„Erfinden fällt leichter als Erinnern“

22. April 2026
von Stephanie Jacobs

Am 16. April hat die Landesvertretung Sachsen in Berlin zu einer ganz besonderen Lesung eingeladen: Die mit überaus reger Publikumsresonanz bedachte Veranstaltung erlaubte unter dem Titel „Literatur im Dialog“ Einblicke in das neueste Buch von Lutz Rathenow. Der Schriftsteller, ehemalige Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und Gegenwartsdiagnostiker – oder, wie die FAZ benannte: „Thüringer Wahlberliner und temporärer Dienstsachse“ – las aus seinem neuesten Gedichtband, der sich auf dem spannenden Feld zwischen Erinnerungskultur und Lyrik bewegt. Erschienen ist die von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnete Publikation unter dem Titel „Früher ist Morgen. Einhundertelf Gedichte“ https://d-nb.info/1344519342 mit zahlreichen Holzschnitten von Katja Zwirnmann, Leipzig im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist.

Die lebhafte Podiumsdiskussion beleuchtete das Werk selbst aus ganz unterschiedlichen Perspektiven sowohl der Erinnerungskultur als auch der Buchkunst. Aber auch das Literatur-, Lese- und Lyrikland Sachsen und die Buchstadt Leipzig waren Thema. Eingeleitet wurde der Abend durch Markus Franke, Bevollmächtigter des Freistaates beim Bund, der im Anschluss auch zu einem Empfang einlud.

 

Zu den Protagonist*innen des Abends

1952 in Jena geboren studierte Lutz Rathenow dort Deutsch und Geschichte, wurde kurz vor dem Abschluss des Studiums exmatrikuliert und gründete den Arbeitskreis „Literatur und Lyrik“ – auch der wurde wenige Jahre später verboten. Nach seiner ersten Verhaftung 1977 zog Rathenow nach Ostberlin. Er machte sich als Netzwerker zwischen DDR-Opposition, Literaturszene und West-Journalisten einen Namen, seine Stasiakten füllen viele Aktenschränke. Zwischen 2011 und 2021 war Rathenow Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seine als „Geschichten aus dem Leben“ konzipierte Autobiographie veröffentlichte Rathenow 2022 unter dem assoziationsreichen Titel „Trotzig lächeln und das Weltall streicheln“, die zugleich einen Überblick über sein zurecht viel gelobtes literarisches Werk gibt.

Der Lyrikband ist mit zehn Holzschnitten von Katja Zwirnmann, Leipzig, gestaltet. Zwirnmann ist in Leipzig geboren, ging als Buchbinderin auf die Walz und hat an der Hochschule für Graphik und Buchkunst bei dem legendären Volker Pfüller studiert. Sie versteht sich als Graphikerin zwischen freier und Gebrauchskunst und ist Mitbegründerin der in der Baumwollspinnerei in Leipzig ansässigen Künstlerinnengruppe augen:falter. Zwirnmanns Arbeiten für „Früher ist Morgen“ sind Dialoge zwischen Literatur und bildender Kunst: Weder illustrieren die Holzschnitte die Texte noch konkurrieren sie mit den Texten um Aufmerksamkeit. Sie sind im allerbesten Sinne Echokammern: eigenständige, abstrakte Annäherungen an die komplexen Themen der Rathenowschen Lyrik: Erinnern, Verstören, Misstrauen, Gedenken. In strengem Farbkanon gefasst besitzen die Bilder gestalterische Klarheit, Wucht und ein hohes Maß an Eigenständigkeit – und präsentieren darin eine ganz eigene Interpretation der Texte.

Publiziert wurde der Band „Früher ist Morgen“ im Verlag Ralf Liebe, Druckerverleger aus Weilerswist, der kurz nach Verlagsgründung 1993 bereits Lutz Rathenow im Programm hatte („Oder was schwimmt da im Auge?“ https://d-nb.info/960841997 ). Das Besondere an seinen Verlag ist das Interesse an historischen Drucktechniken, das Besondere an seinen Publikationen der Einsatz von Originalgraphiken in Büchern – eine aufwändige Publikationsform mit enormer künstlerischer Strahlkraft. Daher verwundert kaum, dass es der Band „Früher ist Morgen“ auf die Shortlist der Stiftung Buchkunst geschafft hat.

Ein Abend zwischen Literatur und Bildender Kunst, zwischen Druckerfarbe und der auch heute noch quicklebendigen Buchstadt Leipzig, zwischen Erinnerungskultur und lyrischer Intervention. Oder – um mit Lutz Rathenow zu sprechen: „Erfinden fällt leichter als Erinnern“.

Stephanie Jacobs

ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Katja Zwirnmann

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden erst veröffentlicht, nachdem sie von uns geprüft wurden.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Über uns

Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek Deutschlands.

Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

Ob Bücher, Zeitschriften, CDs, Schallplatten, Karten oder Online-Publikationen – wir sammeln ohne Wertung, im Original und lückenlos.

Mehr auf dnb.de

Schlagwörter

Blog-Newsletter

In regelmäßigen Abständen erhalten Sie von uns ausgewählte Beiträge per E-Mail.

Mit dem Bestellen unseres Blog-Newsletters erkennen Sie unsere Datenschutzerklärung an.

  • ISSN 2751-3238