Kultur als Medium des Widerstands
Vortrag im Kanzleramt anlässlich der Sitzung des Deutsch-Koreanischen Konsultationsgremium für Vereinigungsfragen
Um sich zu Fragen der Wiedervereinigung auszutauschen, ist Mitte November eine Gruppe hochrangiger Vertreter der Republik Korea nach Berlin gereist. Gemeinsam mit deutschen Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft wurden drei Tage lang verschiedene Aspekte der deutsch-deutschen und der Korea-Politik diskutiert. Ein besonderer Schwerpunkt der Konsultationen lag auf der Rolle der Zivilgesellschaft beim Einigungsprozess. Hier wurde vor allem die Bedeutung der Kultur als Medium des Widerstands in den Blick genommen, aber auch die Frage diskutiert, welche Rückschlüsse aus einer historischen Betrachtung auf die aktuelle Lage auf der koreanischen Halbinsel gezogen werden könnten.

In diesem Kontext hat die Ostbeauftragte der Bundesregierung und Vorsitzende des Deutsch-Koreanischen Konsultationsgremiums, Staatsministerin Elisabeth Kaiser, das Deutsche Buch- und Schriftmuseum zu einem Vortrag eingeladen, der im Anschluss an unsere Beschäftigung mit Fragen rund um das Thema „Mediengeschichte des Protestes“ die aktuelle Situation fokussieren sollte. Den Auftakt der Beschäftigung des Museums mit diesem für die Demokratiegeschichte so essentiellen Thema bildete das Jazzfestival „Störenfriede“, das sich im Herbst 2024 mit der Bedeutung des Freejazz in der DDR auseinandergesetzt hatte, und das bereits großzügig durch das Kanzleramt unterstützt wurde. Die Frage nach der zivilgesellschaftlichen Rolle von Kultur für die Demokratie, auch heute, greift seitdem unsere auf drei Jahre angelegte Veranstaltungsserie „Medien des Widerstands“ auf – eine Reihe, die sowohl historische als auch aktuelle Beispiele in den Fokus nimmt, welche die politische oder gesellschaftliche Wirkmächtigkeit von kulturellem Widerstand illustrieren.




Das Thema „Kultur als Medium des Widerstands. Beat, Freejazz, Literatur – und das Ende der DDR“ war im Rahmen der Deutsch-Koreanischen Konsultationen Teil eines Panels zur Bedeutung der Zivilgesellschaft bei der Überwindung von Autokratien.
Anbei eine Kurzfassung des Vortrags:
Prolog
Wenn heute über das Ende der DDR gesprochen wird, erinnern wir uns meist an die spektakulären Bilder vom Herbst 1989: an die Massen auf den Straßen – etwa die 70.000 mutigen Menschen auf dem Ring in Leipzig, am 9. Oktober; an die Rufe „Wir sind das Volk!“, „Keine Gewalt!“; an die Menschen, die der Mauer, diesem Symbol von Gewaltherrschaft, Diktatur und Mord, mit Hammer und Meißel zu Leibe rückten.
Doch lange bevor die Mauer fiel, hatte etwas Anderes begonnen: eine kulturelle Revolution – vielerorts und getragen vom Mut und Willen zur Freiheit, von Zuversicht und Hunger auf Kultur. In Ateliers, Kirchen, Jazzkellern und Lesekreisen entstand über Jahrzehnte hinweg eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die den Mut fand, frei zu denken, Musik zu machen, zu schreiben – gegen die Repressionen und die Gewalt eines autokratischen Systems, aber auch gegen dessen Sprach- und Phantasielosigkeit. Diese Bewegungen hatten nicht „nur“ ein politisches Programm, sie waren vor allem ein Prozess der Selbstermächtigung und der Befreiung. Ihre Sprachen: Musik, Literatur, Tanz, Performance und Bilder – Medien des Widerstands, die heimliche oder halboffizielle, immer aber fragile und …Freiräume in der Diktatur schufen. Denn der DDR-Staat beanspruchte das ganze Leben: Ob Arbeit, Bildung, Freizeit, Kultur, Familie, Liebe – selbst die Träume – alles stand potenziell unter der Beobachtung der Staatssicherheit.
Doch gerade in einem so engen autokratischen System bekam jede Nische, jeder selbst geschaffene Freiraum eine ungeheure Bedeutung. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk schreibt: „Die Revolution von 1989 war das Ergebnis einer kulturellen Erosion, einer langen Gewöhnung an die Freiheit im Kopf.“
Über Jahrzehnte hinweg entstanden in der DDR Inseln des Andersseins: Orte, an denen Menschen sich jenseits staatlicher Kontrolle trafen – um Musik zu hören, Texte zu lesen, zu diskutieren, zu improvisieren, zu malen, zu drucken, zu träumen. Diese kulturellen Inseln bildeten das Rückgrat der zivilgesellschaftlichen Initiativen. Vom Staat beäugt, reglementiert, verfolgt und verboten, bisweilen aber auch toleriert, in der Hoffnung, kulturelle Opposition durch Kontrolle und Kooperation zu domestizieren und dadurch das Freiheitspotenzial der Kultur doch noch für die eigenen autokratischen Ziele instrumentalisieren zu können.
