Müntzer reloaded : Berta Lasks Traum

22. Dezember 2025
von Yvonne Jahns, Carl Götz, Peter Kühne

2025 jährten sich das Ende des Deutschen Bauernkrieges und der Todestag Thomas Müntzers zum 500. Mal. In zahlreichen Veranstaltungen, Ausstellungen, Theateraufführungen, Tagungen, gab es Informationen und Reflektionen über die Zeit der Reformation und ihre Folgen. Wir möchten am Ende dieses Gedenkjahres an eine Schriftstellerin erinnern, in deren Wirken Müntzer und der Bauernkrieg eine zentrale Rolle spielten. 1925 verarbeitete Berta Lask die historischen Ereignisse von 1525 in einem Theaterstück, das nun zum 100. Jubiläum auch Lesungen erfuhr. Sie stellte sich vor, wie Thomas Müntzer alle hundert Jahre aufwacht, um sich mit der aktuellen politischen Lage auseinanderzusetzen. Doch wie kam sie dazu? Berta Lask (1878–1967) war eine sozialistische Dichterin, Theaterautorin und Journalistin, einst bekannt für ihre politisch engagierte Literatur. Obwohl sie neben Johannes R. Becher, Ludwig Renn und anderen, Mitbegründerin des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller war, schrieb der ebenfalls dazu gehörende Karl Grünberg schon 1954: „unserer heutigen Generation dürfte Berta Lask wohl kaum dem Namen nach bekannt sein“. 2025 kennt vermutlich kaum noch jemand ihren Namen oder ihre Werke. In einschlägigen Literatur-Lexika ist sie verzeichnet, doch keine Biografie berichtet von ihr. Die Beschäftigung mit ihr – einer Literatin, die in vier politischen Systemen trotz Zensur und Widrigkeiten immer wieder zur Feder griff – bietet uns eine Perspektive auf ihre Lebenszeit, auf die Kultur der Arbeiterbewegung und Weltanschauungen ihrer Zeit. Schauen wir auf die Werke von ihr und über sie, die im Katalog der Schriftstellerbibliografie[1] in unserer Bibliothek verzeichnet wurden, sehen wir, wie ein literarischer Schaffensprozess mit persönlichen Erlebnissen sozialer und politischer Umstände verflochten ist.


[1] Der Zettel-Katalog verzeichnet die Primär- und Sekundärliteratur (einschl. unselbstständiger Werke) zu 130 deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern –  ausgewählten Repräsentanten der sozialistischen und bürgerlich-humanistischen Literatur des 20. Jahrhunderts, vorwiegend Preisträger oder Mitglieder der Akademie der Künste (AdK) bzw. solche, zu denen die Akademie die Nachlässe betreut(e). Die Auswertung und Verzeichnung wurde von der DNB gemeinsam mit der AdK von 1965-1990 vorgenommen und umfasste den Sammelzeitraum der DNB ab 1913.

„Kleine, zarte Frau…“

1878 in einer bürgerlichen, jüdischen Familie in Galizien geboren und später in Falkenberg und Bad Freienwalde aufgewachsen, lebte Berta Lask zur Jahrhundertwende in Berlin. Dort kam sie mit der Frauenbewegung in Berührung, unter dem Eindruck sozialen Elends, das sie in den Armenvierteln und Arbeiterfamilien und auch in der Arztpraxis ihres Mannes, Louis Jacobson, während des Ersten Weltkriegs erlebte. Mit ihm hatte sie vier Kinder. Ihre Brüder Emil und Hans fielen im Ersten Weltkrieg, was sie zu einer pazifistischen Grundhaltung führte. Bald wurde sie zu einer überzeugten Kommunistin, deren Texte verboten wurden.

Abb. 1: Porträts Berta Lasks, Quellen (v.l.n.r.): www.literaturport.de (Fotografie: unbekannt); FF dabei, 1978, Foto: E. Richter / ADN; Mira Lask (Hrsg.): Aus ganzem Herzen, Berlin 1961, Foto: unbekannt), Bearbeitung: Carl Götz.

Weggefährte Karl Grünberg nannte sie eine „kleine, zarte Frau, mutig, zäh, heroisch, sturmerprobt“, auch „tapfer“. Unbeirrt, selbstbewusst, so war sie wohl – so, wie sie auch selbst beschrieb, dass politisch engagierte Frauen sein sollten.

