Spurensuche I: Das vergessene Buntglasfenster

28. Oktober 2021
von Dr. Stephanie Jacobs und Tom Diener

Wenn der Pandemie auch positive Effekte zugeschrieben werden sollen, so gehören der Blick nach Innen und das kollektive Bedürfnis, Ordnung zu schaffen zweifellos dazu: Es wurde sortiert und geräumt, ausgemistet und Altbekanntes neu bewertet. Das Ordnungschaffen als heimliche Konstante im Corona-Alltag betraf Arbeit und Privatleben gleichermaßen und hat es unter dem Titel „The Home Edit: Jetzt wird aufgeräumt“ sogar in eine Netflix-Serie geschafft.

Ob es Metadaten, Aktenablagen oder Kellerräume sind – auch in der Deutschen Nationalbibliothek wurde im vergangenen Jahr sortiert, aufgeräumt und neu bewertet. Und bisweilen führt der ordnende Blick auch zurück in die eigene Geschichte: Das „kulturelle Gedächtnis der Nation“ steigt hinab in die Vergangenheit und verfolgt historische Spuren. So ist Ende letzten Jahres ein Objekt aus der Gründungsgeschichte der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig ans Tageslicht gekommen, dass das Haus jahrzehntelang als Kriegsverlust vergessen hatte: Ein großes, prachtvolles Buntglasfenster.1

Buntglasfenster, auf dem eine Frau mit zwei Kindern zu sehen ist
Patronin der Gelehrten: Das wiederentdeckte Buntglasfenster zeigt eine säkulare Anlehnung an die Annenfigur, Pädagogin und Mutter Mariens. Foto: Deutsche Nationalbibliothek

Überdauert hatte das Relikt aus dem ersten Jahrzehnt der damaligen Deutschen Bücherei in Werkstätten und Kellerräumen des Gründungshauses des Deutschen Nationalbibliothek. Es handelt sich um ein Glasfenster mit Rundbogen, in Holz gerahmt und rückwärtig mit Metallverstrebungen stabilisiert. Das Fenster in prächtiger Farbgebung und verziert mit reichem Rankenwerk zeigt mittig eine große stehende Frauenfigur, rechts und links ein Kind. Dem links stehenden Mädchen reicht die Hauptfigur ein Buch, das rechte hält einen braunen Wälzer in seiner linken Hand. Angelehnt an die traditionsreiche Heiligen-Ikonographie der Anna, Mutter Mariens, präsentiert das Glasfenster eine säkulare Anwandlung der Annenfigur, die in der Kirchengeschichte auch als Pädagogin und Patronin der Gelehrten vorgestellt wird. Vor allem diese beiden Zuschreibungen legen eine Verwendung der weiblichen Figur, die ihren Schutzbefohlenen Bücher reicht, im Rahmen der Ausstattung eines Bibliotheksbaus nahe.

Das Bleiglasbild ist nicht signiert. Es hat – entgegen den bisherigen Annahmen, dass alle großformatigen Buntglasfenster aus dem Gründungsbau der Deutschen Bücherei der verheerenden Leipziger Bombennacht des 3. Dezember 1943 zum Opfer gefallen sind – nicht nur den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überlebt, sondern auch die folgenden 75 Jahre. Die strahlenden Farben und der gute Erhaltungszustand legen nahe, dass das Glasfenster in den vergangenen Jahrzehnten gut geschützt aufbewahrt wurde. Aber wo und warum? Welcher Platz war ihm ursprünglich zugedacht? Wer hat das Fenster geschaffen? Gehörte es zu den zahlreichen Stiftungen, die vor allem in den ersten Jahren nach Eröffnung der Deutschen Bücherei für eine reiche künstlerische Ausstattung des Hauses gesorgt haben?

Das Hausarchiv bringt ein wenig Licht in die zahlreichen Fragen und die Um- und Irrwege des Glasfensters – auch wenn die Archivalien viele Fragen unbeantwortet lassen und manche Überlieferungslücke enthalten. Das Fenster, Mittelteil eines Flügelfensters,2 wurde von Sophie Klinkhardt, der Frau des bekannten Leipziger Verlegers Robert Klinkhardt, im Jahr 1918 der Deutschen Bücherei als Stiftung übereignet und reiht sich damit in die zahlreichen Spenden von Verlegern an die neugegründete Bibliothek ein, welche bis heute die Innenausstattung des Hauses dominieren.

