Manche mögen’s heiß!

10. Juli 2026
von Elke Jost-Zell & Petra Kuhlemann

Billy Wilder zum 120. Geburtstag

Der Filmemacher Billy Wilder mit Hut und Brille
Billy Wilder im Jahr 1996
Foto mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Historischen Museums, dhm

Knautschiges Gesicht, pfiffiger Blick hinter dicker Brille, ein keckes Hütchen auf dem Kopf – so erscheint Kinofreund*innen des klassischen Hollywood das Gesicht eines seiner genialsten Schreiber und Filmemacher – Billy Wilder.

Er war Reporter, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in einem und beherrschte die Klaviatur des Erzählens vom feinem Humor der Screwball Comedy bis zum Drama wie kaum ein anderer. Der Wert eines guten Drehbuchs war ihm nur zu bewusst, wie man in Axel Madsens Buch The New Hollywood nachlesen kann: „Achtzig Prozent eines Films besteht aus Schreiben, die anderen zwanzig Prozent in der Ausführung, also die Kamera an der richtigen Stelle zu halten und in der Lage zu sein, alle Rollen mit guten Schauspielern zu besetzen.“

Von Samuel zu Billy

Der österreichisch-amerikanische Filmschaffende Billy Wilder, der 21 Mal für den Academy Award („Oscar“) der Academy of Motion Picture Arts and Sciences nominiert wurde und ihn 6 Mal gewann, kam am 22.06.1906 als Samuel Wilder in Sucha bei Krakau, Galizien, Österreich-Ungarn zur Welt.

Er hatte einen 1904 geborenen Bruder, William Lee Wilder, geboren als Wilhelm Wilder. Seine jüdischen Eltern betrieben ein Hotel und mehrere Restaurants in Krakau und nannten ihren Sohn „Billie“. 1916 zog die Familie nach Wien, wo Wilder nach der Matura nach einem kurzen Ausflug in die Jurisprudenz seine Arbeit als Reporter für die Boulevardzeitung „Die Stunde“ aufnahm. Dem Schreiben sollte er immer verbunden bleiben, sein Leben lang definierte er sich zuallererst als Schreiber.

1927 ging Wilder nach Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Reporter verdiente er sich zusätzlich Geld als Ghostwriter für bekannte Drehbuchautoren und wurde später selbst als Drehbuchautor bei der Universum Film AG, UFA, angestellt. Er war Stammgast im berühmten Künstlerlokal Romanisches Cafe, in dem bekannte Schriftsteller, Schauspieler, Künstler, Regisseure, Journalisten und Kritiker ein- und ausgingen – die Liste der berühmten Stammgäste ist lang. Hier lernte er das Schreiben von der Pike auf, freundete sich mit dem „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch an und pflegte Bekanntschaften u.a. mit Erich Maria Remarque und Klabund (Alfred Henschke). Eine amüsante Anekdote aus seiner Berliner Zeit ist seine Artikelserie „Herr Ober, bitte einen Tänzer“, die 1927 in der Berliner Zeitung BZ am Mittag erschien und später in Die Bühne auch für die interessierte Wiener Leserschaft abgedruckt wurde. Hier schilderte er auf unterhaltsame Art seine Tätigkeit als Eintänzer bzw. Gesellschaftstänzer für vermögende Damen im luxuriösen Berliner Eden Hotel mit viel Selbstironie und Humor.

Vom Ghostwriter zum Co-Writer: Gemeinsam mit dem Autor schrieb der damals noch unbekannte Wilder das Drehbuch zu dem 1931 erschienenen, sehr erfolgreichen Film Emil und die Detektive, nach dem Kinderbuch-Klassiker von Erich Kästner. Kästner versuchte sich zunächst selbst am Schreiben des Drehbuches, scheiterte aber an seiner Unerfahrenheit in diesem Metier. Kästners Zusammenarbeit mit seinem Co-Autor Emmerich Pressburger zerbrach schon im Anfangsstadium, da Kästner mit Pressburgers Umsetzung unzufrieden war. Mit Wilders Version hingegen, die sich eng an die Romanvorlage hielt, konnte sich Kästner anfreunden.

