Kann ich das bitte schriftlich haben?
Der Schriftsteller Gideon Böss war zu Besuch im Deutschen Buch- und Schriftmuseum und hat sich näher in der Dauerausstellung „Zeichen – Bücher – Netze. 5.000 Jahre Mediengeschichte“ umgesehen. Davon inspiriert entstand ein ganzes Kapitel in seinem Buch „Vom Urknall bis zum E-Auto – Ein Museumsführer durch (fast) 14 Milliarden Jahre“. Der folgende Gastbeitrag ist ein Auszug aus der Publikation.
Kapitel 7. Kann ich das bitte schriftlich haben?
Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig wurde 1884 gegründet, was es zum ältesten Museum seiner Art macht. Seitdem hat es mehrere Namensänderungen sowie eine kleine Reise durch die Stadt hinter sich. Während es als Deutsches Buchgewerbe-Museum begann und mittlerweile das Deutsche Buch- und Schriftmuseum ist, hat es nicht weniger als vier Umzüge mitgemacht. Heute ist es Teil des atomaren Kerns der deutschen Kultur, da es zur Deutschen Nationalbibliothek gehört. Während man die Bibliothek nur mit Besucherausweis betreten kann, ist der Eintritt ins Museum kostenlos.
Seit die Menschen vor etwa 5.000 Jahren die Schrift erfunden haben, haben sie nicht mehr mit dem Schreiben aufgehört. Was wohl am eindrucksvollsten zeigt, wie wichtig diese Kulturtechnik ist. Der Vorteil einer Schriftkultur im Vergleich zu schriftlosen besteht in der leichteren Sammlung und Bewahrung von Wissen, da es nicht mehr mündlich weitergegeben werden muss, sondern über Generationen hinweg vererbt werden kann. Bei einer rein mündlichen Weitergabe reicht schon der zu frühe Tod eines Wissensträgers, um die Kette für immer zu zerreißen.

Wie hat sich die Schrift aber entwickelt? Im Grunde gibt es zwei Ansätze, die sich durchgesetzt haben. Bildschriften ist die eine, zu der etwa die assyrische Keilschrift und die ägyptischen Hieroglyphen gehören. Zwar sind beide mittlerweile, nachdem sie über Jahrtausende hinweg genutzt wurden, ausgestorben, was aber nicht für die Bildschrift an sich gilt. Im Gegenteil. Die längste durchgehend im Gebrauch befindliche Schrift, die chinesische, wird schon seit über 3.000 Jahren verwendet. Für den Alltag sind dabei 3.000 bis 5.000 Zeichen ausreichend, wer jedoch Freude und erstaunliches Talent am Vokabellernen hat, kann auch das vollständige Schriftsystem auswendig lernen. Alle 85.000 Zeichen. In der westlichen Welt hat sich aber der andere Ansatz durchgesetzt, der auf einem genial simplen System beruht: dem Alphabet! Die Besonderheit besteht darin, dass die Buchstaben für sich keine Bildbedeutung haben, wie in den Bildschriften. Stattdessen ergibt sich ihr Sinn erst aufgrund ihrer Zusammensetzung. Das macht sie wandelbar und sorgt für eine praktisch unerschöpfliche Zahl an möglichen Worten.

Der Buchdruck sorgte schließlich für mehr Bildung, aber auch für mehr Hass und Propaganda in der Gesellschaft. Er wurde im schon schwelenden Konflikt zwischen der katholischen Kirche und der protestantischen Reformation auch sofort von beiden Seiten eingesetzt. Zugleich aber hatte der Buchdruck eine wahre Wissensexplosion zur Folge, die sich im 15. Jahrhundert nicht mehr aufhalten ließ. 1543 wurde das erste moderne Anatomiebuch veröffentlicht, 1557 das erste wissenschaftliche Werk zur Zoologie und noch vor Ende des Jahrhunderts fühlte sich der Erste dazu auserwählt, eine „wissenschaftliche Weltbeschreibung“ vorzulegen. Unaufhaltsam nahm die Zahl der Veröffentlichungen zu – aber weiterhin fast nur in Latein und selten in der Landessprache. 1682 folgte die Erste wissenschaftliche Zeitung Deutschlands, bevor das 18. Jahrhundert die Lexika für sich entdeckte. Verlage übertrafen sich darin, vielbändige Nachschlagwerke auf den Markt zu bringen.

Ein besonders eifriger Verfasser lexikalischer Texte war der Berliner Naturwissenschaftler und Arzt Johann Georg Krünitz. Er brachte von seiner Oeconomischen Encyclopädie beachtliche 71 Bände heraus, bevor er 1796 während der Arbeit an Band 72 tot über dem Schreibtisch zusammenbrach. Erstaunlicherweise, als er gerade den Beitrag zum Thema Leiche schrieb. Ob diese Anekdote nun so stimmt oder nur für den amüsant-makabren Effekt verbreitet wurde, weiß niemand, ist aber eine gute Gelegenheit, um auf das Thema Buchwerbung einzugehen. Die gab es nämlich damals schon. So zeigt das Museum eine illustrierte Anzeige aus dem späten 15. Jahrhundert und aus dem 16. Jahrhundert unter anderem Leseproben für die neugierige Kundschaft. In diese erwachende Welt des Buchmarketings hätte jedenfalls wunderbar eine Anekdote gepasst, laut der ein Autor ausgerechnet beim Verfassen eines Artikels zum Thema Leiche zu eben dieser wurde.
Damit geht der Rundgang, es ist tatsächlich ein einziger weiträumiger Ausstellungssaal im Erdgeschoss, zu Ende, der mich von den ersten Schreibversuchen der Menschheit bis ins 21. Jahrhundert führte. Erst durch die Schrift wurde es möglich, dass der Mensch große Reiche gründete, die zu Hochkulturen aufsteigen konnten. Andernfalls hätte er die dafür nötige Verwaltung nicht aufbauen können, die sich um das Dokumentieren der Ernten, der Steuern und der Einwohnerzahl kümmerte. Eines der bekanntesten Beispiele dafür möchte ich genauer kennenlernen. Das alte Ägypten. Dafür reise ich nicht mit dem Schiff nach Ägypten, sondern mit dem Zug zum Neuen Museum in Berlin.
Informationen zur Publikation
Gideon Böss: Vom Urknall bis zum E-Auto – Ein Museumsführer durch (fast) 14 Milliarden Jahre, 3. Auflage, Wiesbaden: Springer, 2025, https://d-nb.info/1375531204