Abb. 2: Signatur Berta Lask, Berlin 1922. Quelle: Für unsere kleinen russischen Brüder! : Gaben westeuropäischer Schriftsteller und Künstler für die notleidenden Kinder in den Hungersnotdistrikten Rußlands, Genf 1922, S. 146, https://d-nb.info/572540590.

Dramatikerin, Theaterautorin

Beeinflusst vom Grauen des Ersten Weltkriegs schrieb sie pazifistische Gedichte („Stimmen“ 1919, „Rufe aus dem Dunkel“ 1921, „Mitternacht“ 1923), die dem Expressionismus um Kurt Hiller nahestanden. Berichte aus der Sowjetunion und revolutionäre Ideen begeisterten sie immer mehr. Nach ersten Dramen („Die Päpstin“ 1906, „Auf dem Hinterhof, vier Treppen links“ 1912) und Sprechchören, bei denen ihr starker Bezug zu historischen und aktuellen politischen Stoffen bereits sichtbar wird, entstanden ihre Bühnenstücke. Sie betrachtete das Theater als wirksamen Raum, in dem sich soziale Konflikte aufzeigen lassen, wo Zuschauer diesen nachspüren können. Im Sinne Erwin Piscators schrieb sie für das Theater als „politischen Propagandabetrieb“.

Abb. 3-5: Expressionistisch gestaltete Einbände von Gedichtsammlungen Berta Lasks: Stimmen, Hannover 1919(Illustration: Käthe Schmidt), Rufe aus dem Dunkel, Berlin 1921 (Illustration: Otto Nagel), Mitternacht, Leipzig 1923 (Illustration: Karl Mahr).

Später distanzierte sie sich von Piscators Ideen als zu individualistisch-bürgerlich. Sie wollte radikal die Distanz zwischen Bühne und Zuschauer beseitigen, mit ihren Massendramen ein Kollektiverlebnis schaffen. Sie suchte das Neue, Weibliche, politisch klar Bekennende. Davon zeugen nicht nur das Öffnen von Bühnenbildern oder Freiluftaufführungen, sondern vor allem die Inhalte der Werke selbst. Zu den bekanntesten zählen „Thomas Münzer“ (1925), „Leuna 1921“ (1927) sowie „Giftgasnebel über Sowjetrussland“ (1927), die alle direkt nach ihrer Erstaufführung der Zensur in der Weimarer Republik zum Opfer fielen. Die Druckausgaben der Texte wurden beschlagnahmt, die Aufführungen untersagt, als zu aufrührerisch bewertet. Carl von Ossietzky und Heinrich Mann protestierten in der „Weltbühne“, Egon Erwin Kisch in der „Welt am Abend“. Berta Lask aber wurde des Hochverrats beschuldigt. Auch wenn die Klage fallengelassen wurde, blieben ihre Stücke verboten.

Bühnenbild

Abb. 6-7: Theaterszene aus „Giftgasnebel über Sowjetrussland“, 1927 unten: Theater-Plakat. Das Stück wurde im Juli 1927 in Kassel in einem Theaterzirkel aufgeführt (Regie: Ilse Berend-Groa) und sofort verboten. Quelle: Ludwig Hoffmann: Deutsches Arbeitertheater 1918-1933, München 1973, S. 208, https://d-nb.info/560580460.

Theaterplakat

Thomas Müntzer

400 Jahre nach Müntzer und Bauernkrieg wollten die Menschen in Mitteldeutschland einen Arbeiter- und-Bauern-Tag im Mansfelder Land abhalten und baten Berta Lask um ein Stück. Sie schrieb es und zeigte damit dem Arbeiter von 1925, wer ihre Vorfahren waren –  die Bauern und Bergarbeiter von 1525 – und die Ursachen ihrer damaligen Niederlagen, um sie „zu festigen“. Sie bezog die Zuschauer direkt in das Stück ein: Tausende Kumpel, Bauern, Landarbeiter schauten zu Pfingsten 1925 in Eisleben zu. In zahlreichen Lesungen wurde das Werk Wochen vorher schon bekannt gemacht.

