Bäume am Rio de la Plata: Paul Zech und seine Gedichte

30. April 2022
von Thomas Kunst

Im Niemandsland der Nachlässe, Magazine und Freihandapparate lassen sich einige literarische Fundstücke finden. In diesem Beitrag wird der Schriftsteller Paul Zech (1881–1946) mit seinen Gedichten vorgestellt.

Abbildung einer sitzenden Person, die ein Buch in den Händen hält
Paul Zech: Neue Welt. Verse aus der Emigration, Buenos Aires, 1939; Foto: DNB

„Er läßt Qualm durch sein Herz dringen, ein düsterer Beter.“ (Else Lasker-Schüler)

Jedes Leben wird tausendmal von tausend Leben gelebt

Das Einzige, wovon mit scheinbarer Sicherheit ausgegangen werden kann, ist wohl sein Geburtsdatum. Paul Robert Zech wurde am 19. Februar 1881 im westpreußischen Briesen geboren. Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und  Zweiter Weltkrieg waren die historischen Stationen entlang seines Lebensweges.

In seinem Text Selbstbildnisse finden sich folgende Sätze: „Jedes Leben wird tausendmal von tausend Leben gelebt. Manchmal in Terzinen. Manchmal mit Fäusten. Manchmal auf Waldbäumen. Manchmal im Bordell. Und wenn Du vor den Kesselfeuern brennst, ist es noch Gnade … / Was darüber ist, ist Legende. Ich zerstöre sie.“ (1919)

Immer mehr und mehr fühle ich, daß mir mein Talent zum Fluch wird.

Seine Kindheit war geprägt von der Natur und Landwirtschaft Westpreußens. In seiner Jugend traten die Bilder der Schwerindustrie in der rheinisch-westfälischen Wirtschaftsregion als Kontrast hinzu. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen empfindsam beobachteter Natur mit all ihrem Hang zu heimatlicher Wehmut und Zugehörigkeit und den sozialen Begebenheiten einer Welt der Industrie, waren seine Gedichte angesiedelt.

Die Sinnlosigkeit, sich zum Herrscher über die Natur und ihrer Lebensräume aufzuschwingen, endete für die Menschen immer gleich. Es gibt nur wenige Gedichte von Paul Zech, in denen die Natur nur als seelische Schraffur daherkommt ohne ihr Bedrohungspotential zu offenbaren. In dem am 10. Februar 1909 im Elberfelder General-Anzeiger veröffentlichten Gedicht Hochwasser sind solche Zeilen zu finden, welche die Verachtung Zechs gegenüber seiner lebensfeindlichen Umgebung zum Ausdruck bringen:

Es kam ein schwarzes Heer von West gezogen.
Die Sturmtrompete schrie: Gebt Raum! Gebt Raum!
Da schmolzen Schnee und Wintereis zu Schaum.
Und talwärts wälzten sich die Wasserwogen.
Der Damm zerbarst. Die Brückenpfeiler krachten
Und übertönten Schreck- und Todesschrei.
In wenigen Minuten brach entzwei,
Was Menschengeistlein einst so kühn erdachten.
(…)
Ein Häuschen duckt sich tief am Berggelände,
Durchs hohle Fenster sprudelt´s aus und ein;
Und im blaßvioletten Abendschein
Recken die Bäume sich wie Bettlerhände.
(…)

In einem Brief an die Elberfelder Studienrätin Emmy Schattke, die zu seiner Vertrauten und Geliebten wird, schrieb Zech am 24.05.1910: „Immer mehr und mehr fühle ich, daß mir mein Talent zum Fluch wird. Es kann niemand von mir verlangen, daß ich mit Personen, die meine Begabung mit Füßen treten, und noch mehr – freundschaftlich verbunden bin.“

Abbildung dreier aufgeschlagener Bücher
Drei Publikationen von Paul Zech, z.T. unter Synonym zwischen 1916 und 1939 veröffentlicht; Foto: DNB

