My Project-Diary – Stefanie Zweig

6. August 2026
von Jana Weinlich

Über diese Reihe: Ich bin Jana, die Bundesfreiwillige des Jahrgangs 2025/26 der DNB in Frankfurt am Main. Dieses Projekt-Tagebuch folgt der Reihe “Auf tierischen Spuren durch die Deutsche Nationalbibliothek”, meinem Abschlussprojekt (BFD-Projekt). Sie soll einen neuen Zugang zur DNB als Archivbibliothek schaffen und Einblicke aus einer neuen Perspektive gewähren. Alle Videos werden auch auf dem Instagram-Kanal der Deutschen Nationalbibliothek veröffentlicht.

Auch die letzte Station unserer Reise auf tierischen Spuren beginnt im Deutschen Exilarchiv 1933 – 1945 der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Wir stehen vor einem zwar schlichten, aber dennoch sehr besonderen Ausstellungsobjekt in der aktuellen Dauerausstellung „Exil. Erfahrung. Zeugnis“. Bis diese beiden aus Holz geschnitzten Antilopen ihren Platz in der Ausstellung gefunden haben, haben sie einen weiten Weg zurück gelegt. Diesen Weg, der untrennbar mit dem der Schriftstellerin Stefanie Zweig verbunden ist, möchte ich mir in diesem Beitrag einmal genauer anschauen.

Die junge Stefanie Zweig sitzt auf einer Bank und hat mehrere Welpen im Arm. Zeichnung im Comic-Stil
Stefanie Zweig. Foto: DNB/ Jana Weinlich, eigene Zeichnung unter Verwendung einer Fotografie aus dem Splitternachlass von Stefanie Zweig (EB 2016/004) im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek

Unsere Reise beginnt in Leobschütz in Oberschlesien, im heutigen Polen. Hier wird 1932 Stefanie Zweig geboren. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 wird das Leben der jüdische Familie Zweig zunehmend schwieriger. Stefanies Vater, Walter Zweig, verdient den Lebensunterhalt der Familie als Anwalt. 1937 allerdings erteilen ihm die Nationalsozialisten auf Grund seines jüdischen Glaubens ein Berufsverbot. Die Familie verliert ihre Lebensgrundlage und Walter Zweig beschließt das Land zu verlassen.

Im Januar 1938 verlässt er seine Heimat zunächst alleine und geht nach Kenia. Seine Frau und seine Tochter folgen ihm nur wenig später. Wie viele Exilanten kann auch Walter Zweig seinen bisherigen Beruf als Rechtsanwalt im Exil nicht mehr ausüben. Er findet eine Anstellung als Farmverwalter und zieht mit seiner Familie in einen der am dünnsten besiedelten Landstriche Kenias.

Während ihrer Zeit dort lernt die damals fünfjährige Stefanie die Landessprache Suaheli und knüpft eine enge Freundschaft mit Owuor, dem einheimischen Hausangestellten der Familie. Er weckt in ihr die Faszination für die Kultur und Tierwelt Afrikas, die sie ihr restliches Leben im Herzen tragen wird. Da Kenia zu dieser Zeit eine britische Kronkolonie ist, wird Stefanie Zweig auf ein britisches Internat geschickt. Hier muss sie innerhalb kürzester Zeit erneut eine neue Sprache lernen:  Englisch. Je nach Anlass spricht sie jetzt Deutsch, Suaheli oder Englisch. Die Sprachbarriere zwischen Eltern und Tochter wächst. Stefanie denkt und schreibt immer häufiger in Englisch, ihre Eltern beherrschen die Sprache kaum.

Mit dem Ende des Zweite Weltkrieges 1945 möchte Walter Zweig  zurück nach Deutschland kehren. Stefanie unterstützt seinen Wunsch, obwohl Afrika längst zu ihrem Zuhause geworden ist. Die Familie kehrt 1947 in das Deutschland der Nachkriegszeit zurück. Als Erinnerung an ihre Zeit in Afrika und ihre Verbundenheit mit der kenianischen Kultur nimmt Stefanie zwei aus Holz geschnitzte Antilopen mit zurück. Es sind die Antilopen, deren Spuren wir gerade durch diese Geschichte hindurch verfolgen.

Zwei aus dunklem Holz geschnitzte Antilopen.
Die beiden Antilopen, die Stefanie Zweig aus ihrem Exil in Kenia mitgebracht hat, sind heute Teil der Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs, Splitternachlass Stefanie Zweig (EB 2016/004). Foto: Anja Jahn Photography

Obwohl ihr Vater wieder als Jurist arbeiten kann – er wird Richter in Frankfurt – hat die Familie mit Nahrungsmittelknappheit, Zerstörung und Krankheit als Folgen des Krieges zu kämpfen. Auch sonst fällt es Stefanie schwer , sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Kultur, Sprache und Menschen sind ihr  fremd. Außerdem ist die deutsche Nachkriegsgesellschaft nur bedingt bereit, sich mit Stefanies Hintergrund als verfolgte und aus dem Exil zurückgekehrte Jüdin auseinanderzusetzen.

