Robert Crumb – Der Schmutzfink

13. Februar 2026
von Benjamin Sasse, Stephanie Jacobs

Am 4. Februar 2026 hielt Andreas Platthaus zum Abschluss der Ringvorlesung Eros, Macht und Märkte – Sexualität im Spiegel von Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur einen so inspirierenden wie unterhaltsamen Vortrag über einen der zugleich einflussreichsten und umstrittensten Comic-Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts: Robert Crumb. Der Titel Ein Schmutzfink namens Robert Crumb klingt auf den ersten Blick provokativ, wenn nicht gar pejorativ – doch Platthaus nutzte diesen Begriff bewusst als Metapher für die radikale, unangepasste, ja fast desperado-artige Haltung, die Crumb in seiner Kunst und seinem Leben verkörpert.

Crumb, geboren 1943 in Philadelphia, ist kein klassischer Superhelden-Zeichner. Er ist vielmehr der Vater der Underground-Comics – einer Bewegung, die in den 1960er Jahren die amerikanische Comiclandschaft auf den Kopf stellte. Seine Werke sind nicht nur ästhetisch einzigartig, sondern auch ethisch fragwürdig und politisch brisant. Sie zeigen eine Welt, in der Sex, Aggression, Selbstironie und groteske Körperlichkeit nicht versteckt werden, sondern gerade ins Zentrum gestellt werden. Und genau macht seine Bilderfindungen so faszinierend – und so schwer zu ertragen.

Zuschauer sitzen in Reihen. Im Hintergrund steht ein Mann am Pult, der einen Vortrag hält. Auf der Wand ist ein Selbstporträt von Crumb projiziert.
Andreas Platthaus – über Robert Crumb. Foto: DNB, Fanni Fröhlich

Von der Flucht in die Comics zur Rebellion

Platthaus, der im Vorfeld seines Vortrags tief in die Sammlung Abmeier eingetaucht ist, die das DBSM bewahrt, zeichnete ein lebendiges Porträt von Crumbs Jugend: eine katholische, autoritäre Familie, ein distanzierter Vater, die kindliche Flucht in die Welt der Comics. Schon mit zehn Jahren begann Crumb, eigene Hefte zu gestalten – nicht aus kindlicher Neugier, sondern als Flucht aus einer Welt, die ihm zu eng, zu verkrampft erschien. Die frühen Einflüsse waren Disney und die klassischen Donald-Duck-Comics – doch bald folgte die Revolution: Mad Magazine, die satirische, rebellische Stimme der 1950er Jahre, die mit Harvey Kurtzman an der Spitze die Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenkultur aufzulösen begann.

Aber Crumb war nicht nur Comicleser. Er wurde zum Schöpfer – und zwar mit einer Intensität, die bis heute ihren Vergleich sucht. Seine Zeichnungen sind nicht nur technisch brillant, sondern voller psychologischer Tiefe. Sie zeigen einen Mann, der sich selbst in grotesker, übersteigert realistischer Form darstellt – als sabberndes, hageres, haariges, sexuell obszönes Wesen, das zugleich Opfer und Täter, Held und Narr ist. Dabei ist allein die Fülle seiner ungeschönten Selbstportraits rekordverdächtig.

Der Sexrausch als künstlerisches Prinzip

Ein zentraler Punkt des Vortrags von Andreas Platthaus betraf die Rolle der Sexualität in Crumbs Werk. Es ist kein bloßes Tabu, das gebrochen wird – es ist das Herzstück seiner künstlerischen Identität. In Fritz the Cat, seiner berühmtesten Figur, wird der Sex nicht verharmlost, nicht romantisiert, sondern als Trieb, als Rausch, als existenzielle Notwendigkeit dargestellt. Der gleichnamige Film von 1972, der Crumb weltberühmt machte, war damals eine Sensation – und eine Provokation. Keineswegs für Kinder gemacht, zielte Fritz the Cat auf eine Generation, die sich gegen die Moral der 1950er Jahre auflehnte.

Ein moderes Foyer mit Zuschauern und einem Rednern. An der Wand ist ein Comic mit zwei Katzen pojiziert. Darunter steht "Fritz the Cat".
Andreas Platthaus – über Robert Crumb. Foto: DNB, Fanni Fröhlich

Doch Crumb distanzierte sich von der Verfilmung seiner Comicfigur. Ihm war die Umsetzung zu kommerziell, zu glatt. Doch genau diese Distanz macht den Film so interessant: Crumb war nie ein bloßer Produzent von Popkultur. Er war ein Künstler, der mit seinem Werk die Grenzen des Darstellbaren auslotete – und dabei oft selbst an die Grenze des Zulässigen und Verdaubaren ging.

