Der Weg des sanften Löwen

31. Dezember 2022
von Elke Jost-Zell

Ein augenzwinkernder Streifzug durch die Ratgeberliteratur in der DNB

Der Weg des sanften Löwen - Ratgeberliteratur in der DNB
Kurios und so vollständig wie sonst nirgendwo – Ratgeberliteratur in der DNB
Illustration: Elke Jost-Zell

Am Jahresende richten auch wir in der Deutschen Nationalbibliothek einen Blick zurück ins Was war, was ist und wie wird es wohl nächstes Jahr werden? In den Medienregalen der Abteilung Inhaltserschließung finden wir Bibliothekar*innen jahrein, jahraus, zuverlässig und zahlreich nicht nur wissenschaftliche und Fachliteratur, Belletristik und Kunstbücher, sondern auch eine ganz spezielle Art von Literatur, die man in einer wissenschaftlichen Bibliothek eher selten, in einer öffentlichen Bibliothek sehr oft, und in unserer Universalbibliothek nahezu komplett findet: Ratgeber!

Jahreszeitlich aktuell zwitschern im Frühling gärtnerische Bücher und Liebesratgeber in unseren Regalen das Erwachen der Natur ein. Im Sommer geben uns die Ratgeber Tipps für das Mixen kühler Longdrinks und wie man die perfekte Bikinifigur bekommt. Im Herbst flüstern die Bücher uns Ideen für die Halloweenparty und das Einmachen selbst gezogener Früchte und Gemüse ein. Hält schließlich der Winter Einzug, erklären sie uns, was alles für die Vogelfütterung zu tun ist, wie wir Handschuhe und Wollmütze stricken können und stehen uns mit Rat und Tat beiseite, wenn wir neue Rezepte aus alter Zeit für Weihnachtsplätzchen ausprobieren und uns den Kopf über das Festessen zu Neujahr zerbrechen.

Als Nationalbibliothek sammelt die DNB ihrem gesetzlichen Auftrag folgend allumfassend und wertfrei alles, was in Deutschland so erscheint (und noch vieles mehr!) – auch das, was Ratsuchende diskret in Buchhandlungen oder online bestellen. Oder was man mitfühlend unter der Ausleihtheke in die Hand gedrückt bekommt, wenn man den Bibliothekar oder die Bibliothekarin seines Vertrauens in der heimischen Stadtbibliothek bibliografisch um Rat bittet.

Tief verborgen und wohl behütet in den Büchermagazinen unserer Archivbibliothek tummeln sich Ratgeber aller Couleur in vielen Sachgruppen und Fachgebieten – Praktisches für das persönliche Know-how (to do) und Wissenswertes über alle großen und kleinen Nöte, gegen das, was uns belastet und bedrückt und für alles, das uns glücklich und die Welt ein wenig schöner macht.

Wenn meine Kolleg*innen und ich morgens zu unseren Bücherregalen gehen, um die Medienwerke auf die Bücherwagen zu stapeln und zur Bearbeitung in unsere Büros zu fahren, staunen wir über manche der Ratgebertitel, die wir vorfinden und von uns im Regelfall eine verkürzte und minimalistische inhaltliche Erschließung erhalten.

Viele sind blumig, und fantasievoll, oft sind sie komisch, oder ironisch, dann wieder pikant und derb und anrüchig. Die Buchtitel, die ich im Folgenden aufführe, können Sie gerne in unserem Portal anschauen, in runden Klammern dahinter finden Sie die Untertitel.

Gewichtig …

Ein schwer wiegendes Thema, das uns in der Weihnachtszeit beschäftigt, obwohl wir verzweifelt versuchen, es bis zum Januar samt aller guten Vorsätze fürs neue Jahr zu verdrängen, ist unser Körper. Genauer gesagt: sein Gewicht.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, Wonach wir wirklich hungern (mit der Chopra-Methode Erfüllung finden und dauerhaft abnehmen)? Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass wir gerne Nackt gut aussehen (endlich erfolgreich mit der Low Carb Carb Challenge) möchten? Um dieses hehre Ziel zu erreichen, suchen wir nach 50 Tipps, damit die Hose rutscht (ohne Diät genussvoll abnehmen). Oder wir greifen zum Badass-Body-Plan (das revolutionäre Ernährungs- und Trainingsprogramm für einen knackigen Hintern und eine sexy Figur).