„[…] Meine Mitschülerinnen [sind] sehr höflich zu mir und auch hilfsbereit, für mich jedoch schwer zu durchschauen. Sie fragen mich immerzu über Afrika aus, wie viele Löwen ich gesehen habe […]. Nie fragt mich jemand, wie ich nach Afrika gekommen bin […]“

Stefanie Zweig nach ihrer Rückkehr nach Deutschland

In diesem Zitat von ihr wird deutlich, dass man sich zu diesem Zeitpunkt in Deutschland nicht weiter mit der eigenen Rolle im Nationalsozialismus beschäftigen wollte.

Im Jahr 1953 macht Stefanie Zweig ihr Abitur und beginnt ein Volontariat bei einer jüdischen Wochenzeitung. Damit ist der Grundstein für ihre schreibende Karriere gelegt. Sie beginnt als Journalistin bei der Frankfurter Abendpost und wird vor allem für ihre Kolumne “Meine Welt” bekannt.

Zusätzlich arbeitet sie als freie Schriftstellerin, Lektorin und Übersetzerin. In ihren Kinder-und Jugendbüchern verarbeitet sie ihre eigenen Erlebnisse aus ihrem Exil in Kenia. Als die Zeitung, für die Stefanie lange Jahre gearbeitet hat, in den 1980ern eingestellt wird, widmet sie sich ganz dem Schreiben als freie Autorin. Erstmals verfasst sie auch Erwachsenenliteratur. Auch hier bringt sie ihre eigenen Erfahrungen aus dem Exil in Kenia und die vielschichtige, komplexe Beziehung zwischen ihrer Familie und ihrer Heimat ein. So veröffentlicht sie den autobiografischen Roman “Nirgendwo in Afrika” und den Folgeband “Irgendwo in Deutschland”. Zunächst schildert sie ihre Eindrücke aus dem Exil in Kenia und dann die schwierigen Gefühle bei der Rückkehr nach Deutschland, eine Welt, die ihre Eltern zwar als Heimat bezeichnen, die für Stefanie aber gänzlich fremd ist.

Cover der beiden Bücher "Nirgendwo in Afrika" und "Irgendwo in Deutschland" von Stefanie Zweig. Zeichnung im Comic -Stil
Zwei der bekanntesten Werke von Stefanie Zweig. Foto: DNB/ Jana Weinlich, eigene Zeichnung

Im Jahr 2014 verstirbt Stefanie Zweig in Frankfurt am Main. Aber dank der (tierischen) Spuren, die sie in ihren Veröffentlichungen und auch im Exilarchiv hinterlassen hat, können wir noch immer einen lebendigen und authentischen Eindruck ihrerGeschichte erlangen und zumindest eine Idee davon bekommen, wie ihr Leben ausgesehen haben mag.

So, das war (für’s erste) unsere letzte gemeinsame Spurensuche. Denn dies ist der letzte Beitrag aus meiner Reihe „Auf tierischen Spuren durch die Deutsche Nationalbibliothek“. Ich hoffe, Sie fanden es genauso spannend wie ich und konnten das eine oder andere an Neuem, Skurrilem, oder Wissenswertem mitnehmen. Wenn Sie gerne weiter auf eigene Faust auf die Suche gehen möchten, sind Sie natürlich herzlich dazu eingeladen! Ich habe mir für mein Projekt nur ein paar der tierischen Fährten ausgesucht, auf die ich bei meinen Recherchen gestoßen bin. Aber die DNB kann durchaus  Ausgangspunkt für noch mehr spannende Entdeckungsreisen sein. Also kommen Sie gerne mal vorbei!

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB/ Jana Weinlich eigene Zeichnungen, unter Verwendung von Beständen aus dem Splitternachlass von Stefanie Zweig (EB 2016/004) im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek.

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden erst veröffentlicht, nachdem sie von uns geprüft wurden.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Über uns

Die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek Deutschlands.

Wir sammeln, dokumentieren und archivieren alle Medienwerke, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden.

Ob Bücher, Zeitschriften, CDs, Schallplatten, Karten oder Online-Publikationen – wir sammeln ohne Wertung, im Original und lückenlos.

Mehr auf dnb.de

Schlagwörter

Blog-Newsletter

In regelmäßigen Abständen erhalten Sie von uns ausgewählte Beiträge per E-Mail.

Mit dem Bestellen unseres Blog-Newsletters erkennen Sie unsere Datenschutzerklärung an.

  • ISSN 2751-3238