Zwischen den Regalen – Almuth Heuner
In Zwischen den Regalen kommen Nutzende der Deutschen Nationalbibliothek zu Wort. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen und aus unterschiedlichen Bereichen. Sie nutzen die Lesesäle in Leipzig und Frankfurt als Recherche, Arbeits- oder Lernort. Hier geben sie Einblicke in ihre Arbeit, stellen Projekte vor und erzählen ihre Geschichte. Heute: Almuth Heuner

Almuth Heuner und ihre Krimi-Anthologie „Zechen, Zoff und Zuckerwerk“ im Frankfurter Lesesaal der DNB – Foto: Jana Hansen, DNB
Die Schriftstellerin und Übersetzerin Almuth Heuner lebt von und mit Büchern, sie sind ein Teil ihrer Atemluft. So findet man sie blätternd in Buchhandlungen und in Bibliotheken oder Lesungen lauschend in den Räumen des LiteraturKollektiv Bochum (LitKoBo) – und natürlich im Oktober, netzwerkend und das bibliophile Ambiente genießend, auf der Frankfurter Buchmesse. Sie ist hauptsächlich als Autorin und Herausgeberin von Kriminalliteratur bekannt, aber auch Lyrisches fließt durch ihre Feder.
Für uns hat sie eines ihrer Bücher im Magazin besucht und auf einen Spaziergang in den Lesesaal und zu den Medienboxen mitgenommen.
Bitte stellen Sie sich uns kurz vor
Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets und lebe dort wieder nach vielen Jahren in verschiedenen Städten. Studiert habe ich in Germersheim und verließ es als Diplom-Übersetzerin zunächst in Richtung Mannheim und Dieburg. Später lebte ich in Frankfurt und Offenbach und arbeitete für ein pharmazeutisches Fachmagazin als Schlussredakteurin. Seit 1998 bin ich selbstständig als Übersetzerin und heute hauptsächlich als Schriftstellerin. Bislang sind von mir zahlreiche Kriminalerzählungen erschienen, und ich habe einige Krimi-Anthologien herausgegeben.
In meinem Elternhaus gab es nicht viele Bücher, obwohl wir alle viel lasen. Unseren „Stoff“ bezogen wir aus der Stadtbücherei – jede Woche kam der Bücherbus, durch den ich mich als Kind systematisch durchgearbeitet habe. Während ich das Gymnasium besuchte, konnte ich auch die Hauptstelle der Stadtbücherei nutzen. Aus der Fachbereichsbibliothek in Germersheim habe ich weniger Fachbücher als vielmehr Literatur ausgeliehen und in meiner Studienbude verschlungen. Inzwischen habe ich zu Hause eine recht umfangreiche Privatbibliothek von rund zehntausend Bänden, die sich im Lauf der Jahre so angesammelt haben (und in denen es oft um Bücher, Buchhandlungen und Bibliotheken geht) – aber ich bin immer noch auf der Jagd nach Lektüre in Bibliotheken.

Foto: Jana Hansen, DNB
Vielleicht auch in der Deutschen Nationalbibliothek?
Mein Onkel Harro Kieser war Bibliothekar im Deutschen Exilarchiv, DEA und Fachreferent für Literaturwissenschaft in der Nationalbibliothek. Wenn ich mal in Frankfurt war, habe ich ihn dort besucht und kenne somit auch das frühere Domizil in Frankfurt-Bockenheim. Als ich dann selbst in Frankfurt wohnte, setzte ich diese Besuche natürlich fort, dann auch im Neubau im Nordend. Dort habe ich die inspirierende Atmosphäre des Lesesaals sehr geschätzt, wo ich umgeben war von vielen anderen still und emsig arbeitenden Menschen und vor allem von Tausenden von Büchern. Mit einer befreundeten Bibliothekarin führte ich im Café der DNB viele Gespräche über Bücher, das Schreiben und das Lesen. Auch heute treffen wir uns dort, wenn ich wegen der Buchmesse in Frankfurt bin.
Woran arbeiten Sie gerade und benutzen Sie dafür eine Bibliothek?
Ich schreibe einen Kriminalroman, in dem es um Bücher geht und der unter anderem in der Universitätsbibliothek Bochum spielt. Natürlich war ich dort, um den Ort und die Atmosphäre zu recherchieren. Doch da sich ein Großteil der Handlung in einer privaten Büchersammlung ereignet, schreibe ich lieber entweder zu Hause oder in einem Coworking-Space, in dem ich mich zweimal die Woche mit ebenfalls schreibenden Freund*innen treffe. Dort umgeben uns auch Bücher, vor allem zum Schreibhandwerk, aber auch Sachbücher und Belletristik. Ohne Bücher um mich herum fühle ich mich einfach nicht wohl.

