„Schwarzer Markt für rote Bücher“
Tagung in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig
Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung fand am 27. und 28. November 2025 eine interdisziplinäre Tagung zur Raubdruckbewegung der 1960er bis 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland statt, die national große Beachtung fand. Unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Annette Gilbert von der FAU Erlangen kamen an zwei Tagen zahlreiche Wissenschaftler*innen und Fachbesucher*innen in Leipzig zusammen, um Fachvorträge zu präsentieren, zum Thema zu diskutieren und um sich zu vernetzen.
Ausgangs- und Angelpunkt der Tagung bildete die Raubdrucksammlung Albrecht Götz von Olenhusen, die das Deutsche Buch- und Schriftmuseum 2024 übernommen hat.

Das Programm zur Tagung war sehr umfangreich und kann hier gerne nachgeschlagen werden.
Interdisziplinäre Raubdruckgeschichte(n)
Die Teilnehmer*innen der Tagung näherten sich dem Thema Raubdruck aus den unterschiedlichsten disziplinären Perspektiven – historisch, literaturwissenschaftlich, soziologisch, sozialpädagogisch oder designtheoretisch. Dies erwies sich nicht nur als sehr fruchtbar, sondern verdeutlicht das große Potenzial, das die Raubdrucksammlung A. Götz von Olenhusen als Forschungsfeld für verschiedenste Disziplinen aufweisen kann.
Im Gesamtkontext der zweitägigen Tagung ergab sich sich so ein umfangreiches Bild der Raubdruckbewegung, ihres Einfluss auf die antiautoritäre Studentenbewegung, auf die Neue Linke sowie ihrer Literaturrezeption und Theoriegeschichte.






Raubdrucke entstanden aus vielerlei Beweggründen: Ausgangspunkt war der Wunsch, schwer zu beschaffende Literatur zu erschwinglichen Preisen für Studierende, für den Gebrauch in Lese-, Studien- und Diskussionsgruppen sowie die eigene Rezeption zugänglich zu machen. Dazu gehörten viele sozialistische, marxistische, sozialphilosophische und psychoanalytische Werke der 30er Jahre, vor allem aus dem Bereich der „Kritischen Theorie“ sowie von exilierten Autor*innen. Verschiedene Vorträge beschäftigten sich mit dem Einfluss solcher Raubdrucke auf die Theoriebildung der Neuen Linken, aber auch mit der Rezeptionsgeschichte einzelner Raubdrucke, bspw. Klaus Manns Roman Mephisto, dessen Publikation in der BRD zeitweilig untersagt war, oder Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll.
Theoriebildung und ökonomische Aspekte spielten auch produktionsseitig eine Rolle. Am Beispiel der Kinderladenbewegung zeigten Karin Bock (TU Dresden) und Nina Göddertz (U Paderborn), dass die in dem Kontext entstandenen Raubdrucke der inhaltlichen Auseinandersetzung mit pädagogischen Konzepten dienen sollten: die Diskussionen zu den Texten in den Kinderläden wurden in den Raubdrucken wiedergegeben sowie im Stile von Arbeitsbüchern Raum für eigene Notizen in den Publikationen vorgesehen. Gleichzeitig finanzierten diese Bücher die Kinderläden selbst.
Spannende Perspektiven eröffnete auch die designtheoretische Betrachtung von Prof. Franziska Morlok (UdK Berlin): Zur Visualität von Raubdrucken. Denn Raubdrucke unterliegen anderen gestalterischen und kreativen Prozessen als ein klassisches Buch. Das beginnt bei der Wahl des Papiers und endet nicht bei der Bindung. Die Einflüsse dieser den Praktiken der Vervielfältigung zuzurechnenden Ästhetik lassen sich bis heute nachzeichnen.
In der Raubdrucksammlung A. Götz von Olenhusen befinden sich zahlreiche Beispiele:





