Zwischen den Regalen: Pané-Farré und Reimer
In Zwischen den Regalen kommen Nutzende der Deutschen Nationalbibliothek zu Wort. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen und aus unterschiedlichen Bereichen. Sie nutzen die Lesesäle in Leipzig und Frankfurt als Recherche, Arbeits- oder Lernort. Hier geben sie Einblicke in ihre Arbeit, stellen Projekte vor und erzählen ihre Geschichte. Heute: Pierre Pané-Farré und Arne Reimer, u.a. zur aktuellen Ausstellung „Waffe Buchumschlag!“ im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.
Lieber Arne, lieber Pierre, stellt euch doch kurz einmal vor.
Arne Reimer: Ich bin Fotograf, habe die prämierten Bücher „American Jazz Heroes Vol. 1 & 2“ geschrieben und fotografiert, ebenso das Fotobuch „Long Play“ zur Kultur der Schallplatte.
2025 gab es gleich drei Bücher, bei denen ich mitgearbeitet habe: Für den retrospektiven Katalog der Fotografin Lisette Model (1901-1983) forschte ich zu ihren unveröffentlichten Jazzfotografien und schrieb einen Text für den Katalog. Nachdem die Ausstellung in der Albertina, Wien gezeigt wurde ist sie nun in München im Kunstfoyer bis zum Juli 2026 zu sehen.
Außerdem habe ich 2022 in Hamburg das Archiv des Fotografen Ralph Quinke gesichtet, der 1989 vom Schweizer Kulturmagazin DU beauftragt wurde, Miles Davis zu Hause in Malibu zu besuchen. Ich hatte die Idee, die unveröffentlichten Miles Davis-Bilder von Quinke zum 100. Geburtstag des Trompeters (2026) als Buch zu veröffentlichen, dessen Herausgeber ich nun bin.
In den letzten zwei Jahren forschte ich für das Photoinstitut Bonartes, Wien zu dem Thema „Fotografische Schutzumschläge der 1920er und 1930er Jahre“. Dabei entdeckte ich so viele Umschläge, daß es notwendig wurde, einen thematischen Schwerpunkt zu setzen, der schließlich die politische Umbruchszeit in den Fokus nimmt.

Pierre Pané-Farré: Ich bin Gestalter mit Schwerpunkt Typografie und Schriftgestaltung, arbeite als Professor in diesem Bereich und forsche sowie publiziere regelmäßig zur Geschichte des Grafikdesigns und der Schriftgestaltung. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf Aspekten, die im Zuge technischer Einschnitte und medialer Umbrüche bislang wenig Beachtung gefunden haben – insbesondere dort, wo sich gestalterische Entwicklungen mit gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen verschränken. Dabei zeigt sich in meiner Arbeit immer wieder die besondere Rolle der Fotografie als dokumentierendes Medium: Sie hält nicht nur die visuelle Kultur und den städtischen Raum des 19. Jahrhunderts sowie frühe Formen der Plakatgestaltung fest, sondern ist oft auch eine der wenigen Quellen, die die Übergangsphase hin zu digitalen Satz- und Schrifttechnologien überhaupt nachvollziehbar machen.
Warum arbeitet/forscht ihr gern in der DNB?
Arne Reimer: Der Fundus der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) ist so reichhaltig und für meine Forschungsarbeit so wertvoll, weil enorm viele Publikationen vor 1945 hier erhalten sind. Es gibt in der DNB Bücher, Zeitschriften und auch Graue Literatur, die sonst an keinem anderen Ort existieren, weil sie einfach nicht aufbewahrt wurden. Für Forschungszwecke ist die DNB unverzichtbar. Man kann so viel in der Geschichte entdecken und ans Licht bringen und dadurch einen Bezug zur Gegenwart herstellen.
Pierre Pané-Farré: Die DNB verfügt insbesondere mit dem umfassenden Bestand der Sammlung im Schriftmuseum über ein außergewöhnliches Material, das nahezu vollständig erhalten ist und für meine Recherchen und Arbeit von großer Bedeutung ist. Entscheidend ist dabei, dass dies nur durch das vorausschauende Handeln von Personen in der Vergangenheit möglich wurde – erst dadurch können wir heute auf diesen physischen Bestand schauen und ihn befragen. Wenn zukünftige Generationen einmal auf unsere Zeit zurückblicken wollen, bleibt das physische Objekt, in dem sich so vieles „einschreibt“, nach wie vor unerlässlich. Diese Einsicht richtet sich auch an die Politik: Der Erhalt solcher Sammlungen muss nicht nur gefördert, sondern weiterhin gesichert bleiben, damit kulturelles Wissen und gestalterische Geschichte bewahrt werden.
Welches Potential hat die Sammlung für euch?
Arne Reimer: Es gibt immer noch unentdeckte Bestände, die durch neue wissenschaftliche Fragestellungen plötzlich ins Zentrum rücken, indem man erstmals unter bestimmten Aspekten nach ihnen sucht. So auch bei unserem Buchumschlag-Projekt: Auf der Suche nach kaum mehr auffindbaren Schutzumschlägen, die im Laufe der Zeit häufig einfach entsorgt wurden, bin ich zum Beispiel hier in der DNB in zahlreichen Fällen fündig geworden. Auch wenn ich nach älteren Zeitschriftenheften recherchiere und die dann für mich in der Buchausgabe bereitliegen, bin ich oft total überrascht, welch tolle Cover-Gestaltungen oder Alltagsgrafiken ich da beinah zufällig entdecke.
Pierre Pané-Farré: Auch ich bin der Meinung, dass die unentdeckten Bestände und Nebenschauplätze es wert sind, gehoben zu werden. Darüber hinaus sehe ich ein Potenzial darin, dass die Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums sowie zukünftige Ausstellungen den Besucher*innen den Zugang zu Schrift und Gestaltung weiter eröffnen und sichtbar machen, wie sehr diese untrennbar mit gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden sind.

