Eindrücke aus Taiwan
In den Medien wird Taiwan häufig im Zusammenhang mit politischen Spannungen und den Auseinandersetzungen um den Status der Insel erwähnt, wie aktuell im Disput zwischen Japan und China.
Ich hatte die Gelegenheit während einer Reise nach Taiwan die kulturelle Vielfalt des Landes – wenn auch nur für wenige Tage – unmittelbar zu erleben. Auf Einladung der Direktorin der Kaohsiung Public Library, Dr. Lee Chin-Yang, nahm ich an der Eröffnung des diesjährigen Lesefestivals teil und gestaltete das Programm mit Vorträgen und einem Bühnengespräch mit.
Eröffnung des Lesefestivals
Die Eröffnung des Festivals am 16. November 2025 war der offizielle Auftakt meines Aufenthalts. Die Eröffnungszeremonie, an der ich als Ehrengast teilnahm, bildete einen stimmungsvollen Auftakt zu einem Festival, das unter dem Motto „Beyond Borders – Within the Harbor“ Fragen von Identität, demokratischer Stabilität, Migration, Exil und Menschenrechten in den Mittelpunkt rückte.
Verlage und Buchhandlungen präsentierten ein breites literarisches Spektrum, eine eigene Ausstellung widmete sich der Literatur der Hakka, und über hundert Vorträge sowie Performances eröffneten unterschiedliche Perspektiven auf die Themenschwerpunkte.

Vortrag über das Exilarchiv
Der zweite Festivaltag stand als „Germany Day“ im Zeichen des deutsch-taiwanischen Austauschs.
In meinem Vortrag stellte ich die Arbeit des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 vor und verdeutlichte, dass Exilforschung stets globale Bezüge besitzt: Themen wie politische Verfolgung, Flucht und Exil sowie der Stellenwert historischer Quellen für die Erforschung von Geschichte betreffen Gesellschaften weltweit und machen internationale Kooperationen unverzichtbar.
Einen weiteren deutschsprachigen Beitrag gestaltete Dr. Volker Stanzl, ehemaliger deutscher Botschafter in Japan und China. Er reflektierte seine diplomatische Laufbahn, die damit verbundenen Herausforderungen und das ständige „In-Bewegung-Sein“.
Bühnengespräch mit Liao Yiwu
Ein besonderer Programmpunkt war das Bühnengespräch mit dem Schriftsteller Liao Yiwu, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und des Geschwister-Scholl-Preises, der zahlreiche Bücher veröffentlicht hat und im Exil in Deutschland lebt. Wir sprachen darüber, was es bedeutet, im Exil zu sein, über Identität, Publikum, Widerstand und „Muttersprache“ sowie den Wunsch nach Rückkehr.
Liao Yiwu schilderte in dem Gespräch eindringlich seine Erfahrungen in chinesischen Gefängnissen und er sprach von der Prägung, die diese Erlebnisse auf sein Schriftstellerdasein hatten. Aus einem ursprünglich unpolitischen Poeten wurde er zu einem politischen Schriftsteller, der als Chronist Chinas unzählige Berichte von Mitinhaftierten und von „Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft“ in seinen Werken verarbeitet und damit sichert. Liao Yiwu las Passagen aus seinen Büchern „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass“ sowie aus „18 Gefangene“ und spielte die Flöte – für ihn ein Sinnbild von Freiheit. Taiwan ist für ihn der einzige Ort, an dem er in seiner Muttersprache kommunizieren kann.
Exil wird häufig als ein temporärer – oder zumindest als temporär erhoffter – Aufenthalt im Zufluchtsland beschrieben, begleitet vom Wunsch nach Rückkehr. Mit einem Augenzwinkern entwarf Liao Yiwu seine Zukunftsvision, in der wir – sollte ihm die Rückkehr irgendwann möglich sein – gemeinsam die Provinz Sichuan, aus der er stammt, führen würden: er als Schriftsteller und Koch, ich als „Präsidentin“.

Zeremonie zur Unterzeichnung der Absichtserklärung
Im Rahmen meines Aufenthalts unterzeichneten Direktorin Lee und ich ein Dokument, das unsere Absicht bekräftigt, künftig enger im Austausch zu bleiben – sowohl in Fragen des Archiv- und Bibliothekswesens als auch bei der Kulturvermittlung.


Zeugen der Zeremonie waren Volker Stanzl, ehemaliger deutscher Botschafter in Japan und China, der ebenfalls einen Vortrag im Rahmen des Festivals hielt, und Michel Ching-Long Lu, ehemaliger taiwanesischer Botschafter in Frankreich.
Sprachliche Vermittlung
Für die Übersetzung meiner Beiträge ins Chinesische sowie aus dem Chinesischen ins Deutsche sorgte Dr. Dominik Wu, dessen präzise Arbeit den Dialog mit dem Publikum und den Gastgebern ermöglichte.
Besuch der National Archives
Ein weiteres Highlight war der Besuch der National Archives von Taiwan, insbesondere der neuen Dauerausstellung, die die Geschichte des Landes seit 1945 darstellt. Die Ausstellung ist sorgfältig kuratiert, kombiniert analoge und digitale Medien und überzeugt durch ein modernes, einfallsreiches Ausstellungsdesign, das historische Inhalte anschaulich zugänglich macht.
Im Gespräch mit dem Kurator wurden interessante Parallelen zur Ausstellung des Deutschen Exilarchivs sichtbar: Beide Ausstellungen beginnen mit dem Motiv des Zuges – im Exilarchiv ist es ein Zugabteil, in dem Besucher eine immersive Audio-Video-Installation zu Ulrich Alexander Boschwitz’ Roman „Der Reisende“ erleben ; in der Ausstellung der National Archives ist es ein Zeittunnel, in dem ein digitaler Zug durch die Geschichte Taiwans fährt. Koffer sind in beiden Ausstellungen zentrale Exponate, und Spiegelinstallationen verbinden Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Austausch war sehr bereichernd und zeigte, wie unterschiedliche Kontexte ähnliche Konzepte nutzen, um historische Erfahrungen erlebbar zu machen.
Begegnungen mit Forschenden
Der fachliche Austausch mit taiwanischen Forschenden aus Exilforschung, Literaturwissenschaft und Archivwesen war für mich besonders bereichernd. In den Gesprächen wurde klar, dass Exilforschung weit über nationale Grenzen hinaus relevant ist – und wie sehr internationaler Austausch neue Perspektiven eröffnet.
Rückblick
Die Reise nach Kaohsiung war fachlich wie persönlich eine bereichernde Erfahrung. Die Begegnungen mit Direktorin Lee und ihrem Team, die Gespräche mit Forschenden, der Besuch der National Archives und die Teilnahme am Lesefestival machten den Aufenthalt zu einem nachhaltigen und eindrucksvollen Erlebnis. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig internationaler Austausch für Erinnerungskultur, Literaturvermittlung und Forschung ist – und wie sehr er neue, globale Perspektiven eröffnet.








