By a lady …
Zum 250. Geburtstag von Jane Austen

Bild: National Portrait Gallery, London
Jane und die Janeites
Als der britische Premierminister Winston Churchill im Dezember 1943 in Tunis mit einer Lungenentzündung kämpfte und sein Arzt ihm inmitten des tobenden 2. Weltkriegs strikte Abstinenz von Arbeit und Sorgen erteilte, ließ er sich Jane Austens Roman Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil) vorlesen. Danach seufzte er in seinem Tagebuch: „What calm lives they had, those people!“
Einen Weltkrieg zuvor schrieb der englische Schriftsteller und Dichter Rudyard Kipling nicht nur ein Gedicht über Jane Austen (Jane’s Marriage), sondern auch eine Kurzgeschichte mit dem Titel The Janeites über die heilsame Wirkung ihrer Bücher auf Soldaten, die unter dem litten, was man damals Shell Shock nannte und heute als Posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet.
Mit Janeites sind Freund*innen und Leser*innen von Jane Austens Werken gemeint, erfunden hat den Begriff wohl der Literaturkritiker George Saintsbury in seiner Einführung einer Neuausgabe von Stolz und Vorurteil im Jahr 1894 (damals in der Schreibweise Janite). Viel früher, 1816, schrieb Sir Walter Scott anlässlich der Veröffentlichung von Emma einen langen, wertschätzenden Essay über Austens Werk und auch Robert Louis Stevenson war ein Freund ihrer Bücher.
Dass die Welt nicht nur aus Janeites besteht, beweisen zum einen die Autorin Charlotte Brontë, die an Austens Geschichten Alltäglichkeit, Kälte und mangelnde Leidenschaft bemängelte sowie zum anderen und in sehr drastischen Worten der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der sich nicht scheute, „so weit zu gehen zu sagen, dass jede Bibliothek, die kein einziges Buch von Jane Austen in ihrem Bestand hat, eine gute Bibliothek ist, selbst wenn sie dann gar kein Buch mehr hat.“ Und das ist noch einer seiner weniger giftigen Kommentare über die Schriftstellerkollegin aus England.
Die schöne Literatur
Jane Austen, die Schriftstellerin, deren Bücher für viele Menschen heilsame Medizin und Balsam für die Seele und hilfreich für die Suche nach neuem Lebenssinn sind, während sie in anderen so heftige Aggressionen weckten, kam als siebtes von acht Kindern am 16.12.1775 in Steventon in der englischen Grafschaft Hampshire zur Welt. Sie wurde in eine Familie begeisterter Vielleser hineingeboren, was sicherlich der erste Schritt in ihr späteres Leben als Schriftstellerin war. So schrieb Jane 1798 mit einigem Stolz an ihre Schwester Cassandra, dass sie alle „great Novel-readers“ seien.
Eine fröhlich selbstbewusste Leserin in einer Zeit, in der vielen das Lesen von Romanen als eine Art Literaturgenuss zweiter Klasse galt – eine Form von Arroganz, die mitunter bis heute fortbesteht. Nicht nur Romane, auch Kinderbücher und Jugendliteratur werden gelegentlich noch immer mit Geringschätzung betrachtet. Die Austens hingegen feierten die Belletristik, die „schöne Literatur“.
„Jede Person, egal ob Gentleman oder Dame, die kein Vergnügen an einem guten Roman hat, muss unerträglich öde sein“, sinniert Jane Austen in Northanger Abbey.
Die Vorzüge des Bücherlesens, das Hineinschlüpfen in fiktive Charaktere und Mitfühlen ihrer Freuden und Sorgen sowie das gleichzeitige Einleben in fremde Zeiten und Welten hatte sie lange vor der Wissenschaft und der Bibliotherapie entdeckt.

Bild: *EC8 Au747 811s (B), Houghton Library, Harvard University
„By a lady“
Vom Lesen zum Schreiben ist es nicht weit – alle guten und erfolgreichen Schriftsteller*innen sind geübte und begeisterte Leser*innen. In Austens Fall war es ihr Vater George, der das Talent seiner Tochter erkannte und anlässlich ihres 19. Geburtstags einen transportablen Schreibtisch von einem Schreiner für sie anfertigen ließ.
