Los 107. Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten

12. Juni 2022
von Carola Staniek

Nach kurzem Bietergefecht fällt auf der Auktion von Zisska & Lacher in München der Hammer bei 750 Euro. Und das Deutsche Buch- und Schriftmuseum ist um ein Briefkonvolut reicher.

Konvolut von fünf Briefen und ein Buch
Fünf Briefe an Professor Dr. Schramm aus dem erworbenen Konvolut und das von ihm herausgegebene „Taschenbuch für Exlibris-Sammler“. Foto: DNB, CC-BY-SA 3.0

Der Bibliotheksdirektor als Exlibris-Sammler

Empfänger der 38 Briefe und Postkarten, versendet zwischen 1915 und 1936, ist Albert Schramm, der von 1913 bis 1928 die Direktorenstelle des Leipziger Buchmuseums einnahm. Der Buchwissenschaftler, Stenograf und bekannte Esperantist war selbstverständlich auch an den seiner Zeit in Mode gekommenen Exlibris interessiert. Diese grafisch gestalteten Zettel wurden, mit dem Namen des Eigentümers versehen, als Zeichen des Besitzes in den Vorderdeckel eines Buches einklebt. Über ihre Funktion als Bucheigner-Zeichen hinaus entwickelten sich Exlibris wie Briefmarken und Postkarten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einem begehrten Sammler- und Tauschobjekt.

Der Exlibris-Sammler als Netzwerker

Umschlag mit Titel und Abbildung des Exlibris für Marise Bohn
Taschenbuch für Exlibris-Sammler. Herausgegeben von Albert Schramm. Leipzig, Wilhelm Goldmann Verlag, 1924.

Albert Schramm wollte aber nicht nur sammeln, sondern die Exlibris-Sammler und Exlibris-Künstler einander näherbringen. Eigens dafür konzipierte er ein ab 1924 jährlich erscheinendes Taschenbuch für Exlibris-Sammler, das in kurzen Aufsätzen den Gegenstand beleuchtete und mit einem Verzeichnis der Exlibriskünstler auf deren Schaffen und angewandten Techniken aufmerksam machte. Für sein Verzeichnis erbat sich Schramm von den Produzenten, deren Anschrift, den Geburtstag und die berufliche Stellung. Von 19 Künstlern sind die Antworten in dem Briefkonvolut überliefert. Während die einen die Fragen nur knapp mit den gewünschten Angaben versahen, nutzten andere wie Otto Orlando Kurz (18811931) die Gelegenheit, sich detailliert über ihr künstlerisches Schaffen zu äußern.

Künstler äußern sich über ihre Kunst

Unter den Verfassern der Antwortschreiben, die das Konvolut bereichern, befinden sich bedeutende Künstler, wie Johann Vincenz Cissarz (18731942), Emil Preetorius (18831973) und Ludwig von Hofmann (18611945). Vom Maler, Buchgestalter und Plakatentwerfer Cissarz erfahren wir in seiner Antwort

Maschinenschriftlicher Brief mit gedrucktem Briefkopf
Brief von Johann Vincenz Cissarz vom 10. Februar 1924. Foto: DNB, CC BY SA 3.0 DE

vom 10. Februar 1924 Details über seine Bücherzeichen: wann er mit deren Produktion begann und in welcher Technik er diese vervielfältigte. Er plädiert für eine „Bucheigner-Marke, ein signethaftes schwarz-weiss oder mit Farben gesteigertes Holzschnittgebilde in der Formensprache der Letter“ als bewussten Entwurf „gegen ein bildhaftes Exlibris“.

Der Maler und Grafiker Ludwig von Hofmann, der unter anderem das Wandgemälde im großen Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig schuf, schätzte seine Arbeit auf dem Gebiet der Exlibriskunst in seiner Antwort wenig hoch ein und legte folglich auch keinen Wert darauf, als Exlibriskünstler bekannt zu werden. Der eigentliche Zweck, die Kennzeichnung eines Buches als Eigentum, urteilte er, sei längst in den Hintergrund getreten und so möchte er den „sonderbaren Sammeltrieb und Tauschsport“ nicht goutieren.

Schramm wandte sich auch an Otto Orlando Kurz, der eigentlich als Architekt in München tätig war. Aus dessen Scheiben vom 31. Januar 1924 erfahren wir, dass er das Herstellen der Kleingrafiken „als eine künstlerische Spielerei“ betrieb, wofür er dem Brief zwei Belege beifügte.

Ein Exlibris schuf er für den Orientalisten Adolph H. Helbig, es zeigt einen männlichen Akt, eine Schale mit einem Moschee-Modell haltend. Das andere für „Fries. F.“ konnte bisher nicht zugeordnet und in keiner der großen Exlibris-Sammlungen nachgewiesen werden. Für Hinweise auf den Exlibris-Eigner wenden Sie sich gern an das Buchmuseum.

Ein Künstler protegiert eine Künstlerin

Das von Schramm erarbeitete Taschenbuch erschien 1924. Darin aufgelistet sind 141 zeitgenössische Exlibris-Künstler. Beigefügt sind sechzehn, teils originale, Exlibris. Von den gerade mal neun benannten Frauen schaffte es manche erst mit Unterstützung eines Kollegen in das Taschenbuch. So schreibt der in München lebende Zeichner und Maler Heinrich Kley (18631945) am 1. Februar 1924 an Schramm:

Rot markierter Texteintrag
Eintrag für Erica Lehrke im „Taschenbuch für Exlibris-Sammler“

„… ich selbst komme für das Taschenbuch nicht in Betracht, da ich wohl früher gelegentlich einmal ein Exlibris zeichnete aber längst davon abgekommen bin. Dagegen möchte ich Ihnen eine mir bekannte junge Künstlerin empfehlen und lege 4 von ihr stammende Originalholzschnitte bei …“. Erika Lehrke wird mit dieser Empfehlung in das Künstlerverzeichnis aufgenommen.

Der Plan für eine zweite Ausgabe

Handschriftlicher Brief mit Holzschnitt-Signet des Künstlers.
Brief von Jakob Karl Buser-Kobler an Albert Schramm vom 15. März 1936. Foto: DNB, CC BY SA 3.0 DE

Erst 1936, Albert Schramm bereitete gerade eine größere Exlibris-Ausstellung vor, erbittet er sich wieder Angaben für das Künstlerverzeichnis einer zweiten Ausgabe des Exlibris-Taschenbuches, wie aus weiteren Briefen des Konvoluts hervorgeht. Die zweite Ausgabe des Taschenbuchs, die der Buchwissenschaftler plante, kam nicht mehr zustande. Albert Schramm starb nach längerer Krankheit am 25. Oktober 1937 im Alter von 57 Jahren.

Das erworbene Konvolut ist mit seinen 38 Briefen und Postkarten, den vier beiliegenden Exlibris sowie dem mit handschriftlichen Eintragungen versehenen Taschenbuch heute Teil der Sammlung Archivalien und Dokumente zur Buchgeschichte und über das Portal der Deutschen Nationalbibliothek nachgewiesen.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB

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