Paul Zech ging 1912 nach Berlin, publizierte dort seine Gedichte in Herwarth Waldens Sturm. Else Lasker-Schüler, seit 1894 Wahlberlinerin und zweite Ehefrau von Walden hatte Zech zu diesem Schritt ermuntert. Zu seinen Freunden zählten alsbald Walter Hasenclever, Franz Werfel, Oskar Loerke und Kurt Pinthus, der Zech mit zwölf Gedichten in seine 1919 erschienene expressionistische Anthologie Menschheitsdämmerung aufnahm. 1918 erhielt er für seine Lyrik den Kleist-Preis.

Die Namenlosen
Was uns auch immer so von diesem Leben bleibt,
Ist nur ein Lampenabend, blätternd in Papieren,
Ein kurzverliebtes: sich im Arm der Frau Verlieren
Und eine runde Frucht, die schmale Reiser treibt.
Vielleicht ein heller Sonntag noch, fernab im Grün
Mit den sehr viel Geliebten tröstlich hingelagert
Und dann zu sehen, wie man dem Verfall entgegenmagert,
Indes die Söhne  reifen und die Töchter blühn.
Und fühlend, daß, was uns an diese Welt je schnürte,
Weit weniger ist, als wie das Wurzeln eines Baumes,
Entschlagen wir uns angestrengt des wachen Traumes,
Und schnüren immer heftiger den Selbstbetrug
Und werden alt und arm und schließlich nicht mehr klug
Aus dem, was unsre Ahnen fortzugehn verführte.

1912/1913

Nachtwächter. Schuhputzer. Klavierspieler

Es ist erstaunlich, mit welcher Artenvielfalt von Tätigkeitsbeschreibungen wir als Leser von Zechs wahrscheinlichem Leben konfrontiert werden. Bergarbeiter. Hausierer. Sozialdemokrat. Die nie stattgefundenen Reisen. Das Betteln. Das Jammern. Der zu Unrecht geführte Doktortitel. Die Arbeit als wissenschaftlicher Hilfsbibliothekar. Die Selbstrezensionen seiner eigenen Werke unter Pseudonym. Das offensichtliche Plagiieren einiger Schriftstellerkollegen. Die geklauten und verkauften Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek. Hatte sich Zech in dieser Zeit nicht alles selbstverschuldet zunichte gemacht? Alles?

Als Hitler 1933 die Macht übernahm, waren Paul Zech und sein bis dahin geschriebenes Werk fast weitgehend vergessen. Seine Bücher wurden nicht verbrannt. Sein Antrag auf Mitgliedschaft beim Reichsverband Deutscher Schriftsteller wurde abgelehnt. Dies unter anderem wegen der unbefugten Führung eines Doktortitels und seiner üblen Plagiatsaffären, die seinerzeit bereits zum Ausschluss aus dem Verband deutscher Schriftsteller geführt hatten.

Von den Nationalsozialisten als politisch harmlos eingestuft zu werden, musste Zech in der abenteuerlichen Mythenbildung seiner Biographie wohl ein wenig schmerzhaft vorgekommen sein. Im November 1933 gelangt er als einer der ersten deutschen Emigranten nach Argentinien, wo er 1946 in Buenos Aires stirbt.

Übersetzer. Gewerkschafter. Sozialist.

Selbstgespräch einer einsamen Pappel
Wenn die Blumentöpfe auf den Fensterbrettern sterben,
wird der Himmel niederträchtig grau
und die schwarzen Straßendämme gehn in Scherben
und ein Herr Gemahl schiebt sich zu seiner Nebenfrau.
Auf der krummen Nebelbrücke horchen Lichter
in die Stadt hinunter, wo ein Riesenwal
satt zerplatzt und sein Gekröse immer dichter
sich hineindrängt in das Bummslokal.
Zu dem Takt der Eulen husten schrill die Fledermäuse
und die Larven schminken sich auf Kinderleib.
Manche Kinder haben wirklich nur noch Läuse
und der Tod bewohnt das Brot nicht bloß zum Zeitvertreib.
Aus den Wolken schiebt sich jetzt die runzlige Zitrone,
(astronomisch auch der Mond genannt.)
Und ich alte Wurzeljungfer wohne
mit den Wasserratten Wand an Wand.