Foto

Abb. 8: Schauspieler Gustav von Wangenheim in der Rolle Müntzers – Tausende Zuschauer sahen dem vierstündigen Freilichttheater in Eisleben begeistert zu (Regie: Ilse Berend-Groa). Quelle: Ludwig Hoffmann: Deutsches Arbeitertheater 1918-1933, München 1973, https://d-nb.info/560580460.

Das Textbuch aus dem Viva-Verlag wurde beschlagnahmt und eingestampft. Verlagsgeschäftsführer und auch Buchhändler, die das Werk verbreitet hatten, wurden vom Reichsgericht Leipzig wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Verstoß gegen das Republikschutzgesetz zu Festungshaft verurteilt.

Abb. 9-10: Titelseite der Erstausgabe und Innenseite mit Aufkleber zum Verbot der Druckschrift „Thomas Münzer“ durch den Berliner Polizeipräsidenten, Ausgabe der Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten, Berlin 1925, https://d-nb.info/580516636.

Leuna 1921

„In Leuna sind viele gefallen, in Leuna floss Arbeiterblut…“ (Leuna-Lied, Volksweise).

Abb. 11-12: Buch-Cover von „Leuna 1921“, Berlin: Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten, 1927 https://d-nb.info/574560637 und Berlin: Dietz, 1961, https://d-nb.info/452715423 (Umschlaggestaltung: Horst Adler), auch in der Bundesrepublik erschien 1973 beim Verlag kommunistische Texte in Münster der Titel. https://d-nb.info/750273933

 „Ich versuchte, …schlicht und sachlich, ohne zu dichten, unerbittliche Tatsachen wahrheitsgetreu aufzuzeichnen…Nicht ich habe es geschrieben. Die Märzkämpfer haben es geschrieben.“ Berta Lask, 1961 im Deutschen Dienst

Im März 1921 kam es zu einem Aufstand in Mitteldeutschland. Die Kommunisten hatten zum Generalstreik aufgerufen, dem sich tausende Arbeiter im Mansfelder Bergbaugebiet und der Chemieregion Halle/Bitterfeld anschlossen. Radikalisierte Arbeiter besetzten auch das Chemiewerk Leuna und es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Trotz Angebot einer kampflosen Übergabe durch den Betriebsrat ließ die Werksleitung die Beschießung der Leunawerke mit Artillerie und die Erstürmung des Geländes durch Schutzpolizei und Reichswehr zu.  Etwa 200 Menschen starben und tausende Arbeiter wurden anschließend verurteilt. Lasks Stück wurde das sozial-künstlerische Drama dazu.

Wochenlang führte Berta Lask Interviews mit den Arbeitern vor Ort. Viele hatten ihr nach der Aufführung von „Thomas Münzer“ geschrieben, sie solle doch über das Leunaer Märzdrama schreiben. In „Leuna 1921“ setzte sie ihnen ein Denkmal mit dieser „optimistischen Tragödie“ (Schellenberger), schilderte die Beweggründe ihres Handelns, heroisierte die Massenerhebung. Über 200 Personen spielten in ihrem Theaterstück mit, viele von der Volksbühne Berlin. Am 10. April 1927 wurde die Aufführung im Mercedes-Filmpalast in Berlin-Neukölln mit Piscator geplant, jedoch vom Polizeipräsidenten verboten. Auch die anschließend am Düsseldorfer Stadttheater geplante Aufführung wurde untersagt und der Text, wieder von der Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten herausgegeben, beschlagnahmt.

Abb. 13-14: Bühnenbild (Skizze von Teo Otto) für „Leuna 1921“, Quelle: Friedrich Wolfgang Knellessen: Agitation auf der Bühne : Das polit. Theater d. Weimarer Republik , Emsdetten 1970, S. 332, https://d-nb.info/720100771 ,Leuna-Werke, um 1927, Junkers Luftbild, Landesarchiv NRW,  0229_21133, https://www.deutsche-digitale-Bibliothek.de/item/Y5OKDKNA4WCHEKOXRGFJKBIYLXAQTKKH.

