Der Bücherturm der DNB Leipzig

21. November 2025
von Jan Schäfer

Spot on! Die Magazine der Deutschen Nationalbibliothek (Leipzig)

Foto: Ansicht Bücherturm Leipzig
Der Bücherturm vom Nordwestflügel aus fotografiert. Die Farbgebung der Turm-Außenfassade bringt den Vergleich mit Elfenbein ins Spiel. Am oberen Bildrand und nur fragmentarisch eingefangen, unser Logo in Großbuchstaben. Foto: Jan Schäfer, DNB, CC BY-SA 4.0

Am Anfang war das Buch

Als ich hier angefangen habe, das war im Jahr 1989 (damals noch Deutsche Bücherei Leipzig), gehörte er schon seit sieben Jahren dazu. Der Bücherturm (erbaut 1976-1982), kurz auch BüT oder Bauteil T genannt, fasziniert als dritter Erweiterungsbau der DNB-Leipzig. Seit somit nunmehr dreiundvierzig Jahren gebaute Bibliotheksgeschichte, gefällt er sich in seiner wandlungsvollen Historie. Mithin Teil eines beeindruckenden Gesamtensembles, komplettiert der BüT die gewachsene Struktur des Hauses als unabdingbarer Teil von ihr. Um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, empfiehlt es sich deshalb, einmal innezuhalten und nachzudenken, was sich im Laufe der Turm-Jahre so alles zugetragen hat. Das ist eine ganze Menge. Es geht auch nicht ohne Nostalgie, wenn man die Vergangenheit bemüht sich mitzuteilen, um in Erfahrung zu bringen, wie alles begann. Denn so eine lange Zeit ist gelebte Zeitgeschichte, ist angefüllt mit Episoden aus dem Berufsleben und weiß so vieles zu berichten, dass Erinnerungslücken beinahe vorprogrammiert sind. Doch wenn man sich anschickt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, steht eines immer im Vordergrund: das Buch. Um ihm und seiner vielfach wechselvollen Gestalt in allen möglichen Größen und Ausführungen gerecht zu werden, weiß die Buchstadt Leipzig die Deutsche Nationalbibliothek in ihrer Mitte,- Sammelstätte und Wissensspeicher in einem.

Nüchterne Fakten und ein bisschen mehr

Der BüT wartet mit einer Höhe von fünfundfünfzig Metern auf. Ganz oben und weithin sichtbar kündet unser Logo in Großbuchstaben von unserer Präsenz vor Ort. Um ein Kernbauelement sind vier Seitensegmente positioniert, von denen eins ein Doppelsegment bildet. Wenn man aus der Höhe auf die Umgebung blickt, hat man alle vier Himmelsrichtungen zur Auswahl und sollte möglichst schwindelfrei sein. Ein beeindruckendes Panorama erschließt sich dem sehenden Auge. Man weiß dann maximal einundzwanzig Etagen unter sich. Für die Glücklichen, die das einmal erleben dürfen, ist das oft wie Geburtstag und Weihnachten zusammen. Vielen von ihnen steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. Über das Staunen ob der so beeindruckenden Aussicht kehrt die Fassung häufig erst im Fahrstuhl zurück. Der DDR-Magazinbau bietet sich an, einen Blick auf das Völkerschlachtdenkmal, das Fernseh- und Verwaltungszentrum des MDR mit seinem charakteristischen Hochhaus, die Russische Gedächtniskirche oder das alte Messegelände zu werfen. Natürlich auch auf unser Bestandsgebäude entlang der Nord-Süd-Achse mit all seinen architektonischen Besonderheiten. In den Dunkelmagazinen auf den Etagen hat es das nicht. Jedes einzelne Segment ist fensterlos und zwar gewollt. Der Bestandsschutz steht an oberster Stelle, hat Priorität und erklärt seinen Verzicht auf Tageslicht durch die Dringlichkeit des Schutzes für gesammeltes Archivgut. Bücherwelten wie die in unserem Turm unterliegen einem ausgeklügelten Schutzkonzept und einer Reihe von Vorkehrungen, die das auch garantieren. Ausgenommen sind die Kellerräume von Bauteil T, deren Aufteilung technischen Einrichtungen vorbehalten ist. Die Ausnahme bilden hier vier Raumeinheiten, in denen Rollfilme und C-Formate zu finden sind.