Das erste Manuskript, das die angehende Autorin im Jahr 1803 an einen Verlag verkaufte, war Susan, eine Urfassung ihres später publizierten Buches Northanger Abbey. Doch der Verleger war säumig und so kaufte Austens Bruder Henry in ihrem Auftrag die Rechte an dem Werk über zehn Jahre später zurück, wohl wissend, dass der Verleger keinen Schimmer hatte, wessen Buchrechte er da besaß.
Jane Austen veröffentlichte im Oktober 1811 ihr erstes Buch Sense and Sensibility (Sinn und Sinnlichkeit). By commission, was bedeutete, dass sie nur in der Lage war, einen Verleger für das Buch zu gewinnen, indem sie für alle Kosten selbst aufkam und das Risiko eines Misserfolges alleine trug. Von Henry Austen ist uns die Information überliefert, dass seine Schwester so davon überzeugt war, dass „der Buchverkauf die Kosten der Buchherstellung nicht decken würde, dass sie einen Teil ihres sehr bescheidenen Einkommens gespart hatte, um den erwarteten Verlust aufzufangen.“ Doch das Buch verkaufte sich gut und Austen verdiente sogar 140 Pfund daran (heute ca. 9800 Pfund). Eine zweite Auflage folgte, bevor sie im Januar 1813 das Buch veröffentlichte, das viele als ihr berühmtestes betrachten: Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil), die Liebesgeschichte der wunderbaren Elizabeth Bennet und des unvergleichlichen Fitzwilliam Darcy, die sich zunächst verbal raufen, bevor sie die Vorzüge des jeweils anderen zu schätzen lernen. Dabei gelang Austen das Meisterstück, dass sich viele Leserinnen in ihre Heldin hineinwünschen und auch Männer dabei erwischt werden, dieses Buch gerne zu lesen. Diese beiden Bücher wie auch die folgenden, Mansfield Park (Mai 1814), Emma (Dezember 1815), Northanger Abbey und Persuasion (Überredung) (Dezember 1817) publizierte Jane Austen anonym. Die Titelblätter ihrer Bücher zieren die Verfasserangabe „by a lady“ oder „by the author of …“. Das war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, sondern üblich, um nicht in den Verdacht der Prahlerei oder ins Kreuzfeuer etwaiger Kritik(er) zu geraten. Außerdem ließ es sich anonym freier schreiben. Jane Austen bat ihre Familie immer wieder, ihre Anonymität nicht zu lüften. Ihr Bruder Henry allerdings ließ in Konversationen gerne verlauten, dass seine Schwester Jane diese beliebten und erfolgreichen Bücher geschrieben hatte, so dass deren Urheberschaft bald ein offenes Geheimnis war.
Regency und die Literatur
Jane Austens Werke gelten als kulturelle Perlen der Regency-Zeit. Diese umfasst die Zeitspanne zwischen circa 1811 bis 1820. Damals übernahm der Prince of Wales, Georg August Friedrich von Hannover, der spätere King George IV., die Regentschaft von seinem erkrankten Vater, King George III.; daher ist dieser Zeitabschnitt als „Regency“ bekannt.
Interessanterweise war der Prinz ein großer Verehrer der Bücher von Jane Austen, und sein Bibliothekar schrieb ihr, dass „der Prinz alle ihre Bücher gelesen hat und sie verehrt.“ Worauf er ihr vorschlug, im nächsten Buch eine Widmung an den Prinzen zu verewigen. Das war dann Emma. Als nächstes empfahl der kühne Bibliothekar der Autorin, einen historischen Roman über die königliche Familie Saxe-Coburg (heute: Windsor) zu schreiben. Hier nun lehnte Austen höflich ab: „Nein, ich bleibe bei meinem eigenen Stil und gehe meinen eigenen Weg; und selbst wenn ich darin keinen Erfolg mehr haben sollte, bin ich überzeugt, dass ich bei allem anderen völlig versage.“

Bild: GND-Explorer
Janes Bibliothek
Was las Jane Austen, wer waren ihre Musen, welche Bücher inspirierten sie? Fragen, die sich die amerikanische Antiquarin Rebecca Romney stellte und in ihrem Buch Jane Austen’s Bookshelf beantwortet. Mit detektivischem Spürsinn rekonstruierte sie Jane Austens innere Inspirationsbibliothek und stieß dabei auf etwas, das sie „the great forgetting“ nennt.
