Das Buch – mehr als Papier und Pappe

23. April 2026
von Elke Jost-Zell

Zum Welttag des Buches 2026

Ein Bücherstapel
Bücher sind Medienwerke
Foto: Elke Jost-Zell

Was ist ein „Medienwerk“?

„Medienwerk“ klingt erstmal wie ein Wort, das man nicht nichtig fassen kann. Ein bisschen sperrig und zu technisch. Aber dahinter steckt etwas ziemlich Großes: alles, was wir lesen, hören, schauen, speichern – das kollektive Gedächtnis unserer Kultur. In der Deutschen Nationalbibliothek sammeln wir genau das, für die Ewigkeit.

Wir unterscheiden dabei physische (körperliche) von nicht-physischen (nicht-körperlichen) Medienwerken. Physische Medienwerke kann man in die Hand nehmen: Gedruckte Bücher, Zeitschriften, Karten, Hochschulschriften, Noten, DVDs, USB-Sticks, Musiktonträger wie Schallplatten und CDs. Nicht-physische Medienwerke haben keine körperliche Form und sind nur mit Hilfe digitaler Hard- und Software lesbar: E-Books, Webseiten, E-Papers und Online-Aufsätze.

Am Anfang und mittendrin: das Buch. Nicht als Datei, als Stream, sondern als echter Gegenstand aus Papier, Pappe, Stoff und Kleber. Mit Gewicht und Geruch. Und diesem leisen Rascheln beim Umblättern.

Von der Buche zum Buch

Schon das Wort „Buch“ (altgr.: biblíon, lat.: liber) hat Wurzeln – im wahrsten Sinne. Im Deutschen lehnt sich das Buch an einen Baum an, die Buche (lat. fagus).

Holz ist ein Rohstoff für Papier. Das Buch symbolisiert damit etwas zutiefst Lebendiges, denn Bäume spenden Lebensräume, produzieren Sauerstoff und ermöglichen unsere Existenz auf der Erde. Ein schöner Gedanke: Jede Geschichte beginnt im Wald. Und vielleicht erklärt dies, warum Bücher sich so lebendig anfühlen, atmen, Gedanken tragen, Erinnerungen und Ideen – und sie weitergeben. Wer liest, reist. Nicht metaphorisch, sondern real im Kopf: In andere Zeiten, andere Leben, andere Perspektiven.

Das unterschätzte Kulturobjekt

Das Buch ist nie nur ein Textträger. Es ist auch Form, Design, Material. Fadenheftung oder Klebebindung? Dünndruck oder schweres Papier? Minimalistisches Cover oder liebevoll aufwändige Gestaltung? Seit der Antike hat sich das Buch immer neu erfunden, ging mit der Zeit und blieb sich selbst dabei treu.

Ab dem 2. Jahrhundert löste es die antike Schriftrolle ab und sorgte als Codex im Laufe der Jahrhunderte für Literalität und Lesefreude in immer breiteren Gesellschaftsschichten. Ein Codex (lat.: Baumstamm) war äußerlich betrachtet zuerst ein Stapel Holz- oder Wachstafeln, dann ein Block gefalteter oder gehefteter Blätter aus Papyrus oder Pergament, der von zwei Holzbrettern zusammengehalten wurde und schließlich ein „Buch“ oder „Heft“.

Das Buch ist ein Kulturobjekt mit dem Imprint seiner Epoche, eine Zeitkapsel, eine kleine Welt für sich und die Forscher*innen kommender Generationen werden nicht nur Inhalte wie Texte, Bilder, Töne, Noten, Filme, Fotos analysieren wollen, sondern auch ihre äußere Form, als Handschrift, Inkunabel, Kunstband oder Buch im handlichen Taschenbuchformat.

Die DNB dokumentiert die Vielfalt der Bücher (und aller anderen Medienwerke) in eindrucksvollen Zahlen (derzeit circa 53 Millionen Medienwerke insgesamt) in ihren Jahresberichten und in ihrem Katalog. Sie ist nicht nur ein gigantisches Archiv (mit einem separaten, ganz einzigartigen Archiv, dem Deutschen Exilarchiv, DEA) mit einem Museum (dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum, DBSM, dessen Gebäude die wunderschöne Form eines Buches hat). Sie ist auch eine Einladung in den Lesesaal der Imagination und Illumination, ein Zeitportal und damit unschätzbar für die Wissenschaftler und Erzähler der Zukunft.

Stapel von Büchern über Bücher
Bücher über Bücher und Bibliothekarisches – Leseglück und Sachliteratur
Foto: Elke Jost-Zell

Belles lettres

Der französischstämmige Begriff Belles lettres (dt.: Schöne Literatur) bezeichnet schönes, künstlerisches Schreiben. Aus den Belles lettres kommt der Gallizismus Belletristik, der im Deutschen fiktive Werke wie Romane und Erzählungen umschreibt, um diese von der Fachliteratur und der wissenschaftlichen Literatur zu unterscheiden. Aber nicht nur inhaltlich können Bücher schön zu lesen sein, auch ihre handwerkliche Gestaltung erfreut das Auge.

