Gedenkblatt für Monika Helfer

18. August 2026
von Thomas Kunst

Die österreichische Autorin Monika Helfer (geb. 18. Oktober 1947) ist am 2. August 2026 unerwartet gestorben. Thomas Kunst, Autor und Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek, erinnert an eine außergewöhnliche Frau und Schriftstellerin.

Monika Helfer lernte ich 2021 auf der Veranstaltung zum Deutschen Buchpreis in Frankfurt/Main kennen. Sie war mit ihrem Roman „Vati“ auf der Shortlist. Seitdem sind wir gut befreundet. Ein Jahr später erschien ihr herausragender Romane „Löwenherz“. Dass dieser Roman auf keiner der berühmten Listen auftauchte, ist mir bis heute ein Rätsel. Das passiert zu guter Literatur nahezu immer, nein: immer.

Löwenherz. Löwenherz. Löwenherz. Bruder-Schwester-Geschichte. Überragend. Einer der wichtigsten Romane der letzten 20 Jahre für mich. Basta.

Thomas Kunst und Monika Helfer in Wien 2023, Foto: Harriert Wollert

Ich schimpfe nahezu täglich über den Siegeszug der autofiktionalen Literatur. Nicht jeder hat eine Biographie, die dazu taugt, in Romanen nacherzählt zu werden. Monika brauchte sich um solche Anmaßungen nie zu kümmern. Sie hatte diese verdammte Biographie, die dazu taugte. Sie konnte so feinsinnig und tragisch und melancholisch erzählen, dass ich um ihre literarische und freundschaftliche Hand anhielt.

Ich erinnere mich genau. Wir drei, Monika, Norbert Gstrein und ich, gehörten 2021 bei der Veranstaltung zum Deutschen Buchpreis umstandslos zum Team Österreich. Gegenüber Deutschland empfinde ich schon seit Jahren nicht mehr die geringste literaturgeschichtliche Bindung. Ein Fotograf forderte die sechs Shortlist-Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf, sich auf verschiedenen Treppenstufen zu platzieren, ihre Bücher gut sichtbar, etwa in Bauchhöhe, vor sich haltend. Team Österreich war sofort klar, an dieser derart gestellten, inszenierten Choreographie nicht teilzunehmen. So standen wir also ohne unsere Bücher auf den Stufen und wussten, dass wir uns nie mehr ganz aus den Augen verlieren würden.

Der Besuch bei Monika und Michael in Hohenems im April 2024 gehört für mich zu den glücklichsten Eindrücken meines Lebens. Monika gewährte uns, sie auf ihrer täglichen Runde zu begleiten. Zuerst auf den Friedhof zu Paula. Dann den Berg hinauf. Michael bereitete in der Küche gefüllte Pasta Pralines mit geraspeltem Trüffel vor. Ein wenig Butter hinzu. Wir waren sprachlos. Gespräche. Getränke. Schnäpse, die an den Geruch von Regen auf einer staubigen Landstraße erinnerten. Monikas Urwald im Wohnzimmer, in dem ich schlafen durfte. Die Katze Fraule. Der Garten. Mit Monika und Michael im Garten. Im Garten. Raymond Roussel. Das Bambuswäldchen aus einer Pflanze.

Sie war für mich die nahezu feinste Erscheinung im Literaturzirkus. Ihre Eleganz. Ihre pure Schönheit. Ihr überlebensgroßes Herz. Ihre Stimme. Ihre Augen. Ich wollte, dass sie 2021 den Deutschen Buchpreis gewinnt. Bin so glücklich, dass uns das Glücksspiel Literatur auf der Shortlist zusammengeführt hat. Sie schenkte mir damals eine Anstecknadel mit einem blauen Glitzerköpfchen. Ich verlor sie. Das war ein Weltuntergang. Meine Liebe ihr gegenüber gibt es zur Sicherheit gleich mehrere Male. Eine für gut. Eine für gut. Eine für gut. Du fehlst mir, meine liebe Monika.

Thomas Kunst

Thomas Kunst ist Schriftsteller und langjähriger Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek. Im Deutschen Buch- und Schriftmuseum arbeitet er u. a. an den Nachlässen der Sammlung.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Harriet Wollert

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