Bücher verlegen in Zeiten brennender Wälder?

28. Juni 2023
von Jan Wenzel, Anne König und Markus Dreßen (Spector Books)

Der Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig wurde in diesem Jahr an den international renommierten Leipziger Verlag Spector Books verliehen. Die Preisverleihung in Anwesenheit des Oberbürgermeisters Burkhard Jung fand im Deutschen Buch- und Schriftmuseum statt (wo zudem die Kabinettausstellung „Handapparat“ gezeigt wird). Das Verlagsteam hielt die folgende Dankesrede:

Burkhard Jung überreicht den Verlagsgründer*innen den Gutenberg-Preis, Foto: Johanna Baschke

Wir möchten uns herzlich bedanken! Und wir freuen uns, dass Sie alle gekommen sind, um diesen Tag mit uns zu feiern.

Und viele, die hier sind, gehören mit zu den Geehrten. Denn ein Verlag wie Spector Books wäre unmöglich ohne die Arbeit von einer großen Anzahl von Menschen. Wir danken Ihnen, wir danken euch – ihr habt diesen Verlag in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit ermöglicht. Ohne eure Energie, eure Geduld, eure Konfliktfähigkeit wäre er nicht das, was er geworden ist.

Danke.

Wenn man als Verlag in dieser Weise geehrt wird, steht man auch in der Pflicht. In der Verantwortung, sich selbst zu fragen, wie es weitergehen soll. 

Was heißt es, Bücher zu verlegen in Zeiten brennender Wälder?

Es ist inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass der Club of Rome seinen Bericht Die Grenzen des Wachstums veröffentlicht hat. Die grundlegende Erkenntnis war damals, dass auf einem begrenzten Planeten grenzenloses Wachstum über kurz oder lang in die Katastrophe führt.  Der Klimawandel, dessen Folgen sich inzwischen deutlich abzeichnen, ist nichts anderes als das Resultat unserer industriellen, auf Wachstum basierenden Logik von Produktion, Distribution und Konsum.

Oft wird angenommen, dass die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sich vor allem technologisch lösen lassen. Unser Eindruck ist, dass eine solche Perspektive zu kurz greift und dass wir unsere Aufgabe vor allem als eine kulturelle begreifen müssen. Das heißt, wir müssen uns nicht nur dafür entscheiden, dass es besser ist, Recyclingpapier zu verwenden oder darauf zu verzichten, Bücher in Plastikfolie einzuschweißen. Das grundlegende Verständnis des eigenen Produzierens gehört auf den Prüfstand.

Jan Wenzel hielt die Dankesrede, Foto: Johanna Baschke

Aber was bedeutet es, aus der industriellen Logik herauszufinden?

Ein Charakteristikum der industriellen Logik besteht darin, Produktionsprozesse zu zerlegen, um sie effizienter zu gestalten. Jedes Teilstück des Prozesses kann so in sich optimiert werden – das ist der Vorteil von Arbeitsteilung; der Nachteil besteht allerdings darin, dass der gesamte Prozess für jeden der Akteure unsichtbar wird. Um eine ökologische Perspektive einzunehmen, ist es aber notwendig, das Ganze wieder in den Blick zu nehmen, die Produktionsketten zu verstehen. Nur so lässt sich nachvollziehen, was das Ökosystem »Buch« ausmacht. Das heißt, man muss den Büchern auf ihrem Weg folgen.

Auf diese Weise kann man eine Vorstellung entwickeln, wie das Medium Buch als ein ineinandergreifendes System funktioniert, als eine »Umwelt«, für die wir gemeinsam Verantwortung tragen – und mit »wir« meine ich ausdrücklich alle: Autor*innen, Gestalter*innen, Druckereien, Buchbinder, Distributionen, Buchhändler, Bibliothekare und Buchkäufer und Leserinnen. Auch wir als Verlag beeinflussen diese »Umwelt« mit unseren Entscheidungen. Aus einer solchen Perspektive lässt sich dann auch klarer bestimmen, wie wir handeln müssten, um das Buch, eines der robustesten Kommunikationsmittel, das Menschen geschaffen haben, auch im 21. Jahrhundert auf kluge und verantwortungsvolle Weise zu nutzen.

