Bekannte Akteure vereint unter einem Dach
Von Äpfeln und Birnen und was sie doch gemein haben.

Bestimmt kennt jeder die Redewendung, man könne Birnen nicht mit Äpfeln vergleichen. Manchmal lohnt es sich aber doch genauer hinzuschauen, denn jenseits der oberflächlichen Ähnlichkeit und trotz der markanten Unterschiede verbergen sich vielleicht strukturelle Gemeinsamkeiten, die man erst auf den zweiten Blick erkennt. Wie ist das bei den beiden Agenturen der ISSN (International Standard Serial Number) und der GND (Gemeinsame Normdatei) an der Deutschen Nationalbibliothek?
Verhalten sie sich wie Äpfel und Birnen zueinander oder sind sie am Ende vielleicht wie Erdbeeren und Rosen und gehören sogar zu einer Familie? Packen Sie Ihre Forscherlupe aus und begeben Sie sich mit uns auf Erkundungstour. Und keine Angst, botanischer wird es nicht mehr.
Im Zuge der Organisationsentwicklung an der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) sind Mitarbeitende, die zuvor in unterschiedlichen Organisationsbereichen tätig waren, nun im Team M4.2 innerhalb des Referats M4: Standardisierung und Erschließungsumgebungen am Fachbereich M: Metadaten zusammengefasst worden. Auch wenn die Tätigkeiten der acht Kolleg*innen relativ gleich geblieben sind, gilt es nun die Chancen zu entdecken, die sich aus der Zusammenlegung für die Arbeit ergeben können. Nicht zuletzt, um sich tatsächlich als ein Team zu fühlen. Ein erster Schritt ist die Feststellung des Ist-Zustands. Ein zweiter zu analysieren, was die beiden Arbeitsfelder – bei allen Unterschieden – gemein haben. Die fachlichen Gemeinsamkeiten, genau wie das bessere Verständnis der Unterschiede, können das Zusammenwachsen des Teams fördern.
Zwei Agenturen unter einem Dach
Die offizielle Bezeichnung der ISSN-Agentur an der DNB ist das Nationale ISSN-Zentrum für Deutschland. Das persistente Identifikatorsystem für Periodika, wie Zeitschriften und Schriftenreihen, wurde 1971 eingeführt. Es ist ein eigenständiges System und agiert unabhängig beispielsweise vom ISBN-System (Internationale Standardbuchnummer) für Bücher und ähnliche Ressourcen. Weltweit haben sich 95 Zentren der Organisation mit Sitz an der UNESCO in Paris angeschlossen. Sie bilden gemeinsam die Generalversammlung. Die Führung obliegt dem Verwaltungsrat aus zwei gesetzten und zehn gewählten Mitgliedern, die über Verfahren und Standards zur Vergabe der Identifikatoren und ihrer Verwaltung entscheiden. Die ISSN-Agentur an der DNB hat einen Sitz im Verwaltungsrat. Die Zentren stehen für Nationen. Es gibt daher neben der ISSN Agentur an der DNB auch eine Agentur an der Nationalbibliothek in Bern und eine beim Hauptverband des Österreichischen Buchhandels. Die DNB koordiniert das Zusammenspiel zwischen der älteren nationalen Zeitschriftendatenbank (ZDB) mit ihren Identifikatoren und dem ISSN-System. Weitere Information zur ISSN als PID-System (PID steht für persistent identifier). bietet deren Website.
Die zweite Agentur, die GND-Agentur an der DNB, wird von den wenigsten so genannt. Anders gesagt, sehen sich viele Kolleg*innen vermutlich nicht als Mitarbeitende einer GND-Agentur. Doch genau wie die GND-Agenturen an den Verbundzentralen der Bibliotheksverbünde und die neuen Agenturen im Zuge der Öffnung der GND, übernimmt die DNB sowohl für sich selbst als auch für ihren Kundenkreis alle Aufgaben einer GND-Agentur. Das fängt mit Beratung und Schulung an, geht über Mitarbeit in den Arbeitsgruppen der Gremien zu Regelwerk und Verfahren bis hin zu technischen Diensten. Zentral ist natürlich die eigentliche Redaktionsarbeit zu den Normdaten selbst. Diese Agentur-Tätigkeiten sollte man von den Arbeiten der DNB als Trägerin der organisatorischen und technischen Infrastruktur der GND abgrenzen, auch wenn sie sich natürlich gegenseitig beeinflussen und bedingen. Der Wirkungskreis der GND ist der deutschsprachige Raum, aber wegen der zugrunde gelegten und verwendeten Standards ist die GND ein international integriertes PID-System. Ihr Entscheidungsgremium ist der GND-Ausschuss, in dem alle Mitglieder der GND-Kooperative gleichberechtigt vertreten sind. Die GND-Zentrale koordiniert die Arbeit der Kooperative und organisiert die Arbeiten an der Infrastruktur. Die Aufgaben einer GND-Hauptredaktion und ihr Verhältnis zum GND-Ausschuss und der GND-Zentrale müssen in den kommenden Monaten noch definiert werden. Auf der GND-Website finden sich weitere Informationen zur Organisation des GND-Netzwerkes und den Aufgaben einer GND-Agentur.