„Manche Szenen sind Meisterstücke der Tatsachenverwertung und von einer Leidenschaft, wie sie außerhalb der russischen Bühne nicht vorhanden ist. Aber nicht die Bühnenwirksamkeit und die theatralische Spannung ist das Wichtige von „Leuna 1921“, sondern die strikte, unverschminkte Wahrheit, mit der Berta Lask das verwendete, was sich damals in und um Leuna begeben hat. Die Behörden haben dieses Stück Wirklichkeit beschlagnahmt. Aber die Wirklichkeit und Wahrheit lassen sich nicht beschlagnahmen!“ Egon Erwin Kisch, Welt am Abend, 4.7.1927

Revolutionärin, Kommunistin

Nach ihrem anfänglichen Engagement in der bürgerlichen Frauenbewegung, Kontakten zur Arbeiterbewegung, pazifistischen Stücken und politischen Reden an der Seite Rosa Luxemburgs, hatte sie 1923 ihre ideologische Heimat in der Kommunistischen Partei (KPD) gefunden. Sie schrieb regelmäßig in „Rote Fahne“ und anderen kommunistischen Zeitungen, unterstützte Agitpropgruppen und verfasste Arbeitersprechchöre. Ihre Theaterstücke der Zwanziger Jahre sollten das Klassengefühl stärken, politische Zusammenhänge aufzeigen und die Zuschauer im wahrsten Sinne bewegen. Sie wollte –  wie andere sozialistische Autoren der 1920er Jahre mit bürgerlicher Herkunft auch, Johannes R. Becher, Wieland Herzfelde oder Anna Seghers – Sprecher der Arbeiter sein, die in eine neue, sozialistische Gesellschaftsordnung aufbrechen.

„Das Elend der Welt brannte mir nicht täglich auf der Haut wie den Menschen des Proletariats. Trotzdem brannte es mir immer wieder auf dem Herzen und schien nicht dulden zu wollen, daß die Lösung dieser Frage dem langsamen Ablauf der Jahre überlassen wird.“ Berta Lask, zitiert nach Helga Zimmermann, BZ 1968, 15.11.1968

Foto

Abb.15: Die Rote Fahne, Polizeiaktion gegen das Karl-Liebknecht-Haus im Febr. 1930 (Fotografie: unbekannt), Quelle: Aktionen, Bekenntnisse, Perspektiven: Berichte und Dok. vom Kampf um d. Freiheit d. literarischen Schaffens in d. Weimarer Republik, Berlin 1966, S. 112. https://d-nb.info/571689957.

Plakat

Abb. 16: Ankündigung einer Lesung Berta Lasks und anderer revolutionärer Dichter in Berlin, verm. 1928, Quelle, ebd., S. 118. https://d-nb.info/571689957.

Titelbild

Abb. 17: Berta Lask: Jugendweihe-Sprechchor, Berlin 1926 ,https://d-nb.info/574560661 . Lask gestaltete diesen Sprechchor nochmals 1957 für die Jugendweihe in der DDR neu. (Illustration unbekannt)

Als sie fünfzig Jahre alt war, gründete sie im Oktober 1928 den Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller (BPRS) mit. In diesem KPD-nahen Verband von Schriftstellern unterschiedlichster Herkunft und literarischer Begabungen, versuchte sich die proletarische Literatur zu emanzipieren und diskutierte neue Literaturformen. Ein heroisches Bild des Revolutionärs und der Kampf gegen soziale Unzulänglichkeiten standen oft im Vordergrund. Es blieb „ein kulturpolitisches Experiment“ (Hein), das 1935 endete. Die Mitgliederzeitschrift „Die Linkskurve“ erschien bis 1932. 1933 bis 1935 wurde der Bund aus dem Exil in Paris oder Moskau aufrechterhalten.

Zeitungsfoto

Abb: 18: Gründungsversammlung des BPRS im Okt. 1928 in Berlin. V. l. n. r.: Johannes R. Becher, Berta Lask (2. Sekretärin im Bundesvorstand), Karl Grünberg, Hans Lorbeer, Kurt Kläber. Quelle: Mitteilungen / Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Republik, 16 (1978), S. 5. https://d-nb.info/011012668.