Foto: Elke Jost-Zell, DNB
Wovon handelt das Buch, das wir im Magazin der Deutschen Nationalbibliothek für Sie und mit Ihnen fotografiert haben?
Für Zechen, Zoff und Zuckerwerk, eine Anthologie von Weihnachtskurzkrimis aus dem Ruhrgebiet, habe ich als Herausgeberin Autor*innen ausgewählt, die tatsächlich im Ruhrgebiet leben. Mir war auch wichtig, dass ich ihnen weitgehend freie Hand lassen konnte, was den speziellen Weihnachtsaspekt ihrer Geschichte und auch ihren Erzählstil anging – mit Erfolg: Meine eigene Geschichte darin wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und zwei weitere Storys wurden dafür nominiert.

Foto: Elke Jost-Zell, DNB
Wie schätzen Sie die nachbarschaftlichen Verhältnisse der Bücher im Magazin der DNB zu Ihrem Werk ein?
Der zauberhafte Sauerteig der Lois Clary von Robin Sloan steht auch in unserem heimischen Bücherregal – mein Mann bekam es geschenkt, weil er gern Brot bäckt. Selbst gelesen habe ich es noch nicht, aber ich kenne von diesem Autor Mr. Penumbra’s 24-Hour-Bookstore (mein Exemplar hat einen Schutzumschlag, der im Dunkeln leuchtet).
Die Anthologie Geheimnisvolle Geschichten – Gar greuliche Thaten auf der anderen Seite – klassische Kriminalgeschichten von Schiller, Poe, Chesterton, Wallace, Hoffmann, Groner und anderen – passen natürlich hervorragend zu meinem Buch. Die meisten kenne und besitze ich, da ich mich mit der Geschichte des Krimis befasse und dazu sammle, mit besonderem Augenmerk auf deutschsprachige Werke und vor allem solche von Frauen. Von daher freut mich die Aufnahme Auguste Groners in diese Sammlung; von dieser Autorin erfuhr ich über die US-amerikanische Übersetzerin Mary Tannert, die ihre Doktorarbeit über frühe deutschsprachige Krimiautor*innen geschrieben hat und so mithalf, Auguste Groner wiederzuentdecken. Übrigens steht ein anderes Buch mit einem Beitrag von mir im Magazin neben einem Roman von Leonard Cohen, den ich in der alten Übersetzung besitze und gelesen habe. Ich wüsste so gern, welche Nachbarschaften die anderen Anthologien und Übersetzungen haben, an denen ich mitgewirkt habe … Ob die auch alle in meinen eigenen Regalen stehen?

Foto: Elke Jost-Zell, DNB







Almuth Heuners großes literarisches Wissen, insbesondere im Bereich Krimis von Frauen ist eine tolle Informationsquelle. Ich freue mich immer über ihre interessanten Büchertipps.
Zusätzlich zu den zigtausend Büchern, die Almuth Heuner in ihren privaten Regalen besitzt, wohnen noch Unsummen weitere in ihrer geistigen Bibliothek. Ich habe mehrfach wunderbare Leseempfehlungen für AutorInnen bekommen, die mir gänzlich unbekannt waren. Danke dafür!
mit Almuth Heuner kann man nicht nur tagelang (mehrmals erlebt!) über Bücher aus schier allen Bereichen reden, sondern sichtlich auch sehr fröhliche Fotostrecken kreieren!