Vom Dritten zum Vierten, zum Fünften

2. November 2022
von Michael Fernau, Jörg Räuber

Bücherturm, Museumsbau, Musikarchiv, Bedarf für ein neues Mediensilo und künftig auch für Gruppenräume – die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) baut.

Gebäudekomplex der DNB in Leipzig mit Bücherturm, Deutschem Buch- und Schriftmuseum und zweifach erweitertem Gründungsbau am Deutschen Platz, Foto: PUNCTUM, Bertram Kober

Im Folgenden Beitrag sind Personen aller Geschlechter, solche mehrerer und solche ohne eines gemeint.

Vor bald zwölf Jahren, im Frühjahr 2011, wurde der 4. Leipziger Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek mit einem Festakt eröffnet. Grund zur Feier waren zugleich die Sanierung des bereits 30 Jahre zuvor errichteten 3. Erweiterungsbaus, des aus fünf um einen Erschließungskern angeordneten Segmenten bestehenden Bücherturms, und der Umzug des Deutschen Musikarchivs von Berlin nach Leipzig. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum, wie das Musikarchiv ein Bereich der Nationalbibliothek, bekam 1.350 m2 Ausstellungsflächen mit einem großen Schauraum hinter Spezialverglasung, dazu Räume für Wechselausstellungen sowie ein museumspädagogisches Kabinett und eine am Museumslesesaal vorbei zu einem goldfarbenen Ausstellungstresor hinführende „Hochzeitstreppe“. An deren oberem Ende gelangt man zum Westflügel des Bibliothekshauptgebäudes. Dort wurde raumgreifend bis in einen Innenhof hinein das Deutsche Musikarchiv mit zweigeschossigem Lesesaal, Büros und Tonstudios, Hörkabine, Vortragsraum und eigenem Ausstellungsbereich auf 823 m2 eingerichtet. Neue Medienmagazine im 4. Erweiterungsbau nehmen 10.600 m2 ein. Dafür wurden insgesamt 136 Regalfachboden-Kilometer in elektrisch angetriebenen Kompaktregal-Anlagen installiert.

Gabriele Glöckler, die Entwurfsarchitektin dieser Baumaßnahme, und die Fachleute modernster Bau- und Klimakonzepte realisierten hier in idealer Weise die Ansprüche der Deutschen Nationalbibliothek: Ästhetik, Funktionalität, Transparenz und Nachhaltigkeit prägen den Raum für Beschäftigte und Gäste, für Arbeit, Wissensdurst und Begegnung.

Die zählende Namensgebung des jüngsten Annexes verrät es: Die nunmehr schon vier Erweiterungen des in den Jahren 1914 bis 1916 errichteten Gründungsgebäudes, das nun bereits das Historische genannt wird, folgen mehr oder weniger exakt dem einstigen „Masterplan“ der Bibliotheksgründer. Diese sahen – eingedenk des auf Endlosigkeit angelegten Sammlungsauftrages – alle zwanzig Jahre die regelmäßige Erweiterung der Magazinflächen und auch der Lesesaal-Kapazitäten vor. Das große Modell, das für die Internationale Buch- und Grafikausstellung Bugra 1914 hergestellt wurde, zeugt heute noch von diesem Plan. Während sich die erste und die zweite Erweiterung weitgehend an dieses Konzept hielten, führten veränderte gesellschaftliche Verhältnisse und technischer Fortschritt zu völlig neuen architektonischen wie auch bibliothekstechnischen Lösungen bei den nächsten Erweiterungen. Geblieben ist deren Notwendigkeit, auch wenn zu der allen Abgesängen auf das Medium Buch trotzenden Menge des physischen Zuwachses jährlich mehr und mehr digitale Medienwerke in den Bestand gelangen. Es sollen und müssen aber die Belegstücke der weiterhin gängigen Medienformen bewahrt werden. Das sind allein in Leipzig arbeitstäglich Pakete mit 1.800 Büchern, Zeitschriften, Archivalien, Tonträgern und anderen Informationsträgern, die im Jahr rund vier laufende Fachboden-Kilometer füllen. Zusammen mit den in Frankfurt stationär verwahrten Exemplaren könnten längst die 400 Kilometer zwischen den Standorten der Nationalbibliothek mit solchen physischen Medienwerken durchgängig bestückt werden.

Die Bedarfsbeschreibung

Die Vorschriften für die Planung von Bauten des Bundes sehen vor, dass die Nutzerin als Bedarfsträgerin diesen Bedarf exakt beschreibt und dass die Baufacheinrichtungen Lösungsvorschläge machen. Dabei waren bereits im Rahmen der qualifizierten Bedarfsbeschreibung die verschiedenen Varianten auszuarbeiten und für eine vergleichende Beurteilung aufzubereiten. Das betrifft sowohl das in Frage kommende Areal auf dem eigenen Grundstück, wo das Gebäude errichtet werden könnte, als auch Konzepte für die Bewirtschaftung durch die Bestandsverwaltung. Die Spanne möglicher Magazinkonzepte reicht von kompakten Regalanlagen klassischer Bauart bis zur digital gesteuerten und roboterbedienten Hochregalanlage nebst einigen Kombinationen und Varianten. Zu berücksichtigen sind dabei wichtige Faktoren: konservatorische Belange, unterschiedliche Nutzungsfrequenzen für Bestandsgruppen, eine nachhaltige Energie- und Klimabilanz sowie moderne Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten müssen in Einklang gebracht werden.