1927

Paul Zechs heute noch immer gelesenen, überaus freien Übersetzungen:  Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon haben ihn postum zum Erfolgsautor gemacht. „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund / ich schrie mir schon die Lungen wund …“ Diese Verse befinden sich zwar in Zechs Nachdichtungen der Gedichte Villons, aber bei Villon selbst ist kein Gedicht mit diesen Zeilen zu finden.

Wie hätte er wohl ohne die sensationelle Arbeit von K. L. Ammer und dessen Übertragungen von Rimbauds und Villons Gedichten ins Deutsche überhaupt die Traute gehabt, sich auf dieses Gebiet vorzuwagen. Karl Anton Klammers große Verdienste mit seinen Übersetzungen und deren Wirkung auf die deutschen Dichter des Expressionismus sind in jedem Falle von immenser Bedeutung für diese literarische Epoche.

Aber diesen Dichter nur mit diesen Übersetzungen in Zusammenhang zu bringen, wäre ein Verhängnis. Denn er er zählte mit seinen in der expressionistischen Phase geschriebenen Gedichten zu den wahrhaft großen Dichtern seiner Zeit. Sein Gedichtband Berlin im Licht. Gedichte linker Hand von Timm Borah. Geschrieben für einen Herrn Smith, erschienen 1932 als ein Druck der Schwarzen Hefte in Berlin. Es demonstriert eindeutig, mit welch einer hohen Meisterschaft es Paul Zech vermochte, die Armseligkeit und Verhunztheit der Großstadt im feinsten Gitter exzellenter Reime auf modernste Weise aufzubewahren, ohne dabei das Bühnenbild der Natur aus dem Auge zu verlieren.

In vielen Gedichten gibt es eine Gleichsetzung zwischen Stadt und Wäldervertrautheit, zwischen der Natur und der Jagd nach dem schönen Wild.

Abbildung einer Buchseite mit einem Gedicht "Tauentzienstraße"
Paul Zech: Tauentzienstraße, 1923; Foto: DNB

Ist nicht Kunst nur eine recht muffige Frucht vom Balkonbäumchen bürgerlich romantischer Realität?

Beim Anblick solcher Zeilen muß ich unweigerlich an Künstler wie George Grosz und Max Hermann-Neiße denken, aber auch an den Begriff der Neuen Sachlichkeit. In der NS-Ausstellung Entartete Kunst findet sich 1937 auch das von seinem Freund George Grosz gemalte Portrait von Max Hermann-Neiße. An der Wand neben dem Porträt ist dieses entstellte Zitat des Dichters zu lesen: „Ist nicht Kunst nur eine recht muffige Frucht vom Balkonbäumchen bürgerlich romantischer Realität?“

Das fragwürdige Glück, von Künstlern wie Grosz oder Dix porträtiert zu werden, um der Nachwelt wenigstens auf diese Weise erhalten zu bleiben, diese kleine, wenn auch resignative Erinnerungsfixierung ging an Zech vorbei. 1933 floh Neiße zunächst in die Schweiz, dann über die Niederlande und Frankreich ins Exil nach England. Die Heimat nie wiederzusehen, dieses Schicksal teilte Neiße mit Zech. In einem Brief schreibt Max Hermann Neiße an George Grosz: „Nicht als ob ich mir einbilde, je wieder nach Deutschland zurückzukehren und mich in die alte Fettlebe setzen zu können. Nee das will ich 1) gar nicht mehr … und 2) glaube ich nicht, daß es jemals wieder so wie früher wird, sondern höchstens eine andre Scheiße dort die jetzt herrschende ablöst.“

Gedichttitel

Potsdamer Platz. Fünfuhr-Tee im Adlon. Herbstlicher Grunewald. Fußball-Spiel. Dichterakademie. Rummelplatz. Barmädchen im Atlantic-Hotel. Landesüblicher Lebenslauf. Spaziergang der Irren. Kronprinzen-Palais. Boxkampf. Scala. Frauengefängnis. Neubau. Droschkenpferde.