Anmutig altern …

Eng damit verbunden ist das Älterwerden – auch keine leichte Erfahrung. Stehen Sie morgens vor dem Spiegel und denken: Ich hatte mich jünger in Erinnerung (Lesebotox für die Frau ab 40)!? Dann Erwecken Sie Ihr junges Selbst (in 3 Schritten) und tun Sie selbstbewusst, was Ihnen die Altersforschung als heißen Tipp mitgibt: Entscheide selbst, wie alt du bist (Was die Forschung über das Jungbleiben weiß). Haben Sie das halbe Jahrhundert schon erreicht – Gratulation! – denken Sie schottisch und läuten Das Jahr, als ich anfing, Dudelsack zu spielen (eine Anleitung zur Veränderung in der Mitte des Lebens) ein – und beherzigen so den Rat: Don’t worry, be fifty.

Psycho …

Wichtig dabei ist, dass man sich in jeder und für jede Lebenslage lockermacht. Hierfür schauen wir in das Bücherregal für die Psychologie. Denken Sie oft an Das Loch im Ich? Wünschen Sie sich vielleicht Für mich soll es Neurosen regnen? Haben Sie den insgeheimen Verdacht: Ich tick nicht richtig – mein Leben mit Zwängen, Ängsten und Macken (Geschichten aus meinem Neurosengarten)? Oder denken Sie vielleicht gar: Funktionieren kann ich besonders gut (Wartungsanleitung für mehr Gesundheit, mehr Leistungsfähigkeit, mehr Lebensfreude). Rufen Sie stumm, aber verzweifelt: Ich will ja loslassen, doch woran halte ich mich dann fest? Dann wird es Zeit, sich zurückzulehnen und zu reflektieren über: Ich und mein Spleen (was wir tun, wenn wir alleine sind). Erwecken Sie den Krieger oder die Kriegerin in sich: Ich kann auch anders (von freundlich bis unbarmherzig – wie Sie das Repertoire Ihrer Kommunikationsmuster wirksam erweitern). Denn Wer sich selbst findet, darf’s behalten (wie Sie erreichen, was Ihnen im Leben richtig wichtig ist)! Seien Sie: Not Sorry (vergeuden Sie Ihr Leben nicht mit Leuten und Dingen, auf die Sie keine Lust haben). Entdecken Sie anstatt dessen: The life-changing magic of not giving a f*ck (how to stop spending time you don’t have with people you don’t like doing things you don’t want to do)! Gehen Sie auf eine Reise mit Meerblick statt Frühschicht (warum ich losreisen musste, um bei mir selbst anzukommen), damit Sie endlich das erleben: BurnLong statt Burnout (Stress überwinden – gesund bleiben)!

Neuro …

Hilfreich beim Resilienzerwerb sind nicht nur das richtige Mindset, sondern auch die Erkenntnisse der Neurowissenschaft, die wir in den Bücherregalen der Medizinliteratur finden.

Ob Vom Trottel zum Genie (Geheimnis unserer Inspiration) oder einmal quer durch Limbi – der Weg zum Glück führt durchs Gehirn – wir brauchen generell alle Etwas mehr Hirn, bitte! Und wenn wir schon auf dem Weg zu Mein Gehirn und ich (10 Gebote für eine gute Zusammenarbeit) sind, sollten wir den folgenden Tipp beherzigen: Lass Dein Hirn nicht sitzen (wie Bewegung das Denken verbessert, Depressionen lindert und Demenz vorbeugt). Und reicht ein Spaziergang mal nicht aus, versucht man es eben mit: Raufen für Erwachsene (spielerisches Balgen als Selbsterfahrung)! Wie dem auch sei, es gibt keinen Grund, sich UnMögliche Ziele (Ziele geben dem Leben einen Sinn) zu setzen. Ergreifen Sie lieber Die Chance der Unvollkommenheit, lernen Sie How to be a woman (wie ich lernte, eine Frau zu sein), wenn Sie eine – oder keine – Frau sind, und schon immer mal wissen wollten, wie es ist, sich als solche zu fühlen. Und klappt es nicht, denn: Diese Woche ist nicht mein Tag, dann sagen Sie sich: Scheitern, na und? (Wer Fehler macht, hat mehr vom Leben)! Lernen Sie die Unendlich-Stolz-Formel (tu, was du nicht kannst) auswendig. Und bedenken Sie, es gibt immer Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben, denn Letztendlich sind wir dem Universum egal (ausnahmsweise kein Ratgeber, sondern ein Jugendbuch).

Tierisch!