Die Sammlung Abmeier: Ein Schatz für die Wissenschaft

Ein besonderer Höhepunkt des Vortrags war die Vorstellung der Sammlung des Buchhändlers und Verlegers Armin Abmeier (1940–2012), die vor wenigen Jahren vom DBSM erworben wurde. Zu ihren über 3.800 Titeln zählt unter anderem eine der bedeutendsten europäischen Sammlungen von Underground-Comics. Besonders wertvoll: 117 Titel von Robert Crumb – darunter seltene Erstausgaben von Zap Comix– jenem seit 1968 veröffentlichten Comic, der die Geburtsstunde der modernen autobiografischen Comic-Ästhetik markiert.

Platthaus zeigte ein besonders beeindruckendes Exemplar: Zap Comix Nr. 6 aus dem Jahr 1973. Ein Heft, das nicht nur einer der ersten großen Sammelbände von Crumb ist, sondern auch ein Dokument der kulturellen Revolution der 1970er Jahre. Auf einer der Seiten wurde ein Bild ausgeschnitten – ein Pin-up-Girl von Spain Rodriguez. Warum? Platthaus vermutete: nicht aus Zensur, sondern aus voyeuristischer Obsession. Abmeier nahm dies zum Anlass, sich später ein weiteres, unversehrtes Exemplar zuzulegen. Ein Beweis dafür, wie Crumbs Werk sich zwischen höchster künstlerischer Qualität und vulgärsten Bedürfnissen und Sexismus bewegt.

Crumb und die Frauen: Macht, Sexualität, Beziehung

Ein zentrales Thema des Vortrags war die Beziehung zwischen Crumb und den Frauen – insbesondere seinen beiden Ehefrauen: Dana Morgan Crumb und Aline Kominsky Crumb . Crumb zeichnete sie nicht als passive Objekte, sondern als starke, selbstbewusste Frauen – manchmal als sexuelle Fantasie, manchmal als Partnerin, in jedem Fall aber als jemand, der nie die Kontrolle aus der Hand gegeben hat.

Die Serie Aline and Bob* ist ein Meisterwerk der Selbstironie und der künstlerischen Kooperation. Hier zeigt sich, dass Crumb nicht nur ein masochistischer Fetischist ist – sondern auch ein Mann, der die Machtverhältnisse in Liebe und Sex bewusst offenlegt. Aline Kominsky Crumb, die 2022 verstarb, war für ihn nicht nur Muse, sondern gleichberechtigte Künstlerin. Ihre gemeinsamen Werke, insbesondere die Corona-Comics aus dem Jahr 2022, zeigen eine Familie, die sich in der Pandemie bildnerisch auseinandersetzt – mit Konflikten, Ängsten, aber auch mit Liebe und Humor.

Crumb heute: Ein letzter Rausch?

Robert Crumb ist mittlerweile 83 Jahre alt. Er lebt seit 1992 in Südfrankreich, nachdem er mit Steuerproblemen in den USA konfrontiert war. Doch sein Werk lebt weiter. Dank des deutschen Verlegers Benedikt Taschen und des Galeristen David Zwirner ist Crumb nun auch in den USA wieder stärker präsent. Seine Werke werden in Museen gezeigt, seine Bücher neu verlegt – und die Rezeption ist heute viel positiver als in den 90er Jahren.

Platthaus fasste zusammen: Crumb ist ein „Schmutzfink“ ganz besonderer Statur: Er ist ein Desperado – ein Mann, der die Grenzen des Möglichen auslotet, nicht um zu schockieren, sondern um eine Wahrheit zu zeigen – über den menschlichen Körper, über die Sexualität, die Angst, die die Einsamkeit. Und über die Macht der Kunst, diese Wahrheit zu zeichnen und zu zeigen – auch wenn sie ekelerregend, hässlich oder unangenehm ist.

Zuschauer sitzen in Reihen. Im Hintergrund stehen drei Personen, die miteinander reden. Auf der Wand ist ein Comic von Crumb projiziert.
Andreas Platthaus – über Robert Crumb. Foto: DNB, Fanni Fröhlich

Ein herzlicher Dank an Andreas Platthaus, Feuilletonist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Comicspezialist, für diesen faszinierenden Abend.

*Weitere Informationen zur Sammlung Armin Abmeier und zur Ausstellung „Robert Crumb – Der Schmutzfink“ finden Sie auf der Website der DNB.

Bearbeitung des Audiomitschnitts mithilfe von ChatAI

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB, Christine Hartmann

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