Aus der Vergangenheit

Die Demontage der „Röhre“ war ein aufwendiges Unterfangen. Zwei Schwerlastkräne brauchte es, um sicherzustellen, dass alles störungsfrei abläuft. Unschwer zu erkennen, wie man den Turmhof zur Baustelle umfunktioniert hatte. Foto: Klaus-D. Sonntag

Da ich nun schon recht lange dabei bin, weist das Füllhorn der Erinnerung Material in einem beträchtlichen Umfang auf und weiß das irgendwo zwischen den grauen Zellen verortet. Dadurch ist es nicht unbedingt immer leicht, aus der Vergangenheit zu berichten, wo sich doch so allerhand zugetragen hat. Aber das „Ereignisportal Gestern und Vorgestern“ hat eine Stimme und deren musealer Charakter ist nicht nur fotografisch gesichert. Unser Bücherturm war, das ist hinlänglich dokumentiert, ab dem Moment seiner offiziellen Inbetriebnahme durch eine innovative Transportverbindung, die gemeinhin nur Röhre oder Bücherröhre genannt wurde, mit dem Gründungsgebäude verbunden. Bis zu ihrer Demontage 2010 überquerte die in luftiger Höhe den Turmhof und stellte per integrierter Buchtransportanlage den Büchertransport sicher. Zweigleisig mit einer in Richtung Turm weisenden und einer Gegenspur für das Verschicken der Medieneinheiten zwischen BüT und Bücherausgabe (heute Servicetheke) ausgerüstet, leistete die „Röhre mit dem inneren Charme einer Modelleisenbahn“ gute Dienste. Und als wäre das nicht schon genug, bestand zudem die Möglichkeit, das Verbindungsbauwerk fußläufig zu durchqueren. Für das Bauteil T eine Besonderheit auch insofern, als das im Übergangsbereich auf der heutigen Etage sechs (früher Etage drei) lange Jahre ein dickes Registrierbuch für die dienstlichen Turmgänge der Mitarbeiter*innen auslag. Per Unterschrift musste vor Ort unprätentiös aber korrekt die Dauer der Anwesenheit mit Uhrzeit nachgewiesen werden. So simpel lief das analog, war das Parallelprogramm zur Transpondertechnik im digitalen Zeitalter von heute. Irgendwie schon spannend, selbst dabei gewesen zu sein, so als Zeitzeuge alles miterlebt zu haben und noch viel mehr… Wenn man dann einen Schnitt macht und sich fragt, was im Nachhinein übrigbleibt, dann sind es Dinge wie diese, die einen kleinen Einblick in das große Ganze geben und vielleicht auch für die Nachwelt von Interesse sind.

Zwischen Gestern und Heute

Hier im Bild ist die alte Turmfassade vor der Neuverkleidung zu sehen. Dabei war Weißgrau die vorherrschende Farbe und Zweckmäßigkeit das Prinzip. Im Fußbodenbereich die Dehnungsfuge und der pinkfarbene Belag als Kontrastprogramm, Foto: Jan Schäfer, DNB, CC BY-SA 4.0

Wann immer ich früh am Morgen zum Dienst erscheine, ist er schon da, der Bücherturm. Dann kommt es mitunter vor, dass ich zu ihm aufschaue und seine elfenbeinartige Außenfarbe mit anderen Augen sehe. Ist unser BüT etwa ein Elfenbeinturm? Früher sah er jedenfalls nicht so elegant aus. Dafür haben schon die kachelartigen und mustergültigen, nur leider langweiligen Betonwerksteine an der Außenfassade gesorgt. In Einzelanordnung grau/weiß akzentuiert, blieb das Bemühen um architektonische Eleganz schon im Ansatz stecken.Heute sind diese Plattenbetonkacheln noch in den Übergangsbereichen zum vierten Erweiterungsbau zu sehen. Ein Kompromiss zwischen Geschichte und Gegenwart und an der Stelle auch ein gelungener Spagat zwischen Alt und Neu. Gern übersehen wird dabei schon mal die Dehnungsfuge im Fußbodenbereich, die da ist, um statische Kräfte zu regulieren, deren Spiel einen gewissen Abstand erfordert. Doch das interessiert ohnehin nur wenige. Heute, und da sind wir wieder bei der Fassadenaußenseite, überdecken Metallblechplatten in einem Weißton ähnlich dem von Elfenbein jenes Altfassadengrau in gefällig schöner Anordnung. Also gestern langweiliger Betonklotz und heute eleganter Elfenbeinturm? So würde ich es jetzt nicht ausdrücken. Schönheit und zweckmäßige Funktionalität müssen einander nicht ausschließen. Übernehmen wir das Erbe der Vergangenheit, in der wir mit unserem Bücherturm gut beraten waren und treten wir hinüber in eine Zukunft, die mit neuen Herausforderungen aufwartet. Das ist wahrscheinlich das Beste, da Elfenbein ohnehin längst in Verruf geraten ist und die armen Tiere, denen es einst zum Verhängnis wurde, lebend viel schöner anzusehen sind.

