberfläche mit metrischen Koordinaten, sogenannten Rechts- und Hochwerten) darzustellen. Es basiert auf einer transversalen Zylinderabbildung, bei der Meridianstreifen von drei Längengraden auf einen Zylinder abgebildet werden. Der Mittelmeridian wird dabei längengetreu dargestellt, was bedeutet, dass die Abstände entlang dieses Meridians korrekt sind. Johann Heinrich Louis Krüger veröffentlichte das System nach Gauß‘ Tod. Es wurde in Deutschland 1923 eingeführt und später auch von vielen anderen Ländern übernommen und bis zur finalen Ablösung durch das UTM-System bildeten die „Gauß-Krüger-Koordinaten“ einen festen Bestandteil von insbesondere amtlichen topographischen Karten, wie sie in der Kartensammlung der DNB zu finden sind.
Was bleibt letztlich von all dieser Vermessung, von dem möglicherweise „vermessenenen“ Ziel, die Welt wissenschaftlich zu erfassen, die „terra incognita“ zu bezwingen? Im Falle des unglaublichen Datenschatzes, welchen Humboldt zusammen mit Bonpland auf seinen Reisen sammelte – seien es geologische Proben, exotische Pflanzen oder eben Messwerte – diente dieser später als empirische Grundlage für seine geografischen und physikalischen Beschreibungen der Welt. Der « Atlas Géographique et Physique des Régiones Équinoxiales du Nouveau Continent » dokumentiert beispielsweise in topografischen Karten, thematische Karten und Landschaftsprofilen die Ergebnisse von Humboldt’s und Bonplands Amerika-Reise. All das floss auch in sein Spätwerk „Kosmos“ ein, dem monumentalen Versuch, das gesamte damals verfügbare Wissen über die Welt in einer zusammenhängenden Darstellung zu verschmelzen.

Die vermessene Welt in der GND
Apropos Datenschatz: Der Normdatensatz des Werkes in der Gemeinsamen Normdatei, GND, illustriert eindrucksvoll, in wie viele und welche Sprachen „Die Vermessung der Welt“ übersetzt wurde. Die übersetzten Buchtitel sind dort als „andere Titel“ aufgeführt. Mit dem Normdatensatz kann man nach anderen Büchern suchen, die die Vermessung der Welt zum Thema haben. In der bibliothekarischen Fachsprache nennen wir dies, ein Buch „zum Gegenstand“ zu haben – als Bibliothekar*in verlinkt man den Werktitel des Buches (es gibt eigene Werktitel für die Verfilmung, die Bühnenbearbeitung und das Hörspiel, da sie wiederum eigenständige Schöpfungen, also Werke sind) mit dem Titeldatensatz des Buches und macht es so sachlich suchbar. Schaut man in den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, findet man unter anderem eine aktuelle Hochschulschrift von 2025, die sich mit der Literarischen Gestaltung historischer Biographien in ausgesuchten Werken der deutschsprachigen Literatur zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert : Nadolny, Kehlmann, Kracht, Ransmayr beschäftigt, ein literaturwissenschaftliches Werk mit dem Titel Literarische Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie : Kehlmann – Del Giudice – Serres, ein Lehrmittel für Schüler unter dem Titel Textanalyse und Interpretation zu Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann und eine weitere Hochschulschrift, die das Bestsellermarketing : Erfolgsfaktoren auf dem literarischen Markt der Gegenwart ; Süskind – Schlink – Kehlmann untersucht.
Wir sehen: wie bei Gauß spannen sich unsichtbare, verbindende Linien zwischen Knotenpunkten und mit Humboldts Worten kann auch die GND in gewisser Weise zeigen: „Alles hängt mit allem zusammen“.