Nach Amerika!

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verließ Wilder Deutschland und ging zunächst nach Paris, wo er sich wieder einmal als Ghostwriter für Drehbuchautoren über Wasser hielt.

Doch schon 1934 reiste er mit wenig Geld in der Tasche und nur geringen Sprachkenntnissen auf Einladung des Produzenten Joe May weiter in die USA, wo er – nun nannte er sich Billy Wilder – zunächst bei Columbia eine Anstellung fand. Nach mehreren Arbeitgeberwechseln wurde er schließlich 1936 von Paramount Pictures unter Vertrag genommen. Bemerkenswert ist, dass Wilder, der kein native speaker war, unter anderem drei Oscars für das beste Drehbuch gewann, eine Auszeichnung, die nicht nur großes Talent, sondern auch Originalität und sprachliche Virtuosität voraussetzt.

Der Durchbruch im Filmgeschäft Hollywoods gelang ihm mit der Beteiligung am Drehbuch für Ninotschka, mit Greta Garbo in der Titelrolle – eine wunderbar leichtfüßige romantische Komödie, in der die „göttliche“, aber tief ernste Garbo erstmals auf der Leinwand lachte.

Den Wechsel vom ausschließlichen Drehbuchautor zum Regisseur und Filmproduzenten absolvierte Billy Wilder ab 1942, vor allem, um die Hoheit über seine Drehbücher zu behalten (s.u.).

1945 erhielt er von der US Army den Auftrag, vorhandenes Material über die Befreiung von Konzentrationslagern zu einem Dokumentarfilm zu verarbeiten. Die Todesmühlen (Death Mills) wurde unter seiner Aufsicht unter der Regie des Exiltschechen Hanus Burger hergestellt und sollte die deutschen und österreichischen Zuschauer im Sinne der Re-Education mit den unter ihren Augen begangenen Verbrechen konfrontieren. Es sollte der einzige Dokumentarfilm bleiben, der unter seiner Aufsicht entstand. Der etwas mehr als 20-minütige Film zeigt vor allem die grauenvollen Bilder, mit denen die alliierten Soldaten bei der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager konfrontiert waren. Die Uraufführung des Films fand im Oktober 1945 statt.

Bei diesem Thema war Wilder auch persönlich besonders schmerzlich betroffen, denn seine Mutter, seine Großmutter und sein Stiefvater wurden im Holocaust ermordet.   

Sein Bruder William Lee Wilder überlebte den Holocaust dank seiner frühen Emigration in die USA.

Zunächst in New York als Geschäftsmann tätig, probierte er sich ab 1945 wie sein berühmter Bruder als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent im Filmgeschäft Hollywoods. Er erreichte jedoch nie die Erfolge seines Bruders auch nur annähernd und zog sich Ende der sechziger Jahre wieder aus dem Filmgeschäft zurück. Allerdings, die Affinität zum Film lag offenbar in der Familie, wurde sein Sohn Myles Wilder wiederum ein vielbeschäftigter Drehbuchautor, unter anderem für die TV-Serie Bonanza.

Marilyn

Billy Wilders Filmografie liest sich wie eine Empfehlungsliste für großartige Filme verschiedenster Genres seiner Zeit: Das verlorene Wochenende, Sabrina, Das verflixte 7. Jahr, Zeugin der Anklage, Boulevard der Dämmerung, Das Appartement, Das Mädchen Irma la Douce undManche mögen’s heiß, um nur einige wenige zu nennen. Besonders der Komödie verhalf er zu Höhenflügen und brachte gewitzt Themen unter, die zu dieser Zeit absolute No-gos waren, wie Crossdressing, Ehebruch und Homosexualität. Der ein oder andere seiner Filme galt daher als „moralisch bedenklich“ und die intelligente Deutlichkeit seines Humors auf der Leinwand und im Leben war gestern wie heute nichts für zarte Gemüter.

