Underground Comic – ein Glücksfall

29. März 2022
von Stephanie Jacobs

Geschichten im Medium des Bildes zu erzählen, ist eine der ältesten Kommunikationsformen der Menschheit – avant la lettre. Mit dem Comic erlebt das Bild im Format der Bildergeschichten im 20. Jahrhundert eine Hochzeit. Als „avancierteste Form der Bildgeschichte“ (Andreas Platthaus) wird der Comic seit den späten 1990er-Jahren nicht nur von der internationalen Kunstkritik als eigenständige Kunstform gefeiert, sondern entwickelt sich auch rasch zu einem kultur- und medienwissenschaftlichen Forschungsfeld. Einzelne Comics – vor allem frühe Beispiele aus dem Bereich der gesellschafts- und ideologiekritischen Underground- und Independent-Szene – werden auf dem Kunstmarkt zu astronomischen Preisen gehandelt.

Comicmagazin RAW, erstes Heft der von Art Spiegelman konzipierten Zeitschrift Raw, 1980; Titelblatt

Für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum (DBSM) ist es daher ein Glücksfall, dass es eine umfangreiche Sammlung US-amerikanischer Underground- und Independent-Comics erwerben konnte und damit einen weißen Fleck/ein Desiderat in seiner fast 140-jährigen Sammlungsgeschichte schließen konnte. Diese strategische Komplettierung des musealen Bestandes ist umso begrüßenswerter, da im Bereich der frühen Künstlercomics nur selten größere Konvolute auf den Markt kommen – und wenn doch, dann zu Preisen, bei denen die öffentliche Hand regelmäßig abwinken muss.

Comicmagazin RAW, zwischen 1980 und 1991 von Art Spiegelman und Françoise Mouly herausgegeben; unterschiedliche Ausgaben; eine der bekanntesten Arbeiten aus RAW war die 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Graphic Novel „Maus“ von Art Spiegelman.

Es handelt sich um den US-amerikanischen Teil der Sammlung Armin Abmeier (1940–2012). Abmeier, „Überzeugungstäter“ (Andreas Platthaus) und „Büchernarr“ (Michael Krüger), hat den Bestand über Jahrzehnte zusammengetragen. Neben Underground- und Independent-Comics enthält die Sammlung auch Graphzines, Künstlerpublikationen, illustrierte Bücher, Zeitschriften, Sekundärliteratur und diverse Ephemera wie Postkarten, Figuren, Müsliriegel, Schallplatten, CDs oder Videofilme, die zwischen Anfang der 1960er-Jahre und 2012 publiziert wurden. Armin Abmeier konzentrierte sich in seiner Sammeltätigkeit vornehmlich auf einzelne Akteur*innen, die heute zu den Großen der Szene zählen – unter ihnen Robert Crumb, Art Spiegelman oder Mark Beyer. Da der Sammler stets den persönlichen Kontakt zu den Zeichner*innen suchte, enthält der Bestand einen hohen Anteil an signierten und mit gezeichneten Widmungen versehenen Büchern, Alben und Vorzugsausgaben. Gerade diese personalisierten Unikate verleihen der Sammlung ihren singulären Charakter.

Chris Ware, aus: „Jimmy Corrigan“; mit Widmung an Armin Abmeier

Der Bestand ermöglicht einen umfassenden Überblick über das Schaffen der international vernetzten Zeichner- und Illustratorenszene, die im Grenzbereich von Hoch- und Populärkultur und oft bewusst abseits des kulturellen Mainstreams agierte. Dabei stellen die US-amerikanischen Underground- und Independent-Comics das Herzstück der Sammlung Abmeier dar. Schon Ende der 1960er-Jahre erwarb er in San Francisco, dem Zentrum der damals noch jungen Underground-Szene, frühe Comic-Publikationen in Kleinstauflage, die heute antiquarisch nur noch sehr selten angeboten werden. Und gerade diese Titel sind in europäischen Bibliotheken kaum vertreten.

Den Arbeiten von Robert Crumb, dessen Veröffentlichungen Abmeier beinahe vollständig gesammelt hat, kommt dabei besondere Bedeutung zu – gehört Crumb doch zu den prägendsten und umstrittensten Akteuren der Szene. Den Übergang von den Underground-Comics zur Independent-Szene markiert das Schaffen von Art Spiegelman. Auch von ihm enthält die Sammlung das publizierte Werk fast vollständig – von frühen Underground-Heften wie „Arcade“ über das Magazin „Raw“ bis hin zu seinen Buchveröffentlichungen „Maus“ oder „Breakdowns“. Chris Ware und Mark Beyer sind ebenso vertreten wie Charles Burns, David Sandlin oder George Herriman.

Für das DBSM in Leipzig sind sowohl die Vielgestaltigkeit der Underground- und Independent-Comics, die in der Sammlung Abmeier vertreten sind, als auch der große Anteil an Kleinstauflagen, unikalen Arbeiten und Ephemera ein schier unerschöpfliches Reservoir für Kooperationen sowohl mit der Literatur-, Buch- und Bildwissenschaft als auch mit den Digital Humanities. Und in ihrer starken Visualität ein großes Pfund für Ausstellungen und digitale Präsentationen.

Comicmagazin RAW, erstes Heft der von Art Spiegelman konzipierten Zeitschrift Raw, 1980; Innenseite mit Zusatzheft

Für die Kinderbuchautorin und Illustratorin Rotraut Susanne Berner, die die Sammlung ihres Ehemanns Armin Abmeier nach dessen Tod betreut und katalogisiert hat, sind das DBSM und die Buchstadt Leipzig ein idealer Ort – nicht zuletzt wegen der reichen Comic- und Illustrator*innenszene in Leipzig: „Ich hatte Gelegenheit, das Museum auch hinter den Kulissen zu besichtigen und bin sehr glücklich bei der Vorstellung, dass die Sammlung meines Mannes hier zuhause sein wird“, so Rotraut Susanne Berner, ohne deren großzügiges finanzielles Entgegenkommen die Erwerbung der einzigartigen Sammlung durch das DBSM nicht möglich gewesen wäre. Vermittelt wurde der Bestand durch Christine Haug, Professorin für Buchwissenschaft und Leiterin des Zentrums für Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilian-Universität München.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB

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