Zwischen den Regalen – Sabine Baumann

20. April 2026
Das Interview führteJörn Hasenclever

In Zwischen den Regalen kommen Nutzende der Deutschen Nationalbibliothek zu Wort. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen und aus unterschiedlichen Bereichen. Sie nutzen die Lesesäle in Leipzig und Frankfurt als Recherche, Arbeits- oder Lernort. Hier geben sie Einblicke in ihre Arbeit, stellen Projekte vor und erzählen ihre Geschichte. Heute: Sabine Baumann

Liebe Frau Dr. Baumann, können Sie sich bitte kurz zu Beginn vorstellen?

Eine Frau lächelt in die Kamera. Sie schaut den Betrachter an, während sie eine Glastür mit Aufdruck öffnet. Auf der Tür steht in blauen Buchstaben "Deutsches Exilarchiv 1933 - 1945".
Dr. Sabine Baumann am Eingang des Exilarchivs. Foto: DNB/ Dr. Jörn Hasenclever

Ja, mein Name ist Sabine Baumann. Ich bin aus Frankfurt-Höchst und schon von Kindheit an Bibliotheksgängerin, damals mit meiner Mutter in der Stadtbücherei oder auch in der Werksbücherei. Ich bin dann – das ist vielleicht kein Wunder – tatsächlich Literaturwissenschaftlerin geworden und habe promoviert, und zwar über einen Exilautor. Heute beschäftige ich mich mit dem deutschsprachigen Exil, aber damals war mein Thema Vladimir Nabokov, ein russischer Schriftsteller, der nach Amerika gegangen ist, über den Umweg über Berlin. Er hat mich in meinem Leben noch lange begleitet, denn nach der Promotion habe ich einige seiner Werke aus dem Russischen und Englischen übersetzt.

Außerdem habe ich als Lektorin für verschiedene Frankfurter Verlage gearbeitet, zuletzt bei Schöffling & Co., wo ich Werke von Exilautorinnen wie Gabriele Tergit und auch Übersetzungen betreut habe. Zudem engagiere ich mich ehrenamtlich für Literatur: Im Verein „Uelit – Übersetzen und Literatur“ und schon länger als Vorsitzende für den Verein „Frankfurt liest ein Buch“, dessen Eröffnung auch bald – am 20. April – wieder hier in der DNB stattfinden wird.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Derzeit arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt. Daran sind drei Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt, und zwar Mainz/Germersheim, Lausanne und Graz. Das ist ein DFG-gefördertes Projekt, und da geht es um Übersetzende im sogenannte Post-Exil, also die Rückkehr von Menschen und Texten, die während des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland verbannt waren. Im Fokus steht, was von 1945 bis 1960 auf diesem Gebiet geschah. Dabei spielt die Vorgeschichte einer Person natürlich auch immer eine große Rolle. Also warum und wohin ging jemand ins Exil, wann und wohin konnte man zurückkehren, wenn man nicht im Zufluchtsland blieb? Aber vor allem: wie konnte man sich dann wieder ins deutsche Kulturleben einbringen?

Warum arbeiten und forschen Sie in der DNB und dem Exilarchiv?

Also für mich geht gar kein Weg am Exilarchiv vorbei, weil das im Moment mein Hauptforschungsschwerpunkt ist. Es ist für meine Arbeit großartig, dass das Exilarchiv ein Teil der Nationalbibliothek ist. So kann ich zum Beispiel in den Zeitschriften der Nachkriegszeit nachschauen, wer hat die Texte darin übersetzt? Denn nach dem Krieg gab es viele Zeitschriften, wie etwa die „Story“ des Rowohlt Verlages, in denen „Erzähler des Auslandes“ (so lautete der Untertitel der Zeitschrift) vorgestellt wurden. Übersetzt wurden die Erzählungen ganz oft von Exilrückkehrern.

Diese Zeitschriften sind ein wahres Füllhorn an Übersetzungen und zum Teil kann man damit die Namen von Personen, die aus dem Exil zurückgekehrt sind oder deren Übersetzungen jetzt nachgedruckt wurden, ermitteln. Wenn ich dann auf diesem Weg weitergekommen bin, schaue ich mir einzelne Nachlässe im Exilarchiv an.

Und welches Potenzial haben die Sammlungen der Deutschen Nationalbibliothek und die Bestände des Exilarchivs für Sie?

