Lichter im Lesesaal

29. November 2021
von Elke Jost-Zell

Welche Erinnerungen werden wir teilen, wenn wir lieben Menschen einmal von der COVID-19-Pandemie erzählen? Wir berichten dann sicherlich in Bildern, ob mit eigenen Augen gesehen oder auf einem Display, von Intensivstationen, Menschen unter Masken und der Angst, aus dem Haus zu gehen. Ein Bild, das vor meinem geistigen Auge auftaucht, ist ein ganz persönliches: das eines dunklen, leeren Lesesaals.

Lernen, schreiben, forschen, träumen im Lesesaal der DNB Frankfurt
Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main
Foto: Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel CC BY SA 3.0

März 2020

Am 16. März 2020 gingen in den Lesesälen meiner Bibliothek die Lichter aus. „Meine“ Bibliothek ist die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt am Main. Die Covid-19-Pandemie hatte die Welt fest im Griff, und auch die Bibliothek blieb nicht verschont von Lockdown, Einschränkung und Schließung. Benutzer*innen und Besucher*innen durften die beiden Häuser nicht betreten. Nur der Dienstbetrieb ging weiter, vom Home Office aus und im Dienstgebäude.

Es war das erste Mal, dass die Bibliothek aus einem so unerfreulichen Grund für die Öffentlichkeit geschlossen war. Betriebsausflüge oder ein Bibliotheksfest, Mitarbeitertreffen und ja, damals, 1997, der Umzug der Bibliothek aus der Zeppelinallee in den lichtdurchfluteten Neubau in der Adickesallee … das waren gute Gründe, an einem Tag zu schließen und sich am nächsten wieder auf die Menschen zu freuen, die unser Haus so lebendig machen.

Im schönen Monat Mai durfte die DNB wieder öffnen, doch im Dezember 2020 zwang uns die Pandemie erneut, die Türen zu schließen. Wieder vermisste ich die Warteschlangen, die sich um kurz vor neun Uhr vor dem Lesesaaleingang versammeln. Benutzer*innen, in deren Händen blaue DNB-Taschen baumeln. Das Geraune und Geflüster unter der Glaskuppel, das an ungeahnten Orten wiederhallt. Leises Lachen über den Staub auf dem lila Stoff der Baselitz-Plastik. Wort- und Blickwechsel, freundlich, witzelnd, flirtend. Die Rotunde blieb still und hallte nur von den eiligen Schritten der Bibliotheksmitarbeiter*innen, die sich Kaffee oder ein Mittagsessen aus dem Restaurant holten, um schnell wieder im Büro zu verschwinden. Der Lesesaal war dunkel und wartete darauf, dass die Welle der Corona-Erkrankungen sank.

März 2021

Als die DNB im März 2021 ihre Pforten vorsichtig wieder öffnete, lief ich durch die Rotunde und erfasste nicht gleich, was an diesem Tag so anders war. Dann sah ich die Lichter im Lesesaal. Bibliotheksbeschäftigte am Eingang, und Benutzer*innen, die über den dichten Teppich liefen, ihre Bücher an der Medienausgabe abholten und sich einen gemütlichen Platz zwischen den Regalen der Handbibliothek suchten. Es raunte und flüsterte und trappelte wieder unter der Glaskuppel, Bibliotheksbenutzer grüßten uns Bibliothekare wie lange vermisste alte Bekannte. Mein Gang wurde leicht. Die Normalität und der Frühling waren zum Greifen nah und versprachen einen freundlichen Sommer.

Nun neigt sich der Herbst einem neuen Winter zu, und das Infektionsgeschehen in Deutschland erreicht traurige Rekorde. Täglich fürchte ich, dass die Bibliothek wieder geschlossen wird und erneut eine dunkle Zeit anbricht. Täglich mahnen wir uns, vorsichtig zu sein und uns und andere nicht zu gefährden. Täglich hoffe ich, dass wir auch diese Pandemiewelle überstehen und dass das Licht im Lesesaal nicht wieder erlischt.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Deutsche Nationalbibliothek, Stephan Jockel

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