Titelseite

Lask war außerdem seit 1924 Mitglied im Schutzverband Deutscher Schriftsteller und in deren Arbeitsgemeinschaft kommunistischer Schriftsteller, in der über Aufgabe und Inhalt revolutionärer Literatur diskutiert wurde. Viele Aktive mussten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 Deutschland verlassen. So auch Berta Lask, die im Frühjahr 1933 verhaftet wurde.

Abb. 19: Cover der Verbandszeitschrift „Die Linkskurve“ Nr.1, 1930, mit Artikel Lasks zu Erwin Piscator, https://d-nb.info/1240080204.

Exilantin

Nach ihrer Verhaftung im April 1933 auf offener Straße und einigen Wochen Frauengefängnis, emigrierte sie aus Deutschland. Sie reiste zunächst nach Tschechien, wo sie bei der Familie Kafka unterkam, da Dora Diamant – ehemalige Lebensgefährtin Franz Kafkas – ihre Schwiegertochter ist. Von hier aus floh sie weiter in die Sowjetunion, wo sie bis 1953 bleiben wird. Lask war zwischen 1928 und 1932 bereits mehrfach in der Sowjetunion, u.a. zu internationalen Schriftstellerkonferenzen und war begeistert von der dortigen Stimmung. Ihre Reisetagebücher verarbeitete sie in „Kollektivdorf und Sowjetgut“ oder in Zeitschriftenartikeln in „Das Neue Rußland“.

Titelbild

Abb. 20: Buch-Cover zu Berta Lask: Kollektivdorf und Sowjetgut, Berlin 1932, https://d-nb.info/574560629 – Reisebeschreibungen Lasks 1928-1931 aus der Region Woronesh, dem Nordkaukasus und der Ukraine, in denen sie ihre Beobachtungen des sowjetrussischen Landlebens festhält.

In den ersten Exiljahren lebte Lask in Moskau. Auch ihre drei Söhne waren in die Sowjetunion geflohen. 1936 verstarb ihr Sohn Ernst. Ihr Ehemann, Louis Jacobsohn, folgte mit Dora Diamant und der Enkeltochter Marianne ins Exil nach. Berta Lask erhielt eine Rente für revolutionäre Verdienste und war nun Mitglied der KP der Sowjetunion. Zwischen 1936 und 1940 lebte sie in Sewastopol. Zu dieser Zeit lebten etwa 20.000 Deutsche in der Sowjetunion. Sie schrieb – auf Deutsch und auch auf Russisch –  literarische Zeitschriftenartikel (z.B. für die „Deutsche Zentralzeitung“), Rundfunkbeiträge, Erzählungen und Kurzgeschichten, die vor allem in Moskauer Verlagen veröffentlicht wurden. Darunter auch ein Drama „Fackelzug“, das die Faschisierung deutscher Universitäten und die Entwicklung der Volksfront verarbeitet. Zu einer geplanten Aufführung an einem Moskauer Theater kam es nicht, da das Stück den deutschen Parteigenossen zu pessimistisch war.

Text

Abb. 21: Berta Lask: Gedicht Moskauer Knaben spielen Fußball. Enthalten in: Kunst und Wissen, 1943, Nr. 10, 14. September. https://d-nb.info/1026557321.

Titelbild

Abb. 22: Ikonischer Einband der Propaganda-Zeitschrift „Zwei Welten : Monatsschrift zum Studium der deutschen Sprache, für internationale Erziehung und Verbindung“, Moskau Staatsverlag 1932-1935 –  Zeitschrift, in der viele BPRS-Autor*innen im Sowjet-Exil schrieben, darunter auch Lask in dieser Ausgabe 1935, Heft 5, „Bajonette werden geschliffen“ (Kapitel des unveröffentlichten Romans „Ideologie und Klassenkmapf“), S. 174ff. https://d-nb.info/011728531. Der Titel der Zeitschrift war programmatisch: dort die untergehende kapitalistische, hier die aufsteigende sozialistische Welt und wurde mit jeweils zwei Coverbildern unterstrichen.

Um ihre Familie zu schützen, veröffentlichte sie nach 1933 teilweise unter dem Pseudonym Gerhard Wieland. Sie schrieb selbst mitunter Grete Wieland. Mutmaßlich wurde in einem Verlag Grete zu Gerhard. (Tischler, 2010) Interessant ist hier auch die Nähe des Namens zur Romanfigur „Grete Weygandt“ in ihrem autobiografischen Werk „Stille und Sturm“.