Es ist ein wirklich großartiger Fundus. Ich kann mir hier in Frankfurt auch Werke aus Leipzig bestellen, die dort im Bestand sind. Aber der Frankfurter Standort fällt ja quasi auch noch mit in meinen Forschungsbereich, weil er 1946 gegründet wurde. Auch das Exilarchiv selbst ist eine Nachkriegsgründung. Es wurde von Exilanten, die zum Teil Rückkehrer waren, ins Leben gerufen, um das Exil zu dokumentieren.

Übersetzerinnen und Übersetzer sind auch heute noch eine Berufsgruppe, die wenig beachtet wird, fast unsichtbar ist. Lange Zeit wurden nicht einmal die Namen von Übersetzerinnen und Übersetzern in den Büchern genannt. Trotzdem halten es viele von uns für selbstverständlich, internationale Literatur auf Deutsch zu lesen. Die meisten Menschen denken nicht groß darüber nach, dass jemand einen Text übersetzt und damit auch einen neuen Stil gefunden hat. Ich finde es toll, dass ich den Übersetzer*innen durch meine Forschung ein wenig aus dieser Unsichtbarkeit heraushelfen kann. Und zwar, indem ich mehr über ihre Lebensabläufe herausfinde und danach frage, wie jemand vor dem historischen Hintergrund überhaupt dazu gekommen ist, mit dem Übersetzen zu beginnen, wie viele Sprachen jemand konnte oder im Exil gelernt hat, warum jemand für einen bestimmten Autor ausgewählt wurde oder ob es auch vorkam, dass jemand selbst ein Werk zur Übersetzung vorgeschlagen hat.

In der Nachkriegszeit haben die Alliierten eigene Übersetzungsprogramme für Literatur ins Leben gerufen. Sie wollten im Rahmen der Reeducation das deutsche Lesepublikum mit neuen, mit anderen Texten bekannt machen, das hatte auch eine wichtige politische Dimension zur Überwindung der nationalsozialistischen Ideologie. Dabei spielten Übersetzer*innen eine große Rolle.

Eine Frau steht vor der Handbibliothek des Deutschen Exilarchives der deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Sie lächelt in die Kamera und präsentiert dem Betrachter ein Buch. In den Regalen, die sich in der rechten Bildhälfte in den Hintergrund fortsetzen stehen verschiedene Bücher zu Exilthemen.
Dr. Sabine Baumann vor der Handbibliothek des Exilarchivs, die sie für die Recherchen zu ihrem Forschungsprojekt ausgiebig nutzt. Foto: DNB/ Dr. Jörn Hasenclever

Und auf welche Weise arbeiten Sie als Autorin mit unseren Beständen?

Ich nähere mich meinem Thema von verschiedenen Seiten her an. Ausgehend von der Sekundärliteratur schaue ich, wo schon etwas über die alliierte Kulturpolitik, die Literatur der Nachkriegszeit oder die Exilrückkehr aufgearbeitet worden ist. Vieles findet sich gebündelt in der Handbibliothek des Deutschen Exilarchivs. Aber meist fehlen Angaben, wie es dazu kam, dass jemand einen Roman, ein Theaterstück, Gedichte oder Kinderbücher übersetzt hat. Diese Lücke versuche ich zu schließen. Oft stoße ich auf Namen von Personen, über die nicht viel bekannt ist. Ich lese dann in Biografien von Autor*innen oder Verlagschroniken nach. Manchmal bestelle ich mir aber auch ganz konkret Nachlässe aus dem Exilarchiv, um mehr über das Leben und Werk einer Person zu erfahren, zum Beispiel aus Briefwechseln, die sich auf manchmal wundersame Weise erhalten haben. Im Idealfall finde ich in diesen Materialen etwas zu den Übersetzungen oder dazu, welche Netzwerke mit Autoren und Verlagen jemand im Exil und danach knüpfen konnte.

Zum Beispiel bin ich so auf einen Übersetzer, der ein spannendes Schicksal hatte, gestoßen: Der aus dem Saarland stammende Ernest Meyer hat unter dem Pseudonym Jean Salvard französische Theaterstücke ins Deutsche übersetzt. Die Dramen stammen von Jean Anouilh und wurden in der Nachkriegszeit auf deutschen Bühnen häufig gespielt. Darin geht es um Autorität und Schuld, um Menschenrechte und Freiheit. Im Nachlass des Übersetzers haben sich Zeitungsausschnitte erhalten mit Kritik und Lob zu Meyers deutschen Fassungen. Meyer hat mit viel Mut für die Resistance gekämpft und sich sogar für Fallschirmspringereinsätze gemeldet. Nach dem Krieg hat er deutsche Gefangene verhört und war in Wien – das damals, genau wie Berlin, in vier Sektoren aufgeteilt war – in der französischen Besatzungszone als Presseoffizier tätig.

