Schreibmeisterbücher digital

7. November 2025
von Bettina Rüdiger

Zur historischen Fachliteratur im Deutschen Buch- und Schriftmuseum gehören über 200 Vorlagenwerke für gut lesbares und schönes handschriftliches Schreiben – die so genannten Schreibmeisterbücher. Ein Digitalisierungsprojekt der Deutschen Nationalbibliothek verhilft ihnen zu internationaler Sichtbarkeit.

Schreibmeisterbücher – was ist denn das?

Schreibmeisterbücher entstanden in der Renaissance, etwa zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Handel, Finanzwesen und Diplomatie weiteten ihre Aktivitäten in einem zunehmend vernetzten Europa aus. Dies erzeugte eine steigende Menge an Akten und Schriftverkehr. Die neue Bürokratie erforderte professionelle Akteure wie Schreiber, Notare, Sekretäre oder Aktuare. Sie mussten über weitreichende handschriftliche Fertigkeiten verfügen. Die formalisierte Geschäftskorrespondenz und auch die Aktenführung setzten die Beherrschung bestimmter kommunikativer Mittel voraus, wie die richtige Anrede und Titulatur, die Hervorhebung von Textanfängen oder die dekorative kalligrafische Ausstattung repräsentativer Schriftstücke.

Um diese Fertigkeiten zu erlernen und vor allem, um eine angemessene und gut lesbare Handschrift zu trainieren, kamen nach ersten handschriftlichen Versuchen bald schon gedruckte Vorlagenbücher für die verschiedenen Schreibstile Kurrent, Kanzlei oder Fraktur auf.[1] Sie waren oft zugleich Lehrbücher für das Schneiden von Federn, das Anmischen von Schreibtinte und andere Bürotätigkeiten.

Seite eines Schreibmeisterbuches in französischer Sprache, Abbildungen von Schreibfedern und Darstellung der Technik des Schreibens mit Federn, in Kupferstich
Sébastien Royllet: Démonstrations de lʹArt dʹÉcrire. Paris 1785; https://d-nb.info/1314018515

Erste Versuche, geschriebene Vorlagen zu drucken, wurden in Italien unternommen. Unser ältestes Schreibmeisterbuch im Museumsbestand stammt daher folgerichtig aus Italien, wurde noch in Holzschnitttechnik vervielfältigt und ist auf das Jahr 1522 datiert. Es ist die seltene Erstausgabe von La Operina di Ludouico Vicentino, da imparareʹ discriuereʹ littera Cancellarescha, wobei „Ludouico Vicentino“ für den römischen Schreibmeister Ludovico degli Arrighi (1475 -1527) steht, der in der päpstlichen Kanzlei tätig war. Auf 16 Holzschnittblättern wird hier die an höchster Stelle verwendete Art zu schreiben vorgestellt und als Vorbild in die Welt gegeben.

Ludovico degli Arrighi:  La Operina di Ludouico Vicentino, da imparareʹ di scriuereʹ [Erstausg.] Roma 1522, letzte Seite mit Impressum; https://d-nb.info/1315035790

Schönschreibeunterricht

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden von Schreibmeistern und Kalligrafen immer wieder Schreibvorlagen erstellt und vervielfältigt. Schon bald wurde dafür der Kupferstich entdeckt, denn diese Technik eignete sich, viel mehr als der Holzschnitt, für die Wiedergabe barocker Kalligrafie mit ihren aufwändigen Schwüngen und Ornamenten. So entstanden in der Barockzeit die elegantesten und dekorativsten Schreibmeisterbücher.

Titelseite eines deutschen Schreibmeisterbuches, in Kupferstich
Anleitung zur Schönschreibekunst. Herausgegeben von Johann Friedrich Bernhard Menzzer. Darmstadt 1775, https://d-nb.info/1020458550

Mit der allgemeinen Alphabetisierung in der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft Europas zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde auch in den Schulen bald das Schönschreiben gelehrt. Eine schöne Handschrift galt als bürgerliche Tugend und bereitete auf die Anforderungen des Geschäftslebens vor. Andererseits wurde die Kalligrafie zu einer Liebhaberei, die auch von Frauen ausgeübt werden konnte.

Doch auch die angestellten Schreiber in den Büros und Kanzleien des späten 18. und 19. Jahrhunderts benötigten weiterhin Schreibvorlagen für ihre überwiegend sachlichen und schmucklosen Schriftsätze. Dieser Bedarf wurde durch lithografierte Lehrbücher für die Ausbildung, beispielsweise an Handelsschulen, gedeckt.

Seite aus einem Schreibmeisterbuch nach 1800, mit kalligrafiertem Text, in Kupferstich
Heinrich Cäsar: Erster Unterricht in der deutschen Schönschreibekunst : nebst einer theoretischen Anweisung zur Erlernung derselben. Pesth um 1824 http://d-nb.info/1314077910

Auf dem Weg ins Repository

Bereits 1953 erstellte Fritz Funke einen beschreibenden Katalog der Schreibmeisterbücher des 16. bis 19. Jahrhunderts, die sich zu dieser Zeit bereits in großer Zahl im Bestand des Deutschen Buch- und Schriftmuseums befanden.[2]

Im neuen Jahrtausend wurden die Beschreibungen im Zuge der Katalogkonversion in den Portalkatalog der DNB überführt und mit entsprechenden Schlagwörtern und Normdaten angereichert. Auch konnte die Sammlung laufend durch Erwerbungen auf dem Antiquariatsmarkt erweitert werden.

Die Öffentlichkeit wurde zunehmend aufmerksam auf die umfängliche Kollektion von Schreibmeisterbüchern aus vier Jahrhunderten. Viele Nutzungs- und Forschungsanfragen erreichten uns. Als im Rahmen des Projekts „Altbestandsdigitalisierung“ eine Auswahl aus dem umfangreichen Bestand des Museums getroffen werden musste, war uns deshalb sofort klar, dass die schönen und teilweise einzigartigen Schreibmeisterbücher unbedingt mit dabei sein sollten.

Wir haben fast alle gedruckten Schreibmeisterbücher aus dem Museumsbestand in das inzwischen abgeschlossene Projekt eingebracht. Etwas mehr als 200 Digitalisate dieser Bücher werden im Portalkatalog präsentiert.

Dank der Digitalisate können nun Schrift- und Stilentwicklungen, didaktische Konzepte, die Nutzbarmachung von Handschrift sowie das freie Spiel mit kalligrafischen Möglichkeiten überall auf der Welt nachvollzogen, studiert, verglichen und bestaunt werden.


[1] Vgl. dazu A.R.A. Croiset von Uchelen: Schreibmeisterbücher. In: Lexikon des gesamten Buchwesens, 2. Auflage, Stuttgart Bd. 6.2003, S. 601-604

[2] Fritz Funke: Beschreibender Katalog der Schreibmeisterbücher des 16. – 19. Jahrhunderts : Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei, Leipzig. Maschinenschriftlich vervielfältigt. Leipzig 1953

Bettina Rüdiger

Bettina Rüdiger ist Sammlungsleiterin für das Buch vor 1900 und der Fachbibliothek im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB

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