Wo fühlt ihr euch in der Bibliothek am wohlsten? Was ist euer Lieblingsplatz?
Arne Reimer: Für mich ist das der Museumslesesaal. Die gedämpfte Stimmung dort, die sehr hilfsbereiten Mitarbeiter*innen am Servicedesk und genügend freie Arbeitsplätze machen diesen Bereich gemeinsam mit seinem flauschigen Teppichboden zu einem echten „Wellness-Lesesaal“.
Pierre Pané-Farré: Ich bin – in Bibliotheken generell – am liebsten zwischen den Regalen unterwegs. Beim Umherstreifen stoßen einem Dinge zufällig auf, die man zuvor nicht gesucht hat, die einen überraschen und den eigenen Blick erweitern – sie bereichern gerade, weil man ihnen zuvor keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Im März hat im DBSM die Ausstellung „Buchumschlag“ eröffnet, die ihr mitkuratiert habt. Um was geht es da und werden auch Bestände aus der DNB gezeigt?
Arne Reimer: Es geht um fotografische Schutzumschläge der 1920er und 1930er Jahre aus Österreich, die in politischen Kontexten dazu genutzt wurden, die Gunst der Wähler:innen zu gewinnen. Viele Verlage aus Wien hatten damals auch Dependancen in Leipzig oder Berlin, so dass diese Bücher oft im Bestand der DNB aufzufinden sind – zu meiner Freude war häufig der Schutzumschlag – oder zumindest Teile davon – sogar noch erhalten.
Pierre Pané-Farré: In dem von mir für die DNB kuratierten Teil zeichne ich die Bedingungen und Entwicklungen der Verbreitung von Fotografie und Fotomontage in Druckerzeugnissen sowie auf fotografischen Buchumschlägen nach. Im Zentrum stehen dabei das Druckereigewerbe und die sich wandelnden Arbeitsweisen der Gestalter*innen. Ein besonderes Anliegen ist es mir, sichtbar zu machen, dass gestalterische Entwicklungen nicht isoliert betrachtet werden können. So lässt sich etwa die sogenannte „Neue Typografie“ nicht allein aus der Entwicklung von Schrift und typografischer Gestaltung heraus verstehen, sondern geht wesentlich aus dem Einsatz der Fotografie hervor – ein Zusammenhang, der in der Forschung bislang häufig zugunsten einer stärker typografiezentrierten Perspektive vernachlässigt wird.
Zugleich untersuche ich, wie gestalterische Techniken der künstlerischen Avantgarden ab 1933 von den Nationalsozialisten angeeignet und für propagandistische Zwecke instrumentalisiert wurden. Dies betrifft insbesondere die Fotomontage, aber auch Typografie und Schriftgestaltung. Dabei war es mir von Beginn an wichtig, ausschließlich auf die Bestände der DNB zurückzugreifen, um sichtbar zu machen, über welch herausragende und vielfältige Sammlungen wir vor Ort verfügen.