Schon allein an diesen Gedichttiteln lässt sich gut ablesen, dass es Zech nicht im Geringsten darauf ankommt, als intellektueller, feinsinniger Atmosphärenverschwender zu gelten. Seine Texte gehören der Straße mit ihren oft unheilvollen Nebenwirkungen.

Es wird in ihnen gestorben, geblutet und gelacht. Wenn sich die Begriffe nicht ausschließen würden, bevorzugte ich sie dennoch, um dem näherzukommen, was mir an Zechs Gedichten so überaus imponiert: ich halte seine Gedichte für magisch-nüchtern, magisch-vital:

Leichen-Schauhaus
vermodert tropfen Eiskristalle von der Wand, / die grau wie Haut aus den glasierten Kacheln stiert. / Es weint ein Mensch hier seinen eingefrorenen Verstand / aus Höhlen ausgefranst, mit Jod verschmiert. /
(…)
Sie warten namenlos in ihrer dunklen Haft / auf das Geschrei, / das sie an solcher Maske stößt./ Und gehn erst auf die lange Wanderschaft, / wenn sich der Frost von der Verwesung löst./  

(1927)

Droschenpferde
Diese Gattung ist schon lange tot.
Was du öfter an den Ecken halten siehst,
sind nur Schatten um ein Häuflein Kot
und ein Hut, der stur die Zeitung liest.
Abends aber glüht Verwesung, phosphor-weiß
aus den Schädeln, beinern ohne Haar.
Und die Beine hüpfen so im Kreis
mit den Wölfen um die Steppe Gasduschar.
Hörst du, wie es aus den Nüstern grollt
und am nackten Schenkel sich die Muskeln staun?
Morgenhimmel glühen rot und gold
und das Meer trieft von den Fellen bernsteinbraun.
Wenn du nicht gottgläubig bist und Kind,
wirst du abgestoßen von dem Nachtgeschehn,
siehst nur Pferde wie sie erdhaft sind
und verdrossen vor den Droschken gehn.

(1921)

(Die Steppe Gasduschar in diesem Gedicht ist übersetzungslos, haargenau und vereint auf beinahe harmonisch klingende, ablenkende Weise die Wörter Dusche und Gas.)

Ich kann diesen Gedichtband von Paul Zech: Berlin im Licht. Gedichte linker Hand von Timm Borah einfach nicht genug anpreisen. Musikalische Schönheit. Sachliche Bitterkeit. Wildnis der Großstadt. Läuse und Liebe. Erschienen beim 1926 vom bedeutenden Berliner Verleger Victor Otto Stomps gegründeten Verlag Die Rabenpresse.

Abbildung einer Buchseite mit einem Gedicht "Paddelbooot"
Paul Zech: Paddelboot. 1924; Foto: DNB

Sinnlosigkeit des Krieges

Paul Zech erlitt im Sommer 1916 an der Westfront Verletzungen und erhielt das Eiserne Kreuz. Im gleichen Jahr „schrieb“ er einen Brief des belgischen Dichters Émile Verhaeren an sich selbst, dessen deutsche Übersetzung  am 09. Dezember 1916 in der Vossischen Zeitung veröffentlicht wurde.

Verhaeren, der nicht nur als gefeierter Dichter, sondern auch aus antideutschen Propagandazeitschriften bekannt war, in denen er sich in zahlreichen Reden und Artikeln gegen die deutsche Besetzung Belgiens aufgelehnt hatte, wurde in diesem Brief von Zech wieder zum pazifistischen Aufklärer gegen den Kriegswahnsinn beschworen. Nachdem diese Fälschung bekannt wurde, gab es sogar eine deutsch-belgische Kontroverse, an der Politiker und auch die Presse beteiligt waren. 

