„Ein Spezialist für klare Urteile“

8. Juni 2022
von Jürgen Kaube

Rede des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Marcel Reich-Ranicki. Ein Leben, viele Rollen“ am 2. Juni 2022 in Frankfurt.

Jürgen Kaube während seines Vortrags bei der Ausstellungseröffnung am 2. Juni 2022 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt.

Marcel Reich-Ranicki war der berühmteste Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und wird das, aller Voraussicht nach, auch noch eine Weile bleiben. In Frankfurt kannten ihn die Taxifahrer, eine Bekanntheit, die Literaturkritiker nur recht selten erreichen. Heute habe ich jemanden gefragt, der ihn sehr oft gefahren hat, wie er denn so war. Die kurze Antwort: „Er war cool“. Das ist eine überraschende Beschreibung von jemandem, der leicht entzündet werden konnte, eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit hatte, oft explodierte. Die Übersetzung von „cool“ mit „kühl“ träfe ihn jedenfalls nicht. Doch es war etwas anderes gemeint. Cool war Marcel Reich-Ranicki, weil es ihn wenig scherte, was andere gerade dachten. Er urteilte über Literatur und auch sonst ohne Rücksicht auf die Erwartungen Dritter. Die Sorge, vom gängigen Urteil abzuweichen, plagte ihn nicht. Die Freude, im Chor zu singen, war ihm nicht eigen.

Seine ästhetischen Kriterien waren dabei nicht kompliziert. 1974 kommentierte er einmal den Vorschlag von Günter Grass, bei der Büchergilde Gutenberg eine Arbeiterbibliothek einzurichten. Vorhergegangen war eine soziologische Studie, die wenig überraschend einen Zusammenhang zwischen Bücherlesen und Bildungsabschluss herausgefunden hatte. Den „lesenden Arbeiter“ schien es nicht mehr zu geben. Reich-Ranicki bezweifelte, ob es ihn jemals gegeben hatte. Grass wollte der Arbeiterschaft Literatur wieder nahebringen. Auf seiner Leseliste stand beispielsweise der „Simplizissimus“ von Grimmelshausen, weil dessen Held ein gemeiner Mann war. Reich-Ranicki wandte ein, das Buch sei selbst für Studenten schwierig zu lesen. Kleist und Büchner wollte Grass von Arbeitern gelesen sehen, weil sie die Ahnen von Kafka und Brecht waren. Das war auch so ein Aspekt, von dem Reich-Ranicki argwöhnte, dass er für Arbeiter gar keine Rolle spielen würde. Sein Argument war, die Leute läsen ausschließlich, um unterhalten zu werden, weswegen ein populärer Kanon amüsante und spannende Bücher enthalten müsse, nicht solche, mit denen Gymnasialbildung nachgeholt werden kann. Man darf ergänzen, dass es auch der Gymnasialbildung guttäte, den Schülern amüsante und spannende Bücher nahezubringen, bevor man ihnen mit Gedichten Schillers kommt. Die Liebe zur Literatur wird nicht durch Mühsal und Moral erweckt.

Marcel Reich-Ranicki war Literaturkritiker. Die Aufgabe dieses Berufs hat er in seiner Dankesrede zur Empfang des Ludwig-Börne-Preises 1995 so bestimmt: Es sei eine Kreuzung von Wissenschaft und Journalismus. Das wirkt insofern überraschend als Reich-Ranicki keiner Nähe zur  universitären Literaturwissenschaft verdächtig ist. Dennoch formuliert er, Wissenschaft ohne Journalismus sei unwirksam, Journalismus ohne Wissenschaft aber geradezu schädlich. Womöglich verstand er dabei unter Wissenschaft das insistente und argumentierende Studium der Literatur, das den Kritiker über bloße Geschmacksurteile hinaushebt.

Berühmt geworden ist Marcel Reich-Ranicki nicht durch die Zeitung, sondern durch das Fernsehen, mit dem er eine „Vernunftehe“ einging. Den dortigen Erfolg hatten aber die langen Jahre als Literaturkritiker in der Zeitung vorbereitet. Er kannte sich durch leidenschaftliches, diszipliniertes und nachdenkliches Lesen in seinem Gebiet aus, er war ein Spezialist. Ein Spezialist für klare Urteile. Seine hohe Reaktionsgeschwindigkeit im Gespräch über Bücher kam daher, sein Witz und seine Begabung zur Schauspielerei kamen hinzu. Was das Publikum, dem er sich nie lächelnd aufdrängte, an ihm faszinierte, war vermutlich jene aus Kenntnis entspringende, unterhaltsame Spontaneität seiner Äußerungen. Es ist einfach erfreulich, jemanden zu sehen, der keine Angst hat.

Jürgen Kaube ist Journalist und Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Die Eröffnungsrede erschien am 3. Juni 2022 auch in der FAZ.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Alexander Paul Englert

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