Alle zusammen, v.l. vorn: Jan Wenzel, Markus Dreßen, Anne König, Christopher Dell (Musik, Vibrafonist), v.l. hinten: Burkhard Jung mit Florian Ebner und Maike Aden (Laudator*innen), Foto: Johanna Baschke

Um nicht falsch verstanden zu werden: Was vor uns liegt, ist keine Zäsur, kein einfaches Umlenken, sondern Hunderte winzige Transformationen, ein lebendiges Ausprobieren in unterschiedliche Richtungen: Versuch, Irrtum, neuer Versuch. Genau genommen bewegen wir uns in zwei Systemen – der Ökologie und der Ökonomie, die beide auf abrupte Wechsel empfindlich reagieren, denn auch die Ökonomie ist eine Umwelt.

Was also wären Ausgänge aus einer industriellen Logik im Bereich des Bücherverlegens? Wie sollten wir handeln? Was uns als Richtung unseres Handelns vorstellen?

Sowohl die Produktion als auch die Distribution müssen neu gedacht werden. Denn sobald industrielle Prozesse an den Punkt der Überproduktion gelangen, versucht man, um weiterhin einen hohen Warenumschlag zu erreichen, zu suggerieren, dass Waren veralten. Nur so schafft man Saison für Saison genügend Platz für den Nachschub. Nun ist es aber so, dass Bücher kaum veralten. Ein Auto, das vor dreißig Jahren, oder ein Computer, der vor zehn Jahren produziert wurde, sind alt. Ein Buch kann auch Jahrzehnte später noch genauso aktuell sein wie an jenem Tag, an dem es aus der Druckerei kam.

Übersetzt in die Arbeit von Verlagen und Buchhandlungen heißt das: Die Backlist ist genauso wichtig wie Neuerscheinungen. Als Verlag versuchen wir bereits seit einiger Zeit, unser Verlagsprogramm in seiner Tiefe präsent zu halten. Und wir schätzen Buchhandlungen, die ein ähnliches Selbstverständnis haben und in ihren Regalen nicht nur Neuerscheinungen präsentieren, sondern ihren Leser*innen auch Bücher anbieten, die bereits vor zwei, fünf oder zehn Jahren erschienen sind. Wir sollten, wo es nur möglich ist, die Fokussierung auf Novitäten aufgeben: in der Art, wie wir Bücher präsentieren, bei den Rezensionen und auch in den Regalen der Buchhandlungen. Die Aktualität eines Buches ist nicht durch seine Novität zu bestimmen. Die hohe Frequenz im Warenumschlag und das schnelle Verramschen sind Büchern nicht angemessen. Als Verlag sollten wir bereit sein, für die Bücher, die wir produzieren, auf Jahre hin Verantwortung zu übernehmen. Sobald man sich ein solches Verständnis als Verlag zu eigen macht, hat das Auswirkungen auf die Programmentscheidungen. Und bei Buchhändlern, die das Prinzip Langlebigkeit in ihren Sortimentsentscheidungen verfolgen, wird man mehr interessante Bücher finden, als bei jenen, die nur die gerade neu auf den Markt kommenden präsentieren. Die Folge wird sein, dass wir stärker als bisher ein Bewusstsein für alles bereits Produzierte entwickeln, für einen Reichtum, der bereits da ist und der uns eine andere – vielleicht entspanntere, aber auch konzentriertere – Art des Produzierens erlaubt.

Bücher von Spector-Books in der Ausstellung „Handapparat“ im Deutschen Buch- und Schriftmuseum, Foto: DNB / Christine Hartmann

Manchmal hört man, dass E-Books die ökologischere Alternative wären. Wer unsere Bücher kennt und weiß, wie wir Format, Materialität und Seitenlayout bei jedem Buch bewusst entscheiden, wird ahnen, dass wir diese Meinung nicht teilen, sondern uns leidenschaftlich für das gedruckte Buch einsetzen. Und zwar aus einem simplen Grund: Wenn wir über Ökologie sprechen, sollten wir nicht vergessen, dass auch wir Teil der Natur sind. Wir können mit Büchern leben, sie können jene »nicht-menschlichen Akteure« sein, von denen der französische Soziologe Bruno Latour spricht, die uns ein Leben lang begleiten. Für Datensätze, wie ein E-Book sie bereithält, gilt das nicht. Vielleicht erfüllt die physische Präsenz eines Buches – sein Gewicht, seine Materialität – ein Bedürfnis, das uns als lebendige Wesen betrifft. Und noch etwas sollten wir nicht vergessen: Bücher erlauben einen autonomen Gebrauch. Wie schnell können sich unsere digitalen Lesegeräte gegen uns wenden, weil uns der Zugang zu den Daten verweigert wird, weil gerade kein Strom zur Verfügung steht oder ein Software-Update verhindert, dass man auf eine ältere Version zurückgreifen kann. Bücher können Jahrzehnte im Regal stehen, sie werden jederzeit funktionieren.