Abbildung eines maschinengeschriebenen Buchtitels
Paul Zech: Vor Cressy an der Marne. Balladen und auch Nachtchoräle eines armen Feldsoldaten namens Michel Michael, 1916; Foto: DNB

Als die Vossische Zeitung von Zech die Herausgabe des Originalbriefs verlangte, war es ihm schier unmöglich, diesem Ansinnen nachzukommen. Die in den Kriegsjahren 1914–1916 geschriebenen Gedichte unter dem Titel Vor Cressy an der Marne. Balladen und auch Nachtchoräle eines armen Feldsoldaten namens Michel Michael, deren erste Auflage 1916 in hundert Exemplaren gedruckt und beschlagnahmt wurde, zeigt sich Zech als der Dichter, der die Sinnlosigkeit jeglicher Kriegsgefechte und deren wahnsinnige Absurdität schonungslos in Worte fassen kann. In einer neuen Auflage wurden 75 Exemplare 1917 in Schreibmaschinenschrift hergestellt.

In den Gedichten Wir haben unser Herz verraten und Die Ballade von den Mauleseln zeigt uns Zech in verstörender Sachlichkeit und teilnahmsloser Hingabe das Ende der Welt auf:

(…)
Jetzt sind die Wälder schwarz geworden

und schwarz sind unsere Zähne auch.
Ein böser Wind von Norden
frißt uns das letzte Fett vom Bauch.
Durch unser Wurzelloch spazieren
Gewürm und Ratten quietschvergnügt;
Wir haben den Geschwistertieren
noch nie was Böses zugefügt.
Doch draußen in den Drähten
die Totenschädel beinernweiß:
als wir sie niedermähten
mit dem Gewehr um einen Scheiß,
Da spukte noch durch unsere Köpfe
barbarisch der Soldatenruhm
und trieb die armen Tröpfe
hinein, für Gott und Christentum,
in das Gewürge der Granaten,
in das Gemetzel Brust an Brust.
Wir haben unser Herz verraten,
nichts mehr von Menschlichkeit gewußt.
(…)

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die zugleich seine erfolgreichste sowohl als Erzähler als auch als Lyriker war, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Leiter eines der SPD nahestehenden „Werbedienstes für die Sozialistische Republik“. Er konnte ein Häuschen in der Nähe von Berlin erwerben und bezog es 1919 mit seiner Familie. Das Glück hielt nur kurz. Auslaufende Stelle. Psychische Probleme. Monate in einer psychiatrischen Klinik.

Doppelleben mit zweiter Frau. Wenig Geld. Keinerlei Erfolg mit der Literatur.

Ab 1925 dann eine feste Stelle als Hilfsbibliothekar in der Stadtbibliothek Berlin. Die Zeit der Plagiate. Der Ausschluss aus dem Schriftstellerverband. Der Bücherdiebstahl, der wohl an die 2500 Bücher betraf und zwangsläufig zu einer Vorladung zur Polizei  hätte führen müssen. Im März 1933 erfolgte die Entlassung aus der Bibliothek, aufgrund seiner Nähe zur SPD. Daran schloss sich eine kurzzeitige Verhaftung  Zechs und die Durchsuchung seines Hauses an. Als Zech Ende 1933 im argentinischen Exil anlangte, gab er sich in der deutschen Kolonie, unter Antifaschisten und Juden, als verfolgter Linksintellektueller aus.

Hier bewilligte die American Guild Paul Zech auf Vermittlung von Max Hermann-Neiße ein Stipendium von 40 US-Dollar für die Dauer von drei Monaten, das Zech dann auf  zwei Jahre verlängern konnte. Sehnsucht und Heimatlosigkeit. Abgekupferte Mythen über Indianer. Letzte, vorletzte Gedichte. Neue Welt. Verse der Emigration. Buenos Aires: Quadriga Verlag, 1939.