Über die Raubdrucke von Berthold Brecht und Walter Benjamin unterhielt sich Prof. Dr. Annette Gilbert gemeinsam mit Prof. Dr. Erdmut Wizisla, dem Leiter des Walter-Benjamin-Archivs in Berlin.
Die Raubdrucksammlung Albrecht Götz von Olenhusen
Ausgangspunkt der Tagung ist die in Umfang und Vollständigkeit einzigartige Raubdrucksammlung von Albrecht Götz von Olenhusen (1935–2022), die 2024 an das Deutsche Buch-und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig vermittelt werden konnte. Sie umfasst knapp 4.000 Raubdrucke und sogenannte subversive Drucke mit zusätzlichen Archivmaterial aus dem Umfeld der Raubdruckbewegung, inklusive Justiz- und Polizeiakten und Fachliteratur zum Thema. Damit schließt sie eine Lücke, deren Ausmaß jetzt überhaupt erst als solche erkenntlich wird, denn Raubdrucke haben aufgrund ihres rechtlichen Status bisher kaum (wissentlich) Eingang in die Sammelinstitutionen gefunden.
Im Laufe seiner Sammeltätigkeit präsentierte Götz von Olenhusen seinen Bestand in diversen Ausstellungen und verfasste zahlreiche Publikationen, darunter die bedeutende Bibliographie zu seiner Sammlung: Das Handbuch der Raubdrucke.
Albrecht Götz von Olenhusen, Christa Gnirß: Handbuch der Raubdrucke 2: Theorie und Klassenkampf. Sozialisierte Drucke und proletarische Reprints. Eine Bibliographie. Verlag Dokumentation, Pullach bei München 1973.
Albrecht Götz von Olenhusen: Handbuch der Raubdrucke. Bibliographie – Bericht – Dokumente (CD; verbesserte Version der Ausg. von 1973). Freiburg i. Br. 2002
Eine nicht publizierte Version der Bibliographie von 2014 dient dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum als Grundlage für die Erschließung der Bestände.
Während der Tagung konnten die Teilnehmer*innen diese bedeutende Sammlung im Archiv besichtigen, was für viele „Ahs“ und staunende „Ohs“ und eine große Begeisterung sorgte.
Cornelia Ranft (DBSM Leipzig) schilderte den langen Weg der Übernahme der Sammlung ins Museum. Dabei musste aus bibliothekarischer und archivarischer Sicht einiges beachtet werden, das bei der Übernahme in eine so große Institution wie die DNB relevant ist.
Höhepunkt Zeitzeugeninterview mit Gerd Schnepel
„Wir haben die Seiten sehr eng und klein bedruckt. So brauchte man weniger Papier und die Bücher waren auch dünner und damit billiger.“ (Zitat Gerd H. Schnepel)
Am Abend des ersten Tages kam die Schirmherrin Annette Gilbert mit dem heute über 80jährigen Gerd H. Schnepel ins Gespräch. Als Zeitzeuge erzählte er ziemlich anschaulich und mit zahlreichen Anekdoten geschmückt von seiner Zeit als Mitinhaber des Politladens Erlangen. Als Buchhändler und Verleger musste auf vieles geachtet werden. Auch aus finanzieller Sicht war es nicht immer leicht.


Gerd H. Schnepel zeigte sich sehr beeindruckt vom Bestand des Politladens Erlangen in der Deutschen Nationalbibliothek und einiger Werke in der Sammlung A. Götz von Olenhusen. Der Politladen war nicht nur Buchladen, sondern auch Verlag, sodass sich viele Publikationen des Politladens regulär im Bestand der DNB finden lassen.
„Wir haben ja nicht alles illegal gedruckt.“ (Zitat Gerd Schnepel)
Das Bücherkarussell
Am Freitag fand ein Bücherkarussell statt, bei dem vier Tagungsteilnehmer*innen sich je einen Raubdruck vorbereitend herausgegriffen hatten, um ihn und seinen Entstehungskontext vertiefend vorzustellen. Zu sehen ist das Raubdruckbuch, die Diplomarbeit von Sarah Käsmayr, das verwoben ist mit der Geschichte des Maro Verlags sowie derjenigen des Raubdrucks der Chronik eines angekündigten Todes von Gabriel García Márques.

Der Historiker Uwe Sonnenberg (Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin) hielt den letzten Vortrag der Tagung, der sich mit den Reaktionen des Börsenvereins auf das Raubdruckwesen beschäftigte, der zeitweise eigens einen Detektiv engagierte, um der Szene und ihren Strukturen auf die Spur zu kommen.
Eine sehr schöne inhaltliche Zusammenfassung zur Tagung unter dem Titel „Als das bürgerliche Copyright noch zerschlagen werden sollte“ veröffentlichte Martin Conrads in der TAZ. Nachzulesen bitte hier.
Cornelia Ranft
Cornelia Ranft ist Sammlungsleiterin für das Buch ab 1900 im Deutschen Buch- und Schriftmuseum. Dazu zählt auch die Sammlung Künstlerbücher und künstlerische Drucke sowie die Raubdrucksammlung Albrecht Götz von Olenhusen
Helene Schlicht
Helene Schlicht ist Mitarbeiterin des Wissenschaftlichen Diensts sowie Fachreferentin für Politik und Philosophie.