Genau in dieser Verfügbarkeit für lange Zeit liegt eine Qualität des Mediums Buch. Die Welt des 21. Jahrhunderts ist enorm komplex, gerade deshalb braucht unsere Wahrnehmung einen größeren Radius. Die Neuigkeiten des Tages genügen nicht mehr, denn die Geschichte – alle zurückliegenden Zeiten – ragt in jeden einzelnen Tag hinein: Das ist das kleine Einmaleins des Anthropozän. Wir müssen lernen, uns mit diesen langen Zeiträumen vertraut zu machen, und Bücher können uns dabei eine große Hilfe sein. Die Leipziger Drucker wussten das bereits 1640: »… daß jetzt manch tapfer Mann / Der längst verfaulet liegt / Mit mir noch reden kann / Auch ohne Zung und Mund: Daß du dem recht kannst kennen / Den du nie hast gesehn / Ja ihn mit Namen nennen / Und wissen, was er gewußt … Das macht die Drucker-Kunst.« – Auch das wäre ein Baustein für eine Ökologie des Verlegens.

Wir waren besonders erfreut, dass wir den Preis hier in der Deutschen Nationalbibliothek erhalten. Denn Bibliotheken sind Orte, an denen ein Moment von Zukunft bereits sichtbar wird: Nicht nur Orte, an denen ein Bestand für lange Zeit aufbewahrt wird; sondern Orte, an denen er für jeden zugänglich ist; Orte, an denen wir gemeinsam der Frage nachgehen können, wie wir mit dem Reichtum des bereits Produzierten umgehen wollen, wie wir statt manisch zu produzieren, neue Formen der Rezeption entwickeln. Vor zwei Wochen habe ich den fünfstöckigen Neubau der Deichman Library, der Stadtbibliothek von Oslo, besucht, und es war, als würde ich einen Blick auf einen Ort der Zukunft werfen. Die Bibliothek als eine komplexe Landschaft, die Raum für ganz unterschiedliche Bedürfnisse hat – ein Ort der stillen Lektüre und des Schreibens, des gemeinsamen Lesens, ein Ort der Vielsprachigkeit, ein Ort, um einen Nachmittag in den Reichtum der Bücher einzutauchen. An dem es auch nicht stört, wenn Kinder toben, an dem auch Plätze für Kinderwagen reserviert sind. Alles ist hier lebendig, ist greifbar, zugänglich. Von hier aus lässt sich der Weg, der vor uns liegt, denken. Bibliotheken statt Shopping Malls als Zentrum unserer kommenden Gemeinschaften. Ein Ort, um die Konflikte anzugehen, denn auch von diesen Bibliotheken aus werden wir noch für Jahre die Wälder lodern sehen.

Vielen Dank!

Ausstellung „Handapparat“, Foto: Johanna Baschke

Spector Books: Handapparat. Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig

Ausstellung vom 21. Juni 2023 bis 28. Januar 2024 im Deutschen Buch- und Schriftmuseum

dnb.de/gutenbergpreis2023

Ausstellung „Handapparat“, Foto: Johanna Baschke
Zahlreiche Buchveröffentlichungen des Verlages können in der Ausstellung zur Hand genommen werden, Foto: Johanna Baschke
*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Johanna Baschke

Ein Kommentar zu „Bücher verlegen in Zeiten brennender Wälder?“

  1. Elke Jost-Zell sagt:

    Herzliche Glückwünsche und vielen Dank für dieses Bekenntnis zum wunderschönen, nachhaltigen und zeitlosen Buch!

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden erst veröffentlicht, nachdem sie von uns geprüft wurden.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.