Hans Ticha zum 85. Geburtstag
Vor fast 40 Jahren wurde er von einem bekannten Karikaturisten als „Meister der Kugelköpfe“1 gefeiert – heute, am 2. September 2025, feiert der Buchkünstler Hans Ticha seinen 85. Geburtstag. Tichas Schaffen kommt eine maßgebliche Rolle in der Gestaltungskultur der deutschen Buchgeschichte bis in die Gegenwart zu, und als Maler beschritt er – beeinflusst von Stilrichtungen wie dem Kubismus, Konstruktivismus und der Pop-Art – nicht nur während der DDR einen ganz eigenen Weg inmitten seiner künstlerischen Zeitgenossen.

1940 in Bodenbach (heute Děčín/Tschechien) geboren, wuchs er ab 1946 in Schkeuditz bei Leipzig auf. Dem Studium der Kunsterziehung und Geschichte in Leipzig folgte eine zweijährige Tätigkeit als Lehrer im nahen Lindenthal (später zu Leipzig), bevor er bis 1970 Gebrauchsgrafik und Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studierte. Kurz vor Studienende bemühte er sich um erste Kontakte aus der Verlagswelt, hatte er doch schon in der Jugend als regelmäßiger Nutzer der Stadtbibliothek eine große Faszination für das Buch entwickelt. In seinem Atelier in einer baufälligen Mietskaserne im Prenzlauer Berg etablierte sich Ticha als einer der gefragtesten Illustratoren und Grafiker der DDR. Ticha wurde mit einer Retrospektive in der Kunstsammlung Jena 2015/16 und mit einem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises 2022 für sein Gesamtwerk gewürdigt.
Der Vorlass im Museumsbestand

Im Deutschen Schrift- und Buchmuseum bietet sich die einmalige Gelegenheit, sich tiefgehend mit Tichas Arbeiten aus der Buchkunst und Grafik auseinanderzusetzen. Sein Vorlass kam zwischen 2007 und 2024 in drei Lieferungen ins Museum (hier im Blog bereits beleuchtet). Die Ressourcen aus Tichas Provenienz stammen aus einem Zeitraum von 1949 bis 2023, folglich aus allen Schaffensphasen seines Lebens. Bestehend unter anderem aus Skizzen, Entwürfen, Grafiken, Plakaten, Druckstöcken und Probedrucken für Buchillustrationen, bietet der Vorlass einen reichen Fundus an Forschungsmaterial.
Tichas Vielseitigkeit
Zwei Herzen schlagen in Tichas Brust: Das eines Buchkünstlers und das eines Malers. Dem Buch nähert er sich als Illustrator (und als Typograf) mit unerschöpflichem Einfallsreichtum. Hier gelang ihm ein Meisterstück mit der Gesamtgestaltung des satirischen Science-Fiction-Romans „Der Krieg mit den Molchen“ des tschechischen Schriftstellers Karl Čapek, der 1987 im Aufbau-Verlag und 1989 als westdeutsche Ausgabe bei der Büchergilde Gutenberg erschien. Er schmuggelte unter die Illustrationen eine Darstellung, die sich als Mauer an der innerdeutschen Grenze deuten lässt: nahezu undenkbar in der DDR-Kunst.

Als Maler nutzt er die geometrischen Formen und knalligen Farben als Mittel, um mit seinen figurativen Motiven in „nahezu piktografischer Brillanz“2 hinter die Fassade des modernen Lebens zu blicken und auf ironische Weise totalitäre Staatsrituale oder – nach 1990 – die allgegenwärtige Konsumkultur zu beleuchten: niemals bedeutungsschwer, stets bedeutungsvoll. Und diese zwei künstlerischen Seiten sind überaus vereinbar: In der Malerei probiert Ticha Dinge aus, die ihn wiederum in der Illustration weiterbringen. Es ist eine Janusköpfigkeit, die sich auch in seinen Bilderwelten wiederfindet.


Literatur aus dem Kopf
Wenn es um das buchgrafische Werk geht, zu dem unzählige Zeugnisse im Museumsbestand vertreten sind, wählt Ticha für seine unverwechselbaren Bebilderungen am liebsten die literarische Kurzform: „Lyrik, Fabeln, Erzählungen, möglichst Ironiker, Literatur, die mehr aus dem Kopf als aus dem Bauch kommt, weniger breite Epik oder Expressives.“3 Zu den von ihm bevorzugten Schriftstellern gehören Ernst Jandl, Christian Morgenstern und William Makepeace Thackeray. Besonders anschaulich lässt sich der Schöpfungsprozess z. B. anhand der sich im Vorlass befindenden Ressourcen zu „Mein Morgensternbuch“, „Der Krieg mit den Molchen“ oder „Das Snobbuch“ von Thackeray nachvollziehen.

Bisher ist die Bestandsgliederung und -verzeichnung unabgeschlossen und nur der Gesamtbestand im Katalog aufrufbar (https://d-nb.info/121642215X). Es besteht dennoch die Möglichkeit, Objekte auf Anfrage im Museumslesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig zu nutzen. Dies ist auch der systematischen Vorordnung des Bestandsbildners zu verdanken, die eine Nachnutzung deutlich erleichtert.
Wir gratulieren Hans Ticha ganz herzlich zum 85. Geburtstag und hoffen, dass er auch weiterhin auf hintergründige Weise unser aller Bildgedächtnis bereichert. Denn Tichas Kunst bleibt zeitlos aktuell.
Florian Altenhöfer
ist studierter Historiker der Ludwig-Maximilians-Universität München und freier Redakteur bei verschiedenen Wissenschaftsverlagen. Aktuell schreibt er als Masterstudent der Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig seine Abschlussarbeit zu grafischen Vorlässen im Deutschen Buch- und Schriftmuseum.
- Sandberg, Herbert: Der freche Zeichenstift. Tichas Kugelismus. In: Das Magazin 33 (1986) H. 7. S. 26–28, S. 26. ↩︎
- Stephan, Erik: Vorwort. In: Ticha. Bilder, Zeichnungen, Objekte. Hrsg. von dems. Jena: Städtische Museen 2015. S. 6–7, S. 6. ↩︎
- Hans Ticha, 1969-2000. Werkverzeichnis. Illustrierte Bücher, Einbände, Plakate, Druckgrafik. Maintal: Selbstverlag 2000, S. 169. ↩︎