Bei kunterbunt-wild-natürlicher Titelvergabe geraten auch gewiefte Bibliothekar*innen gelegentlich in Verwirrung. Nicht alle Buchtitel, die z.B. Tierisches im Titel tragen, gehören in die Bücherregale der Zoologie oder der Heim- und Nutztierabteilung der Landwirtschaft. Das Buch Wie man ein Pferd fliegt erzählt von ungewöhnlichen Konzepten für Innovation und Kreativität und nicht von einem Paarhufer als Aviator. Auch Wie das Krokodil zum Fliegen kam, lässt nicht etwa zahnreiche Reptilien in die Luft gehen, sondern enthält 24 Therapiekarten für die Beruf- und Work-Life-Balance, und Der Weg des sanften Löwen berichtet nicht von pazifistisch gesonnenen Großkatzen in der Savanne, sondern warum es sich lohnt, anders zu sein. Auch Füttere den weißen Wolf ist keine Anleitung zur Wildtierverköstigung, sondern beinhaltet laut Untertitel Weisheitsgeschichten, die glücklich machen. Der Buchtitel Leitwölfe sein klärt erst im Untertitel darüber auf, um was es wirklich geht: liebevolle Führung in der Familie! Und bei der Weisheit auf vier Pfoten (drei Generationen, zwei Hunde und die Suche nach einem glücklichen Leben) geht es nicht um canine Buddhas, sondern um die gelingende Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier.

Doch natürlich landen auch Bücher mit kapriziösem Titel letztendlich an der richtigen Stelle im Eingangsfach der Biologie: Der Fisch, der lieber eine Alge wäre berichtet von dem erstaunlichen Zusammenleben von Tieren und Pflanzen, also der Biozönose. Und auch Der Geschmack von Laub und Erde (Being a beast, wie ich versuchte, als Tier zu leben), den sich ein englischer Tierarzt und Jurist auf der Zunge zergehen ließ, um sich eins mit der Wildnis zu fühlen, haben wir in der Zoologie verortet.

Menschlich!

Werfen wir noch einmal einen Blick in das Regal der medizinischen Ratgeberliteratur. Mit Darm mit Charme (alles über ein unterschätztes Organ) fing es vor Jahren an … der Magen-Darm-Trakt und seine unmittelbare Umgebung rückte unerklärlicherweise aus dem diskreten Dunkel der Körpermitte ins grelle Rampenlicht. Deshalb wundern Sie sich bitte nicht, dass gewisse Körperfunktionen kein Tabuthema, sondern noch immer heftig im Trend sind mit Buchtiteln wie Harn aber herzlich (alles über ein dringendes Bedürfnis), Fit im Schritt (Wissenswertes vom Urologen), Pipi. Kacka. (gut gewickelt – ruckzuck windelfrei), Scheiss schlau (wie eine gesunde Darmflora unser Hirn fit hält) und A loo with a view – Es steht ein Klo im Nirgendwo.

Uns Bibliothekar*innen ist zwar nichts Menschliches fremd … doch geht dies vielleicht Leser*innen mit empfindsamem Gemüt zu weit, weshalb wir das Thema nun nicht weiter ausführen mögen.

L’Amour …

Wenden wir uns lieber am Jahresende dem zu, das die Menschen am meisten bewegt: die Liebe! Und den Ratgebern darüber! Wenn es mal nicht klappt mit der Work-Love-Balance (lustvolles Liebesleben trotz Stress und Alltag) und man sich ernsthaft fragt: Ist das Liebe, oder kann das weg? (vom sonderbaren Verhalten der Generation Beziehungsunfähig), ist der Weg nicht weit zum: Schöner streiten (der kleine Paarberater).

Und bereiten die lieben Kleinen Sorgen, zum Beispiel Wenn der Klapperstorch Starthilfe braucht, und es nicht gleich klapp(er)t, schlagen Sie nach bei Was passiert, wenn es passiert? (Wissenschaft unter der Bettdecke). Ob es dann funktioniert oder nicht, zucken Sie entspannt mit den Schultern und sagen sich: Kinder sind ein Geschenk – aber ein Wellness-Gutschein hätt’s auch getan!

Und da wir in der Deutschen Nationalbibliothek dem Unkenruf Ratschläge sind auch Schläge auf keinen Fall Recht geben wollen, wenden wir uns lieber der Erkenntnis des irischen Schriftstellers Oscar Wilde zu: sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze. Diesem Geist folgend raten wir Ihnen für das neue Jahr 2023: Be YOUnique – Lebe dich selbst, so wie du dir gefällst!!!

Elke Jost-Zell

Elke Jost-Zell ist als Bibliothekarin, GND-Redakteurin und Autorin in der Abteilung Inhaltserschließung der Deutschen Nationalbibliothek tätig.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Elke Jost-Zell

2 Kommentare zu „Der Weg des sanften Löwen“

  1. tb sagt:

    Gute Vorsätze waren gestern, Selbstoptimierung ist heute ;-).
    Was es nicht alles gibt in der Welt der Ratgeberliteratur. Beeindruckend wie unterhaltsam, was die DNB dazu gesammelt hat bzw. sammelt. Ein wunderbarer Streifzug!

  2. Petra Kuhlemann sagt:

    Herrlich unterhaltsam und witzig, wie die unglaubliche Vielfalt der Ratgeberliteratur hier vorgestellt wird!

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