Beatdemonstration 1965
Aber: Die kulturelle Opposition ließ sich letztlich – und langfristig – weder von der SED für deren Ziele „einspannen“ noch verbieten. Und nicht selten sind die konkreten staatlichen Reglementierungsversuche kläglich gescheitert, wie etwa die irrwitzige Idee, in den 1960er Jahren
das internationale Erfolgsmodell des Rock ’n’ Roll durch den „Lipsi“ zu ersetzen: einen staatlich verordneten Tanz. Die Jugend reagierte auf ihre Weise auf diese Einmischung des Staates und gründete Beat-Bands: Die Sputniks, Butlers oder Puhdys, später: die Renft-Combo brachten neue Klänge in die DDR – und mit ihnen eine neue Haltung: Authentizität, Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Paradigmatisch für die Haltung ist eine Zeile aus dem Lied „Zwischen Liebe und Zorn“ von Renft. Sie traf den Nerv der „jungen Wilden“: „Ich bau mir eine Stadt aus Klang, die nur in meinem Kopfe liegt.“ 1975 wurde die Renft-Combo verboten. Die Musiker verloren ihre Auftrittserlaubnis; ihre Songs verschwanden aus dem Radio.
Doch der Freiheitswille der Beatniks war stärker als das Verbot, sie entzog sich, suchte den Untergrund. Ein wichtiger Meilenstein der kulturellen Opposition war die Beatdemo in Leipzig 1965. Sie richtete sie sich gegen das staatliche Verbot von Beatmusik. Ihr Anlass war das zehn Tage zuvor verhängte Verbot von 54 der 58 registrierten Leipziger Bands. Die Beatdemo, zu der zwei Jugendliche mittels heimlich gedruckter Flugblätter für den 31. Oktober 1965 aufgerufen hatten, wurde von Volkspolizei und Staatssicherheit gleich nach Beginn gewaltsam aufgelöst. Von 264 Festgenommenen wurden fast 100 Menschen zum „beaufsichtigten Arbeitseinsatz“ – so die offizielle Sprachregelung – eingesetzt. Faktisch wurden sie zur Zwangsarbeit im Braunkohletagebau eingesetzt.
Freejazz – Klang der Unplanbarkeit
Sieben Jahre nach der Beatdemo von Leipzig, 1972, waren es wieder musikbegeistere Jugendliche, die – unerschrocken und aufmüpfig – gegen die ideologisch verordnete Musik aufbegehrten und internationalen Jazz in die brandenburgische Provinz holten. Aus Lust an den Improvisationen des Freejazz setzten sie einem Staat, der alles planen wollte, Musik entgegen, die die Unplanbarkeit zum Prinzip erhob. Musiker wie Ernst-Ludwig Petrowsky, Günter „Baby“ Sommer, Uli Gumpert oder Conny Bauer entwickelten seit den späten 1960er Jahren eine ostdeutsche Variante des Freejazz – wild, unberechenbar, frei. „Wir improvisierten, weil es keine Freiheit gab. Also machten wir sie selbst.“ – so der Schlagzeuger Baby Sommer. Und genau diese Musik wollten die beiden Jugendlichen in ihre Heimat holen und gründeten die „Jazzwerkstatt Peitz“. Am Rande der Lausitz gelegen wurde das kleine Dorf Peitz rasch zum Treffpunkt der deutschen und internationalen Jazzszene. Es entstand ein Ort, an dem Musiker aus dem Westen undercover mit ostdeutschen Kollegen spielten – unter falschem Namen, in Bands, die nirgends existierten.
1982 verbot der SED-Staat auch die Jazzwerkstatt Peitz, nicht zuletzt wegen ihres großen, auch internationalen Erfolges. Denn das „Woodstock am Karpfenteich“ hatte sich binnen weniger Jahre zu einem Hotspot des Freejazz in der DDR entwickelt. Der sich in der Musik bahnbrechende Freiheitsdrang der Musiker*innen und des Publikums waren der SED ein Dorn im Auge. Die Steuerung der Jazzwerkstatt drohte der Stasi zu entgleiten.
Der „Fall Biermann“
Auch ein Blick in die Literatur bestätigt das Freiheitspotenzial der Kultur. Daher sei mit dem „Fall Biermann“ ein weiterer Wendepunkt in der Kulturpolitik der SED benannt: Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann am 16. Nov. 1976. Biermann, Sohn eines im KZ ermordeten Kommunisten, war das personifizierte Gewissen der DDR-Liedkultur. Seine Texte waren politisch, ironisch, provozierend – er glaubte an den Sozialismus. Aber nicht an dessen Verwalter.