Die Stars, mit denen er arbeitete, könnten aus einem Who’s who in Hollywood stammen: Audrey Hepburn, James Stewart, Humphrey Bogart, Jack Lemon, Greta Garbo, Ray Milland, Shirley MacLaine, Marlene Dietrich, James Cagney … und Marilyn Monroe. Er drehte zwei Filme mit ihr, die am 01. Juni 2026 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte – Das verflixte 7. Jahr und Manche mögen’s heiß. Belesen, talentiert und leuchtend war die unvergessene und leider oft unterschätzte Schauspielerin, Comedienne und Sängerin – die Ikone und Filmdiva ihrer Zeit. Aber vielleicht auch ein wenig schwierig und kapriziös beim tagtäglichen Filmemachen. Sie kam nie pünktlich zum Filmset, sprach einen Drei-Wörter-Satz beharrlich falsch und spielte danach eine dreiminütige Szene sofort perfekt. Wilder rekapitulierte seine Zeit mit MM recht drastisch: „Es gibt über Marilyn Monroe mehr Bücher als über den Zweiten Weltkrieg. Darin liegt eine gewisse Ähnlichkeit: Es war die Hölle, aber es hat sich gelohnt.“ Aber er war auch der einzige Regisseur, der nicht nur einmal, sondern gleich zweimal mit ihr drehte – beides zeitlose Werke, die in die Filmgeschichte eingingen. Wilder wusste also um den Zauber und das Abenteuer Marilyn: „Sie war ein endloses Rätsel ohne jede Lösung.“

Katalogschätze

Wer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek nach Billy Wilder und seinem Werk sucht, geht auf eine kleine Entdeckungsreise – und findet im Gesamtbestand mehr als 160 Medienwerke über sein filmisches Wirken: Biografien, Betrachtungen über seine Kinoepoche, Ausstellungskataloge, Bibliografien, Rezensionen, Bildbände, Drehbücher, DVDs, Reportagen-Sammlungen, Interviews.

Wer in den Spezialsammlungen suchen möchte, wählt den Bestand des Deutschen Musikarchivs, DMA, den des Deutschen Exilarchivs, DEA, oder des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, DBSM, aus – jede davon ist eine einzigartige Sammlung.

Wir gingen auf Billy Wilders Spuren im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main …

Eine Dokumentenmappe mit der Aufschrift Billy Wilder
Dokumentenmappe Billy Wilder aus dem Archiv Günter Peter Straschek
Foto: Deutsches Exilarchiv, DEA

Billy Wilder im DEA

Das Deutsche Exilarchiv ist ein Archiv innerhalb des Frankfurter Hauses der Deutschen Nationalbibliothek mit eigenen Räumen und ganz besonderen Beständen – wir finden dort eine kleine Welt für sich. Es beherbergt zahlreiche veröffentlichte Exilpublikationen von Emigrant*innen (Schriftsteller, Journalisten, Übersetzer, Illustratoren) sowie Publikationen des Widerstands gegen das NS-Regime wie z.B. Tarnschriften. Es birgt aber auch ungedruckte Schätze wie Nachlässe, Akten, Briefkonvolute, Einzelbriefe, Manuskripte und nicht zuletzt persönliche Gegenstände als einmalige Zeugnisse der deutschsprachigen Emigration und des Exils der Jahre 1933-1945.

Auf der Suche nach Billy Wilder passieren wir die Bronzebüste von Hanns W. Eppelsheimer, dem Begründer der „Emigrantenbibliothek“ (das heutige Deutsche Exilarchiv, DEA), laufen die Holztreppe des Lesesaals hinunter und betreten die angenehmen Räume des DEA im Erdgeschoss der Deutschen Nationalbibliothek. Hier empfängt uns eine freundliche Kollegin mit einigen Mappen mit Material zu Billy Wilder aus dem Bestand des DEA. Die Richtlinien zum Umgang mit Archivmaterial im Hinterkopf (saubere Hände, Notizen mit Bleistift auf separates Papier schreiben, keine Fotos der Archivalien machen etc.), tragen wir die Mappen in den kleinen, feinen Lesesaal des DEA. Auch hier ist es hell und freundlich, mit einem herrlichen Blick in den sommergrünen Bibliotheksgarten. In der Mitte des Raumes stehen große Tische, auf denen es sich gut arbeiten lässt; wir sind umringt von niedrigen Holzwänden aus Katalogschränken und auf der anderen Seite des Flurs erlauben die Bücher der Handbibliothek Einblick in Information und Wissen. Dort befinden sich auch die Schätze des DEA in eigenen, klimatisierten Magazinen.

