Unendliche Weiten …

19. Oktober 2021
von Christine Hartmann

Gutenberg-Preis 2021 für Judith Schalansky

Ich wünsche mir bestimmte Bücher, und wenn sie keiner macht, muss ich sie eben selbst machen.

Judith Schalansky

Der Gutenberg-Preis, verliehen im jährlichen Wechsel von den Städten Leipzig (seit 1959) und Mainz (seit 1968), geht in diesem Jahr an eine der originellsten zeitgenössischen Stimmen der Gegenwartsliteratur: Judith Schalansky ist Autorin, Buchgestalterin und Herausgeberin, deren Positionen zum Verhältnis von Inhalt und Form in der Buchlandschaft ihresgleichen sucht. Ihre Bücher zeichnen sich durch den großzügigen Blick auf das Ganze und die Konzentration auf das kleinste Detail aus. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum Leipzig widmet der Preisträgerin vom 23. Juni 2021 bis 30. Januar 2022 eine Foyerausstellung.

„Die Wirklichkeit ist doch das Unglaublichste“

Ausstellungsraum der Ausstellung Unendliche Weiten ...im Deutschen Buch- und Schriftmuseum
Ausstellung des Dt. Buch- und Schriftmuseums der Dt. Nationalbibliothek anlässlich des Gutenberg-Preises der Stadt Leipzig 2021 (Juni 2021 bis Januar 2022). Foto: Christine Hartmann CC BY SA 3.0

Die Welt der Judith Schalansky reicht von den Sporen der Pilze über Flora und Fauna hin zum Meer bis ins Weltall und zurück. „Die Wirklichkeit ist doch das Unglaublichste“, sagt sie und fängt die Welt zwischen zwei Buchdeckeln ein. Mit dem Typografie-Kompendium „Fraktur Mon Amour“ veröffentlichte die 1980 in Greifswald geborene Autorin ihr hochgelobtes Debüt, das sie 2006 direkt im Anschluss an ihr Studium der Kunstgeschichte und des Kommunikationsdesigns in Berlin und Potsdam veröffentlichte. Beide Studienrichtungen sind prägend für ihre Arbeitsweise, die von präzisen Recherchen und Beobachtungen gezeichnet ist und stets das gestaltete Buch im Blick hat.

Weitere prämierte und in zahlreiche Sprachen übersetzte Werke hat Schalansky inzwischen veröffentlicht, darunter „Der Hals der Giraffe“, „Atlas der abgelegenen Inseln“ und „Verzeichnis einiger Verluste“.

Als Herausgeberin zeichnet sie zudem verantwortlich für die Buchreihe „Naturkunden“ beim Verlag Matthes & Seitz, in der inzwischen mehr als 70 Titel erschienen sind – vom Esel über die Fliege und den Igel zum Habicht bis zum „Leben ohne Ende“. Judith Schalanskys Profession auf all diesen Gebieten prädestiniert sie in gleich mehrfacher Hinsicht für den Gutenberg-Preis.

Eine Ausstellung zum Anfassen

Die Foyer-Präsentation „Unendliche Weiten …“ im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek nimmt die Leidenschaft der Buchgestalterin zum Ausgangspunkt für eine Reise in ihren facettenreichen Themen- und Bilderkosmos. Zahlreiche Artefakte aus der Sammlung der Autorin geben persönliche Einblicke in ihr Schaffen und vergegenwärtigen ihre Rollen beim Schreiben, Gestalten und Kuratieren. Die intensivste Begegnung mit der Preisträgerin findet jedoch über ihre Publikationen statt. Die Ausstellung bietet daher gemütliche Plätze zum Lesen und Hineinhören in ihre Bücher. Vor allem aber können die stark auf eine ansprechende Haptik gestalteten Bücher Schalanskys „begriffen“ und erspürt werden.

Ausstellungsraum der Gutenberg-Preis-Ausstellung
Ausstellung des Dt. Buch- und Schriftmuseums der Dt. Nationalbibliothek anlässlich des Gutenberg-Preises der Stadt Leipzig 2021 (Juni 2021 bis Januar 2022). Foto: Christine Hartmann CC BY SA 3.0

Die Preisverleihung fand am 22. Juni 2021 und pandemiebedingt erstmals im Turmhof der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig statt. Oberbürgermeister Burkhard Jung übergab Judith Schalansky den Gutenberg-Preis vermutlich erstmals in der Geschichte des Preises unter freiem Himmel. Die Laudatio auf die Preisträgerin hielt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus. Er hatte dazu auch „ein paar gedruckte Bücher mitgebracht, auch wenn das in Leipzig so aussehen muss wie Eulenimport nach Athen“ und verlas seine Rede von einem Manuskript, das in gebrochener Schrift gesetzt war – als Verweis auf Schalanskys Interesse an diesen Schriftenarten und ihr Erstlingswerk „Fraktur Mon Amour“.
Den Satz gebrochener Schriften setzte die Autorin in ihrer Dankesrede in einen biografischen und essayistischen Kontext, der Leipzig, Bleisatz, Gutenberg und das Büchermachen umfasste und nicht ohne Kritik am geliebten Medium Buch blieb: „Auch Bücher, sei an dieser Stelle erinnert, sind nicht per se gut. Es gab schon immer Bücher, die ihre hasserfüllte, den Verstand zersetzende Wirkung dank des Gutenberg’schen Geschäftssinns verbreiten konnten. Manche sind auch einfach nur lieblos oder dumm. Mittlerweile erlaube ich mir ohne den leisesten Anflug von Reue, das eine oder andere Exemplar in den Altpapiermüll zu entsorgen und damit der Wiedergeburt seiner Rohstoffe in einem sinnvolleren Erzeugnis nicht länger im Wege zu stehen. Denn der Energiekreislauf lehrt, dass nichts wirklich verschwindet.“

Ein Preis für die Buchkunst

Mit dem Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig werden seit 1959 im Gedenken an Johannes Gutenberg Persönlichkeiten und Einrichtungen geehrt, die sich laut Satzung „durch hervorragende, beispielgebende Leistungen um die Förderung der Buchkunst verdient machen“. Gewürdigt werden besondere künstlerische, technische oder wissenschaftliche Leistungen der Bereiche Typografie, Buchillustration, Buchkunstedition, Buchherstellung sowie Verdienste bei der Verbreitung des freien Wortes. Seit 1993 wird er im jährlichen Wechsel mit dem gleichnamigen Preis der Stadt Mainz verliehen. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum ist Mitglied der Jury.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Deutsche Nationalbibliothek, Christine Hartmann, CC-BY-DE 3.0.

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