„Die Hand ist das Fenster zum Geist“
Erik Spiekermann erhält den Gutenberg-Preis 2026
Der Gutenberg-Preis, der seit 1959 in Leipzig und seit 1993 alternierend in Mainz und Leipzig verliehen wird, geht in diesem Jahr an Herrn Professor Dr. h.c. Erik Spiekermann, Berlin.

Eric Spiekermann gilt zurecht als Popstar im Bereich Corporate Design und Typografie in Deutschland. Er entwickelte unter anderem das Leitsystem der Berliner Verkehrsbetriebe, entwarf Schriften und Corporate-Design-Systeme für Unternehmen wie Bosch, Cisco oder Boehringer Ingelheim und prägte Medienmarken wie The Economist, Le Monde diplomatique oder das ZDF. Seine Arbeiten begegnen jeden Tag Millionen Menschen – oft unbemerkt, aber hochwirksam. Spiekermann gehört zu den prägendsten Typografen und Gestaltern Europas. Seit Jahren arbeitet er zudem daran, traditionelle Buchdruckverfahren für das digitale Zeitalter neu nutzbar zu machen – daher haftet ihm auch der Name „Gutenberg 2.0“ an.
Vergeben wird der Preis 2026 von der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft und der Stadt Mainz. Die Laudatio – ein Feuerwerk an kluger Wertschätzung, Wortwitz und jahrzehntelanger Connaisseurship – hielt die Verlegerin und ehemalige Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, die ihre Rede eher als „Lectio“ denn als Laudatio verstanden wissen möchte. Im Zentrum: das Lernen von Erik Spiekermann, diesem neugierigen Geist, unermüdlichen Macher und leidenschaftlichen Vermittler, der Generationen von Gestalterinnen und Gestaltern geprägt habe. „Wenn Gutenberg den Lettern das Laufen beigebracht hat, dann lehrte Erik sie das Fliegen“, formulierte Schmidt-Friderichs in ihrer viel beachteten Rede. Dabei zeichnete sie das Bild eines Menschen, der stets bereit war, Konventionen zu hinterfragen, neue Wege zu gehen und andere für seine Ideen zu begeistern.

„Mit Erik Spiekermann ehren wir einen Gestalter, der unsere visuelle Kultur über Jahrzehnte geprägt hat“, erklärte der Mainzer Oberbürgermeister und Präsident der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft, Nino Haase. „Er hat nicht nur Schriften entworfen, sondern Orientierung geschaffen – im öffentlichen Raum ebenso wie im digitalen Alltag. In einer Zeit, in der Informationen immer schneller und unübersichtlicher werden, zeigt sein Werk eindrucksvoll, dass gute Gestaltung Verständlichkeit, Teilhabe und kulturelle Identität ermöglicht.“
In Fachkreisen gilt Spiekermann seit Jahrzehnten als Ausnahmefigur. Seine berühmte Schrift FF Meta entstand ursprünglich für die Deutsche Bundespost und wurde später weltweit zu einem Klassiker der digitalen Typografie – vielfach als „Helvetica der 1990er Jahre“ bezeichnet. An ihr, die im Übrigen seit 2008 auch das Erscheinungsbild der Stadt Mainz prägt, wird anschaulich, dass Spiekermann Gestaltung nie als Selbstzweck, sondern als kulturelle Infrastruktur versteht.



Die Ehrung Spiekermanns wirkt gerade jetzt bemerkenswert aktuell. Während Künstliche Intelligenz täglich neue Bilder und Texte produziert und digitale Räume immer unübersichtlicher werden, rückt eine Frage ins Zentrum: Wie entsteht Orientierung? Spiekermanns Werk zeigt exemplarisch, wie stark Typografie Gesellschaft prägt – indem sie Information strukturiert, Lesbarkeit schafft und Menschen durch analoge wie digitale Räume führt.
Dr. Ulf Sölter, Direktor des Gutenberg-Museums, das in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag feiert, führt aus: „Mit Erik Spiekermann ehren wir einen Gestalter, der das Gutenbergsche Erbe konsequent in die Gegenwart weitergedacht hat. Spiekermann ist es gelungen, analoge Drucktechniken mit digitalen Technologien durch kluge Innovation in Verbindung zu bringen.“

Erik Spiekermann versteht seine Arbeit heute zunehmend als bewussten Gegenentwurf zur Entmaterialisierung digitaler Kommunikation. Mit seinem Projekt „Hacking Gutenberg“ verbindet er traditionelle Hochdruckverfahren mit computergestütztem Satz und neuer Produktionstechnologie. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte er einen weltweit einzigartigen Laserbelichter, der klassische Hochdruckverfahren mit den gestalterischen Möglichkeiten digitaler Typografie verbindet und damit den Letterpress-Druck für zeitgenössische Anwendungen neu erschlossen hat.
Für Spiekermann selbst liegt die Aktualität Gutenbergs heute gerade in der Rückkehr zum Analogen. „Hacking Gutenberg und die Hinwendung zum Haptischen sehe ich als Zukunftsaufgabe“, erklärt der Typograf und Buchdrucker und zitiert Immanuel Kant. „Die Hand ist das Fenster zum Geist!“ Und ergänzt: „Wir erleben gerade den Anfang vom Ende der Social Media – und darin liegt eine Chance für gedruckte Medien.“

Stephanie Jacobs
ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.
**Zitat im Titel: Immanuel Kant