In den Mappen finden wir Neues und Interessantes über Billy Wilder – es sind Konvolut-Mappen aus dem Archiv des österreichischen Filmwissenschaftlers und Filmschaffenden Günter Peter Straschek, der unter anderem die Veröffentlichung einer dreibändigen Geschichte der Filmemigration aus Nazideutschland plante, die aber nie erschienen ist, eine Mappe aus den „Spalek Files“ des Literaturwissenschaftler John M. Spalek und eine Mappe des Dramaturgs, Film- und Theaterproduzenten und Kunstsammlers Rudolph S. Joseph mit dem Computerausdruck eines persönlichen Briefs an Billy Wilder. Besonders in der umfangreichen Straschek-Mappe finden wir zahlreiche Pressemeldungen und Kopien von Karteikarten, Akteneinträge mit Metadaten, Statistiken und Fragenbögen zu Billy Wilders Familie, Werdegang, Emigration, sein Maturazeugnis, filmografische Listen, Bibliografien und Hinweise zu wissenschaftlichen Arbeiten über sein Werk und Presseartikel und Interviews in drei Sprachen, z.B. aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der New York Times, der Newsweek und dem Spiegel. Es ist wie eine kleine Zeitreise in die Welt des berühmten Filmemachers, in den „Spalek Files“ über die Anfänge von Billy Wilders Schriftstellerei zu lesen – seine ersten Presseartikel in der Berliner Zeitung in den 1920er Jahren – bis zu den Nachrufen auf den berühmten Künstler und sein Werk.

Nobody’s perfect

Billy Wilder glaubte an die Kraft eines gelungenen Drehbuchs als Gerüst und Herzstück eines Films. Diese Ansicht wurde und wird auch von vielen anderen Filmschaffenden geteilt, unter anderem von Wilders Nebendarsteller Christopher Lee (jüngeren Leser*innen in seiner Rolle als Saruman aus Peter Jacksons Lord of the Rings-Filmsaga bekannt) aus Das Privatleben des Sherlock Holmes. „Man kann großartige Schauspieler haben, eine großartige Kamera … aber ein Film ist verloren ohne ein gutes Drehbuch“, sagte Lee 1985 in einem Interview.

Wilder wiederum erklärte: „Ich verstand mich ja als Schriftsteller, solange ich Drehbuchautor war. Und ich bin überhaupt nur Regisseur geworden, weil – Ernst Lubitsch bei Ninotschka ausgenommen – die Regisseure, die sie in die Hände bekamen, meine Drehbücher verhunzt haben.“ So ist auch die Inschrift verständlich, die auf dem Grabstein des Wortezauberers mit dem herrlich verschmitzten Humor zu finden ist, mit einem Zwinkern auf den Schlusssatz aus Manche mögen’s heiß: „I’m a writer, but then – Nobody’s perfect“.

Petra Kuhlemann & Elke Jost-Zell

Petra Kuhlemann und Elke Jost-Zell sind als Bibliothekarinnen und Autorinnenteam für die Deutsche Nationalbibliothek tätig

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Deutsches Historisches Museum, dhm

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden erst veröffentlicht, nachdem sie von uns geprüft wurden.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Über uns

Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek Deutschlands.

Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

Ob Bücher, Zeitschriften, CDs, Schallplatten, Karten oder Online-Publikationen – wir sammeln ohne Wertung, im Original und lückenlos.

Mehr auf dnb.de

Schlagwörter

Blog-Newsletter

In regelmäßigen Abständen erhalten Sie von uns ausgewählte Beiträge per E-Mail.

Mit dem Bestellen unseres Blog-Newsletters erkennen Sie unsere Datenschutzerklärung an.

  • ISSN 2751-3238