„…nehmt euch mehr von diesem Leben“

11. Oktober 2022
von Jakob Reuster

Im August 2022 habe ich im Rahmen meines Bibliotheksreferendariats drei Wochen an der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt verbracht. Genauer gesagt im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 (DEA). Ausschlaggebend für diese Wahl war mein Wunsch, die Arbeit eines zeithistorisch orientierten Archivs und einen Teil der DNB kennenzulernen.

Und mein Wunsch ging in Erfüllung: Obwohl drei Wochen nur eine kurze Zeit sind, habe ich wertvolle Einblicke in die verschiedenen Aufgabenbereiche des DEA bekommen können. So lernte ich nicht nur die Geschichte und die Aufgaben des Archivs und der dazugehörigen Anne-Frank-Shoah-Bibliothek kennen, sondern erfuhr auch, wie Bestände in die Sammlung des DEA gelangen und welche (vielen!) Schritte nötig sind, bis sie im Katalog der DNB, der Deutschen Digitalen Bibliothek oder dem Archivportal-D recherchierbar sind. Beeindruckt war ich von der Vielfalt der kulturellen Vermittlungsangebote, die darauf abzielen, die Bestände des Archivs und die Exilthematik an die Öffentlichkeit zu kommunizieren und zu aktualisieren. So konnte ich mich etwa mit dem interaktiven 3-D Zeitzeugnis von Kurt Salomon Maier sowie den digitalen und analogen Vermittlungsangeboten des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt und Leipzig vertraut machen.

Meine zentrale Beschäftigung bestand jedoch in der Ordnung eines Nachlasses.

Nachlass Felix Meyer

Porträt Felix Meyer
© Privataufnahme Familie Meyer

Das Deutsche Exilarchiv sammelt neben Exilpublikationen auch Archive von Exilorganisationen, persönliche Nachlässe von Exilantinnen und Exilanten sowie Archive von Exilforscherinnen und Exilforschern. Unter den persönlichen Nachlässen finden Forschende auch den von Felix Meyer. Der 1875 geborene jüdische Unternehmer und Erfinder aus Aachen ging im Februar 1939 gemeinsam mit seiner Frau ins belgische Exil. Dort erlebte und überlebte er ab Mai 1940 die deutsche Besatzung und die Verfolgung und Deportation der Jüdinnen und Juden. Nach Kriegsende entschied er sich gegen eine Rückkehr nach Deutschland und verstarb 1950 in Brüssel.

Sein Nachlass umfasst sieben Archivschachteln, deren Inhalt sich dem Ordnungsschema der RNAB folgend in Werke, Lebensdokumente, Sammelstücke und Korrespondenzen gliedern lässt. Letztere stellen den zentralen Bestandteil des Nachlasses dar. Sie erstrecken sich über den Zeitraum von 1938 bis 1950 und bestehen vor allem aus privaten Briefwechseln zwischen Felix Meyer und seinen Töchtern Claire Hennig und Margot Weber-Junod und deren Ehemännern John Hennig und Jean-Michel Junod sowie weiteren Familienmitgliedern. Weitere Briefe betreffen seine „arisierte“ Firma, die Deutschen Rotawerke Aachen, und richten sich an Adressaten in Deutschland, England, Frankreich und den USA. Zudem finden sich unter den Korrespondenzen auch Briefe Dritter. Zu seinen Werken zählen einige Gedichte, zu den Lebensdokumenten unter anderem verschiedene Fotografien von ihm, seiner Familie und seinen Vorfahren.

Die Briefe erlauben sehr persönliche Einblicke in das Leben im Exil und unter nationalsozialistischer Herrschaft. Sie zeugen sowohl von Wut und Hilflosigkeit als auch davon, wie Felix Meyer inmitten von Chaos, Verfolgung und Vernichtung Halt im Handeln fand. Unbeirrt versuchte er an seine früheren wirtschaftlichen Erfolge anzuknüpfen und experimentierte mit neuen Erfindungen. Vor allem unterstützte er jedoch mit seinen mitunter riskanten Aktionen Hilfsbedürftige. Aufgrund guter Kontakte zu Angehörigen der deutschen Militärverwaltung, Verhandlungsgeschick und kreativem Pragmatismus trug er dazu bei, Hunderte von Jüdinnen und Juden vor Repressionen und der Deportation zu bewahren. Im Februar 1943 beschreibt er in einem seiner Briefe seine Motivation: „Es ist so viel Unglück um einen herum, dass man es kaum mehr ertragen kann und dass man sich schämt selbst nicht zu den Unglücklichsten zu gehören und noch den Mut zu haben, weiter zu leben und ev. hie und da zu hoffen. Das Leben unter solchen Umständen hat in meinen Augen nur noch eine Berechtigung, wenn man es der Hilfe Unglücklicher weiht“.

Die Strapazen des Exils und der deutschen Besatzung hinterließen tiefe Spuren. So schreibt er am 28. August 1949: „Dass wir armen Auswanderer nicht ungebrochen sind, ist nicht erstaunlich. Was wissen die Anderen von unseren seelischen und geldlichen Nöten! Von Galgen, Bluthunden, Totpeitschungen, etc.“. Auch der Inhalt seiner letzten Lebensjahre, nämlich der Kampf um Rückerstattung seines Eigentums und Vermögens, lässt sich mit Hilfe seines Nachlasses nachvollziehen.

Die heute im Exilarchiv verwahrten Briefe bilden auch die Grundlage der 1998 von Amelis von Mettenheim verfassten Biographie Felix Meyer 1875–1950. Erfinder und Menschenretter. Ein Jude rettet Juden im besetzten Belgien. Auch weitere diesem Buch zugrundeliegende Materialien sind mit dem Nachlass überliefert.

In dem begleitend zur Ordnung des Nachlasses entstandenen Wikipedia-Eintrag zu Felix Meyer finden sich weitere Informationen zu seinem bewegten Leben, das er als säkularisierter Jude allen Widrigkeiten zum Trotz so gut es ging gestalten wollte. Dieser Anspruch drückt sich auch in einem am 6. April 1947 an seine Tochter verfassten Appell aus: „…erwartet nicht so viel vom Jenseits und nehmt euch mehr von diesem Leben“.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Privataufnahme Familie Meyer

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