WLIC zum ersten Mal in Zentralasien

1. Dezember 2025
von Julijana Nadj-Guttandin

IFLA steht für…

Die IFLA[1] (International Federation of Library Associations and Institutions) ist die internationale Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen. Sie wurde 1927 in Edinburgh gegründet, steht also kurz vor ihrem 100jährigen Jubiläum. Die Sektionen und Interessensgruppen spiegeln die bibliothekarische Themenvielfalt wider. Neben Sektionen, die sich mit klassischen bibliothekarischen Aufgaben befassen, wie der „National Libraries Section“, der „School Libraries Section“, oder der „Cataloguing Section“ gibt es in der IFLA auch spezialisierte Gruppen wie die „Health and Biosciences Libraries Section“, die „Library History Special Interest Group“ oder die „Library Services to Multicultural Populations Section“.

Sektion Inhaltserschließung

Seit 2021 bin ich für die Deutsche Nationalbibliothek in der IFLA aktiv und dort Mitglied in der Sektion für Inhaltserschießung „Subject Analysis and Access“[2]. 2023 habe ich die Rolle der Secretary übernommen, seit August dieses Jahres bin ich Chair, also Vorsitzende der Sektion.

Die Arbeit in einem internationalen Gremium bringt spannende Einblicke in die Welt außerhalb des eigenen Hauses und des vertrauten „DACH-Raums“. Durch die Arbeit in der Sektion lernt man internationale Perspektiven auf Inhaltserschließung kennen und erfährt, vor welchen Veränderungsprozessen andere Kolleginnen und Kollegen, andere Einrichtungen und andere Nationalbibliotheken stehen. Diese Erkenntnisse sind nützlich für die eigene Arbeit an der DNB. In Arbeitsgruppen, den sogenannten Working Groups, beschäftigen wir uns u.a. mit den Herausforderungen, die Künstliche Intelligenz mit sich bringt, wir untersuchen, wie Erschließungssysteme mit Veränderungen in Sprache und Wissen umgehen, und wir führen weltweite Umfragen zum Thema Aus- und Fortbildung im Bereich Inhaltserschließung durch. In unserer Arbeit in den Working Groups vernetzen wir uns insbesondere mit weiteren „Metadaten“-Sektionen der IFLA.

Logistik international

Mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz verschiedenen Bibliotheken und Informationseinrichtungen zusammen zu arbeiten birgt aber auch so manche Herausforderung, wenn es z. B. bei der Doodle-Abfrage um das Finden geeigneter Termine für Videokonferenzen geht: Wenn es in Frankfurt 11 Uhr Vormittag ist, wie spät ist es dann in Vancouver, Kanada? Und in Wuhan, China? Ist es schon zu spät in Perth, West-Australien oder noch zu früh? Zum Glück gibt es hilfreiche Webseiten, die der mathematisch herausgeforderten Bibliothekarin mit nützlichen Rechenmasken weiterhelfen. Damit keine Zeitzone bevorzugt bzw. benachteiligt wird, habe ich auch schon an Videokonferenzen teilgenommen, die um Mitternacht oder auch um 6 Uhr morgen begonnen haben. Trotz dieser logistischen Herausforderungen und eventuell vorhandener Sprachbarrieren ist der Umgang in der IFLA aber sehr freundlich und kollegial.

WLIC in Astana? Nie gehört.

Ein Highlight der IFLA-Arbeit ist für viele sicherlich die Teilnahme am WLIC, dem jährlich stattfindenden Weltbibliothekskongress. Nach Corona-bedingten Ausfällen in den Jahren 2020 und 2021 und den europäischen Kongressen 2022 und 2023 fand der WLIC in diesem Jahr erstmals in einem zentralasiatischen Land statt, nämlich in Kasachstan, genauer gesagt in Astana, der Hauptstadt. Die IFLA ist um regionale Diversität bemüht, vor allem auch, wenn es um die Wahl des WLIC-Austragungsortes geht. Noch nie war die IFLA in Zentralasien vertreten und so war es nicht verwunderlich, dass gerade die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Land und aus den umliegenden zentralasiatischen Staaten sehr hoch war. Allein 452 Vertreterinnen und Vertreter kamen aus Kasachstan. Bei den in Europa stattfindenden Kongressen ist es Kolleginnen und Kollegen aus Ländern des Nahen Ostens oder Afrika oft nicht möglich, ein Visum zu erhalten. So konnte ich in Astana zum ersten Mal mehrere Vorträge iranischer Kolleginnen und Kollegen hören.