Während einer Tournee nach Köln wurde ihm die Rückkehr in die DDR verweigert. Dieses Ereignis erschütterte die Kulturszene: Zwölf bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller – darunter Christa Wolf, Stefan Heym, Heiner Müller oder Volker Braun – protestierten öffentlich gegen die Entscheidung des DDR-Regimes. Das war der erste offene Protestbrief prominenter DDR-Künstler*innen gegen die Staatsmacht. Und damit eine entscheidende Wegmarke des zivilgesellschaftlichen Engagements in der DDR.
Viele der Unterzeichner verloren Position und Einfluss, konnten nur mehr eingeschränkt publizieren. Manche wurden aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Doch der Protest hatte eine ungeheure symbolische Wirkung: Zum ersten Mal seit Gründung der DDR wagten Intellektuelle, den Staat öffentlich infrage zu stellen: „Wir merkten, dass wir nicht mehr schweigen konnten, ohne uns zu verlieren“, so Christa Wolf. Die Ausbürgerung Biermanns 1976 markiert damit den Beginn eines auf offener Bühne ausgetragenen kulturellen Widerstands.
Die Bedeutung des Samisdat
In den Jahren nach 1976 radikalisierte sich die literarische Szene in der DDR. Autoren und Autorinnen, die keine offiziellen Publikationswege mehr hatten, begannen, ihre Texte im Untergrund zu verbreiten – in sogenannten „Samisdat-Zirkeln“. Maschinengeschriebene Manuskripte zirkulierten – von Hand zu Hand, über Kirchen oder private Lesekreise. Autoren wie Reiner Kunze, Thomas Brasch, Bert Papenfuß oder Lutz Rathenow schrieben Texte, die das Schweigen der Gesellschaft thematisierten – in poetischer, oft chiffrierter Sprache. Diese Untergrundliteratur war also viel mehr als ein literarischer Akt: Sie war ein Akt der Selbstermächtigung. Entstanden sind dabei Kunstwerke von ungeheurer Vielschichtigkeit, die noch heute von dem Mut, der Phantasie und dem Freiheitsstreben ihrer Macher*innen zeugen.
Die Deutsche Nationalbibliothek hat das große Glück, einen fast vollständigen Bestand einiger dieser Samisdatschriften bewahren zu dürfen – wie wir im vergangenen Jahr glücklicherweise auch das Archiv der Jazzwerkstatt Peitz in unsere Obhut nehmen durften.
Räume des Protestes
Neben den unterschiedlichen künstlerischen Medien des Widerstands – Musik, Literatur, bildende Kunst – spielten natürlich auch die Räume, in denen diese Protestkulturen stattfinden konnten, eine große Rolle, etwa die Öffnung der Kirchen für kulturelle Initiativen ab Ende der 1970er Jahre. Dort fanden sich Friedenskreise, Umweltgruppen und Menschenrechtsinitiativen zusammen, aus denen später überall im Land die Bürgerbewegungen von 1989 hervorgingen. Ein Meilenstein ist etwa die Gründung der sog. Umweltbibliothek im Keller der Zionskirche in Berlin 1986. Sie wurde rasch zum sichtbaren Zeichen der DDR-Opposition und stand daher unter ständiger Beobachtung der Stasi.
All die Protestbewegungen, von denen die Punk- und Avantgarde-Szene mit ihren schrillen Performances, kreischenden Auftritten und politischen Provokationen die sicherlich lautesten waren – verbanden sich zu einer „gelebten Anarchie im Land der Kontrolle“, wie der Autor Ingo Schulze schreibt. Und als 1989 die Massen auf die Straßen gingen, trugen die Menschen Lieder, Gedichte, Musiken und Parolen aus diesen Kreisen mit sich. Oder zusammenfassend:
„Die Friedliche Revolution war keine politische Erfindung. Sie war eine kulturelle Konsequenz.“
Stephan Wolle
Epilog:
Wurde die DDR im Herbst 1989 also nicht nur durch ihre wirtschaftliche Schwäche oder durch westliche Einflüsse zu Fall gebracht, sondern vor allem, weil ihre eigene Kultur rebellierte?
Kultur war die Schule, das Labor, in dem Freiheit geübt wurde, aber auch Mut und Selbstbehauptung, Gemeinschaft und Solidarität, Verantwortung, Improvisation und – Humor!
All das zusammen bildet die kulturelle DNA der Friedlichen Revolution. Und das – ist die vielleicht wichtigste „Lehre“ aus der Geschichte der Oppositionskultur der DDR, die auch heute wieder Zuversicht geben kann: Gemeinsamer Widerstand und sichtbarer Schulterschluss machen stark gegen autokratische Tendenzen. Und können – auch friedlich – gelingen. Denn wenn Menschen Musik machen, schreiben, improvisieren, wenn sie träumen und zweifeln, diskutieren und streiten, dann entsteht ein Raum, den – dauerhaft – keine Diktatur – vollständig kontrollieren kann. Deshalb ist „Kultur als Medium des Widerstands“ nicht nur eine historische, sondern auch eine aktuelle Botschaft.
Stephanie Jacobs
ist Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums.