Ein Blick in die „Bücherröhre“ mit Sicht auf den Übergangsbereich zum Bücherturm. Gut zu sehen das Gleisbett mit fahrenden Transportbehältern und die Flurplatten für den Fußgängerverkehr. Auch interessant die eigenwillige Formgebung der Fenster, die an Bullaugen erinnert haben. Foto: Stephan Jockel, DNB, CC BY-SA 4.0

Fazit und Ausblick

Als Menschen und Mitarbeiter*innen sind wir lebende Zeugen einer Zeitenwende, wie sie viele von uns lange für unmöglich hielten. Aktuell leben wir in einer von Veränderungen geprägten Zeit voller Ungewissheit, welche uns täglich mit schwer vorhersehbaren Inhalten konfrontiert. Viele haben verständlicherweise Sehnsucht nach der magischen Kristallkugel, die das Zukünftige sichtbar macht. Aber wir müssen realistisch denken und handeln. Den BüT in diesem Zusammenhang betrachten heißt, vorausschauend planen, denn die Endlichkeit seiner Aufnahmefähigkeit zeichnet sich ab. Schon jetzt ist absehbar, dass Bauteil T in circa drei bis vier, vielleicht fünf Jahren bis auf den letzten Regalmeter gefüllt sein wird. Dann ausschließlich mit Monographien unterschiedlicher Formate. Dieser Zeitraum und jener der Fertigstellung des fünften Erweiterungsbaus könnten sich somit annähernd überschneiden. Genau weiß das natürlich keiner und andere Schätzungen/ Erhebungen gehen davon aus, schon 2027/2028 am Limit zu sein.  Es erübrigt sich auch, zu spekulieren, ob es bis dahin weitere umfangreiche bauliche Maßnahmen zur Modernisierung der Technik innerhalb von Bauteil T geben wird. Die letzte in 2023/2024 diente der Erneuerung der veralteten Beleuchtungstechnik. Nunmehr kommen überall LED-Leuchten zum Einsatz und glänzen dabei mit Leuchtkraft sowie Leuchtdauer. Das stimmt zufrieden, schont die Augen im Zuge der Bereitstellung und sorgt für ein Arbeitsklima, welches die vor Ort Tätigen zu schätzen wissen. Begrüßenswert überdies, um auf dem Weg in die Zukunft gut gerüstet zu sein. Dabei gefällt sich der Bücherturm in seiner Rolle als Magazinturm mit Archivcharakter nur zu gut, ist er doch Arbeitsstätte und Bücherherberge in einem. Und ein bisschen stolz bin ich natürlich auch, dass ich dazugehören darf.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Jan Schäfer, DNB

7 Kommentare zu „Der Bücherturm der DNB Leipzig“

  1. Cornelia Ranft sagt:

    Ich kann mich noch gut an die Röhre erinnern. Das waren meine Angangsjahre in der DNB 2007 bis 2010. Für mich war der Gang durch die Röhre wie mit Raumschiff Enterprise zum Mond zu fliegen, zum Büchermond…

  2. Frieder Schmidt sagt:

    Von der Neugestaltung der Buchturm-Fassade nicht begeistert war der Leipziger Künstler Arnd Schultheiß, hatte er doch die Betonplatten des Bücherturms zu geometrischen Mustern angeordnet, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Bücherei#Dritte_Erweiterung. Das mischte sich mit dem Frust über die Umbenennung der Deutschen Bücherei Leipzig in Deutsche Nationalbibliothek. Gespräche waren da nicht einfach mit dem Herrn in der Mozartstraße 5.

  3. Stephan J. Mitterwieser sagt:

    Stephan J. M. aus Stadtbergen + Leipzig Besteht denn irgendwann und irgendwie die Möglichkeit den Bücherturm als Bücherfreund zu besuchen? Das wäre dann Weihnachten + Ostern + Pfingsten zusammen…

  4. Sven Hammerbeck sagt:

    Sehr informativ und lebendig geschrieben; Danke.
    Mich interessiert die Frage: Wie sicher ist der BüT gegen Dhronen (kriegerische Einwirkung wie z. B. Ukraine) und Feuer wie z. B. Hongkong?

    1. DNB sagt:

      Vielen Dank für Ihre Rückfrage. Die Deutsche Nationalbibliothek hat den Auftrag, Veröffentlichungen in Schrift, Bild und Ton dauerhaft zu bewahren. Sie betreibt, wie viele andere öffentliche Einrichtungen auch, eine Notfallvorsorge. Das heißt, sie erstellt für Krisenfälle unterschiedlicher Art Notfallkonzepte. Dies erfolgt auf der Grundlage von bestehenden Vorgaben, wie z.B. Brandschutzbestimmungen, und in Abstimmung mit zuständigen Behörden, wie beispielsweise der Feuerwehr. Wir bitten um Verständnis, dass wir Details dazu nicht öffentlich erläutern.

  5. Ines Göbel sagt:

    Vielen Dank für den sehr interessanten Artikel mit Blick auf die Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Bücherturms!

  6. Almeida sagt:

    Sehr schön geschrieben – ein spannender und liebevoller Einblick in den Bücherturm!

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  • ISSN 2751-3238