In die detaillierten Beschreibungen der benötigten Flächen, der darauf zu errichtenden Magazinsysteme und der dadurch neu zu organisierenden Arbeitsabläufe und Schnittstellen zum Geschäftsgang der Bibliothek sind zahlreiche Erfahrungsberichte von Bibliotheken weltweit eingeflossen. Die zum Beispiel von der British Library in Boston Spa errichtete Speicherbibliothek, die gemeinsame Speicherbibliothek von vier Schweizer Bibliotheken in Büron und auch die externen Magazine der Library of Congress wurden studiert. Gespräche mit Fachkolleginnen und Experten sowie intensive Literaturstudien gehörten (und gehören weiterhin) selbstverständlich zu diesem Arbeitsprozess.

Die schließlich in die entscheidungsreife Vorlage für die nächsten Prüfungs- und Entscheidungsinstanzen eingeflossenen Variantenbeschreibungen überzeugten in der Vorabstimmung die Fachleute des Staatsbetriebs Sächsisches Immobilien- und Baumanagement als Baudurchführende Ebene, sowie die in Bundesauftragsverwaltung baulich Fachaufsichtsführende Ebene im Sächsischen Finanzministerium und die Oberste technische Instanz im Bundesbauministerium. Die zur baulichen Optimierung anzustellende Variantenuntersuchung wurde mit der oben benannten Untersuchung der möglichen Baufelder und der Regalsysteme als bereits vollzogen beurteilt. Baufachlich wurde danach eine Eigenbaumaßnahme der Nationalbibliothek mit gestrafftem Entscheidungsprozess und direkter Vorlage an die Kulturstaatsministerin und das Bundesfinanzministerium zur Billigung empfohlen.

Anmerkung: Seit dem Erscheinen dieses Beitrags im „Dialog mit Bibliotheken“ Mitte Oktober ist das ministerielle Genehmigungsverfahren entscheidend fortgeschritten. Nach Vorabstimmung mit dem Bundesfinanzministerium hat die Kulturstaatsministerin des Bundes die Baubedarfsplanung der DNB grundsätzlich gebilligt. Jetzt stehen der zweite und der dritte große Schritt zur Umsetzung der Planungen an: die Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs und die Anmeldung der Baukosten für die mittelfristige Finanzplanung.

Baulicher Lösungsvorschlag (Prinzipdarstellung)

Hybrides Konzept für die Magazine

Auch wenn bis zur Phase der Bau- und Ausführungsplanung noch Zeit vergehen und damit auch der Stand der Technik fortschreiten wird, gehen die magazintechnischen Vorstellungen nach derzeitigem Prüfungsstand von einem hybriden Konzeptaus – einer Kombination von „Fahrerlosen Transportsystemen“ für häufig genutzte Bestandsgruppen und den bewährten Kompaktregalanlagen für „beruhigte“ Bestandsgruppen mit seltenerem Zugriff.

In dem von externen Beratern in Bau- und Logistikfragen unterstützten Prozess der Bedarfsbeschreibung hat die Deutsche Nationalbibliothek vor allem erfahren, dass spätestens mit Inbetriebnahme dieses neuen Gebäudeteils ein grundsätzlicher Umbruch der logistischen Abläufe verwirklichet werden muss. Nicht nur der Einsatz eines weitgehend automatisiert arbeitenden Magazinsystems, sondern allein die Menge von derzeit 33 Millionen zu verwaltenden physischen Objekten verlangen nach einem digitalen Lagerverwaltungs- und Logistiksystem zur Optimierung der Bestandsverwaltung.

In der Zwischenzeit, bis zur Verfügbarkeit neuer Magazine, kommen bis 2030 schätzungsweise weitere fünf Millionen Exemplare hinzu, für die geschützter Lagerplatz gefunden und angemietet werden muss. Und zu den Planungen für den fünften Erweiterungsbau in Leipzig gehören selbstverständlich Überlegungen, was mit den durch Bestandsumzüge frei werdenden Räumen im historischen Bibliotheksgebäude geschehen soll.

Regalsysteme, Darstellung: agiplan GmbH, Mülheim an der Ruhr

Nachnutzung des historischen Bibliotheksgebäudes

Diese Nachnutzungsplanung wird zu einem späteren Zeitpunkt in eine detaillierte Bedarfsbeschreibung und nachfolgende Planungsschritte übergehen. Bereits jetzt sind aber Bedarfe angemeldet – sowohl an moderne Arbeitsumgebungen für Benutzerinnen und Benutzer, an Flächen für museumspädagogische und Vermittlungsarbeit des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 und des Deutschen Musikarchivs – allesamt Bereiche mit wichtigen eigenen Aufgabenfeldern zur Vervollständigung des Dokumentations- und Bereitstellungsauftrags der Nationalbibliothek. Nicht zuletzt steht auch der Bedarf an Arbeitsräumen für alle Fachbereiche und Abteilungen. Gebraucht werden neben einem neuen Mediensilo künftig auch mehr Räume für Gruppenarbeit und Flächen zur Erfüllung des demokratischen Vermittlungsauftrags der Nationalbibliothek.

Ziel ist es, der Deutschen Nationalbibliothek eine moderne, den dauerhaften Erhalt der Medien sichernde und dabei zugleich klimafreundliche und energiesparende bauliche Erweiterung zu schaffen, in der künftige Generationen gut arbeiten und die sie als Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der Bibliothek und ihrer archivischen und musealen Einrichtungen nutzen können. Sowohl die stationär gelagerten wie auch die digital gespeicherten Medienwerke bilden das historische, das gegenwärtige und das künftige Gedächtnis der Nation, wie es von der Nationalbibliothek als beständig lernende Organisation der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:PUNCTUM, Bertram Kober

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  • ISSN 2751-3238