Streaming-Tipp: Dichtung und Wahrheit

14. Februar 2022
von Dr. Jesko Bender

Die Doku-Serie „Dichtung und Wahrheit“ erzählt die Geschichte des Hip Hop in Deutschland – von kulturellem Transfer, Selbstermächtigung und der Positionierung gegen Rassismus

Murat Güngör gehörte zu den ersten Musiker*innen in Deutschland, die eine bis dahin ungeschriebene Regel brachen: Gerappt wird auf Englisch!

Güngör rappte auf Türkisch, lebte (und lebt) aber in Frankfurt. Seine hier produzierte Musik wurde auch in der Türkei bekannt, und so wuchsen in der Türkei Jugendliche mit türkischem Rap aus Frankfurt auf. „Rap in türkischer Sprache entstand nicht in der Türkei, sondern in Deutschland, und wurde dann exportiert in die Türkei“, so Güngör.

Das Musikgenre Hip Hop kam übrigens aus den USA nach Deutschland, genauer gesagt: nach Frankfurt am Main. Durch die hier stationierten Soldat*innen der US-Armee fand die Musik zunehmend Eingang in die Jugend- und Popkultur in Frankfurt. Insofern ist die Geschichte des Hip Hop in Deutschland auch eine originäre Nachkriegsgeschichte. Als Musikstil, der in den USA auch die Erfahrungen mit Alltagsrassismus und Diskriminierung thematisierte, hatte Hip Hop auch in Deutschland eine große Anziehungskraft, vor allem für Jugendliche, die sich ähnlichen Ausgrenzungsmechanismen ausgesetzt sahen. Daher war die Sprache des Rap zunächst Englisch – auch in Deutschland.

Der frühere Rapper Murat Güngör ist heute Lehrer an der Carlo-Mierendorff-Gesamtschule in Frankfurt, Mitautor eines Sachbuches zur HipHop-Kultur und Mitbegründer des antirassistischen Netzwerkes “Kanak Attak”, Foto: Jeannette Petri
Der frühere Rapper Murat Güngör ist heute Lehrer an der Carlo-Mierendorff-Gesamtschule in Frankfurt, Mitautor eines Sachbuches zur HipHop-Kultur und Mitbegründer des antirassistischen Netzwerkes “Kanak Attak”, Foto: Jeannette Petri

Die kleine Episode des Im- und Exports von Güngörs Musik führt ins Zentrum einer überaus sehenswerten Doku-Serie. „Dichtung und Wahrheit – Wie Hip Hop nach Deutschland kam“, produziert vom Hessischen Rundfunk, erzählt in vier Folgen eine Geschichte des kulturellen und sprachlichen Transfers, der kulturellen und sprachlichen Austauschbewegungen.

Die Serie erzählt diese Geschichte ausschließlich über die Berichte zahlreicher prägender Akteur*innen des Hip Hop in Deutschland (die teilweise inzwischen zu veritablen Popstars geworden sind) und mittels zeitgenössischer Originalaufnahmen. Sie gibt auf diese Weise auf unglauchlich nahe und spannende Weise einen Einblick in das Entstehen einer Kultur, und dabei gleichzeitig, quasi unter der Hand, eine Einführung in die Theorie der kulturellen Hybridität.

Der Rapper und Musikproduzent Moses Pelham hatte eine zentrale Rolle bei der Entstehung des HipHop in Deutschland, Foto: HR
Der Rapper und Musikproduzent Moses Pelham hatte eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Hip Hop in Deutschland, Foto: © HR

Der deutsche Hip Hop entstand in Frankfurt, und bis heute prägt Frankfurt (ergänzt um Offenbach) die deutsche Hip Hop-Landschaft – das ist die sehr klare Grundthese der Serie sowie aller interviewten Personen. Frankfurt wird dabei (vielleicht manchmal mit etwas zu viel Emphase) als ein kultureller Schmelztiegel gezeichnet, in dessen Sprachenvielfalt beständig neue Formen des Hip Hop entstehen. Häufig verwenden die interviewten Protagonist*innen den Begriff des Empowerments, der Selbstermächtigung – es geht und ging ihnen immer auch darum, deutlich zu machen: Wir sind da und wir haben etwas zu erzählen! Und was wir machen ist: Poetik, Lyrik, Hochkultur. Ein Hauch Avantgarde ist bei diesem Selbstverständnis mit dabei: „Die Leute werden das erst in ein paar Jahren verstehen“, sagt der Rapper Haftbefehl. Es scheint jedenfalls stimmig, dass Moses Pelham mitten im Städel-Museum interviewt wird.

