„Ein Land an der Küste“

10. Oktober 2026
von Elke Jost-Zell

Die Frankfurter Buchmesse 2026 und Gastland Tschechien

Messeturm Frankfurt am Main
Ein perfektes Motto für das alljährliche Frankfurter Bücherfest
Foto: Elke Jost-Zell, DNB

Tschechien, das Gastland der diesjährigen internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main, ist eigentlich ein Binnenland, doch in diesem Bücherherbst träumt es sich kurzerhand an eine Küste. Das Motto für seinen Auftritt als Gastland spricht mit einer gewissen Sehnsucht von sich als: „Ein Land an der Küste“. Inspiriert hat diese Traumvorstellung der berühmte Barde William Shakespeare im Jahr 1623. Er verlegte das Land Böhmen für seine Komödie Ein Wintermärchen (The Winter‘s Tale) einfach ans Meer: „Thou art perfect, then, our ship hath touch’d upon the deserts of Bohemia.“

Vielleicht soll uns die Dekoration in der Ausstellungsfläche des Gästepavillons, bestehend aus riesigen, abgerundeten Kunststoffhüllen an die Kieselsteine eines Küstenlandstrichs denken lassen, in einem tschechischen Fluss oder als „metaphorische Verkörperung der menschlichen Vorstellungskraft“, wie die Veranstalter sagen. Maritim angehaucht sind zumindest die orangeleuchtenden Bojen und der Leuchtturm, und natürlich auch das tschechische Grußwort „Ahoj“. Schön ist es, dass dazwischen Bücherregale mit tschechischer Literatur und deutschsprachigen Übersetzungen aufgestellt sind und zum Blättern und Anschauen einladen.

Im tschechischen Pavillon kommen nicht nur Schriftsteller*innen, Übersetzer*innen und Künstler*innen zu Wort, sondern auch andere Büchermenschen, wie Bibliothekar*innen. In der Podiumsdiskussion „The digital Sovereignty of Knowledge“ tauschten sich Frank Scholze, Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, Achim Bonte, Direktor der Staatsbibliothek zu Berlin und Tomás Foltýn, Direktor der Tschechischen Nationalbibliothek mit Moderator Sasa Michailidis über die neue Rolle der Bibliotheken zwischen Big Tech und sozialer Verantwortung aus.

Ausstellung Reiner Kunze auf dem Vorplatz der DNB
Eine Präsentation für den Schriftsteller und Übersetzer Reiner Kunze auf dem Vorplatz der DNB
Foto: Elke Jost-Zell, DNB

Apropos Bibliotheken: Auch die Deutsche Nationalbibliothek wirft einen literarischen Blick auf das Gastland. Vor 50 Jahren erschien der Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ des Schriftstellers, Lyrikers und Übersetzers Reiner Kunze erstmals zur Buchmesse in Frankfurt am Main. Unter dem Titel „Ich habe die tschechische Sprache geheiratet – Reiner Kunze und die tschechische Poesie“ zeigt die Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung in Kooperation mit dem Deutschen Exilarchiv, DEA, eine zweisprachige Präsentation auf dem Vorplatz des DNB-Gebäudes. Sie ist rund um die Uhr vom 29.09.-30.10.2026 zu betrachten und würdigt das Werk von Reiner Kunze und seine literarischen Verbindungen zu den tschechischen Dichterfreunden Ludvík Kundera, Milan Kundera und Jan Skácel.

Was gibt es sonst Neues? Die Buchmesse hat ihr Raumkonzept geändert – die vertrauten Laufwege (Halle 3, links an der Tür dtv, weiter hinten die Kinderbuchverlage mit Carlsen & Co.) gibt es nicht mehr. Die deutschsprachigen Verlage sind über mehrere Hallen verteilt, die farbenfrohen Young Adult-Bücher tummeln sich nicht mehr nur in Halle 1, sondern sind auf den Büchertischen aller Hallen präsent. Und unter der Kuppel der Frankfurter Festhalle, die ihre Tore für Mondlicht-Bücher, Drachenreiter*innen und ihre Leser*innen geöffnet hat. Man hat also mehr Bewegung, tut etwas für die Fitness und kann beim Ausruhen davon auf der Agora den Literaturkritiker Denis Scheck beim Flanieren beobachten (man erkennt ihn an seinem Kopfputz, einem breitkrempigen, lilafarbenen Hut). Oder den Buchhändler und Buchmessen-Kolumnisten Matthias Mayer mit seinen felinen Flausch-Ohren auf der Pirsch nach Buchmessen-Geschichten durch Halle 5 flitzen sehen.