Paul Zech schrieb in einem Brief an Max Hermann-Neiße am 21.3.1940: „Hier in Buenos Aires leben etwa 40.000 deutschjüdische Flüchtlinge … aber verkauft ist das Buch bis jetzt in elf Exemplaren bei den beiden antifaschistischen Buchhandlungen.

Die Gedichte in diesem Buch sind schlichtweg meisterhaft zu nennen. Ich bin partout nicht der Auffassung, daß der Höhepunkt von Zechs literarischer Karriere nur auf die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg beschränkt gewesen sein soll:

Abbildung einer Buchseite mit einem Gedicht
Paul Zech: Wir müssen noch Meilen weiter, vor 1939; Foto: DNB

Das Symbol des Baumes finden wir in Zechs späten Gedichten am häufigsten. In zahlreichen Mythen der Völker wird vom Weltenbaum erzählt, der als Weltachse, im Zentrum der Welt, Himmel, Erde und Unterwelt verbindet. Könnte es nicht sein, dass Paul Zech mit diesem ständig wiederbelebten Ur-Material in seinen Gedichten versucht, seine eigene Verwurzelung aus Wehmut und Fernweh zu lösen und die Unverrückbarkeit seines neuen Kontinents vergessen zu machen?

Landschaften und Dinge des Chimú Lapacho
Die Riesenbäume, voller Scharlach-Schaum,
als gäbe es nicht eine Spur von Grün in ihnen,
nur dieses dunkle Rot, mit einem Saum
aus Marmor und dem Atem honigtrunkner Bienen.
So fremd sie uns im ersten Anschaun auch erschienen,
sie gehen jetzt milder mit uns um, als je ein Baum
in diesem fremden Land. In ihren Mienen
sind wir zuhause wie in einem Traum.
Die Luft ist Lächeln und die Düfte sprechen
Unsägliches gelassen aus, als wäre es hier Brauch,
nichts zu verbergen vor der Ichsucht und dem Neid
der Nachbarbäume, die ihr Blühen unterbrechen,
so lange dieser Feuerherd sie nicht befreit
von der Erschütterung. Und uns nicht minder auch.

Bäume am Rio de la Plata. Transmare Verlag. Buenos Aires, 1935.

Jacaranda. Ceibo. Uralte Magnolie. Ombú. Eukalyptus. Palo borracho. Ohrenbaum. Pfefferbaum. Pindó-Palme. Yerba-Baum. Tulpenbaum. Muermo. Orangen im Schnee. Geschwisterbaum.

Ein Buch nur über Bäume. Über die verflixte Schönheit, Verlassenheit und unvorstellbare Lebensgemächlichkeit der Bäume. Majestätisches Geblühe. Housewarming wilder, so gänzlich sich selbst überdauernder Zufluchtsorte. Die Belastbarkeit einzelner Stimmen in der Ferne. Schweigeabkehr in Arche-Noah-Regionen. Testamente an der Baumgrenze. Die hellwachen Stationen der Mit-Reisenden. An Einschlafen nicht zu denken.

NICHT schweigen! Nein, lass deine Stimme
aufwachsen zu dem hohen Baum,
auf dass er immer oben schwimme
mit einem laubgewaltigen Raum,
und was ihm zufliegt, in ihm hausen
und sich vertausendfachen soll
zu einem orgelhaften Brausen,
zu Hagel, Blitz und Donnergroll.
Nichts könnte mehr die Not verschlimmern
und in den Wahnsinn übergehn,
als dass wir eingeschlossen in den Zimmern
erschüttert vor gewesenen Bildern stehn.
Wen schläfert, dem wird auch kein Kissen
Gerückt, es drückt ihn harter Stein;
es bleiben auch im Schlaf weit aufgerissen
Gesicht und Ohr und wollen Wächter sein.

