Zum Tod von Klaus G. Saur
Gedenken an einen Großen der deutschen Verlags- und Buchbranche
Anfang August ist Klaus G. Saur – einer der bekanntesten deutschen Wissenschaftsverleger des 20. Jahrhunderts – kurz nach seinem 85. Geburtstag in München gestorben. Seine verlegerische Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit, sein Durchsetzungsvermögen, rhetorisches Talent und seine menschliche Zugewandtheit waren legendär und werden seinem enormen Freundeskreis und der Buchwelt fürderhin fehlen.
Schon ein kursorischer Blick in die zahllosen Nachrufe, die dem Bibliotheksstrategen, Erinnerungspolitiker und inspirierenden Gesprächspartner gewidmet sind, zeigen das Format dieses Mannes: Während Andreas Platthaus in der FAZ vor allem an das verlegerische Genie erinnert – aber auch an den exzessiven Telefonierer und Filou, der sein Metier und dessen Geschichte liebte, beschreibt sein Freund und Weggefährte Wulf D. v. Lucius in einem emotionalen Nachruf die Stationen des Verlegerlebens, das vor allem reich an Mut, aber auch an Höhen und Tiefen war. Und die beiden Vorsitzenden der Historischen Kommission des deutschen Buchhandels, Christine Haug und Thedel von Wallmoden, ehren vor allem ihren Vorgänger im Amt, dem Klaus G. Saur in den 15 Jahren seiner Vorstandstätigkeit leidenschaftlich und erfolgreich verbunden war.

Ob das das VLB, das Deutsche Biographische Archiv, der Marburger Index, die 360 Bände des Gesamtverzeichnisses (GV), die Vollendung des in der DDR begonnenen Künstlerlexikons Thieme/Becker oder seine Verlagsniederlassungen in Paris, London und New York: Klaus G. Saur hat große Spuren hinterlassen. Der legendäre Verkauf seines Verlags, der ihn vermögend gemacht hatte, ermöglichte es ihm, kulturelle Projekte, die ihm am Herzen lagen, großzügig zu unterstützen.
Außerdem saß Klaus G. Saur in zahlreichen Aufsichtsräten und Jurys, u.a. im Präsidium des Goethe-Instituts, im Stiftungsrat des Friedenspreises und als Vorsitzender im Beirat der Deutschen Nationalbibliothek. Und auch an Ehrungen fehlte es nicht: vier Ehrendoktoren, Bundesverdienstkreuz, Ehrenmitgliedschaften der Internationalen Bibliothekarsvereinigung IFLA, des Börsenvereins und der Bayerischen Akademie der Künste, Honorarprofessuren und vieles mehr.
Eine besondere Verantwortung erwuchs dem Sohn eines hochrangigen Nationalsozialisten, des Verleger Karl-Otto Saur (1902-1966), aus den familiären Verstrickungen in die Verbrechensherrschaft des Dritten Reiches. Sie waren prägend für sein berufliches und gesellschaftliches Engagement. Aus dieser Vergangenheit machte Saur – auch international – keinen Hehl. Im Gegenteil: Der deutsch-jüdische Dialog war ihm lebenslang ein besonderes Anliegen. Daher verwundert es auch nicht, dass er als Verleger zahlreiche Publikationen zur jüdischen (Verlags-)Geschichte verantwortete.
Saur war ein inspirierender Gesprächspartner, sein Medium: die freie Rede. Das mit intellektueller Brillanz gepaarte, überragende Gedächtnis machte ihn zu einem geschätzten Gastredner – und gefürchteten Streiter, der immer mit offenem Visier gefochten hat. Dabei gehörten Selbstironie und Lernbereitschaft zu seinen größten Stärken. Wenn es aber um ethische, moralische oder erinnerungspolitische Fragen ging, hat er stets klaren Standpunkt vertreten und Haltung gezeigt – auch wenn das (nicht zuletzt für ihn selbst) unbequem war. Von ihm konnte man lernen, was es heißt, sich einer Sache mit Haut&Haar zu verschreiben. Und dass er seine über 6.000 Bände umfassende internationale Spezialbibliothek zum Buch- und Verlagswesen vor ein paar Jahren dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum (DBSM) der Deutschen Nationalbibliothek als Schenkung übergeben hat, macht uns stolz – und ist nur eines von vielen Signalen seiner Wertschätzung für unsere Arbeit. Mit ihm verliert auch das DBSM einen zugewandten Freund und Förderer.
Und der Menschenfreund Klaus G. Saur? Wer jemals in den Genuss gekommen ist, einer seiner zahlreichen Essenseinladungen folgen zu dürfen, weiß fürderhin, was Gastfreundschaft ist. Wer auf seinen legendären Buchmesseempfängen war, weiß, was Großzügigkeit bedeutet. Und wer einmal bei ihm einen Stein im Brett hatte, konnte auf seine Treue setzen.
Stephanie Jacobs
ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.