Die Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat ist noch am vertrauten Ort – dort stellen viele Autor*innen ihre Neuerscheinungen vor, wie Cornelia Funke ihr Jugendbuch Emma glaubt nicht an Feen. Die Autorin hat mehrere Generationen von Leser*innen mit wilden Hühnern, Tintenwelten, Engeln, Gespenstern, Werwölfen und immer wieder Feen verzaubert. Im Gespräch mit der Journalistin Bärbel Schäfer sprach sie von der Draußen-Kindheit früherer Zeiten und ihrer Heldin Emma, die „in die Brombeerhecke geht“, sich in einen Winzling verwandelt und die Tier- und Pflanzenwelt aus dieser Perspektive ganz neu erlebt. Ein buchgewordener Wunsch nach mehr Naturerfahrungen und mehr Grün für die jungen Menschen dieser Welt. Auf die Literaturbühne begab sich auch Shida Bazyar, die diesjährige Preisträgerin des Deutschen Buchpreises. Sie sprach mit der Moderatorin und Bücherfreundin Mona Ameziane über ihre Schreibarbeit, ihre Heimat Hermeskeil, die ihr als Schauplatz ihres Buches Die Lücken diente. In diesem Buch betreibt die Autorin eine „literarische Archäologie der Heimat von jüdischen Familien, NS-Profiteuren“ und zwei Familien, die viele Jahre später aus dem Iran flüchten, wie uns der Klappentext verrät. Die Handlung streckt sich über einen Zeitraum von 100 Jahren und erzählt mit verschiedenen Stimmen, unter anderem der eines Geistes.

Shida Bazyar ist nicht die einzige Frau, die einen Literaturpreis erhielt – der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die kanadische Lyrikerin, Essayistin und Altphilologin Anne Carson, die bei der Verkündung der schwedischen Akademie gerade in Island war und, sehr poetisch, „dem Wind lauschte“.

Plakat der Stiftung Buchkunst, 60 Jahre schöne Bücher
Die Schönheit der Bücher, unermüdlich präsentiert von der Stiftung Buchkunst, diesmal in einer Ausstellung des Museums für Angewandte Kunst
Foto: Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt

Nicht zuletzt sollten wir in der magischen Buchmessenzeit nicht nur über Bücher allgemein, sondern auch über besonders schöne Bücher sprechen: Seit 60 Jahren gibt es die Stiftung Buchkunst, begründet von der Deutschen Buchhändlervereinigung, der Deutschen Nationalbibliothek und den (Buch)messestädten Frankfurt am Main und Leipzig. In Halle 3 finden wir die 25 „Schönsten Deutschen Bücher 2026“, die sich durch ästhetische und handwerkliche Qualität in Gestaltung, Druck, Herstellung Konzeption auszeichnen. Begleitend dazu findet eine Ausstellung „Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher“ vom 05.09.-01.11.2026 im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt statt.

Fühlen Sie sich herzlich eingeladen zu den Veranstaltungen der Deutschen Nationalbibliothek rund um die Buchmesse – wir freuen uns über Ihren Besuch. Zwar sind wir keine „Bibliothek an der Küste“, doch Bibliotheken werden oft als „Bücherschiffe“ bezeichnet – und in der DNB gibt es ein wahres Meer von Medienwerken!

Schriftzug Read more Books
Immer eine gute Idee und heute wichtiger denn je: Bücher lesen!
Foto: Elke Jost-Zell, DNB

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Elke Jost-Zell, DNB

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