Nachwuchsförderung am Deutschen Buch- und Schriftmuseum

27. Oktober 2026
von Linus Hartmann-Enke

Die Ausbildung und Förderung des fachlichen Nachwuchses ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil der Arbeit des Deutschen Buch- und Schriftmuseums (DBSM) der Deutschen Nationalbibliothek und ist auch in dessen Strategie 2035 fest verankert. Ob durch Praktika, die Einbindung von Auszubildenden zu Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (FaMI) oder die Betreuung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten – das Museum versteht sich nicht nur als Ort des Sammelns, Bewahrens, Erforschens und Vermittelns, sondern auch als Ort des Lernens und der Weitergabe von Wissen. Junge Menschen erhalten hier die Gelegenheit, Einblicke in die vielfältigen Arbeitsfelder eines Museums zu gewinnen, eigene Interessen zu vertiefen und sich mit ihren Ideen und Perspektiven einzubringen. Zugleich profitiert das DBSM von ihren Fragen, Anregungen und neuen Zugängen zu seinen Sammlungen und Themen.

Dabei geht es um mehr als die Vermittlung beruflicher Kompetenzen. Als öffentlich finanzierte Gedächtnisinstitution trägt das DBSM Verantwortung dafür, das ihm anvertraute Kulturgut für Forschung, Bildung und Gesellschaft zugänglich und nutzbar zu machen. Die Einbindung des wissenschaftlichen und beruflichen Nachwuchses ist eine wichtige Möglichkeit, die Sammlungen in akademische und gesellschaftliche Wissenskreisläufe einzubringen. Durch die Zusammenarbeit mit Studierenden, Hochschulen und anderen Ausbildungseinrichtungen entstehen neue Perspektiven auf die Bestände, werden bislang wenig beachtete Sammlungen erschlossen und neue Fragestellungen entwickelt. Nachwuchsförderung und die wissenschaftliche Nutzung der Sammlungen ergänzen sich damit auf produktive Weise.

Angesichts knapper werdender personeller und finanzieller Ressourcen gewinnt dieses Engagement zusätzlich an Bedeutung. Gerade in Zeiten, in denen kulturelle Einrichtungen zunehmend unter Druck geraten, ist es wichtig, fachliche Kompetenzen weiterzugeben, Erfahrungswissen zu sichern und neue Generationen für die Arbeit mit dem kulturellen Erbe zu begeistern. Zugleich erfordert die Betreuung des Nachwuchses selbst personelle Ressourcen und eine bewusste Prioritätensetzung. Das DBSM möchte deshalb seine bisherigen Ausbildungs- und Betreuungsangebote nicht nur fortführen, sondern gezielt ausbauen und stärker miteinander verzahnen. Nachwuchsförderung ist in diesem Sinne eine Investition in die Zukunft des Museums, der Bibliothek und der gesamten Gedächtnisinstitutionenlandschaft.

1. Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste (FaMIs)

Im Rahmen ihrer Ausbildung in der DNB erhalten die angehenden Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste Einblicke in die vielfältigen Aufgabenbereiche der Museumsarbeit. Zu ihren Tätigkeiten gehören insbesondere die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung museumspädagogischer Veranstaltungen sowie die Hospitanz bei Führungen. Ein besonderer Lernschwerpunkt liegt dabei auf der Vermittlung von Museumsinhalten durch zielgruppenspezifische Angebote. Die Einbindung der Auszubildenden eröffnet zugleich die Möglichkeit, unterschiedliche Arbeitsbereiche innerhalb der Deutschen Nationalbibliothek miteinander zu verknüpfen und das Verständnis für die besonderen Aufgaben eines Museums innerhalb einer bibliothekarischen Einrichtung zu stärken.

Eine junge Frau zeigt einem jungen Mann etwas in der Ausstellungsvitrine. Vermittlungsarbeit

2. Praktikantinnen und Praktikanten

Das Museum bietet Praktikant*innen die Möglichkeit, praktische Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen der Museumsarbeit zu sammeln. Je nach fachlichem Hintergrund, Interessen und Dauer des Praktikums unterstützen sie die Mitarbeitenden bei der wissenschaftlichen Recherche, der Erschließung und Dokumentation von Sammlungsbeständen, der Vorbereitung von Ausstellungen sowie bei Aufgaben der Vermittlungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Dabei erhalten sie Einblicke in die organisatorischen und fachlichen Abläufe des Museums und können eigenständig kleinere Aufgaben und Projekte übernehmen.

Aktuell beschäftigen sich Praktikant*innen etwa mit der Erschließung der Raubdrucksammlung und des Nachlasses von Herbert Post sowie mit der Unterstützung der Öffentlichkeits- und Vermittlungsarbeit. Besonders im Zusammenhang mit Ausstellungsvorhaben können Praktika wertvolle Beiträge leisten und zugleich Einblicke in mögliche zukünftige Berufsfelder eröffnen. Von Oktober 2026 bis März 2027 sind in wechselnder Besetzung bis zu drei Studierende im DBSM tätig.