Astana (früher Nur-Sultan, zu Ehren des langjährigen Präsidenten Nursultan Nasarbajew) liegt ganz im Nordosten des Landes. Kasachstan, etwa so groß wie Westeuropa, hat gerade einmal 20 Millionen Einwohner und ist in weiten Teilen menschenleer. Der Flug nach Astana führt über den Kaukasus, über das Kaspische Meer (immer zwischen russischem und iranischem Luftraum, darüber sollte man im Flieger besser nicht weiter nachdenken) und über eine menschenleere Steppe. Wer aber denkt, Astana wäre eine Stadt mit mittelalterlich anmutenden Gebäuden gepaart mit sowjetischem Brutalismus, der liegt falsch. Astana ist eine junge Stadt. 1830 als russische Festungsstadt gegründet, wurde sie 1997 zur neuen Hauptstadt des Landes und zu einer modernen Großstadt mit über 1,5 Millionen Einwohnern nach westlichem Vorbild ausgebaut. Breite Straßen, moderne Wolkenkratzer, goldene Protzbauten, beeindruckende Moscheen und hinter der Stadt immer: die Steppe, menschenleer. Vom touristischen Highlight der Stadt, dem Bajterek-Turm, fällt der Blick über alle Gebäude ins staubige Nichts der die Stadt umgebenden Steppe. Astana hinterlässt bei mir einen bleibenden Eindruck – eine einzigartige Stadt.

Blick auf den Bajterek-Turm, Astana

Nur-Astana-Moschee, Astana

Unter dem Motto „Uniting Knowledge, Building the Future“[3] trafen sich vom 18. – 22. August 2025 etwas über 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im modernen Konferenzzentrum von Astana. Damit war es ein eher kleiner Weltkongress, viele Kolleginnen und Kollegen haben dann doch die nicht ganz einfache Anreise gescheut.

Kongresszentrum Astana

Für mich persönlich war es die dritte WLIC-Teilnahme, nach Dublin 2022 und Rotterdam 2023[4]. Insgesamt 50 Teilnehmer (inklusive der Aussteller) aus Deutschland waren für Astana registriert.

Fishbowl in Kasachstan

Während des WLIC halten die Sektionen ihre Arbeitstreffen ab und beteiligen sich am Kongressprogramm. In diesem Jahr hat sich meine Sektion dazu entschieden, einen Konferenzbeitrag der etwas anderen Art einzureichen: Angeregt durch eine Fishbowl, an der ich hier in der DNB teilgenommen hatte, hat sich unsere Sektion dazu entschlossen, gleich zwei IFLA-Schwerpunkte zu vereinen: Künstliche Intelligenz und moderne Konferenzformate. Unser Vorschlag, eine Fishbowl mit dem Titel „Jackpot or Jeopardy? Exploring AI and Subject Indexing“ zu veranstalten, wurde zu unserer großen Freude angenommen. Wir hatten uns im Vorfeld mit der Sektion für berufliche Fortbildung vernetzt und konnten unsere Session dann gemeinsam durchführen.