Dass Austen die Werke von William Shakespeare las, außerdem unter anderem die von John Milton, Daniel Defoe und Samuel Richardson, von William Cowper, Alexander Pope, Henry Fielding und George Crabbe, ist weithin bekannt, aber in ihrer Subskriptionsliste findet sich auch Camilla von Frances Burney. Eine Subskriptionsliste war damals das, was heute der Besuch in einer öffentlichen Bibliothek ist. Man lieh sich Bücher, die damals noch keine Massenware im heutigen Sinn und dadurch sehr teuer waren, über die Liste aus. Jane Austen, die Autorin, die heute vielen als „the first woman writer in English“ galt, las nicht nur die Bücher ihrer männlichen Kollegen, sondern auch die von Schriftstellerinnen wie Frances Burney, Ann Radcliffe, Charlotte Lennox, Hannah More, Charlotte Smith, Elizabeth Inchwald, Hester Piozzi und Maria Edgeworth. Diese Autorinnen, deren Werke definitiv vor denen Jane Austens entstanden, sind kaum im Literaturkanon vertreten, fast drohten sie, vergessen zu werden.
Interessante Einblicke in eine Bibliothek, die Jane Austen erlebte und nutzte, findet man in Godmersham Park, dem Anwesen ihres Bruders Edward Austen Knight.
Geliebte Jane
Heute, 250 Jahre nach ihrer Geburt, wird Jane Austen verehrt wie nie. 2025 ist das Jahr, in dem ihr Geburtsland England – und mit ihm die ganze Welt – den Geburtstag der Schriftstellerin feiert. Auch in Deutschland gibt es zahllose Janeites, die nach merry olde England fahren, zum Beispiel, um Jane Austen’s House in Chawton, Hampshire zu besuchen, in dem die Autorin von 1808 an lebte, alle ihre Romane schrieb oder überarbeitete und die ersten vier veröffentlichte. Heute beherbergt das Haus ein kleines Museum für Jane Austen und bietet Gästeführungen an, einen Geburtstags-Geschenkepfad und die Möglichkeit, eigene Gedanken in „Jane Austen’s Birthday Book“ niederzuschreiben. Möchte man die Regency-Zeit hautnah erleben, fährt man zu einem schillernden Kostümball nach Bath, wo Familie Austen von 1801-1806 lebte. Oder man besucht die British Library, die anlässlich des 250. Geburtstags der Autorin eine Ausstellung ihrer Manuskripte in ihrer Treasure Gallery präsentiert und im Bibliotheksshop unter anderem eine dreibändige Faksimileausgabe von Pride and Prejudice anbietet.
Auch in Deutschland kann man den Zeitstürmen durch Zeitreisen in Jane Austens Welt entrinnen, indem man aufwändige Kostümbälle in historischem Ambiente besucht oder in liebevoll gestalteten Neuausgaben ihrer Werke schmökert.
Zeit, einen Blick in den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek zu werfen und zu schauen, was wir hier finden: nicht nur Jane Austens Bücher, Jugendschriften und unvollendete Werke, auch die überlieferten Briefsammlungen, Werke über Jane Austen, ihr Leben und ihre Zeit.
Mit einer einfachen Suche nach Jane Austen erhalten wir im DNB-Katalog über 2200 Treffer: zahlreiche Ausgaben ihrer Bücher – gedruckte Werke, E-Books, Audio-Books, Netzpublikationen – alles, was das Herz begehrt. Mit einer präziseren Suche nach Jane Austen als Schlagwort finden wir 180 Bücher über sie – vor allem Biografien wie Darling Jane, aber auch Bücher rund um ihre Person und ihre Zeit wie Die Gärten der Jane Austen : Ausflüge zu den Schauplätzen ihrer Romane oder das Kochbuch Trinken wie ein Dichter : 99 Drinks mit Jane Austen, Ernest Hemingway & Co. sowie Fachliteratur wie Women and property in Jane Austen, Hochschulschriften wie Jane Austen’s mean girls : a biocultural approach to shared female experience in literature and life und Ratgeber wie Jane Austens Ratgeber für moderne Lebenskrisen : Antworten auf die brennenden Fragen zu Leben, Liebe, Glück (und was Frau dabei trägt).