In den Indianischen Legenden verbindet Zech Naturgesang mit Heimatverlust. Bis zuletzt konnte er, immer in armseligen Verhältnissen lebend, in Südamerika nie richtig Fuß fassen:

Der Regen war bestimmt der erste Anlass in der Welt, den Schutz der Bäume zu suchen, der gemischten, durchlässigen Bäume. Die übertrieben gefüllten Stämme waren zwar keine richtigen Zimmer zum Reingehen, aber dieses erste, heftige Umklammern der Rinde war schon mit einer Sehnsucht verbunden, mit der Sehnsucht, dieses Umklammern könnte bei genügend Kraft und Verzweiflung, bei Regen, bei genügend herzzerreißenden Tieren in der Nähe, vergifteten, heranzuckenden Reptilien, dieses Umklammern könnte sogar die Baumkerne, im Innern, aus ihrem Fruchtgehäuse in die Höhe quetschen, bis ein Hohlraum entstanden ist, so hoch, von außen, dass schlanke Tiere, noch im Kauern, darin beten könnten. Die Bäume, der Regen, das Finale der Bäume, die Wälder, bewohnbare Stämme, die Städte, wenn das nicht Heimat sein soll, wer sonst.

Wir denken an Brechts Gedicht An die Nachgeborenen, das etwa zur gleichen Zeit wie diese Naturbeschwörungen Zechs zwischen 1934–1938 im dänischen Svendborg entstanden ist. Die berühmtesten Zeilen daraus lesen sich auch heute noch immer unverändert so:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Exilliteratur gegen Exilliteratur. Brechts Gedicht wurde erstmals im Juni 1939 in Die neue Weltbühne in Paris veröffentlicht.

Ginge nach Zechs Tod 1946 nicht gar ein leichtes argentinischen Wehen zu Paul Celan und dem folgenden zwischen 1967 und 1970 entstandenen Gedicht aus seinem zuletzt erschienenen Gedichtband Schneepart (Suhrkamp, 1. Auflage, 1971) hin, den Celan zwar noch zum Druck vorbereiten, aber selber nicht mehr Korrektur lesen konnte?

Ein Blatt, baumlos
für Bertolt Brecht:


Was sind das für Zeiten,
wo ein Gespräch
beinah ein Verbrechen ist,
weil es soviel Gesagtes
mit einschließt?

Aber ähnlich wie Brecht meistert auch Zech seine dichterischen Vorhaben, diese Naturwesen in einen politischen Kontext zu stellen, auf seine ihm gänzlich eigene Art. Dieser Dichter erkundet in empfindsamster Aneignungstechnik durch Sprache die sehnsüchtige Ausgeliefertheit an einen fremden Kontinent. Flamingos. Lava. Papageienschreie.

DAS Meer bleibt im Gefühl noch wochenlange,
bleibt in den Nächten noch bestehn,
wenn Strassen längst schon aus dem Ueberschwange
der Lärmgewalten in Gewohnheit übergehn.
Das Meer bleibt stehn, die Stadt ist ihm verfallen
und atmet Schiffe ein und aus.
Auf Sandlagunen wuchern grau Korallen
und bleiben auch hier aufgetürmt nur Haus,
wie überall ein Hafen Häuserwände hat
und Türen weit hinein in alle Lande,
im bunten Wirbel einer Riesenstadt.
Das Meer umspült Hantierung, aufgeregtes Wort,
nichts scheint Gesicht. Die Stadt hat nur am Rande
Bestand und schwemmt die Urwaldwurzeln fort.

Alles umsonst. Die letzten Gedichte der beiden argentinischen Sammlungen klingen allesamt wie Abschiede aus seinem leidenschaftslosen, aber immer wieder vergeblich der Heimat zugewandten, südamerikanischen Exil.