Zeichnung eines dreiteilige Buntglasfensters
Kolorierte Zeichnung statt Farbfoto: Ursprünglich bestand das Buntglasfenster aus drei Fenster- flügeln, von denen jedoch nur der mittlere erhalten geblieben ist. Foto: Deutsche Nationalbibliothek

Die überlieferte Korrespondenz beginnt mit einem Schreiben vom 2. Oktober 1935 aus dem Sächsischen Landbauamt, welches Baurat Karl Julius Baer – einst Bauleiter bei der Errichtung der Deutschen Bücherei – in Umlauf gebracht hat. Vermutlich erfolgte diese Initiative auf Anregung der Direktion der Deutschen Bücherei. Darin bat Baer bauamtsinterne Adressaten um Stellungnahme, ob sich das Fenster, das bis Mitte der 1930er Jahre offenbar noch keinen festen Platz in der Bücherei hatte, nicht in einem anderen öffentlichen Gebäude in Leipzig aufstellen ließe. Doch es bestand seitens der Verantwortlichen im Landbauamt anscheinend kein Interesse. Im Dezember 1935 kam die Angelegenheit dann in der Sitzung des Geschäftsführenden-Ausschusses zu Sprache. Es wurde beschlossen, dem Direktor der Deutschen Bücherei selbst die Entscheidung über den weiteren Verbleib zu überlassen.

Im Juni 1936 folgte ein neuer Versuch, das Fenster abzugeben. Das Angebot richtete sich diesmal an den Buchgewerbeverein. Man hoffte, dass sich eine angemessene Verwendung im prachtvollen Neubau des Buchgewerbehauses im Graphischen Viertel finden ließe. Zu diesem Zweck wurde eine handkolorierte Zeichnung angefertigt und dem Schreiben beigelegt. Im März 1940, mit fast zwei Jahren Verzögerung, ließ dann allerdings auch der Buchgewerbeverein wissen, dass es „beim besten Willen nicht möglich [war], diese Fenster im Buchgewerbehaus-Neubau mit unterzubringen.“ Doch die Verantwortlichen in der Deutschen Bücherei waren weiterhin bestrebt, ein neues Zuhause für das Fenster zu finden.

Im Juli desselben Jahres ergeht eine Anfrage an das Hochbauamt der Stadt Leipzig mit dem Angebot, das Fenster kostenfrei zum Einbau „in einer Schule oder in einem ähnlichen Gebäude“ abzugeben. Doch das Hochbauamt zeigte ebenfalls kein Interesse, weshalb unter Vermittlung des Stadtrates Hauptmann in einem neuerlichen Versuch das Fenster im August 1940 nun dem Kulturamt der Stadt Leipzig angeboten wurden. Stadtrat Hauptmann äußerte sich in einem Schreiben an Verwaltungsdirektor Martin Lippmann vom November 1940 zuversichtlich: Er glaube eine „würdige Verwendungsmöglichkeit“ im zukünftigen Lesesaal der zu diesem Zeitpunkt in Planung befindlichen Bücherhalle Meusdorf gefunden zu haben.

Auch dieser Vorstoß war nicht von Erfolg gekrönt. Im November 1941 teilte der Stadtrat der Direktion der Deutschen Bücherei mit, ein Einbau sei nicht umsetzbar und er habe „auch sonst keine Verwendungsmöglichkeit dafür“. Der letzte nachgewiesene Versuch, das Fenster doch noch abgeben zu können, folgte im Juli 1942: Eine Delegation aus dem Rechnungshof des Deutschen Reiches, die Ende Mai 1942 in der Deutschen Bücherei zugegen gewesen war, empfahl das Fenster der Hochbaudirektion beim Sächsischen Finanzministerium anzubieten. Am 31. Juli 1942 unterbreitete der Generaldirektor der Deutschen Bücherei Heinrich Uhlendahl der Landesbehörde schriftlich ein entsprechendes Angebot. Zur Illustration wurde neben Fotos erneut die kolorierte Zeichnung beigelegt und man betonte, das „Fenster würden kostenlos überlassen werden“.

Die postwendende Antwort der Behörde fiel kurz und eindeutig aus: Man sähe „keine Möglichkeit (…), diese Fenster zu verwenden“. Es ist die letzte schriftliche Überlieferung zu den „klinkhardtschen Kunstglasfenstern“. Ab diesem Zeitpunkt finden sie in der Akte keine weitere Erwähnung mehr.Das Fenster verschwindet für Jahrzehnte im Keller und reiht sich nun erneut in den lebendigen Erinnerungskosmos unseres stolzen Hauses ein. Es ist Teil der kleinen Serie von Entdeckungen, die neben Experimenten mit neuen digitalen Formaten und Produkten auch ein Ergebnis der pandemischen Zwangslage sind.

In Teil zwei der kleinen „Spurensuche“ stellen wir Ihnen die Portraitbüsten aus der Gründungszeit der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig vor.


1 Unser Dank gilt an vorderster Stelle Thomas Voigt für den Hinweis auf das Buntglasfenster. Annett Koschnick hat uns Orientierung in den Akten des Hausarchivs gegeben. Anja Grubitzsch, ehemals Auszubildende und Mitarbeiterin in der Restaurierungswerkstatt der Deutschen Bücherei, sei für die Hinweise auf die Aufstellung des Fensters in den 1980er und 1990er Jahren gedankt.

2 Im Text wird im Sinne der besseren Lesbarkeit von „dem Fenster“ im Singular gesprochen. Ursprünglich bestand das Fenster aus drei Teilen, von denen jedoch nur das mittlere erhalten geblieben ist.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:Deutsche Nationalbibliothek

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