Bei den Briefsammlungen gibt es (leider!) aufschlussreiche Lücken. Austens Schwester Cassandra hat nach deren Tod die meisten ihrer Briefe vernichtet und damit verhindert, dass ihre Zeitgenossen wie auch die Nachwelt too much information über die Autorin erhielten. Eine Praxis, die damals üblich war, um das Privatleben einer verstorbenen Person zu schützen. Aber auch ein Tatbestand, der in Leser*innen, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen und Filmschaffenden unbändige Neugier weckt und spekulativen Stoff für Bücher, Filme und Serien bietet.
Einmal wird Jane Austen in der Buchreihe Miss Austen investigates (Miss Austen ermittelt) zu einer pfiffigen Detektivin, dann wird filmisch ihre Liebesbeziehung zu Tom Lefroy in Becoming Jane (Geliebte Jane) erzählt, jüngst gibt es die BBC-Miniserie Miss Austen, die die Lücken ebendieser Briefe fiktiv füllt … der Fantasie rund um die Autorin sind keine Grenzen gesetzt.

Bild: DNB-Katalog
All about Jane …
Was macht den Zauber von Jane Austens Werken aus? Wie kommt es, dass ihre Schriften seit über 200 Jahren gelesen und so sehr geliebt werden? Ist es die Suche nach Romantik, Liebe und einem Happy Ending? Wünscht man sich eine Welt, in der fiktive Gentlemen wie Mr. Knightley, Colonel Brandon oder the one and only Mr. Darcy ein wenig wirklicher wären? Oder ist es die Sprache, diese wunderbaren, lang komponierten Sätze, die in Opposition zu den spröden Kurznachrichten unserer Gegenwart stehen? Oder das, was man ihren „witticism“ nennt, also Bemerkungen, die sowohl klug als auch humorvoll sind? Oder all dies und dazu gemalt mit den feinen Pinseln der Kameras unzähliger Verfilmungen, von den sechs vollendeten Werken bis zum unvollendeten Sanditon? Für die Zeitlosigkeit ihrer Geschichten spricht, dass man sie, ohne ihnen Gewalt anzutun, in ein anderes Jahrhundert transportieren kann, wie der Film Clueless, der sich den Inhalt von Emma ausleiht.
Vielleicht kommt hinzu, dass die Begeisterung für Jane Austen Beziehungen begünstigt. Es gibt nicht nur ein Buch namens The Jane Austen Society, sondern auch echte Jane Austen Societies in Großbritannien, Australien, Italien, Nordamerika … man kommt zusammen, um ihre Bücher zu lesen und für eine Weile in ihrer Welt zu leben. Wunderschön illustriert dies eine Szene des Kinofilms Der Jane Austen Club, in dem ein verzweifeltes Clubmitglied (herzzerreißend gespielt von Emily Blunt) versucht, ihre Ehe zu retten – indem sie gemeinsam mit ihrem Mann Pride and Prejudice liest.
Leider, da sind sich wohl alle Janeites einig, ist diese wunderbare Romanautorin viel zu früh verstorben. Am 18.07.1817, im Alter von nur 41 Jahren, die Veröffentlichung ihrer beiden letzten vollendeten Werke hat sie nicht mehr erlebt und das begonnene Sanditon nicht mehr vollenden können. Welche Geschichten hätte sie noch schreiben können, diese Freundin des Lesens, der Bücher und der Bibliotheken! In ihren Büchern sind sie allgegenwärtig, spielen dekorative Nebenrollen, die privaten Bibliotheken wie die in Longbourn, die Vater Bennets Nervenkostüm in einem Haushalt mit sechs Frauen stabil hält, oder die in Mr Darcys Pemberley, die selbst eine Nicht-Leserin wie Miss Bingley träumen lässt.
„Ich erkläre hiermit“, schrieb Jane Austen, „dass es keine Freude gibt wie die zu lesen! Wieviel schneller doch ermüdet einen alles andere als ein Buch. Wenn ich ein Haus für mich selbst habe, wäre ich betrübt, wäre keine exzellente Bibliothek darin!“

Elke Jost-Zell
Elke Jost-Zell ist Bibliothekarin und GND-Redakteurin und bearbeitet Bücher und digitale Medien im Referat Inhaltserschließung der Deutschen Nationalbibliothek