In jeder der vier Folgen setzt die Serie einen thematischen Schwerpunkt, und so kommen auch die Frauenbilder und der Sexismus im Hip Hop zur Sprache. Auch hier wird auf sehr spannende Weise sichtbar, wie Frauen im Hip Hop Strategien der Selbstermächtigung gewählt haben, indem sie sexistische Diskrimierungen aufgegriffen, umgedeutet und damit zumindest ein Stück weit entkräftet haben. Wobei es nicht nur um das Umdeuten sexistischer Beleidigungen geht, wie die Rapperin LIZ ausführt: „Ich achte jetzt nicht genau darauf, (…) das, was Männer sagen, zu nehmen und umzudrehen, sondern ich mache es einfach besser als die. Und schieße einfach besser zurück, mache die einfach besser fertig, als sie die Frauen fertig machen.“

Die Rapperin Sabrina Setlur war die erste Rapperin, die in Deutschland einen Nummer-eins-Hit hatte, Foto: HR
Die Rapperin Sabrina Setlur war die erste Rapperin, die in Deutschland einen Nummer-eins-Hit hatte, Foto: © HR
Die Rapperin Liz berichtet in Dichtung und Wahrheit, wie sie sich als Frau im HipHop sieht, Foto: HR
Die Rapperin Liz berichtet in Dichtung und Wahrheit, wie sie sich als Frau im HipHop sieht, Foto: © HR

Zurück zum Thema des Sprachwechsels. Eine politische Dimension hatte die Entscheidung, nicht mehr auf Englisch zu rappen auch, weil sie zu einer bestimmten Zeit getroffen wurde: Anfang der 1990er Jahre, als in Deutschland lebende Migrant*innen tagtäglich in Angst vor rassistischen Übergriffen und Mordanschlägen lebten. „Das war eine Form von Empowerment, zu sagen, ich rappe jetzt in einer bestimmten Herkunftssprache“, sagt Güngör. Er wollte seinen Sprachwechsel damals als Ermutigung für andere Rapper verstanden wissen, ebenfalls in ihrer „Herkunftssprache“ zu rappen.

Hip Hop wurde damit auch zu einem Aushandlungsort von Identitäten in einer Einwanderungsgesellschaft (deren Realität zu dieser Zeit noch weitgehend verleugnet, wenn nicht sogar als Schreckensszenario gezeichnet wurde). Auf den Punkt brachte dies die Hip Hop-Gruppe Advanced Chemistry mit ihrem 1992 veröffentlichten und berühmt gewordenen Song Fremd im eigenen Land – der ebenfalls nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch geschrieben wurde: „Ich habe einen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf / dies bedingt, dass ich mir oft die Haare rauf / (…) / fahr‘ ich zur Grenze mit dem Zug oder einem Bus / frag‘ ich mich warum ich der Einzige bin, der sich ausweisen muss / Identität beweisen muss / Ist es so ungewöhnlich, wenn ein Afro-Deutscher seine Sprache spricht / und nicht so blass ist im Gesicht? / (…) / Gestatten sie, mein Name ist Frederik Hahn / ich wurde hier geboren, doch wahrscheinlich sieht man’s mir nicht an / ich bin kein Ausländer, Aussiedler, Tourist, Immigrant, sondern deutscher Staatsbürger und komme zufällig aus diesem Land / (…) / Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land / kein Ausländer und doch ein Fremder.“

Trailer zur Serie „Dichtung und Wahrheit – Wie der Hip Hop nach Deutschland kam“, mit freundlicher Genehmigung des Hessischen Rundfunks

Fremd im eigenen Land – dieser Song ist inzwischen dreißig Jahre alt. Die Erfahrungen, die er anspricht, sind für viele Menschen in Deutschland dennoch nach wie vor Realität. Das Empowerment, von dem die Serie erzählt, hat aber zugleich Musiker*innen mit einem veränderten Selbstverständnis hervorgebracht bzw. in ihrem künstlerischen Werdegang bestärkt: Das Spiel mit den „Herkunftsspachen“ treiben beispielsweise die Frankfurter Rapper Celo & Abdi in so schwindelerregende Höhen, dass der Begriff „Herkunftssprache“ sich dafür nicht mehr wirklich zur Beschreibung eignet. Willkommen in der postmigrantischen Gesellschaft!

Die Serie „Dichtung und Wahrheit – Wie HipHop nach Deutschland kam“ ist noch bis Oktober 2022 in der ARD-Mediathek abrufbar.

*Nachweis Beitragsbild auf der Startseite:© Hessischer Rundfunk

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