Eine Fishbowl[5] ist eine besondere Diskussionsform, deren wesentliches Element ein innerer Stuhlkreis von 5-6 Stühlen in der Mitte ist und mehrere diesen umgebende Stuhlkreise. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer können sich in den inneren Stuhlkreis (die Fishbowl) setzen, zum Sachverhalt Stellung beziehen und anschließend wieder zurück in einen der äußeren Kreise gehen. Es handelt sich um ein sehr interaktives Format, in welchem jeder einzelne aufgefordert ist, etwas beizutragen. Eine Moderation (diese Aufgabe habe ich übernommen) startet die Diskussion und leitet, wenn notwendig, die Beiträge, damit die zentrale Fragestellung nicht aus dem Blick gerät. Im Vorfeld hatten wir bei den Kongressorganisatoren den logistischen und technischen Rahmen der Veranstaltung angemeldet. Dass uns die Veranstalter aber ausgerechnet in den größten Saal des Konferenzhotels legen würden, den Grand Ballroom, damithaben wir nicht gerechnet. In buchstäblich letzter Sekunde mussten wir doch noch technische Details klären, Mikrofone organisieren und Stuhlreihen ergänzen. Es war dann schon ein ganz schöner Kampf mit der eigenen Nervosität, eine sehr gut besuchte Fishbowl in einem riesigen Ballsaal unter prächtigen Kristallleuchtern und vor verspiegelten Wänden zu moderieren!

Der Grand Ballroom im Konferenzhotel

Es hat sich gezeigt, dass es sich bei KI um ein Thema handelt, das Bibliotheken weltweit stark beschäftigt und viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Bedürfnis hatten, ihre eigene Perspektive auf das Thema zu äußern und sich auszutauschen. Für uns war es spannend, individuelle Perspektiven auf KI und Erschließung zu Wort kommen zu lassen. Gemeinsam war vielen Wortbeiträgen, dass KI immer unter Beteiligung menschlichen Wissens gesehen werden muss und dass die Systeme immer nur so gut funktionieren, wie sie auf vorhandenem intellektuellen Wissen basieren können. Mehrfach wurde auch darauf hingewiesen, dass der Einsatz von KI die Abhängigkeit des Globalen Südens vom Globalen Norden noch verstärken könnte. Eine sicherlich nachdenklich machende Perspektive auf das Thema. Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion waren die Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten für Bibliothekarinnen und Bibliothekare im Bereich KI.

Die Mühe hat sich für meine Sektion gelohnt: Unsere Veranstaltung wurde als Highlight des ersten Konferenztages aufgenommen, eine (inoffizielle) Auszeichnung, die uns natürlich sehr freut.[6]

Wieder was gelernt!

Die Teilnahme am WLIC bringt viel: Sie ermöglicht zum einen, nach unzähligen Videokonferenzen, in denen man die Kolleginnen und Kollegen nur als kleine Kacheln auf dem Bildschirm sieht, endlich den direkten Austausch, das Gespräch und viele Möglichkeiten zum Netzwerken. Zum anderen führt sie vor Augen, dass unser Haus geschätzter Kooperationspartner ist. Die DNB ist beteiligt an Projekten und Themen auf internationaler Ebene und treibt Entwicklungen mit voran, die auch für die eigene Arbeit wichtig werden. Das Schöne an unserem Beruf ist ja, dass man immer etwas Neues lernt und es ist auch das, was ich an meinem Beruf am Meisten schätze. Und so hatte ich das Erlebnis, dass mir bei einem Vortrag einer Kollegin aus Jakarta bewusst wurde, welche Wichtigkeit mein eigener Vorname hat: Oder wussten Sie etwa, dass das indonesische Pendant zur Gemeinsamen Normdatei (GND) „Juliana“[7] heißt? Nein? Ich auch nicht. Aber ich find’s gut.


[1] https://www.ifla.org/

[2] https://www.ifla.org/units/subject-analysis-and-access/

[3] https://2025.ifla.org/

[4] 2024 wurde der WLIC abgesagt, da es, aufgrund von politischer Einflussnahme von Seiten der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate in das Kongressprogramm, sehr viele Proteste gegen den Konferenzort Dubai gegeben hatte.

[5] https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Fishbowl_(Diskussionsmethode)&oldid=257063279

[6] https://2025.ifla.org/day-one-highlight/ (Abschnitt: Connecting in Astana)

[7] https://repository.ifla.org/items/3cba2006-4ef2-4f6f-841c-f8d2d5dc4e9c

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Julijana Nadj-Guttandin

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  • ISSN 2751-3238