Eine wichtige Grundlage bildet dabei die langjährige Zusammenarbeit mit Hochschulen, insbesondere mit der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK). Solche Kooperationen erleichtern den Zugang zu geeigneten Praktikumsplätzen und ermöglichen es, akademische Ausbildung und museale Praxis enger miteinander zu verbinden. Für das Museum sind Praktika zugleich eine Gelegenheit, mit Nachwuchskräften unterschiedlicher Fachrichtungen in Kontakt zu kommen und neue Impulse für die eigene Arbeit zu gewinnen.

3. Akademische Abschlussarbeiten

Ein besonderer Schwerpunkt der Nachwuchsförderung liegt auf der Unterstützung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten. Das DBSM begleitet Studierende, die sich mit seinen Sammlungen, Forschungsfeldern und museologischen Fragestellungen beschäftigen. Sie erhalten Zugang zu relevanten Beständen und werden bei der Quellenrecherche sowie der fachlichen Einordnung ihrer Forschungsthemen unterstützt. Mitarbeitende des Museums übernehmen darüber hinaus die fachliche Betreuung und Begutachtung von Bachelor- und Masterarbeiten.

Die Themen sind dabei so vielfältig wie die Sammlungen des DBSM. Studierende aus den Geschichts-, Kunst- und Kulturwissenschaften, der Bibliothekswissenschaft, Museologie und weiteren Disziplinen beschäftigen sich mit historischen Beständen, Fragen der Provenienz und Erschließung, aber auch mit der Ausstellungspraxis und der Vermittlungsarbeit des Museums.

Ein besonderes Interesse gilt den umfangreichen grafischen Sammlungen sowie den Vor- und Nachlässen. So entstanden wissenschaftliche Arbeiten unter anderem zur Plakatsammlung des Zweiten Weltkriegs, zur Sammlung der Bilderbögen und zu den Exlibris von Max Klinger. Weitere Untersuchungen beschäftigten sich mit Modegrafiken, Buntpapieren und historischen Filmplakaten. Diese Arbeiten greifen zugleich einen Schwerpunkt der Strategie 2035 auf, in der das Bild als Wissensressource besondere Aufmerksamkeit erhält. Auch die Vor- und Nachlässe eröffnen vielfältige Forschungsfragen. So untersuchte eine Masterarbeit anhand der Vorlässe von Hans Ticha und Egbert Herfurth, welchen Einfluss die Bestandsbildner selbst auf die Strukturierung und Überlieferung ihrer künstlerischen Hinterlassenschaftennehmen. Andere Arbeiten widmeten sich der Zugänglichmachung digitaler Nachlässe, der exemplarspezifischen Erschließung des Archivs der Tollen Hefte oder der Darstellung von Geschlechterrollen in der unabhängigen Comicszene anhand von Beständen aus der Sammlung Armin Abmeier.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Beständen ist für das Museum in mehrfacher Hinsicht gewinnbringend. Sie trägt dazu bei, Sammlungen genauer zu erschließen, ihre historische und kulturelle Bedeutung herauszuarbeiten und bislang wenig beachtete Bestände in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Zugleich entstehen Kontakte zu Hochschulen und Forschungszusammenhängen, aus denen sich weiterführende Kooperationen entwickeln können. Die Abschlussarbeiten sind damit nicht nur ein Beitrag zur akademischen Qualifizierung, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit und des Outreach des DBSM.

Die Betreuung solcher Arbeiten erfordert Zeit und fachliches Engagement. Dass Mitarbeitende des Museums bereit sind, Studierenden ihre Sammlungen zu erschließen, Forschungsfragen mit ihnen zu diskutieren und ihre Arbeiten zu begleiten, ist deshalb keineswegs selbstverständlich. Dieser Einsatz lohnt sich jedoch: Er stärkt die DNB als verlässlichen Partner der akademischen Ausbildung und trägt dazu bei, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz der Museumssammlungen immer wieder neu unter Beweis zu stellen.

Nachwuchsförderung als Zukunftsaufgabe

Ob berufliche Ausbildung, Praktikum oder wissenschaftliche Abschlussarbeit – die verschiedenen Formen der Nachwuchsförderung verbindet das Ziel, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben und zugleich neue Perspektiven für die Museumsarbeit zu gewinnen. Für das DBSM sind diese Angebote deshalb nicht nur eine Ergänzung seiner täglichen Arbeit, sondern Teil seines Selbstverständnisses als forschende, vermittelnde und öffentlich zugängliche Gedächtnisinstitution. Die weitere Vernetzung mit Hochschulen, die gezielte Öffnung der Sammlungen für wissenschaftliche Fragestellungen und die Verbindung von akademischer Ausbildung und musealer Praxis bleiben wichtige Aufgaben der kommenden Jahre. Denn die Zukunft der Sammlungen entscheidet sich nicht allein an ihrer Bewahrung, sondern auch daran, wer sich künftig mit ihnen beschäftigt, welche Fragen an sie gestellt werden und welches neue Wissen aus ihnen entsteht.

Linus Hartmann-Enke

Dr. Linus Hartmann-Enke ist als Teamleiter im Deutschen Buch- und Schriftmuseum zuständig für alle Sammlungsobjekte.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB

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