Von der Merkhilfe zur Schrift

30. September 2026
von Mennatullah Kenawy

Von der Merkhilfe zur Schrift – und von einer Sprache zur anderen: Dieser Satz ist mir bei meinem Besuch im Deutschen Buch- und Schriftmuseum besonders im Gedächtnis geblieben.

Als ich die ägyptischen Hieroglyphen und die Informationen über die Entwicklung der ägyptischen Schrift sah, war ich sofort neugierig. Als Ägypterin war es für mich etwas Besonderes, hier in Leipzig auf etwas zu stoßen, das so eng mit der Geschichte meines eigenen Landes verbunden ist.

Dauerausstellung „Zeichen-Bücher-Netze“, mittig: Uschebti mit aufgemalten Hieroglyphen, Ägypten, 1550-1070 v. Chr., Leihgabe der Staatlichen Museen Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Foto: Mennatullah Kenawy

Besonders blieb ich vor der Darstellung des ägyptischen Gottes Thot (Uschebti) stehen, der mit Schrift und Wissen verbunden ist. Ich musste lächeln, als ich die Hieroglyphen sah. Gleichzeitig empfand ich eine gewisse Nostalgie und war neugierig, wie vertraute Zeichen in einem deutschen Museum präsentiert und erklärt werden.

Von der ersten Idee, Informationen durch Zeichen festzuhalten, bis zu komplexen Schriftsystemen war es ein langer Weg. Die Ausstellung zeigt, wie sich Schrift entwickelte und wie sie auf unterschiedlichen Materialien verwendet wurde. Dabei wurde mir wieder bewusst, welche Bedeutung Schrift für die Weitergabe von Wissen hat. Ohne Schrift wäre vieles, was wir heute über vergangene Kulturen wissen, verloren gegangen.

Für mich hat dieser Gedanke auch viel mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich habe angefangen, Deutsch zu lernen, weil ich darin eine Möglichkeit gesehen habe, mein Leben und meine Zukunft zu erweitern: neue Menschen kennenzulernen, andere Kulturen zu entdecken, zu reisen und die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen.

Mit der Zeit wurde Deutsch für mich mehr als nur eine Fremdsprache. Ich habe am Goethe-Institut gelernt und mich schließlich bis zum C1-Niveau weiterentwickelt. Besonders am Anfang war die Aussprache eine Herausforderung. Manche Wörter erschienen mir unglaublich lang und kompliziert. Heute muss ich darüber lachen – Wörter, die früher riesig wirkten, fühlen sich inzwischen ganz normal an.

Auf dem Niveau B2 hatte ich oft das Gefühl, dass ich viele Gedanken hatte, aber mir manchmal die richtigen Wörter fehlten, um sie genau auszudrücken. Gerade weil ich Politikwissenschaft studiert habe, war mir wichtig, nicht nur sprechen zu können, sondern auch komplexe Gedanken, Gefühle und gesellschaftliche Themen präzise formulieren zu können. C1 bedeutete für mich deshalb nicht einfach ein weiteres Zertifikat, sondern mehr sprachliche Freiheit.

Heute merke ich, dass Deutsch immer natürlicher für mich wird. Besonders seit ich in Deutschland lebe, denke ich beim Sprechen immer seltener darüber nach, wie ich einen Satz aus dem Arabischen übersetzen könnte. Vieles kommt einfach spontan. Deutsch hat dadurch einen Platz in meinem Alltag bekommen, den ich mir am Anfang meiner Lernreise kaum vorstellen konnte.

Diese Sprache hat mir Türen geöffnet: beruflich, persönlich und kulturell. Ich konnte mit deutschen Kundinnen und Kunden arbeiten, nach Deutschland kommen und Menschen kennenlernen, die ganz andere Erfahrungen und Perspektiven haben. Gleichzeitig hat sich dadurch auch mein Blick auf meine eigene Sprache und Kultur verändert.

Mennatullah Kenawy, Foto: DNB / Fanni Fröhlich

Vielleicht ist genau das auch die besondere Kraft der Übersetzung. Übersetzen bedeutet für mich nicht nur, Wörter von einer Sprache in eine andere zu übertragen. Es bedeutet, eine Verbindung zwischen Menschen und Kulturen herzustellen. Ein übersetztes Buch kann einem Menschen ermöglichen, eine andere Welt kennenzulernen, ohne das eigene Land zu verlassen. Es kann neue Gedanken vermitteln, vertraute Vorstellungen infrage stellen und zeigen, dass es mehr als eine Perspektive gibt.

Wenn ich heute die ägyptischen Schriftzeichen im Museum sehe, denke ich deshalb nicht nur über die Vergangenheit nach. Ich denke auch an meinen eigenen Weg – von meiner Muttersprache Arabisch zu Deutsch, von Ägypten nach Deutschland und von einer vertrauten Welt zu vielen neuen Perspektiven.

Vielleicht hat sich die Schrift im Laufe der Jahrtausende verändert. Unser Bedürfnis, einander zu verstehen, ist geblieben.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Mennatullah Kenawy

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  • ISSN 2751-3238