Ich habe dazu nirgendwo irgendeine Dokumentation gefunden, außer in seinem umfänglichen Nachlass, den sein Sohn dem Deutschen Exilarchiv übergeben hat.

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und lächelt in die Kamera. Vor ihr auf dem Tisch steht ein geöffneter Archivkarton mit mehreren Archivmappen darin. Eine der Mappen liegt geöffnet vor der Frau auf dem Tisch. Auf dem leeren Stuhl neben ihr steht eine durchsichtige Tasche aus robustem Plastik, die das Logo der Deutschen Nationalbibliothek trägt.
Dr. Sabine Baumann im Lesesaal des Exilarchivs, einem ihrer Lieblingsplätze in der Nationalbibliothek. Foto: DNB/ Dr. Jörn Hasenclever

Wie gehen Sie dabei vor, wenn Sie in den Beständen des Exilarchivs recherchieren?

Man darf die Archivalien ja nicht fotografieren, aber wenn ich auf besonders interessante Dokumente stoße, kann ich mir einzelne Seiten digitalisieren lassen. In meinem Beispiel von Ernest Meyer waren das neben den erwähnten Rezensionen und Fotos zum Beispiel Lebensmittelkarten, die er nach dem Krieg bekommen hat, die Erlaubnis, in allen Kleidungsgeschäften für die GIs einzukaufen, weil er für die amerikanische Armee tätig war, oder auch eine Einladung in die Hofburg zum 30-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution. Diese Einladung war zwar komplett auf Kyrillisch, aber da ich Russisch kann, konnte ich lesen, was dort steht. Wenn ich dann beschließe, einen Artikel zu schreiben, muss ich die Rechteinhabenden um Genehmigung bitten. Das Exilarchiv hilft mir dann, diese zu kontaktieren, und wenn es keine Einwände gibt, kommt am Ende hoffentlich ein schön bebilderter Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift als Ergebnis meiner Arbeit zustande.

Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal die Nationalbibliothek besucht haben und was Sie hierhergeführt hat?

Ich bin als Studienanfängerin zum ersten Mal in die DNB gekommen. Da war sie noch am alten Standort in der Zeppelinallee und man musste Zettelkästen benutzen, denn damals war der komplette Bestand der Nationalbibliothek, der heute ja von überall her digital abgerufen werden kann, auf Karteikärtchen. Am heutigen Standort war ich von Anfang an begeisterte Nutzerin und bin immer gerne hergekommen. Und jetzt kommt meine Tochter, die vor einiger Zeit hier für ihr Abitur gelernt hat, manchmal hierher.

Wo fühlen Sie sich denn in der Bibliothek am wohlsten? Was ist Ihr Lieblingsplatz?

Ich arbeite meistens im normalen Lesesaal, aber auch im Lesesaal des Exilarchivs. Besonders mag ich, dass man durch die großen Fenster einen so schönen Blick in den Garten hat. Aber ich nutze auch gerne die Veranstaltungsangebote der Nationalbibliothek in der großartigen Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“. Besonders angetan bin ich vom Format der Mittagsführung. Man kann in der Mittagspause für eine Viertelstunde zu bestimmten Einzelthemen der Dauerausstellung kommen und konzentriert sich auf drei bis vier Objekte. Da gab es zum Beispiel „Exil in Paris“, „Wissenschaft im Exil“ oder „Antisemitismus im Exil“. Alles brandaktuelle, spannende Themen. Auch das Thema der Rückkehr und des heutigen Exils wird in der Ausstellung des Exilarchivs aufgegriffen, das finde ich toll.

Eine Frau steht in den Ausstellungsräumen des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt. Sie lächelt in die Kamera und trägt eine der Bibliothekstaschen mit dem Logo der DNB über der Schulter.  Auf der rechten Seite des Bildes befindet sich eine Informationstafel mit der Überschrift „Nach dem Exil“. In der linken Bildhälfte sieht man eine hohe Vitrine. Sie enthält einen alten Reisekoffer, ein maschinengeschriebenes Manuskript , ein aufgeschlagenes Buch so wie weitere Bücher, die Rücken an Rücken auf einem Regalbrett aufgereiht sind.
Dr. Sabine Baumann in der Dauerausstellung des Exilarchivs „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ Foto: DNB/ Dr. Jörn Hasenclever

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB/ Dr. Jörn Hasenclever

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