Abb. 23-24: Buch-Cover mit dem Pseudonym Gerhard Wieland: Ein Dorf steht auf, Kiew 1935, https://d-nb.info/1032489162 sowie Januar 1933 in Berlin, Kiew 1935, https://d-nb.info/1032774959.

 „Was meine Pläne betrifft, so möchte ich eine Theorie der epischen und dramatischen Formen schreiben. Es reizt mich daneben die Aufgabe, die großen Übergangsgestalten zwischen klassischem Realismus und moderner Dekadenz essayistisch zu behandeln, also über Schriftsteller wie Gottfried Keller, Hebbel, Dostojwski usw. zu schreiben“. Lask 1938, Autobibliographie, In: Internationale Literatur.

Sie beschrieb später, dass sie sich zurückgesetzt fühlte und andere, bekanntere Exil-Schriftsteller es leichter hatten, veröffentlicht zu werden. Sie arbeitete an einem mehrbändigen Roman unter dem Titel „Atlantis“ (später „Zu neuen Ufern“ bzw. „Stille und Sturm“). 1938 – sie war inzwischen aus Deutschland ausgebürgert – wurden ihre Söhne Hermann und Ludwig vom NKWD wegen Spionage verhaftet. Beide gehörten zum Antimilitärischen Apparat der KPD. Diese Ereignisse verarbeitete sie in der Erzählung „Flüchtlinge“, die nicht erscheinen durfte. Johannes R. Becher und Walter Ulbricht, kommunistische Genossen im Exil, sprachen sich gegen die „politisch fehlerhafte“ Novelle aus – für unverbrüchliche Treue zur Sowjetunion oder aus Schutz? Vielleicht aus Gründen der Hoffnung, dass ihre Söhne freikommen, akzeptierte sie die Kritik. Zitat: „Die Wahrheit klingt immer verwegen und muss doch gesagt werden…Nicht nur die Menschen mordet ihr. Hoffnung und Glauben der Völker mordet ihr, denen Euer freies Land Sporn und Vorbild war.“ Textstelle aus: „Flüchtlinge – Erzählung aus dem Bauernkrieg 1525 nach einer alten Chronik“, die als Darstellung der Verhältnisse 1938 in der Sowjetunion gedeutet werden kann und deren gefolterte Hauptfigur Ludwig wie ihr Sohn heißt.

Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie erst wieder in Moskau, dann – während des Zweiten Weltkriegs – bis 1944 in der Nähe des Sohnes Hermann in Archangelsk. Nach 1945 arbeitete sie in Moskau fürs Radio und an einer Hochschule für Fremdsprachen. Unermüdlich schrieb sie im Exil Briefe an die DDR-Regierung und Parteigenossen und bat um Freilassung und Ausreisegenehmigung für ihren Sohn.

Karte UdSSR

Abb. 25: Lebensstationen Berta Lasks, vgl. https://explore.gnd.network/gnd/116748729, Gestaltung: Carl Götz / DNB

Sie arbeitete weiter an ihrem großen Roman, von dem sie hoffte, dass er in Deutschland erscheint. 1947 lehnte der Dietz-Verlag das Buch ab, u. A. wegen Kritik an der SPD und weil eine „jüdische Familie im Mittelpunk stehe“. Erst 1955 erschien es (als Trilogie) unter dem Titel „Stille und Sturm“ in der DDR im Mitteldeutschen Verlag, jedoch ohne den vierten Band über die Zeit des Exils und des sowjetischen Terrors[1].

In diesem verschlüsselt-autobiografischen Roman „Stille und Sturm“ zeigte sie den Weg einer Frau („Gertrud“) aus bürgerlichen Verhältnissen in die kommunistische Arbeiterbewegung zwischen 1875 und 1933. Genau wie sie selbst, führt die Romanfigur Gespräche mit dem Philosophenbruder, darf nicht studieren und findet ihren Weg in die KPD.


[1] Das unveröffentlichte Manuskript befindet sich mit weiterem Nachlass im Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin, s. https://archiv.adk.de/.