Uralter Baum
Ich, uralter Baum,
kann Dir nur Ausruhn sein,
ruhe, mein Knabe.
Im Traum
fallen dir alle Gestirne ein,
die ich verloren habe.
Wenn sie im Laub
Silbern gerinnen,
lass mir den Staub
und die verwunschenen Spinnen.
Bald bist Du, im Raum
über den Dingen,
der Baum,
den die Gestirne besingen …
(…)

Literatur

Zech, Paul: Vor Cressy an der Marne. Balladen und auch Nachtchoräle eines armen Feldsoldaten, 1916 im Katalog
Zech, Paul: Berlin im Licht oder Gedichte linker Hand, Verlag Die Rabenpresse, Berlin, 1932 im Katalog
Zech, Paul: Bäume am Rio de la Plata, Quadriga-Verlag, Buenos Aires, 1935 im Katalog
Zech, Paul: Neue Welt. Verse der Emigration, Quadriga-Verlag, Buenos Aires, 1939 im Katalog

Thomas Kunst

Thomas Kunst ist Schriftsteller und langjähriger Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek. Im Deutschen Buch- und Schriftmuseum arbeitet er u. a. an den Nachlässen der Sammlung.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:DNB / Christine Hartmann

5 Kommentare zu „Bäume am Rio de la Plata: Paul Zech und seine Gedichte“

  1. Dr. Alfred Hübner sagt:

    Sehr geehrter Herr Kunst,
    sorry, die in meinem ersten Kommentar enthaltenen Vorwürfe nehme ich mit großem Bedauern zurück. Dies umso mehr, als ich Ihren Artikel schon kurz nach seinem Erscheinen mit Freude gelesen, leider aber nicht – wie hundert andere, weniger kompetente, archiviert und für mein Buch genutzt habe.
    Gerne würde ich Ihnen als Entschuldigung ein Exemplar der zweisprachigen Ausgabe von „Bäume am Rio de la Plata“ („Arboles junto al Rio de la Plata“) zusenden, die ich – mit Nachwort – im nämlichen Jahr 2014 im argentinischen Rosario herausgebracht habe.
    Freundlichen Gruß
    Alfred Hübner

    1. thomas kunst sagt:

      Sehr geehrter Herr Dr. Hübner, zuerst war ich etwas erschrocken, das gab sich aber sehr schnell, da ich mir keiner Schuld bewusst war. Ihre Zech-Biographie habe ich mir sofort bestellt und freue mich sehr auf die Lektüre! Mit freundlichen Grüßen: Thomas Kunst

  2. Dr. Alfred Hübner sagt:

    Sehr geehrter Herr Kunst,
    wäre es nicht wissenschaftlich redlich gewesen, unter Ihren Literaturangaben das Werk zu erwähnen, dem mindestens 80 Prozent der Angaben des Wiki-Artikels über Zech Zech entstammen?
    Eine genauere Lektüre dieses Buches hätte Sie auch davor bewahrt, zu behaupten, Emmy Schattke sei Zechs Geliebte gewesen. Und die Montanindustrie hat der Autor nicht als Jugendlicher in der rheinisch-westfälischen Wirtschaftsregion kennen gelernt, sondern als Kind in Müncheberg, 60 Kilometer östlich von Berlin.
    Freundlichen Gruß
    Alfred Hübner

    1. thomas kunst sagt:

      Sehr geehrter Herr Dr. Hübner, Ihre 2021 erschienene Zech-Biographie habe ich bislang noch nicht gelesen. Mein Zech-Artikel erschien als Erstveröffentlichung in DIE HOREN: „Vom leisen Fieber des Schatzgräbers-Wiederentdeckungen“ im Jahre 2014. Mit freundlichen Grüßen Thomas Kunst

  3. Michael Fernau sagt:

    Danke, lieber Herr Kunst, für diese Form der Erschließung, der Aufschließung literarischer Nachlässe!
    Ein großer Gewinn ist es bestimmt nicht nur für mich, Lyriker wie Paul Zech aus dessen Nachlass zu „entdecken“ und zugleich eine sinnvolle Einordnung angeboten zu bekommen.
    Herzliche Grüße

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