Warum ist der Zeitraum der 1930er Jahre so spannend im Kontext „Buchumschlag“?
Arne Reimer: In der Zwischenkriegszeit positionierten sich in Österreich paramilitärische Einheiten und die politischen Lager sehr aggressiv gegeneinander. Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Kommunisten nutzten Buchumschläge und Broschuren, um ihre politische Message zu kommunizieren. Dabei spielte die Fotografie als neues Massenmedium sowie Fotomontage und Typografie mit ihrer politischen Dynamik eine zentrale Rolle. Als wir diese Zeitdokumente in ihrer Gestaltung und Aussagekraft im Rahmen eines Forschungsprojektes des Photoinstituts Bonartes näher unter die Lupe nahmen, kam vor allem ein starker Bezug zur Gegenwart zum Vorschein. Es lohnt sich hier wirklich, genauer hinzusehen und sich als Ausstellungsbesucher:in damit auseinanderzusetzen, wie Geschichte sich wiederholt und wir unsere Denkmuster noch intensiver reflektieren müssen.
Pierre Pané-Farré: Der Zeitraum der 1930er Jahre ist im Kontext des Buchumschlags besonders spannend, weil sich hier ein deutlicher Wandel beobachten lässt. Während die Innengestaltung der Bücher noch stark von den maschinellen Setzverfahren der Zeit – etwa Linotype und Monotype – geprägt ist, zeigen sich auf dem Buchumschlag bereits die Dynamiken des Druckereigewerbes sowie der wachsende Einfluss der Fotografie und der Fotomontage der Zeit.
Der Buchumschlag wird in dieser Zeit zunehmend zu einem eigenständigen gestalterischen Feld, in dem neue visuelle Ausdrucksformen erprobt werden. Leider ist diese Entwicklung heute nur noch schwer vollständig nachzuvollziehen, da ein Großteil der Buchumschläge im Laufe der Zeit verloren gegangen oder vernichtet wurden ist.

Welches Objekt aus der Ausstellung könnt ihr besonders empfehlen?
Arne Reimer: Nach wie vor ist die Studie „So leben wir …“ von 1932 der österreichischen Sozialwissenschaftlerin Käthe Leichter spannend, weil es die erste Studie war, die durch 1320 Fragebögen für Industriearbeiterinnen die harte Lebensrealität von Frauen der Arbeiterinnen sichtbar machte. Sie thematisierte die Doppelbelastung durch Erwerbsarbeit und Haushalt mit dem Ziel, für Arbeits- und Frauenrechte, Lohngleichheit und Selbstbestimmung zu kämpfen. Die Studie war eine Pionierarbeit der Frauenforschung und Arbeitsmarktanalyse. Leichter wurde 1942 im KZ Bernburg an der Saale in Sachsen-Anhalt ermordet. Das Fotomontage-Cover der Studie auf Vorder- und Rückseite wirkt heute ebenfalls noch sehr modern. Nur wer es gestaltet hat ist leider unbekannt. Und leider hat die Deutsche Nationalbibliothek diese Publikation nicht in ihrer Sammlung – zu sehen ist sie in den kommenden sechs Monaten in unserer Ausstellung.

Pierre Pané-Farré: Ich freue mich nach wie vor sehr über den Fund eines Fotos, das zwar nicht in der Ausstellung gezeigt, aber im dazugehörigen Booklet abgedruckt wurde. Es handelt sich um eine fotografische Einladung zu einem Vortrag mit dem Titel „Wie entsteht ein Foto“ im Februar 1928, der sich an die Setzer*innen der „Ortsgruppe Königsberg“ richtete. Darauf steht programmatisch: „Jeder Typograf ein Fotograf“ – ein klarer Bezug zur „Neuen Typografie“. Gleichzeitig zeigt mir dieses Foto auf eindrückliche Weise, was in der Ausstellung thematisiert wird: Die Arbeitswelt und Lebensrealität der abgebildeten Personen wird nur wenige Jahre später völlig anders sein.
Informationen zur Ausstellung
Waffe Buchumschlag! Foto, Cover und Propaganda in den 1930er Jahren
Ausstellung im Deutschen Buch- udn Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek
18. März bis 20. September 2026
Katalog zur Ausstellung: „Buchumschlag! Fotomontagen im politischen Kampf der 1930er-Jahre in Österreich“, Herausgegeben von Monika Faber, Arne Reimer und Hanna Schneck, erhältlich im Museum. Infos im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek hier.
dnb.de/buchumschlag