Abb. 26: Buch-Cover und Einbandentwürfe verschiedener Ausgaben von Stille und Sturm (Foto-Montage: Carl Goetz / DNB)

Werbeanzeige

Abb. 27: Werbeanzeige des Verlags für das Buch, Quelle: Völker, hört die Signale: [Auswahlangebot], Leipzig: LKG 1958, https://d-nb.info/578203200.

Kinderbuchautorin

Foto Lask mit Kindern

Abb. 28: Berta Lask lesend vor Kindern und Jugendlichen, Quelle: Börsenblatt, 25.2.1956, Nr. 8, S. 128 (Fotografie: unbekannt). Diese Abbildung wurde auch Titelblatt des Bandes „Aus ganzem Herzen“ in der Reihe „Kämpfende Kunst“, Deutscher Militärverlag, 1961.

In ihrem seinerzeit bekanntesten Kinderbuch „Auf einem Flügelpferd durch die Zeit“ von 1925 reist der fünfzehnjährige Karl, durch Arbeit verletzt und krank, durch verschiedene Epochen der Geschichte, die Lask zu einem Geschichtslehrbuch montierte. Sie verknüpfte traditionelle Erzählformen mit der Vermittlung proletarischer Ideale, mit kommunistischer Geschichtspropaganda. Das geflügelte Pferd bringt den Jungen wie auf einem fliegenden Teppich oder eine Zeitmaschine durch die Jahrhunderte. Realistische Kindergeschichten gab es in den 1920er Jahren viele und eine Märchenbegeisterung erfasste alle politischen Fraktionen. Ähnlich wie Lask schrieb Hermynia Zur Mühlen zwischen 1921 und 1935 Märchenbände rund ums „Peterchen“. Auch andere Romane, etwa Kästners „Der 35. Mai“ oder Tetzners „Hans Urian“, verbanden zur damaligen Zeit Traumreisen mit der Suche nach der eigenen Identität und/oder Gerechtigkeit.

Abb. 29: Buch-Cover von Berta Lask: Auf dem Flügelpferd durch die Zeiten, Berlin 1925 (Illustration: Rudolf Schlichter), https://d-nb.info/576266655 und Hermynia Zur Mühlen: Was Peterchens Freunde erzählen. Berlin 1924 (Illustration: George Grosz), https://d-nb.info/363156445.

Lasks Werk wurde manchmal auch mit Alex Wedding (d.i. Grete Weiskopf) verglichen – beide sind Vertreterinnen der proletarischen Kinderliteratur, die sich der Identitätsbildung widmen, der Emanzipation der Kinder von ihren Verhältnissen und gerade deshalb vor hundert Jahren als „pädagogisch wertvoll“ eingestuft wurden.

Buchtitel Franz und Grete

Abb. 30: Buch-Cover von Berta Lask: Franz und Grete (Illustration: Doris Homann), Berlin 1926, https://d-nb.info/576266663 sowie Alex Wedding: Ede und Unku (Umschlaggestaltung: John Heartfield), Berlin 1931, https://d-nb.info/578281708.

In ihren letzten Lebensjahren schrieb Lask Erzählungen für Kinder und Jugendliche wie „Otto und Else“ (1956), mit denen sie an ihre Veröffentlichungen der 1920er Jahre anknüpft und das Thema Antifaschistischer Widerstand aufgreift.

Abb. 31: Berta Lask: Otto und Else – 4 Erzählungen vom Kampf der deutschen Arbeiterjugend-  (Illustration: Hans Bettke), Berlin 1956, https://d-nb.info/1015330487.

Abb. 32: Gedicht aus einem DDR-Lesebuch für die 3. Klasse: Regenlied (Illustration: Renate Trotzke-Israel), Berlin 1984, https://d-nb.info/20515994X.

Was bleibt? Berta Lasks Traum vom Sozialismus und einer friedlichen Gesellschaft!

„Wie träumt‘ ich – s’ist wohl hundert Jahr bald her / den als töricht verhöhnten Traum / daß Frieden wär über Land und Meer / im ganzen Erdenraum…“ Aus: Traum einer uralten Frau, Berta Lask, 1959/60.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Einband der Erstausgabe Berta Lask: Thomas Münzer, Berlin 1925 (Illustration: unbekannt), https://d-nb.info/580516636.

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  • ISSN 2751-3238