Tatsächlich sind die Bücher oft so schön, dass es einen Wettbewerb für die schönsten gibt: Seit 60 Jahren verleiht die Stiftung Buchkunst Preise für die schönsten deutschen Bücher in den Kategorien Allgemeine Literatur, Wissenschaftliche Bücher, Fachbücher/Lehrbücher, Ratgeber/Sachbücher, Kunstbücher/Fotobücher/Ausstellungskataloge und Kinderbücher/Jugendbücher. Die prämierten 25 Publikationen, die „vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung“ sind und „eine große Bandbreite gestalterischer und herstellerischer Möglichkeiten sowie wichtige Trends und Strömungen der deutschen Buchproduktion“ aufweisen, werden auf internationalen Buchmessen und in Bibliotheken und Buchhandlungen präsentiert.

Lesen ist mehr als ein Zeitvertreib

Was sagen und denken die geistigen Schöpfer*innen, die Schriftsteller*innen, über Bücher? Ihre Worte klingen wie ein Gespräch, das über die Entfernung von tausenden Jahren und Kilometern geführt wird.

Schon Cicero meinte: „Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“ Auch Hermann Hesse fand: „Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbaren Tapeten und Bilder die Wand bedecken.“ Voltaire machte die Erfahrung: „Lesen stärkt die Seele.“ Und Philippe Dijan verrät ein Rezept: „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“ Franz Kafka kam auf drastische Gedanken und glaubte, „man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen.“ Auch dass das Lesen starke Gefühle freisetzt, war ihm bekannt: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer ins uns.“

Cornelia Funke beschwört Bücher als Schutz: „Nichts verscheuchte böse Träume schneller als das Rascheln von Papier“ und J.K. Rowling sagt: „Lesen ist keine Flucht, sondern ein Abenteuer“. Passend dazu schwärmte Emily Dickinson: „Kein Schiff trägt uns besser in ferne Länder, als ein Buch.“
Herzzerreißend sind Anne Franks Worte: „Freie Menschen werden niemals begreifen können, was Bücher für diejenigen bedeuten, die eingesperrt leben.“ Und Ernest Hemingway gibt fast so etwas wie eine Antwort: „Es gibt keinen treueren Freund als ein Buch.“

Abschließend fasst Stephen King sehr zart zusammen: „Bücher sind eine einzigartige tragbare Magie.“

„Tragbare Magie“

Das Buch wie auch sein Ursprung, die Buche im Wald, sind bedroht in einer Welt, in der die Ökonomie der Natur den Rang abläuft und in der das Lesen zu wenig gilt. Immer wieder kommt die Frage auf, ob Bücher noch „cool“ sind, während gleichzeitig etwas Anderes geschieht: Bücher verschwinden aus Regalen, Lesen wird schwieriger, besonders für diejenigen, die das Bildungsangebot der Bibliotheken am meisten benötigen. Parallel dazu scheint das Lesenlernen, Lesen und Lernen besonders jungen Menschen immer schwerer zu fallen – und damit die Möglichkeit, Wissen und Bildung zu erwerben und Anteil am politischen und kulturellen Leben zu nehmen.

Niemand hat diese Misere so hellsichtig beschrieben wie der Schriftsteller Ray Bradbury. Nicht nur in seiner Dystopie Fahrenheit 451 aus dem Jahr 1953, in dem in einer fiktiven Welt die Feuerwehr nicht etwa Brände löscht, sondern Bücher und Bibliotheken anzündet und Menschen mehr Zeit vor Bildschirmen als mit ihren Kindern verbringen. Da Bradburys Eltern kein Geld für eine Universitätsausbildung ihres Sohnes hatten, erwarb er seine Bildung durch jahrzehntelanges Bücherlesen in der Bibliothek seiner Heimatstadt. Dies brachte ihn zu der Einsicht: „Man muss keine Bücher zerstören, um eine Kultur zu zerstören. Bringt die Leute einfach dazu, sie nicht mehr zu lesen“ und dem Fazit: „Was bleibt uns, wenn wir keine Bibliotheken mehr haben? Dann haben wir keine Vergangenheit mehr und keine Zukunft.“

Bücher sind mehr als nur Informationsträger. Sie bilden den Grundstock und sind ein bedeutender Pfeiler in der Sammlung der Deutschen Nationalbibliothek und vieler Bibliotheken weltweit. Vielleicht brauchen wir sie heute mehr denn je. Sie sind Fundament. Herz. Seele. Sie bergen nicht nur Wissen, sondern auch Haltung und Konflikt, Empathie und Fantasie. Bücher verdienen unseren Respekt. Also: Nehmen wir sie in die Hand und schlagen sie auf, riechen wir den Waldduft im Papier, blättern und reisen in eine Geschichte, in eine Welt.

Elke Jost-Zell

Elke Jost-Zell ist Bibliothekarin und GND-Redakteurin und bearbeitet Bücher und digitale Medien im Referat Inhaltserschließung der Deutschen Nationalbibliothek

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Elke Jost-Zell

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Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek Deutschlands.

Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

Ob Bücher, Zeitschriften, CDs, Schallplatten, Karten oder Online-Publikationen – wir sammeln ohne Wertung, im Original und lückenlos.

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  • ISSN 2751-3238