Ist Frankenstein Schweizer oder Brite?

31. Oktober 2022
von Elke Jost-Zell

Bio-bibliografische Betrachtungen an Halloween

Schweizer oder Brite? Der Ländercode in der GND klärt es!
Boris Karloffs Frankenstein-Kreatur bespricht die Frage nach einer Ländercodierung seines Schöpfers mit einem Halloween-Kürbis
Zeichnung: Elke Jost-Zell

Der Ländercode in der Gemeinsamen Normdatei GND

In den Datensätzen der Gemeinsamen Normdatei GND finden sich nicht nur zahlreiche Verlinkungen innerhalb der Personen, Körperschaften, Konferenzen, Körperschaften, Geografika und Werken, sondern auch Felder für geheimnisvoll klingende Buchstaben, Ziffernkombinationen und Codes. Unter anderem verwenden wir Ländercodes nach ISO 3166, mit einigen anwenderdefinierten Erweiterungen, z. B. eigene Codes für Kontinente. Der in der GND verpflichtend zu verwendende Ländercode für Normdatensätze wie Geografika, Körperschaften, Konferenzen und Personen besteht aus maximal drei Teilen, die durch einen Bindestrich getrennt sind. Der erste Teil steht für den Kontinent (z. B. XA für Europa), es folgt der zweistellige Buchstabencode für den Staat (z. B. DE für Deutschland) und der dritte Teil repräsentiert den Gliedstaat (z. B. HE für Hessen). Der Code für Hessen sieht also so aus: XA-DE-HE. Bei Personen wird der Ländercode aber nur bis zur Staatenebene erfasst. Goethe war nicht Hesse (XA-DE-HE), sondern Deutscher (XA-DE), Frankfurt am Main dagegen ist eine Stadt in Hessen (XA-DE-HE).

Länder und Leute

Unser heutiger Beitrag handelt von dem Ländercode in Datensätzen für Personennamen. Wir Redakteur*innen für Personen in der GND setzen Personendatensätze für natürliche Personen, Familien, Pseudonyme, fiktive Personen, Personen aus Legenden, Götter und Geister an.

Für jeden Personendatensatz vergeben wir bis zu vier Ländercodes. Warum tun wir das und in welchen Fällen mehr als nur einen?

Schauen wir uns den Datensatz von Boris Karloff an. Der Schauspieler, dessen Darstellung von Frankensteins Kreatur und der Mumie ikonisch ist, kam als William Henry Pratt in England zur Welt. Dies beschert ihm den Ländercode XA-GB (für Großbritannien). Berühmt aber wurde er in den 1930er Jahren für seine unheimlichen Monster-Portraits in den Schwarzweiß-Filmen der Universal Pictures in Hollywood, wo er auch die Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild mitbegründete. Dafür erhält er den Ländercode XD-US (für die USA). Die Codes vergeben wir, um Suchkombinationen zu ermöglichen, zum Beispiel mit dem Beruf Schauspieler und dem Ländercode XA-GB, um alle Normdatensätze englischer Schauspieler in einem Such-Set zu vereinen.

Dieses Beispiel ist einfach, da es sich bei Boris Karloff, zieht man ihm seine gruseligen Masken vom Gesicht, um einen normalen Menschen handelte, der überdies nach Kollegenaussagen ein sehr liebenswürdiges Gemüt besaß, das in krassem Widerspruch zu seinen Filmrollen stand.

Halloween in der GND
Foto: Elke Jost-Zell

Länder und (legendäre) Leute

Wie aber schaut es bei Personen aus, die der schriftstellerischen Fantasie oder einer Legende entsprungen sind? Welche Ländercodes gibt man einer literarischen Figur wie Frankenstein? Hier schauen wir den Datensatz aus der Perspektive der fiktiven Person an. Mary Shelleys Buch Frankenstein oder Der moderne Prometheus spielt in der Schweiz (sowie in Ingolstadt und am Nordpol), der junge Wissenschaftler Viktor Frankenstein ist Schweizer und der inneren Logik der Geschichte entsprechend bekommt sein Datensatz den Code XA-CH für die Schweiz. Da der 1818 erschienene Roman aber als ein Meilenstein der englischsprachigen Literatur gilt und die Autorin aus England stammt, haben wir als kleine Verbeugung vor der Literaturwissenschaft überdies mit XA-GB für Großbritannien codiert. Die Familie Frankenstein übrigens, jenes fränkisch-hessisch-edelfreie Geschlecht, das im 12. Jahrhundert in Darmstadt-Eberstadt auf Burg Frankenstein residierte, hat vermutlich nichts mit Mary Shelleys Geschichte zu tun, weswegen wir sie schlicht mit XA-DE (für Deutschland) und XA-AT (für Österreich) codiert haben …

Doch wenden wir uns am heutigen Halloween wieder den unirdisch-untoten literarischen Figuren zu. Dabei entdecken wir in Graf Draculas Datensatz den transsylvanischen Ländercode XA-RO (für Rumänien), weil sein Heimatschloss in den Karpaten steht und er sich überdies im Lauf des gleichnamigen Romans in einem Sarg voller Heimaterde nach England verschiffen lässt, um dort sein Unwesen zu treiben. Im Gegensatz zu seinem historischen Vorbild Vlad III., Fürst der Walachei (ebenfalls XA-RO), erhält Dracula auch den Code XA-GB für Großbritannien, da der Roman durchaus nachhaltig seine Zähne in die britische Gothic Literature geschlagen hat. Sein geistiger Urheber, der Schriftsteller Bram Stoker, hingegen führt nicht nur XA-GB in seinem Datensatz, sondern zuallererst XA-IE. Stoker war nicht nur ein Meister des Makabren, sondern gehört auch der Reihe der Literaten an, die in England leben und auf Englisch schreiben, aber aus Irland stammen.

Aus dem irisch-schottischen Kulturkreis stammt ursprünglich auch Halloween oder Samhain, das alte All Hallow‘s Even, die Nacht vor Allerheiligen, in der die Grenze zwischen unserer Welt und der Anderswelt nur ein dünner Nebelhauch ist, und wir wünschen ein vergnügliches Trick & Treat und eine schaurig-schöne Nacht … he he he …

Elke Jost-Zell

Elke Jost-Zell ist als Bibliothekarin, GND-Redakteurin und Autorin in der Abteilung Inhaltserschließung der Deutschen Nationalbibliothek tätig.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Grafik: Elke Jost-Zell

2 Kommentare zu „Ist Frankenstein Schweizer oder Brite?“

  1. Susanne Newquist sagt:

    Dem kann ich mich nur anschließen! Habe mich gerade wieder gefreut, soviel nicht-bibliothekarische interessante Infos in einem Artikel über ein für die meisten Menschen wohl eher dröges Thema zu lesen! Wunderbar ist das jedesmal, vielen Dank und bitte weiter so! 🙂

  2. Petra Kuhlemann sagt:

    Liebe Kollegin Elke,
    deine Blogbeiträge sind ein echtes Highlight! Es bereitet ein solches Vergnügen, sie zu lesen! Bitte weiter so! Auch für bibliotheksspezifische Themen kannst Du durch deine kurzweiligen und humorvollen Beschreibungen ganz sicher auch „Nicht-Bibliothekare und Bibliothekarinnen begeistern!

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  • ISSN 2751-3238