Gemeinsamkeiten
In beiden Agenturen geht es um die regelbasierte Identifikation von Entitäten und deren persistente Kennzeichnung mit einer Signatur, einer PID. Beide sind jeweils Teil eines internationalen Referenzsystems mit partizipativen Organisationsstrukturen. Ihre PIDs und die Inhalte ihrer Datensätze sind jeweils die Grundlage für unterschiedliche Wissensgraphen, die in der Forschung, der Kultur, der Verwaltung und in der Wirtschaft breite Anwendung finden. Ihre PIDs ermöglichen die sichere Identifikation der von ihnen bezeichneten Entitäten und die Referenzierung auf weitere im Kontext stehende Ressourcen. In Zukunft soll die Verknüpfung zwischen den beiden PID-Systemen verbessert werden. Ein erster Ansatz ist die Anreicherung der Daten der ISSN-Registry mit GND-Daten.
Ihre Funktionalität ist ein Grund für ihre Attraktivität: Für beide PID-Systeme gilt zudem, dass es eher formale, am Bedarf orientierte Kriterien sind, die dazu führen, dass neue PIDs im jeweiligen System angelegt werden. Auch wenn jeder einzelne Datensatz aufgrund seiner Regelkonformität den systemimmanenten Qualitätsansprüchen genügt, so stellt die Tatsache allein, dass es einen entsprechenden Datensatz gibt, keine Qualitätsaussage dar. Weder ist eine Person, zu der es einen GND-Datensatz gibt, deshalb per se relevanter als eine, zu der es keinen GND-Datensatz gibt. Noch ist eine Zeitschrift oder ein Blog allein deshalb eine von ihrem Inhalt her anerkannte Autorität in ihrem Feld, bloß weil es eine ISSN zu diesem Periodika gibt. Doch die Reputation der Einrichtungen, die für die Gewährleistung der Verlässlichkeit beider PID-Systeme einstehen und Autorität erzeugen, weckt Begehrlichkeiten. Da soll im Fall einer Zeitschrift, die vornehmlich die kommerziellen Interessen des Verlages bedient, mittels der ISSN eine kuratierte Qualität suggeriert werden. Doch eine Kuratierung bezogen auf den Inhalt findet gar nicht statt. Dies ist auch nicht die Intention bei der Vergabe der ISSN, sondern allein die eindeutige Identifikation, die erst die Disambiguierung von anderen ähnlich bezeichneten Periodika ermöglicht. Eine Kuratierung hinsichtlich der Qualität der Inhalte ist schon aus Gründen der Ausstattung der ISSN-Agentur nicht möglich. Ähnlich ist es bei der GND. Die GND-Anwender*innen müssen bei der Ansetzung von GND-Normdaten darauf vertrauen, dass die Qualität und Richtigkeit der Angaben, die sie der vorliegenden Ressource entnehmen oder unterstützt durch die Nachschlagewerke ermitteln, zuvor von den Verlagen sowie den Autor*innen der Nachschlagewerke geprüft wurden. Sie können nicht jede einzelne Aussage selbst überprüfen. Vielmehr legt das Regelwerk fest, welche Quellen vertrauenswürdig und daher akzeptabel sind. Dies dient der Arbeitseffizienz. Dieses Beziehungsnetz aus gegenseitigem Vertrauen kann für eigennützige Zwecke missbraucht werden. Dessen sind sich alle Mitarbeitenden bewusst und arbeiten dagegen bisher mit gutem Erfolg an. Durch den Einsatz von KI-Systemen steigen allein schon quantitativ die Risiken. Dem adäquat zu begegnen, wird in Zukunft für beide Agenturen eine Herausforderung sein.
Dabei kann vielleicht helfen, dass beide Agenturen jeweils in eine Governance-Struktur eingebettet sind, die kooperativ organisiert ist, im Zusammenspiel mit internationalen Standards operiert und auf Konsens basiert. Gemeinsam lassen sich die Herausforderungen durch die KI-Systeme besser lösen als in der Isolation. Und möglicherweise gibt es ja Lösungsansätze, die für beide Systeme wirksam werden können.
Mit dem Fokus auf die Gemeinsamkeiten der ISSN-Agentur und der GND-Agentur an der DNB gelingt es vielleicht leichter, nicht nur im neuen Team Brücken zwischen den Arbeitsfeldern zu schlagen, sondern auch im Haus sich gemeinsam besser den dräuenden Herausforderungen zu stellen. Denn wir teilen ein gemeinsames Ziel, Wissen und Information als Grundlage der freiheitlich demokratischen Grundordnung zugänglich zu machen. Nicht mehr und nicht weniger.
Grundlage für diesen Beitrag ist ein langes Interview mit dem neuen Leiter des Teams M4.2 im Fachbereich Metadaten der DNB, Christian Schütz.






